Thomas Gransow
 

London und Westminster
 

Themen und Problemskizzen


Die folgenden Problemkizzen sollen verdeutlichen, wie die dargestellte Konzeption auf einer Studienfahrt eines Leistungskurses (Englisch, Geschichte, Erdkunde oder Kunst) nach London verwirklicht werden kann. Die ersten fünf Themenbereiche stellen das für die gesamte Fahrtengruppe verbindliche Programm dar; die folgenden Themen dienen einzelnen Gruppen für die im Unterricht vorbereitete selbständige Arbeit "vor Ort". 
 
Thema 1
British Library und Tower of London -
Regierungshauptstadt contra Handelshauptstadt

Die Befestigungsanlagen des in der Südwestecke der Londoner City gelegenen Tower of London, die mit ihren unüberwindlich scheinenden stadtseitigen (!) Gräben und Mauern den Eindruck erwecken, als habe der englische König "das zu Aufständen geneigte London im Zaume halten" (Fontane) wollen, sind architektonischer Ausdruck des im Mittelalter entstandenen englischen Dualismus: In der "Magna Charta Libertatum" von 1215 ist die Krone gezwungen, den Vertretern des weltlichen und geistlichen Adels, 1265 auch Vertretern des städtischen Bürgertums wesentliche politische Mitspracherechte zuzugestehen; mit dem 1290 gebildeten "Model Parliament", in dem sich später zwei Kammern bilden ("House of Commons" und "House of Lords"), wird dieser Dualismus institutionalisiert. Auch wenn die Magna Charta sicherlich nicht als "Geburtsurkunde der englischen Demokratie" (Kuhn) bezeichnet werden kann, so hat sie doch einem mehr als vier Jahrhunderte dauernden Konflikt zwischen Krone und Parlament den Weg bereitet, an dessen Ende mit der "Glorious Revolution" von 1689 die Entwicklung zu einem parlamentarischen System eingeleitet wird. 

Dieser Konflikt spiegelt sich auch in der Entwicklung Londons wider: London ist – etwa im Unterschied zu Paris oder Rom – keine "kompakte" Stadt, sondern ein "scattered city", eine zerstreute und verstreute Stadt, die dadurch entstanden ist, daß zwei einige Kilometer entfernt liegende Siedlungen seit dem 16. Jahrhundert aufeinander zu ge- wachsen sind: die zweitausend Jahre alte "City of London", die bis zu diesem Zeitpunkt in ihre römischen Wälle und mittelalterlichen Stadtmauern eingeschlossene und vom Bürgertum beherrschte Handelsmetropole, und die tausend Jahre alte "City of Westminster", die bis zu diesem Zeitpunkt nur aus einigen wenigen Gäßchen um die Kathedrale und den Königspalast bestehende Residenz der englischen Monarchen. "Es war ein Glück, daß Handelshauptstadt und Regierungshauptstadt nicht miteinander identisch waren [...], denn aus diesem mittelalterlichen Gleichgewicht und Ausgleich der Kräfte entsprang der neuzeitliche englische Freiheitsbegriff." (de Mendelssohn) Dies ist aber auch der Grund für die heutige "Gestaltlosigkeit" der britischen Hauptstadt.

Ein Besuch der British Library, in der das Original der Magna Charta aufbewahrt wird, sowie die Besichtigung des Tower (mit der normannischen St John’s Chapel (1080) und den Herrschaftsinsignien der englischen Könige) und des Temple Bar Memorial, das in der Fleet Street die Stadtgrenze zwischen London und Westminster markiert, können diese Zusammenhänge verdeutlichen.

 

Thema 2
Banqueting House und Whitehall -
Das Scheitern des englischen Absolutismus

Einen zweiten Schwerpunkt bildet die Englische Revolution im 17. Jahrhundert, in der der Versuch der Stuart-Könige scheiterte, ihre Vorstellung einer absolutistischen Herrschaft gegen den Wider- stand von Parlament und Bürgertum durchzusetzen. (Das von Rubens angefertigte Deckengemälde in Banqueting House, die Funktionsbestimmung von Banqueting Hall als Schauplatz höfischer Masken- spiele als "an allegorical representation of monarchy" und das neue Hofzeremoniell können als Aus- druck dieses Anspruches verstanden werden.) Als nach dem Tod Elisabeths I. am 24. März 1603 der Sohn Maria Stuarts, James IV. von Schottland, als James I. den englischen Thron bestieg, ver- schärfte sich der seit der Magna Charta Libertatum von 1215 bestehende und die Stadtentwicklung Londons prägende latente Konflikt zwischen Krone und Parlament, als der neue, von Gottes Gnaden König zur Finanzierung von Hofhaltung und Kriegführung Steuern und Zölle ohne parlamentarische Zustimmung erhob. (Die Ironie der Geschichte will es, daß über 150 Jahre später die amerikanischen Kolonisten mit der gleichen Parole, mit der das englische Parlament die Ansprüche des Königs zurückgewiesen hatte, die Unabhängigkeit rechtfertigte: "No taxation without representation!") Die Hinrichtung seines Sohnes Charles I. am 30. Januar 1649 vor Banqueting House ist sinnfälliger Ausdruck dieses Scheiterns, war doch dieser Palast konzipiert als "a kind of manifesto of the new purely classical style sponsored by the new Dynasty from Scotland to glorify the Stuart monarchy" (Charlton). Der in der Gestaltung von Banqueting House durch den Palladio-Bewunderer Inigo Jones erkennbare architektonische Rückgriff auf die römische Kaiserzeit sollte der Stuart-Monarchie jenen Glanz verleihen, den der französische "Roi Soleil" Louis XIV mit dem Bau von Versailles ein halbes Jahrhundert später verwirklichte. 

Eine Besichtigung von Banqueting House, wobei weder auf die gelungene Einführung in die Geschichte des Palastes (Video-Vorführung im Untergeschoß) noch die exzellente (auch deutschsprachige) Tonbandführung verzichtet werden sollten, kann diese Zusammenhänge verdeutlichen.

 

Thema 3
Britisches Museum, Trafalgar Square und Hyde Park Corner – 
Die Entstehung des britischen Empire in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Ein weiteres Schwerpunktthema einer Studienfahrt nach London ist die Entstehung des britischen Empire in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf der historisch-politischen Ebene markieren die Siege bei Trafalgar (1805) und Waterloo (1815) das Ende der französischen Hegemonie unter Napoleon in Europa und den Anfang der britischen Seeherrschaft im 19. Jahrhundert. Auf der biographischen Ebene repräsentieren Nelson und Wellington diese Entwicklung. Auf der städtebaulich-architektonischen Ebene wird sichtbar, wie Großbritannien diese Ereignisse ideologisch instrumentalisiert hat: Nicht Waterloo und Wellington - wie es eine kontinentaleuropäische Perspektive nahelegen würde -, sondern Trafalgar und Nelson stehen im Mittelpunkt der kollektiven Verehrung, wie man insbesondere am systematischen Ausbau des Trafalgar Square zum Symbol von "Flottenmacht und Flottenruhm" (Piper) erkennen kann. Dagegen erinnert auf dem Waterloo Place nichts an den Sieger über Napoleon; Wellington wird nach Hyde ParkCorner verbannt, das in seiner "Erbärmlichkeit" städtebaulich eine "vertane Möglichkeit" (James) bleibt. Muß man sich dann noch über die Ignoranz eines Künstlers und deren Auftraggeberinnen wundern, die ausgerechnet die Dioskuren, die Schutzheiligen der Seefahrer, als Vorbild für die Wellington verherrlichende Achilles-Statue im Hyde Park auswählen? Die Gründe scheinen vielschichtig: Der auf dem Höhepunkt seines Ruhms sterbende Held ist ikonographisch sicherlich interessanter als der fast als reaktionär zu charakterisierende "elder statesman", eine skandalumwitterte Liebesgeschichte (Lady Hamilton) allemal faszinierender als eine platonische Freundschaft (Mrs. Arbuthnot), der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Admiral populärer als der aristokratische General aus Irland. Aber die Unterschiede in den Persönlichkeiten reichen als Gründe nicht aus.

In der Auseinandersetzung mit der feudalen Gesellschaft versuchte die bürgerliche Gesellschaft ihren Herrschaftsanspruch durch ein "Classical Revival" (Pevsner) zu legitimieren: Denn "[...] unheroisch, wie die bürgerliche Gesell- schaft ist, hatte es jedoch des Heroismus bedurft, der Aufopferung, des Schreckens, des Bürgerkrieges und der Völ- kerschlachten, um sie auf die Welt zu setzen. Und ihre Gladiatoren fanden in den klassisch strengen Überlieferungen der römischen Republik die Ideale und Kunstformen, die Selbsttäuschungen, deren sie bedurften, um den bürgerlich beschränkten Inhalt ihrer Kämpfe sich selbst zu verbergen und ihre Leidenschaft auf der Höhe der großen geschichtlichen Tragödie zu halten." (Marx) Da den Engländern während der Napoleonischen Kriege der Zugang nach Italien verwehrt war, orientierten sie sich an der griechischen Antike. So überrascht es auf den ersten Blick nicht, daß Trafalgar als "neuzeitliches Marathon" (Jenkins) gefeiert wurde. Denn war nicht der Vergleich mit der Seeschlacht bei Salamis viel naheliegender? Aber: Bei Salamis und Waterloo siegten Athener und Briten jeweils nur mit Hilfe ihrer Verbündeten, die Siege bei Marathon und Trafalgar wurden allein erfochten. Da paßte es vorzüglich, daß Lord Elgin 1807 den Parthenonfries nach London brachte und ausstellte, jenen Fries, der den Parthenon-Tempel auf der Akropolis schmückte und mit dem Perikles den Sieg der Athener bei Marathon verherrlichen ließ. Hier werden Kunst und Geschichte zum Instrument politischer Propaganda: Wie einst Athen fühlte sich nun England zur Weltherrschaft berufen; und so feierte Pope London als "Athens Wiedergeburt in der Nähe des Pols".

Der hier skizzierte Zusammenhang kann durch die Besichtigung der "Elgin Marbles" im Britischen Museum sowie die Erkundung des Trafalgar Square mit dem Nelson-Monument, des Waterloo Place und der Hyde Park Corner verdeutlicht werden.

 

Thema 4
Die Kirchen des Christopher Wren –
Der Brand von London und Wrens Hauptstadtvision
(in Vorbereitung)

 

Thema 5
Die Docklands -
Das gescheiterte Experiment
(in Vorbereitung)

 

Thema 6
Tate Gallery - 
William Turner und Venedig

Joseph Mallord William Turner (1775 - 1851) gilt als der bedeutendste englische Maler des 19. Jahrhunderts, in dessen Werk sich der Bruch zwischen Tradition und Moderne widerspiegelt. "Wie so viele Künstler vor ihm und nach ihm erlag auch Turner dem Zauber Venedigs. Auf drei Reisen - in den Jahren 1819, 1833 und 1840 - hat er die Lagunenstadt besucht, ihre architektonische Erscheinung und reiche geschichtliche Vergangenheit studiert, ihren ausgeprägten Stimmungsgehalt in schmalen Gassen, auf festlichen Plätzen und brückenreichen Kanälen erlebt und insbesondere das wunderbare Spiel von gleitendem Licht und funkelndem Wasser in all seinen Nuancen bewundert: Eindrücke, die vor allem einen Maler des Lichts, wie es Turner par excellence war, besonders begeistern und zu künstlerischer Auseinandersetzung inspirieren mußten. Immer wieder von neuem stellte sich der Maler dieser Herausforderung der Stadt und ihrer Naturphänomene und suchte sie in künstlerische Form zu zwingen: sei es in den spontanen Äußerungen rasch hingeworfener Pinselskizzen, in den lichtdurchfluteten Impressionen voll ausgeführter Aquarelle oder in den zu klassischen Visionen gesteigerten farbdurchglühten Ölbildern. Das Venedig-Erlebnis hat Turners Schaffen spürbar beeinflußt und seine Entwicklung beflügelt. Dies wird besonders deutlich im Vergleich mit Venedig-Ansichten zeitgenössischer Künstler: Sie lassen um so deutlicher Turners einzigartigen Rang in der formalen Souveränität, exquisiten Koloristik und blendenden Luminosität hervortreten." (Stainton) Der deutsche Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil hat in seinem Roman "Im Lichte der Lagune" den entscheidenden Wandel in Turners Werk unter Einbeziehung von dessen Zeichnungen und Aquarelle poetisch gestaltet und zu deuten versucht. 

Ein Gang durch die Tate Gallery kann diesen Entwicklungsprozess am Beispiel der zwischen 1833 und 1845 entstandenen und in der Tate Gallery ausgestellten Venedig-Gemälde verdeutlichen und erklären, warum Turners Malerei am Anfang des langen Weges zur Moderne des 20. Jahrhunderts steht.

 

Thema 7
National Gallery - 
William Hogarth und die Entstehung der englischen Karikatur
(in Vorbereitung)

 

Thema 8
The Shakespeare Globe Theatre – 
Die Königsdramen des William Shakespeare
(in Vorbereitung)

 

Thema 9
Deutsche in London
National Portrait Gallery und Westminster Abbey – Gottfried Kniller
Cheapside und Chancery Lane – Heinrich Heine
Highgate Cemetary und Islington Library – Karl Marx
(in Vorbereitung)

 

Thema 10
(Exkursion)
Oxford – Dorothy Sayers und der englische Kriminalroman
(in Vorbereitung)

 

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