Thomas Gransow
 

London und Westminster

 

London in Reiseberichten


 
 
Text 1
Kleine Geschichte des Reisens

Schon seit Jahrtausenden sind Menschen gereist. Heute versteht es sich für mehr als die Hälfte der Bevölkerung von selbst, jährlich einmal, zumindest in den Sommerferien, zu verreisen. Man will ausspannen, aus dem Alltag herauskommen, sucht vor allem Erholung, nicht zuletzt durch die Abwechslung, die es bedeutet, etwas Neues zu sehen, und auch Bildung, wenn man Land und Leute kennenlernen oder Sehenswürdigkeiten betrachten will. Diese Motive zur Ortsveränderung waren für viele Jahrhunderte keineswegs die Selbstverständlichkeiten, als die sie uns heute erscheinen. In dieser Vergangenheit, die bis weit ins 20. Jahrhundert hineinreicht, in dessen Verlauf der gesetzliche Urlaub für Arbeiter und Angestellte erst geschaffen wurde, waren es nur sehr kleine Minderheiten der Bevölkerung, die überhaupt reisten; zu Erholungszwecken schließlich reisten in den zurückliegenden Jahrhunderten die allerwenigsten.

Wenn man im Mittelalter reiste, so geschah es aus zwingenden beruflichen oder religiösen Gründen. Mit den Städten und dem Handel entwickelten sich die Handelsreisen der Kaufleute. Während diese mit Pferden und Wagen schon fortgeschrittene Beförderungsmittel auf den noch sehr primitiven und zugleich gefährlichen Fernhandelswegen benutzten, reisten die Pilger zumeist zu Fuß. Außer Rom und Santiago de Compostella war Jerusalem das wichtigste Reiseziel, das allerdings zu Schiff angestrebt werden mußte. An den Entdeckungsfahrten beteiligten sich im 15. und 16. Jahrhundert kaum deut- sche Reisende. Deutsche Söldner gingen allerdings auch noch im 17. Jahrhundert auf Kriegsfahrten mit den spanischen und niederländischen Kolonisatoren in Lateinamerika und Südostasien. Missionare und Gesandte besuchten einige TeileAsiens. Seit dem 16. Jahrhundert unterzogen sichjunge Adlige der Kavalierstour, um an den vorbildlichen Höfen zunächst Italiens, dann Frankreichs ihren letzten Schliff geben zu lassen. Junge Gelehrte begleiteten sie als Hofmeister oder absolvierten selbst, vor allem wenn sie vornehmer, patrizischer Herkunft waren, eine gelehrte Reise in die Zentren des intellektuellen Lebens. Insbesondere seit dem späten 18. Jahrhundert reisten nach Abschluß des Studiums sehr viele Angehörige der bürgerlichen Intelligenz, die sichnun immer stärker auch aus dem Kleinbürgertum rekrutierte. Die Erschließung des europäischen Kontinents durch den regelmäßigen Verkehr von Postkutschen, deren Benutzung allerdings sehr teuer war, bildete eine Grundlage für die europäischen Reisen, deren Ziele sich im Laufe der Jahrzehnte veränderten ebenso wie die ihnen entsprechenden Interessen der Reisenden. Zunehmend traten die bürgerlichen Musterländer Niederlande und England an die Stelle der höfischen. Die Politisierung der Ausbildungsreisen in der Aufklärung gipfelte in den "Reisen in die Revolution": die Absicht, die revolutionären Ereignisse mitzuerleben, bestimmte eine Vielzahl von deutschen Intellektuellen seit 1789, nach Paris zu reisen. Die Politisierung der Gelehrtenreise war eine Form, in der sich das Motiv des "Gelehrten" spezialisierte. Andere Gegenstände, auf die sich das Interesse des zum Spezialisten werdenden bürgerlichen Gelehrten richtete, waren im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert vor allem Ökonomie und Technologie. Reisende mit solchen Interessen näherten sich nicht selten in ihrem Verhalten schon "Industriespionen" an. Sie reisten ins industriell revolutionäre England und ins politisch revolutionäre Frankreich - politische Bildungsreisen; zur gleichen Zeit entwickelte sich einem anderen Konzept von Bildung entsprechend die Bildungsreise, als deren über Jahrhunderte einflußreiches Modell Goethes "Italienische Reise" gelten kann. Nicht aus dem Interesse an Politik, dem gesellschaftlichen Leben wie den wirtschaftlichen Verhältnissen, wurden solche Bildungsreisen unternommen; Bildungswert für die harmonische Entwicklung der Persönlichkeit des Reisenden erhielten vielmehr einzig Natur und Kunst zugesprochen. Spezialisierung und Verwissenschaftlichung kennzeichneten auch die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entschlossen von staatlichen Forschungsinstitutionen wieder aufgenommenen außereuropäischen Entdeckungsreisen. Erst jetzt wurden sie zu wissenschaftlich begleiteten Expeditionen. Deutsche spielten allerdings nur im Dienste ausländischer Mächte eine Rolle; so begleitete Georg Forster James Cook auf dessen zweiter Reise nach Australien undOzeanien und Carsten Niebuhr eine dänische Expedition nach Arabien. Mit seinem Eintritt in das imperialistische Zeitalter nahm Deutschland dann aber auch an der kolonialistischen Erschließung des inneren Afrika teil. Im 19. Jahrhundert erst, mit Dampfschiff und Eisenbahn, wurden Teile des gehobenen Bürgertums für das gewonnen, was schon von den Zeitgenossen "Tourismus" genannt wurde. Die Alpen und die See - durch Jahrhunderte als nutzlos und gefährlich Gegenstand des Abscheus - boten nun Reisenden ästhetischen Genuß. Das historische Bewußtsein des gebildeten Bürgers vergewisserte sich an den klassischen Stätten Griechenlands und Italiens seines Humanismus, lieber noch am "Vater" Rhein seines Nationalismus. Fontane prägte für die Reise in die lokale Geschichte den Begriff "historisch- romantisch". Von Massentourismus kann, trotz der Anfänge der Gesellschaftsreise, des Reisebüros, erst im 20. Jahrhundert gesprochen werden, als über das seit dem späten 19. Jahrhundert reisende Kleinbürgertum hinaus auch erste Gruppen der Angestellten und Arbeiter durch den gesetzlichen Urlaub zu den Reisenden stießen, auch wenn sie nur Jahr für Jahr in dieselbe Sommerfrische fahren konnten. Gegen die patriarchalischen Züge dieses Reisens lehnte sich der Wandervogel auf, der zu Beginn der Ära des Autotourismus den Fußmarsch wiederentdeckte. Die Naturbegeisterung war oft mit einer unter anderem in der Ablehnung der Großstadt zum Ausdruck kommenden Rückwärtsorientierung verbunden, die dazu beitrug, daß sich viele Anhänger der Jugendbewegung später in Hitlers Armeen wiederfanden - in der damals modernsten Militär- technik. So betrügerisch es war, durch "KdF-Reisen" die "Volksgemeinschaft" verwirklicht zu sehen, so verbreitet die Auffassung, durch den Zweiten Weltkrieg Europa und seine Sehenswürdigkeiten bereisen zu können. Nach der militärischen Niederlage wurde dann um so energischer die völkerverbindende Mission des Reisens in Westeuropa betont. Erstmals wurde die Auslandsreise für fast ein Drittel der Bevölkerung zur Wirklichkeit. Diese Freizügigkeit ist auch ein nicht unwichtiges ideologisches Moment der Stabilität der BRD. Die Krise der 70er Jahre äußerte sich so in einer bezeichnenden Polarisierung: einerseits Einschränkung auf preiswertere, nicht allzu weit entfernte oder betont "nationale" Ziele, andererseits Lockung in eine Ferne, deren Qualität als Abenteuer die Freiheit des Neokonservatismus meint.

(Wolf Kaiser / Helmut Peitsch: Zur Geschichte des Reisens. In: Praxis Deutsch 61 (1983) S. 59.)
 
 

Text 2
Reisen nach London im 18. und 19. Jahrhundert

In den wenigen deutschen Englandberichten bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts dominiert die Anziehungskraft protestantischer Glaubensverwandtschaft und englischer Wissenschaft. Doch das gelehrte Interesse war nicht der einzige Antrieb für eine Reise über den Kanal. Handel und Gewerbe lockten schon damals. Wohl hatte [Heinrich Ludolff] Benthem seinen Reiseführer [von 1694] vor allem an studiosi theologiae gerichtet, ihn aber wohlweislich nicht lateinisch, sondern deutsch abgefaßt, weil er auch noch an andere Leser dachte. Er wie auch nachfolgende Reisende trafen in London auf deutsche Kaufleute - bei denen man die mitgebrachten Wechsel einlösen konnte -, auf deutsche Gelehrte und Künstler; man konnte bei deutschen Handwerkern kaufen und bei deutschen Gastwirten und Zimmervermieterinnen logieren. Die zahlreichen Landsleute blieben bis ins 19.Jahrhundert für die meisten Reisenden der erste und häufig der einzige Anlaufpunkt. [...]

Für die Befriedigung des religiösen und wissenschaftlichen Interesses der frühen Reisenden an England genügte der Besuch von London und den beiden Universitäten Oxford und Cambridge. Dort konnte man die „Kirchen- und Schul-Ordnung“ kennenlernen, berühmte Wissenschaftler treffen und die Raritätenkabinette besichtigen, von denen inventarisierende Beschreibungen angefertigt wurden. Der quantifizierende Blick bestimmte die Aneignung und Vermittlung des Fremden. Englands Besonderheiten erscheinen aufgelistet als eine Reihe von Gegenständen, Strukturen und Zeichen: Der Schauwert der öffentlichen Gebäude repräsentierte für den Betrachter deren Inhalte, das Zeremoniell öffentlicher Aufzüge oder Bestrafungen demonstrierte die Staatsgewalt.  Der Volkscharakter schien über die Aufzählung der Vergnügungen - Theater, Pferderennen, Hahnenkämpfe und Wetten - faßbar zu werden. [...]

Auf alle Sehenswürdigkeiten waren die Reisenden vorbereitet. Sie unterschieden sich in ihrer Gestalt und in ihrer Zahl von denen anderer Länder, aber nicht in ihrer Art. Das Neue an Englands nachrevolutionärer Gesellschaft, die veränderten politischen und sozialen Verhältnisse, wurden noch nicht bewußt reflektiert. In Einzelbeobachtungen deuten sie sich jedoch an, vor allem dann, wenn der Kontrast zu heimatlichen Erfahrungen kritisch bemerkt wurde.

So beeindruckte Londons unvergleichliche Größe, doch die Bebauung stieß auf Kritik. Prachtvolle Paläste und Kirchen waren eingekeilt von Privathäusern und ließen die deutschen Reisenden den Anblick abgehobener, barocker Repräsentanz von Macht und Hierarchie vermissen. Tatsächlich hatte nicht die Baupolitik eines zentralistischen Hofes Londons Wiederaufbau nach dem verheerenden Brand von 1666 bestimmt: Christopher Wrens großzügiger Plan war an parteipolitischen Parlamentsentscheidungen und den Interessen des Privateigentums gescheitert. [...]

Was konservativ denkende deutsche Reisende in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts an den englischen Verhältnissen mit Vorbehalten und Mißtrauen erfüllte, faszinierte in den folgenden Jahrzehnten deutsche Besucher besonders. Voltaires „Lettres philosophiques” von 1733, aber vor allem Montesquieus Interpretation der englischen Verfassung als eines vorbildhaften Beispiels ausgewogener Gewaltenteilung im Dienste der Freiheit in seinem Werk „De l'esprit des lois” von 1748 setzten in Europa ein Englandbild durch, in dem die Kritik am kontinentalen feudalabsolutistischen Ständestaat ein positives Gegenstück finden konnte. Englands bürgerliche Freiheiten und sein Wohlstand aus Handel, Manufakturindustrie und Kolonien, an dem das mittlere Bürgertum und - im Verhältnis gesehen - sogar die unteren Schichten teilhatten, verschafften dem Lande nunmehr eine völlig neue Anziehungskraft.

Sozialpolitisches Interesse und erwachendes bürgerliches Emanzipationsstreben in Deutschland ließen England von einem Reiseland unter anderen in den Rang eines Reiseziels aufsteigen, das sich, nach J. W. v. Archenholtz im Jahre 1785, „von allen andern Ländern in Europa [unterschied], als wenn diese sonderbare Insel nicht zu unserm Welttheile, sondern zum Südmeer gehörte“. Deutsche Reisen nach dieser „vielfach seeligen Insel“ nahmen sprunghaft zu, ebenso die Zahl der Reiseberichte.

England bot den deutschen Reisenden, zumindest für eine kurze Zeit, auch das sinnliche Erlebnis einer Alternative zu den gedruckten heimischen Verhältnissen und zu bürgerlicher Unmündigkeit. Dieses subjektive Bedürfnis bestimmte von vornherein den Wahrnehmungsradius der sogenannten „Anglomanen” [...]. In den Augen dieser deutschen Reisenden umgab England der Glanz antikischer Größe. Das Bild stand vorher fest, und die Wirklichkeit hatte es zu bestätigen.

Es mußte nicht lange nach seiner Ausgestaltung gesucht werden. Im Kontrast zu den deutschen Zuständen beeindruckte die Öffentlichkeit des politischen Lebens, gleichviel, ob „mit der ganzen Nation durch öffentliche Blätter“ [geredet] wurde, Parlamentsdebatten von der Zuschauergalerie aus verfolgt werden konnten, der Bürger sein Recht vor dem Gesetz einklagen und vor einem Geschworenengericht verteidigen konnte oder ob Parlamentskandidaten auch um die Gunst des nicht wahlberechtigten Straßenpublikums warben [...].

Detailbeobachtungen des Alltags wurden auf dieses Ideal der Gleichheit und Freiheit bezogen. In London schützten Gehsteige auch den ärmsten Fußgänger vor den Kutschen der Reichen, der königliche Palast zeichnete sich durch Einfachheit aus, anders als in Paris prunkte in London die Aristokratie nicht mit prächtigen Palästen, dafür gab es eine «größere Zahl guter bürgerlicher Wohnungen» [...]. 

Das Erlebnis der politischen Öffentlichkeit fand sein Pendant in der faszinierenden, ungewöhnlichen Kultur der Warenwelt, die London vor den Besuchern ausbreitete. Sie waren bezaubert von den Auslagen der Geschäfte, hinter den neuartigen, großen Spiegelfenstern, „so nett, so glänzend, in solchen Mengen zur Auswahl aufgestellt, daß man lüstern werden muß“. Daß aus der Manufakturproduktion mannigfaltige Fertigwaren für jeden persönlichen Komfort und Geschmack angeboten wurden, die man sofort kaufen und mit nach Hause nehmen konnte, faszinierte die deutschen Reisenden. Die Eleganz der Arrangements von Stoffen, Glas, Silber, Früchten oder Kuchen, die Lichtfülle ließen die Londoner Geschäfte als die wahren Kunstkabinette und Paläste erscheinen, n denen jeder Kunde König war. Den Luxus konnten selbst die Menschenmassen auf der Straße als Betrachter ästhetisch mitgenießen. Dieser scheinbare Dienst an den vielfältigen, verfeinerten Bedürfnissen des anonymen Bürgers, die die konkurrierende Massenproduktion hervorgetrieben hatte und die „der genügsame Teutsche kaum kennt”, mochte das Versprechen von Gleichheit noch verstärken - solange es beim Schaufensterbummel blieb. Zu dieser die Sinne berauschenden Warenwelt gehörten auch die schöngeputzten Prostituierten, deren allgegenwärtige Präsenz in der Öffentlichkeit kaum ein deutscher Reisender zu erwähnen vergaß.

Die Kritik an der uneingeschränkten Englandbegeisterung ließ nicht lange auf sich warten. Von den 90er Jahren an legten deutsche Reisende Wert auf eine differenzierende Sicht. Mängel fanden sich genügend. Anlaß zum Tadel bot die englische Küche mit ihren halbgaren Fleischgerichten, dem faden, wäßrigen Gemüse und dem mäßigen Kaffee, desgleichen störte das Fehlen von Federbetten, die unzureichende Kaminheizung und die Abneigung der Engländer gegen deutsche Tabakspfeifen. Das „sklavische Gesetz” der strikten Sonntagsruhe, das jede Vergnügung verbot, bewies dem Legationssekretär E. W. v. Schütz, daß auch die englische Freiheit ihre Grenzen hatte. Zweifellos forderte auch die Gleichgültigkeit der Engländer gegenüber Ausländern und ihr Nationalstolz bei den Deutschen ein Bedürfnis nach Selbstbehauptung heraus.

Für den geminderten Enthusiasmus gab es allerdings noch andere Ursachen. Die Revolution in Frankreich hatte Englands Monopol auf bürgerliche Freiheit gebrochen, und die von englischen Reformern schon seit Jahren erhobene Kritik an den Mängeln der englischen Verfassung fand nun auch bei deutschen Besuchern offene Ohren. Die politische Ernüchterung durch dieses Land, dessen Regierung das revolutionäre Frankreich am ausdauerndsten und hartnäckigsten bekämpfte, wurde von der wachsenden Einsicht in die dort uneingeschränkte Allmacht des Geldes begleitet, „denn Geld ist das höchste Gut, was die Engländer kennen, und nach Maasgabe des Vermögens wird der Werth eines Menschen bestimmt“. Englands widerspruchsvolle politische und gesellschaftliche Realität in der Periode der Industriellen Revolution ließ keine vereinfachende und idealisierende Vereinnahmung mehr zu.

Georg Weerth empfand das Leben im Hexenkessel der kapitalistischen Produktion, in dem „Menschen arbeiten wie die Pferde, vom Morgen bis zum Abend, unverdrossen, ohne sich je einen Augenblick der Ruhe und Erholung zu gönnen“, als unerhörte Herausforderung, auf die Deutsche nicht vorbereitet waren und sich entschieden umstellen mußten. Ihn dauerten „die unglücklichen jungen Westfalen und Rheinländer [...]. Das einförmige Leben ihrer Umgebung, in der ihnen die Poesie der Politik und der Industrie gar nicht klar werden wollte, hatte sie allmählich so reduziert, daß sie entweder zu reinen Maschinen herabsanken oder sich voller Verzweiflung über ihr erbärmliches Leben der horrendesten Lasterhaftigkeit in die Arme warfen.”

(Ingrid Kuczynski: Ins gelobte Land der Freiheit und des Wohlstands. Reisen nach England. In: Hermann Bausinger u. a. (Hrsg.): Reisekultur. München: Beck 1991. S. 237 - 243.) 

 

Text 3
Besonderheiten von Weltstädten
  • Machtzentren: Sitz nationaler Regierungen, internationaler Behörden, berufsständische Organisationen, Gewerkschaften und Zentralen bedeutender Industriekonzerne. 
  • Handelszentren: Umschlagplätze für importierte Waren in alle Teile des eigenen Landes.
  • Verkehrszentren: Straßen und Eisenbahnlinien der einzelnen Länder laufen in den Weltstädten zusammen; sie sind Standorte internationaler Flugplätze.
  • Bank- und Finanzzentren: Hier befinden sich Großbanken, Zentralen der Handelsbanken, Büros der Versicherungsgesellschaften und eine Reihe spezialisierter Agenturen des Finanz- und Versicherungsbereichs. 
  • Elitezentren: Konzentration von hervorragenden Fachkräften aus allen Bereichen, Kliniken, Gerichtsbehörden, Universitäten, Spitzeninstitutionen aus dem Bereich Lehre und Forschung, Wissenschaft, Technik, Kunst. Standort von Nationalbibliotheken undMuseen.
  • Publikations- und Kommunikationszentren: Buchverleger und Herausgeber von Zeitungen und Zeitschriften mit Journalisten und ständigen Mitarbeitern. Zentrum der großen nationalen Rundfunk- und Fernsehgesellschaften. 
  • Bevölkerungszentren: Wohnstandort eines Großteils der reichsten Schicht, dadurch Entstehung von Luxusindustrien und Luxusläden; andererseits: Bevölkerungsballung allgemein, dadurch Entstehen großer Kaufhäuser für ein breites Warenangebot.
  • Zentren im Bildungs- und Unterhaltungssektor:  Opernhäuser, Theater, Konzert, Säle und Luxusrestaurants werden ergänzt durch Einrichtungen, wie Varieté, Revuetheater und Kino, Nachtlokal, Speise- und Weinrestaurants.
(Jürgen Nebel: Weltstädte. In: Praxis Geographie 14. Jg. (1984) Heft 9, S. 6.)
 
Text 4
Georg Christoph Lichtenberg: London 1775

So will ich Ihnen ein flüchtiges Gemälde von einem Abend in London auf der Straße machen [...]. Ich will dazu Cheapside [...] nehmen [...]. Stellen Sie sich eine Straße vor etwa so breit als die Weender [Straße in Göttingen], aber, wenn ich alles zusammen nehme, wohl auf sechsmal so lang. Auf beiden Seiten hohe Häuser mit Fenstern von Spiegelglas. Die unteren Etagen bestehen aus Boutiquen und scheinen ganz von Glas zu sein; viele Tausende von Lichtern erleuchten da Silberläden, Kupferstichläden, Bücherläden, Uhren, Glas, Zinn, Gemälde, Frauenzirnmer-Putz und Unputz, Gold, Edelgesteine, Stahl-Arbeit, Kaffeezimmer und Lottery Offices ohne Ende. Die Straße ist wie zu einem Jubelfeste illuminiert, die Apotheker und Materialisten stellen Gläser [...] mit bunten Spiritibus aus und überziehen ganze Quadratruten mit purpurrotem, gelbem, grünspangrünem und himmelblauem Licht. Die Zuckerbäcker blenden mit ihren Kronleuchtern die Augen und kitzeln mit ihren Aufsätzen die Nasen, für weiter keine Mühe und Kosten, als daß man beide nach ihren Häusern kehrt; da hängen Festons von spanischen Trauben, mit Ananas abwechselnd, um Pyramiden von Äpfeln und Orangen, dazwischen schlupfen bewachende und, was den Teufel gar los macht, oft nicht bewachte weißarmige Nymphen mit seidenen Hütchen und seidenen Schlenderchen. Sie werden von ihren Herrn den Pasteten und Torten weislich zugesellt, um auch den gesättigten Magen lüstern zu machen und dem armen Geldbeutel seinen zweitletzten Schilling zu rauben, denn Hungrige und Reiche zu reizen, wären die Pasteten mit ihrer Atmosphäre allein hinreichend. Dem ungewohnten Auge scheint dieses alles ein Zauber; desto mehr Vorsicht ist nötig, alles gehörig zu betrachten; denn kaum stehen Sie still, Bums! läuft ein Packträger wider Sie an und ruft by Your leave wenn Sie schon auf der Erde liegen. In der Mitte der Straße rollt Chaise hinter Chaise, Wagen hinter Wagen und Karren hinter Karren. Durch dieses Getöse, und das Sumsen und Geräusch von Tausenden von Zungen und Füßen, hören Sie das Geläute von Kirchtürmen, die Glocken der Postbedienten, die Orgeln, Geigen, Leiern und Tambourinen englischer Savoyarden und das Heulen derer, die an den Ecken der Gasse unter freiem Himmel Kaltes und Warmes feil haben. Dann sehen Sie ein Lustfeuer von Hobelspänen Etagen hoch auflodern in einem Kreis von jubilierenden Betteljungen, Matrosen und Spitzbuben. Auf einmal ruft einer, dem man sein Schnupftuch genommen; stop thief, und alles rennt und drückt und drängt sich, viele, nicht um den Dieb zu haschen, sondern selbst vielleicht eine Uhr oder einen Geldbeutel zu erwischen. Ehe Sie es sich versehen, nimmt Sie ein schönes, niedlich angekleidetes Mädchen bei der Hand: come, My Lord, come along, let us drink a glass together, or I’ll go with You if You please! [...] 

Man wird alle 10 Schritte angefallen, zuweilen von Kindern von 12 Jahren, die einem gleich durch ihre Anrede die Frage ersparen, ob sie auch wüßten, was sie wollten. Sie hängen sich an einen an, und es ist oft unmöglich von ihnen los zu kommen, ohne ihnen wenigstens etwas zu schenken. Sie packen einen zuweilen auf eine Art an, die ich Ihnen dadurch deutlich genug bezeichne, daß ich sie Ihnen nicht sage. Dabei sehen sich die Vorbeigehenden nicht einmal um, da ist liberty und property. Solang einem dieses neu ist, so lacht man wohl darüber, zumal da die meisten wie Christtagspuppen gekleidet und, wenn sie wollen und Gehör finden, hundertmal mehr belebt sind als manche unserer lebendigen vornehmen Christtagspuppen, hingegen ist man es einmal gewohnt und ist mehr auf seine Geschäfte als auf dieses Hexenwesen bedacht, so ist es höchst unangenehm, und kann ich nicht begreifen, warum man diesem Unheil kein Einhalt zu tun sucht. Ich habe von einigen, die wie Fräuleins aussahen, Fragen an mich tun hören, bei welchen ein junger Student durch ein sohlendickes Fell rot geworden wäre. 

(Georg Christoph Lichtenberg: Schriften und Briefe. Hrsg. von F. H. Mautner. Bd. 4: Briefe. 1. Teilband. Frankfurt / M. 1983. S. 154 - 156, 158.)
 

 

Text 5
Heinrich Heine: London 1827

Ich habe das Merkwürdigste gesehen, was die Welt dem staunenden Geiste zeigen kann, ich habe es gesehen und staune noch immer - noch immer starrt in meinem Gedächtnisse dieser steinerne Wald von Häusern und dazwischen der drängende Strom lebendiger Menschengesichter mit all ihren bunten Leidenschaften, mit all ihrer grauenhaften Hast der Liebe, des Hungers und des Hasses - ich spreche von London.

Schickt einen Philosophen nach London; beileibe keinen Poeten! Schickt einen Philosophen hin und stellt ihn an eine Ecke von Cheapside, er wird hier mehr lernen, als aus allen Büchern der letzten Leipziger Messe; und wie die Menschenwogen ihn umtauschen, so wird auch ein Meer von neuen Gedanken vor ihm aufsteigen, der ewige Geist, der darüber schwebt, wird ihn anwehen, die verborgensten Geheimnisse der gesellschaftlichen Ordnung werden sich ihm plötzlich offenbaren, er wird den Pulsschlag der Welt hörbar vernehmen und sichtbar sehen - denn wenn London die rechte Hand der Welt ist, die tätige, mächtige rechte Hand, so ist jene Straße, die von der Börse nach Downingstreet führt, als die Pulsader der Welt zu betrachten.
Aber schickt keinen Poeten nach London! Dieser bare Ernst aller Dinge, diese kolossale Einförmigkeit, diese maschinenhafte Bewegung, diese Verdrießlichkeit der Freude selbst, dieses übertriebene London erdrückt die Phantasie und zerreißt das Herz. Und wolltet Ihr gar einen deutschen Poeten hinschi- cken, einen Träumer, der vor jeder einzelnen Erscheinung stehen bleibt, etwa vor einem zerlumpten Bettelweib oder einem blanken Goldschmiedladen - o! dann geht es ihm erst recht schlimm, und er wird von allen Seiten fortgeschoben oder gar mit einem milden God damn! niedergestoßen. God damn! das verdammte Stoßen! Ich merkte bald, dieses Volk hat viel zu tun. Es lebt auf einem großen Fuße, es will, obgleich Futter und Kleider in seinem Lande teurer sind als bei uns, dennoch besser gefuttert und besser gekleidet sein als wir; wie zur Vornehmheit gehört, hat es auch große Schulden, dennoch aus Großprahlerei wirft es zuweilen seine Guineen zum Fenster hinaus, bezahlt andere Völker, daß sie sich zu seinem Vergnügen herumboxen, gibt dabei ihren respektiven Königen noch außerdem ein gutes Douceur - und deshalb hat John Bull Tag und Nacht zu arbeiten, um Geld zu solchen Ausgaben anzuschaffen, Tag und Nacht muß er sein Gehirn anstrengen zur Erfindung neuer Maschinen, und er sitzt und rechnet im Schweiße seines Angesichts, und rennt und läuft, ohne sich viel umzusehen, vom Hafen nach der Börse, von der Börse nach dem Strand, und da ist es sehr verzeihlich, wenn er an der Ecke von Cheapside einen armen deutschen Poeten, der einen Bilderladen angaffend ihm in dem Wege steht, etwas unsanft auf die Seite stößt. "God damn!"

Das Bild aber, welches ich an der Ecke von Cheapside angaffte, war der Übergang der Franzosen über die Beresina.

Als ich, aus dieser Betrachtung aufgerüttelt, wieder auf die tosende Straße blickte, wo ein buntsche- ckiger Knäuel von Männern, Weibern, Kindern, Pferden, Postkutschen, darunter auch ein Leichenzug, sich brausend, schreiend, ächzend und knarrend dahinwälzte: da schien es mir, als sei ganz London so eine Beresinabrücke, wo jeder in wahnsinniger Angst, um sein bißchen Leben zu fristen, sich durchdrängen will, wo der kecke Reiter den armen Fußgänger niederstampft, wo derjenige, der zu Boden fällt, auf immer verloren ist, wo die besten Kameraden fühllos einer über die Leiche des andren dahineilen, und Tausende, die, sterbensmatt und blutend, sich vergebens an den Planken der Brücke festklammern wollten, in die kalte Eisgrube des Todes hinabstürzen.
Wie viel heiterer und wohnlicher ist es dagegen in unserem lieben Deutschland! Wie traumhaft gemach, wie sabbatlich ruhig bewegen sich hier die Dinge! Ruhig zieht die Wache auf, im ruhigen Sonnenschein glänzen die Uniformen und Häuser, an den Fliesen flattern die Schwalben, aus den Fenstern lächeln dicke Justizrätinnen, auf den hallenden Straßen ist Platz genug: die Hunde können sich gehörig anriechen, die Menschen können bequem stehen bleiben und über das Theater diskutieren und tief, tief grüßen, wenn irgend ein vomehmes Lümpchen oder Vicelümpchen, mit bunten Bändchen auf dem abgeschabten Röckchen, oder ein gepudertes, vergoldetes Hofmarschälkchen gnädig wiedergrüßend vorbeitänzelt!

Ich hatte mir vorgenommen über die Großartigkeit Londons, wovon ich so viel gehört, nicht zu erstau- nen. Aber es ging mir wie dem armen Schulknaben, der sich vornahm, die Prügel, die er empfangen sollte, nicht zu fühlen. Die Sache bestand eigentlich in dem Umstande, daß er die gewöhnlichen Hiebe mit dem gewöhnlichen Stocke, wie gewöhnlich, auf dem Rücken erwartete, und statt dessen eine ungewöhnliche Tracht Schläge, auf einem ungewöhnlichen Platze, mit einem dünnen Röhrchen empfing. Ich erwartete große Paläste und sah nichts als lauter kleine Häuser. Aber eben die Gleichförmigkeit derselben und ihre unabsehbare Menge imponiert so gewaltig.

Diese Häuser von Ziegelsteinen bekommen durch feuchte Luft und Kohlendampf gleiche Farbe, nämlich bräunliches Olivengrün; sie sind alle von derselben Bauart, gewöhnlich zwei oder drei Fenster breit, drei hoch, und oben mit kleinen roten Schornsteinen geziert, die wie blutig ausgerissene Zähne aussehen, dergestalt, daß die breiten, regelrechten Straßen, die sie bilden, nur zwei unendlich lange kasernenartige Häuser zu sein scheinen. Dieses hat wohl seinen Grund in dem Umstande, daß jede englische Familie, und bestände sie auch nur aus zwei Personen, dennoch ein ganzes Haus, ihr eignes Kastell, bewohnen will, und reiche Spekulanten, solchem Bedürfnis entgegenkommend, ganze Straßen bauen, worin sie die Häuser einzeln wieder verhökern. In den Hauptstraßen der City, demjenigen Teil Londons, wo der Sitz des Handels und der Gewerke, wo noch altertümliche Gebäude zwischen den neuen zerstreut sind, und wo auch die Vorderseiten der Häuser mit ellenlangen Namen und Zahlen, gewöhnlich goldig und relief bis ans Dach bedeckt sind: da ist jene charakteristische Einförmigkeit der Häuser nicht so auffallend, um so weniger, da das Auge des Fremden unaufhörlich beschäftigt wird, durch den wunderbaren Anblick neuer und schöner Gegenstände, die an den Fenstern der Kaufläden ausgestellt sind. Nicht bloß diese Gegenstände selbst machen den größten Effekt, weil der Engländer alles, was er verfertigt, auch vollendet liefert, und jeder Luxusartikel, jede Astrallampe und jeder Stiefel, jede Teekanne und jeder Weiberrock uns so finished und einladend entgegenglänzt: sondern auch die Kunst der Aufstellung, Farbenkontrast und Mannigfaltigkeit gibt den englischen Kaufläden einen eignen Reiz; selbst die alltäglichsten Lebensbedürfnisse erscheinen in einem überraschenden Zauberglanze, gewöhnliche Eßwaren locken uns durch ihre neue Beleuchtung, sogar rohe Fische liegen so wohlgefällig appretiert, daß uns der regenbogenfarbige Glanz ihrer Schuppen ergötzt, rohes Fleisch liegt wie gemalt auf saubern, bunten Porzellantellerchen mit lachender Petersilie umkränzt, ja alles erscheint uns wie gemalt und mahnt uns an die glänzenden und doch so bescheidenen Bilder des Franz Mieris. Nur die Menschen sind nicht so heiter, wie auf diesen holländischen Gemälden, mit den ernsthaftesten Gesichtern verkaufen sie die lustigsten Spielsachen, und Zuschnitt und Farbe ihrer Kleidung ist gleichförmig wie ihre Häuser.
Auf der entgegengesetzten Seite Londons, die man das Westende nennt, the west end of the town, und wo die vornehmere und minder beschäftigte Welt lebt, ist jene Einförmigkeit noch vorherrschen- der; doch gibt es hier ganze lange, gar breite Straßen, wo alle Häuser groß wie Paläste, aber äußerlich nichts weniger als ausgezeichnet sind, außer daß man hier, wie an allen nicht ganz ordinären Wohnhäusern Londons, die Fenster der ersten Etage mit eisengittrigen Balkonen verziert sieht und auch au rez de chaussée ein schwarzes Gitterwerk findet, wodurch eine in die Erde gegrabene Kellerwohnung geschätzt wird. Auch findet man in diesem Teile der Stadt große Squares: Reihen von Häusern gleich den obenbeschriebenen, die ein Viereck bilden, in dessen Mitte ein von schwarzem Eisengitter verschlossener Garten mit irgend einer Statue befindlich ist. Auf allen diesen Plätzen und Straßen wird das Auge des Fremden nirgends beleidigt von baufälligen Hütten des Elends. Überall starrt Reichtum und Vornehmheit, und hineingedrängt in abgelegene Gäßchen und dunkle, feuchte Gänge wohnt die Armut mit ihren Lumpen und ihren Tränen.

Der Fremde, der die großen Straßen Londons durchwandert und nicht just in die eigentlichen Pöbel- quartiere gerät, sieht daher nichts oder sehr wenig von dem vielen Elend, das in London vorhanden ist. Nur hie und da, am Eingange eines dunklen Gäßchens, steht schweigend ein zerfetztes Weib, mit einem Säugling an der abgehärmten Brust, und bettelt mit den Augen. Vielleicht wenn diese Augen noch schön sind, schaut man einmal hinein - und erschrickt ob der Welt von Jammer, die man darin geschaut hat. Die gewöhnlichen Bettler sind alte Leute, meistens Mohren, die an den Straßenecken stehen, und, was im kotigen London sehr nützlich ist, einen Pfad für Fußgänger kehren und dafür eine Kupfermünze verlangen. Die Armut in Gesellschaft des Lasters und des Verbrechens schleicht erst des Abends aus ihren Schlupfwinkeln. Sie scheut das Tageslicht um so ängstlicher, je grauenhafter ihr Elend kontrastiert mit dem Übermut des Reichtums, der überall hervorprunkt; nur der Hunger treibt sie manchmal um Mittagszeit aus dem dunkeln Gäßchen, und da steht sie mit stummen, sprechenden Augen und starrt flehend empor zu dem reichen Kaufmann, der geschäftig-geldklimpernd vorübereilt, oder zu dem müßigen Lord, der, wie ein satter Gott, auf hohem Roß einherreitet und auf das Menschengewühl unter ihm dann und wann einen gleichgültig vornehmen Blick wirft, als wären es winzige Ameisen, oder doch nur ein Haufen niedriger Geschöpfe, deren Lust und Schmerz mit seinen Gefühlen nichts gemein hat - denn über dem Menschengesindel, das am Erdboden festklebt, schwebt Englands Nobility, wie Wesen höherer Art, die das kleine England nur als ihr Absteigequartier, Italien als ihren Sommergarten, Paris als ihren Gesellschaftssaal, ja die ganze Welt als ihr Eigentum betrachten. Ohne Sorgen und ohne Schranken schweben sie dahin, und ihr Gold ist ein Talisman, der ihre tollsten Wünsche in Erfüllung zaubert. Arme Armut! wie peinigend muß dein Hunger sein, dort wo andere im höhnenden Überflusse schwelgen! Und hat man dir mit gleichgül- tiger Hand eine Brotkruste in den Schoß geworfen, wie bitter müssen die Tränen sein, womit du sie erweichst! Du vergiftest dich mit deinen eignen Tränen. Wohl du Recht, wenn du dich zu dem Laster und dem Verbrechen gesellst. Ausgestoßene Verbrecher tragen oft mehr Menschlichkeit im Herzen, als jene kühlen, untadelhaften Staatsbürger der Tugend, in deren bleichen Herzen die Kraft des Bösen erloschen ist, aber auch die Kraft des Guten. Und gar das Laster ist nicht immer Laster. Ich habe Weiber gesehen, auf deren Wangen das rote Laster gemalt war und in ihrem Herzen wohnte himmlische Reinheit. Ich habe Weiber gesehen - ich wollt ich sähe sie wieder! -

(Heinrich Heine. Englische Fragmente. In: Ders.: Werke in vier Bänden. Hrsg. v. Klaus Briegleb. Bd. 2. München: Hanser 1982. S. 538 - 543.)
 

 

Text 6
Georg Weerth: London 1843

Wenn ich mich auf den ersten Eindruck besinne, den London auf mich machte, da weiß ich nur noch, daß es mir nicht anders zumute war, als geriete ich plötzlich in eine Stadt, welche an allen vier Ecken am Brennen ist, in eine Festung, welche vom Strome her beschossen, von den nächsten Höhen mit Bomben begrüßt wird, durch deren Tore die Artillerie, die Reiterei, das Fußvolk des Feindes einrückt, wo die Einwohner alles drangeben, wo jeder rennt und flüchtet, wo der Haufen, der sich gegen Westen drängt, von dem, der aus Osten heranflutet, fast zurückgeworfen wird, wo das Gewühl des südlichen Teiles vor dem des nördlichen zurückprallt, wo sich alles überrollt und überpurzelt, wo keiner mehr von dem andern Notiz nimmt, wo jeder nur an sein eigenes Heil denkt, wo das Rasseln der Wagen, das Traben der Reiter, das Rufen und Schreien der Fußgänger sich bald zu einem solchen Getöse steigert, daß zuletzt niemand mehr seinen eignen Spektakel von dem aller anderen unter- scheiden kann, daß zuletzt jeder nur wie besessen weiterrast und erst dann zum Stillstand kommt, wenn an einer Krümmung der Straße das ganze Treiben wie in ein Knäuel zusammengerät und Mann und Weib und Greis und Kind und Pferde und Hunde und Wagen und Karren im Aneinanderprallen sich gegenseitig zu zerschmettern drohen.

Der erste Anblick dieses Londoner Straßenverkehrs hat etwas Erschreckendes, Betäubendes; man machte sich die größesten Vorstellungen, aber man findet sie übertroffen, man steht wie versteinert, man reißt den Mund auf, man meint, man wäre närrisch geworden, man glaubt nicht anders, als daß jeden Augenblick alle Häuser und Kirchen und Paläste und Säulen und Parks, daß alles und jedes seinen bisherigen Platz verlassen müsse, um sich, von der allgemeinen Flucht fortgerissen, mit hinein in diesen Strudel zu stürzen, mit zu rennen, zu stoßen, zu treten, zu schreien, zu stöhnen, zu zerschmettern, zu zermalmen.

Ist der erste Eindruck vorüber, da bemerkt man indes, wie wiederum in dieser scheinbaren Verwirrung nur die herrlichste Ordnung waltet; wie die Wagen, welche die Straße hinabfahren, sich streng an die eine Seite halten, wie die, welche hinaufeilen, sich fortwährend der andern bemächtigen, wie nie ein Rad über das Trottoir rasselt, wo die Fußgänger ebenfalls in zwei Strömen aneinander vorübersausen, um einem jeden Raum zu lassen, seinem Vordermanne zu folgen, und wo nur der über den Haufen gerannt wird, der sich dem Normalschritt widersetzt, der ein anderes Tempo in seinen Beinen entwickelt und sich dagegen sträubt, daß die Bewegung der ganzen Masse über einen Kamm geschoren wird.

Gegen 9 oder ½ 10 Uhr morgens und um 5 oder 6 Uhr nachmittags, wo das Geschäft in der City beginnt und geschlossen wird, erreicht das Treiben in jenem Stadtteil gewöhnlich seinen Gipfel. Ich habe mir erzählen lassen, daß man in den meisten Handlungshäusem den jungen Arbeitern eine Extravergütung gibt, wenn sie sich morgens zu einer festgesetzten Zeit pünktlich einfinden. Diese Leute wohnen nun meistens ziemlich weit von ihren Comptoiren und Magazinen, und es ist wohl nur diese bevorstehende Gratifikation, welche einem oft vor Beginn des Geschäftes eine Schar spindeldürrer Gesellen so schnell über das Trottoir huschen läßt, daß man nicht anders meint, als daß sie sich die Beine eines Derbyrenners am Leibe befestigt hätten - denn wie Gespenster kommen und verschwinden sie; man sieht nicht ihre Hände, ihre Gesichter, man sieht nur, wie ihnen die Hüte auf den Köpfen wackeln, wie ihnen die Haare hinter die Ohren fliegen, wie ihnen die Zipfel des schwarzen Frackrocks, gleich zwei zackigen Schwalbenflügeln, um die winddünnen Lenden flattern.

Der erste Handelsherr, den Paletot auf dem Arm, den Regenschirm in der Faust, der aus seiner Villa hinüber nach der Stadt eilt und unterwegs alles an seiner Seele vorübergehen läßt, was ihn den Tag über beschäftigen soll - der rotwangige Pächter, dem das Herz vor Freude springen will, daß er nach langer Zeit einmal wieder das Pflaster seiner gefeierten Metropole mit den großen Nägelschuhen schlagen darf - der Soldat, der nach dein Hafen stürzt, um sich in alle Welt zu begeben der Matrose, der aus dem Schiffe kriecht, um auf bloßen Füßen den Ort aller Wunder zu durchwandern - der Omnibustreiber, der dich durch tausendmaliges Winken mit der Peitsche zum Besteigen seines Wagens einladet - der zerlumpte Kerl, der mit einem Annoncenschild vor der Brust und mit einem auf dem Hintern an dir vorübertanzt, um dich wissen zu lassen, wo du die besten Austern und die billigsten Würste kaufen kannst - der Beamte, der wie besessen aus dem Hause rennt, um zur rechten Zeit auf seinem Bureau erscheinen zu können - der Mohrenjunge, der dir ein gedrucktes Gebet verkaufen will und aufs täuschendste nachzuahmen sucht, wie man vor Kälte zittern kann - der Polizeidiener, der einen ar- men Sünder mit Stößen und Püffen durch die Gassen schleift - der Totengräber, der seine Leichen im gestreckten Galopp nach dem Kirchhof kutschiert - der Fleischerjunge, der hoch zu Roß mit seinem gefüllten Korbe einhersprengt - der Hausknecht, der eine Schildkröte spazierenführt, auf deren Rücken geschrieben steht, wann und in welchem Gasthause sie nächstens geschlachtet wird - Weiber und Kinder, die vor Hunger sterben wollen und dich um ein Almosen bitten - ein Mensch, der dir Brillen und Bleistifte anbietet und dir bei der Gelegenheit das Sacktuch aus der Tasche zieht - Straßenjungen, die deinen Hund fangen und ihn schnell wie der Blitz in die nächste Seitenstraße transportieren - der Lord, der in geschlossener Karosse an dir vorüberdonnert - der Postkutscher, der hoch vom Bock seine vier Rosse so zierlich und sicher lenkt und sie so gewandt durch das Labyrinth seiner Umgebung treibt, als führe er allein auf breitem Wege: alles stürzt und rennt und lacht und weint und brummt und flucht und betet und boxt sich in ein und derselben Minute an dir vorüber und reißt dich fort und stößt dich vorwärts, daß du endlich ganz mit im Zuge bist und mitläufst, als hättest du auch die wichtigsten Sachen zu besorgen, als hinge das Heil der Welt von deinem Laufen ab, und nicht früher merkst du, daß du halb verrückt geworden bist, als wenn dir die Beine den Dienst versagen, als wenn du erschöpft an die Wand eines Hauses sinkst, um dir den Angstschweiß von der Stirne zu trocknen.

Noch unheimlicher, noch wunderbarer erscheint indes dieser ganze Spektakel, wenn man ihn auf der Höhe einer Brücke, wenn man ihn namentlich auf der London Bridge erlebt, wo man nicht nur rechts und links und vor und hinter sich von allem jenem Lärm umtost wird, sondern wo auch noch unter den Füßen, unter den Bögen der Brücke, auf den Wellen der Themse ein Schauspiel vor sich geht, was allein schon hinreichend ist, um deine Aufmerksamkeit für ganze Tage zu fesseln. Denn in ganzen Scharen brausen Segel- und Dampfboote dort durcheinander; in dem Augenblick, wo ein Dampfer die Brücke durchfährt, da neigt sich der schwarze Schlot, als würde er am Fuße plötzlich abgehauen, und rasch fährt er wieder empor, sobald das Vorderteil des Bootes an der entgegengesetzten Seite zum Vorschein kommt. Das Musizieren und Schreien der Passagiere dort unten klingt zusammen mit dem Geräusche, was um dich vorgeht, und fast vergißt du, daß du nur die Augen über deine nächste Umgebung hinwegzuheben hast, um dich des großartigsten Anblicks zu erfreuen, den du in ganz London finden kannst, um die riesige Stadt zu sehen, wie sie herauf und hinunter mit ihren Palästen bis in die Fluten des Stromes reicht, wie amphitheatralisch Dächer, Säulen und Kuppeln sich über- einandertürmen, wie die Segel der Schiffe, die Flaggen unzähliger Maste dazwischen durchschimmern und wie sich endlich das ganze grandiose Gemälde im blauen Dufte der Ferne, gleich einer untergehenden Märchenwelt, vor deinen Blicken verliert.
Aber wie einsam fühlte sich meine Seele in diesem Gewirr!

(Georg Weerth: Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten. In: Gotthard Erler (Hrsg.): Reisebilder von Heine bis Weerth. Spaziergänge und Weltfahrten. Frankfurt / M.: Ullstein 1983. S. 327 - 351; S. 329 - 332.
 

 

Text 7
Arthur Holitscher: London 1924

Ganz taub noch vom Dröhnen des Propellers neben meinem Sitz im Flugzeug gehe ich, drei Stunden nach meiner Ankunft, von den Hampstead-Höhen hinunter in die Stadt.

O liebliches London!

Wie wenig hat sich in diesen zehn Jahren geändert. Innen in mir schluchzt es ein wenig vor Rührung und Freude. Geliebtes London. Wieder hier! Belsize - Haverstock Hill - Regent's Park: willkommen!!

Willkommen! antwortet die Stadt.

Hier habe ich Heimatgefühl. Wo noch? Hier, hier habe ich es; in diesen langen, eintönigen Straßen, mit Häusern - jedes ein, höchstens zwei Stockwerke hoch, schmale Front, Gärtchen gegen die Straße zu, Gärtchen hinter dem Haus. Monoton, doch lieblich. Eine Menschenart beherbergend, die den Häusern ähnelt, in denen sie lebt und die ich liebe. Ach, es ist schwer, den Ernst zu bewahren. Meine Stiefel klappern Lebenslust auf das Pflaster nieder.

Hie und da wird die Monotonie der Häuser durch Tafeln unterbrochen, die Inschriften tragen. To let. To let. Sold. Sold.

Weiter unten, in den immer vornehmer werdenden Straßenzügen: Crown lease. Crown lease. Und dann, Portland Place zu, dem Sitz der Bürger-Aristokratie dieser Stadt: wieder verlassene Häuser, Häuser mit verstaubten Fensterscheiben: To let. To let. To let.

Zwei Millionen fünfhunderttausend Häuser will die Arbeiter-Regierung Englands bauen, für die Armen, die Ärmsten, die Slum-Bewohner. Heraus aus den Slums in menschenwürdige Wohnplätze! Jede Familie soll ihr Haus haben! Es ist der oberste Punkt im Programm der Sozialisten, der Fabier, der Menschenfreunde und Idealisten, die in England zur Macht gelangt sind und an deren linkstem, radikalstem Flügel John Wheatley, der Minister für Volkswohlfahrt, steht, der einzige Revolutionär in diesem denkwürdigen Kabinett von Pazifisten und Schwärmern und matter-of-fact-Politikern: Wheathley, FIügelmann der Revolution.

Am 2. Juni 1924 hat er dem Unterhaus das Programm der Regierung unterbreitet, das Sanierungs- programm, das England auf friedlichem Wege den Sozialismus bringen soll: Zweieinhalb Millionen neuer Häuser in fünfzehn Jahren zu fünfhundert Pfund, auf Kosten des Staats und der Gemeinden zu errichten. Ein Programm, das der Arbeitslosigkeit ein Ende bereiten will und dessen Durchführung in zwölf Monaten bloß ein Prozent des jährlichen Staatseinkommens und nicht mehr als zehn Prozent der Summe erreicht, die das Land in der gleichen Zeit für alkoholische Getränke ausgibt. Ein harter Kampf um diese "Housing Bill", in dem die Regierung bis heute Schritt um Schritt zurückzuweichen gezwungen war. Und weiter noch zurück, dort, wohin Liberale und Konservative sie systematisch und mit Ausdauer zu drängen suchen, liegen Fußangeln, Fallen und Wolfsgruben bereit, in die diese Regierung von Utopisten, Menschenfreunden, ideal- und evolutionsbesessenen fabianischen Zögerern stürzen soll.

Tausende der größten wie der mittleren, der vornehmsten wie der bescheidensten Häuser stehen leer, sind zum Verkauf ausgeschrieben, zu vermieten. Der mittlere Adel, die angrenzende Bourgeoisie trägt übergroße Steuerlasten, sie vermag ihre Häuser nicht mehr zu halten, verläßt sie, läßt sie im Stich, protestierend, ostentativ zuweilen, mit der Drohung: seht, was ihr beginnt, in dieser Zeit der Nivellierung ist das Haus des Engländers nicht mehr seine Burg! Wartet nur, über die Scherben des alten England, der, Kultur dieses Volkes werden die Barbaren bald herangestapft kommen!

In Wirklichkeit liegt in der Spannweite zwischen diesem angefeindeten sozialistischen Häuserbau- Programm der Fabier und den Expropriationsdekreten der Bolschewiki - zwischen London und Moskau - das ganze Programm der Zeit eingeschlossen. Hier: Nichtloskönnen von Traditionen, von Verzagtheit erzeugenden Wahnvorstellungen, von Schlagworten einer abgewirtschafteten, verstaubten, vermodernden Epoche - dort aber, das blutvoll energisch zupackende, terroristisch-radikale Bekenntnis zum Recht aller, zu einer neuen Zeit, einer heraufsteigenden unerhörten Kulturepoche der breitesten Lebensbasis, unter der Privilegien, Monopole, Schlagworte und Aberglauben zertrampelt liegen wie morscher Lehm.

Eisenbetonzeit steigt herauf, keine Tafeln: To let, Sold, Crown lease mehr! Offen Tore für die Millionen.

Und doch, Bourgeois der du bist, Vergangenheitsanbeter, Liebhaber süßer Jugenderinnerungen - blutet dir das Herz nicht, wenn du Regent Street hinuntergehst, den gelb ehrwürdigen, geschwunge- nen Doppelbogen aus verräucherten, viktorianischen, an Dickens, Thackeray, de Quincey erinnernden, gleichförmigen Häusern, diese Straße, die im Halbkreis von Oxford Street nach Piccadilly führte - und die es nicht mehr gibt, in absehbarer Zeit nicht mehr geben wird!

Denn, hört, hört es, Genossen meiner Zeit, Altersgenossen: Regent Street, die holde, alte, gelb verräucherte, viktorianische - ist heute nicht viel mehr als ein Trümmerhaufen, in dem der Spaten des Bauarbeiters stochert. Die Mehrzahl der kostbaren, wunderlichen, gleichmäßig großen, gleichmäßig gelb verrauchten, vom Nebel und Ruß der Stadt jahrhundertelang geheizten Häuser wich bereits einem amerikanisch großmäuligen, aus Sandsteinquadern getürmten Geschlecht von Riesenkasten, ohne Charakter und Eigenart. In den Erdgeschossen haben sich, statt der stillen, gediegenen, altberühmten und köstlichen Läden der Vergangenheit, knallige Warenhäuser, Magazine mit billigem Schuhwerk, Fabrikschund aller Art, Eiscreme und Patentmedizin aufgetan, nicht fürs Volk, sondern für den mittleren, mittelmäßigen, bemittelten Mittelstand. Symbolisch hat Liberty mit seinen Seiden- schleiern, Emailschmuck und orientalischen Herrlichkeiten sich in eine Seitengasse zurückgezogen, Scott Adie, der Schotte, noch weiter hinweg, Vickery räumte seinen Silberladen; die neuen Häuser, Warenhäuser, Magazine aber erheben sich, im Stil griechischer Tempel gebaut, mit dorischen, ionischen, korinthischen Säulen, Risaliten, Tympanen, zur Ehre der Gottheit dieses Zeitalters des Übergangs, des Kompromisses, des Mittelwegs, des Warenhaustempels ...

O liebliches London, verschwindendes, versinkendes!

(Arthur Holitscher: Der Narrenbaedeker. In: Ders.: Reisen. Berlin 1973. S, 315-318.)
 


 
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