Thomas Gransow
 

London und Westminster


 
 
National Portrait Gallery


Text 1
Sir Godfrey Kneller

Kneller, Godfrey (eigentlich Gottfried Kniller), deutsch?englischer Porträtmaler (* 8. August 1646 Lübeck, + 7. November 1723 London) 

Kneller war nach Lelys Tod der berühmteste Bildnismaler Englands. Nach dem Studium der Mathematik und des Militärwesens in Leiden trat er um 1668 in Amsterdam wahrscheinlich in die Werkstatt von F. Bol ein, verarbeitete auch Muster von Rembrandt und F. Hals. Mit seinem Gesellenstück „Ein Philosoph“ (Lübeck, St.-Annen-Museum) fand er im gleichen Jahr Aufnahme in die Lübecker Malergilde. 1672 malte er im Stil von Bol „Der Engel erscheint Tobias“ (London, Tate Gallery); zu Knellers beseeltesten Schöpfungen im Zeitstil zählt „Der Konvertit Shen Fu-Tsung“ (1687, London, Kensington Palace). 

1672 ging Kniller nach Rom, wo er sich an Maratta und Bernini schulte und war später in Neapel und Venedig nachweisbar, wo Porträts vornehmer Adliger entstanden, u. a. ein Bildnis des Dogen Mocenigo. 

Schon kurz nach seiner Übersiedlung nach London, 1675, erhielt er zahlreiche Bildnisaufträge, z. B. „Porträt des Herzogs von Monmouth“, 1678; „König Karl II.“ usw. Orientiert nunmehr an der Barockmalerei des A. van Dyck, entwickelte er eine ausgereifte Formensprache, die er geschickt mit allen Errungenschaften der Malkultur von Reinbrandt bis zu den italienischen und französischen Barockmalern verband. Nach Lelys Tod übernahm Kneller 1680 dessen Amt des Ersten Hofmalers, das er unter den drei folgenden Monarchen bis zu seinem Tode bekleidete. 1684 malte Kneller in Frankreich das Bildnis Ludwigs XIV., und man sprach von nun an vom „berühmten Kneller“. Er wurde mit zahlreichen Ehrungen überhäuft (1692 geadelt; 1700 Ritter des Heiligen Römischen Reiches durch Kaiser Leopold I; 1715 Baron durch Georg I.) und erwarb große Reichtümer; er legte eine Kunstsammlung mit Gemälden von Rembrandt, Rubens und van Dyck an. 1697 reiste Kneller nach Brüssel. 1711 - 1716 war er Direktor der neugegründeten ersten englischen Malakademie in der Londoner Great Queen Street. 

Durch hohes technisches Können und seine ausgereifte Zeichenkunst zu Bravourleistungen befähigt, malte er fast alle Berühmtheiten seiner Zeit, z. B. „Peter der Große“, „Alexander Pope“, „Isaac Newton“ (1689, London, Kensington Palace), „Christoper Wren“ (1711, London, National Portrait Gallery), die zehn „Beauties of Hampton Court» (1690/91, Hampton Court), eine 43 Bilder umfassende Porträtfolge der Mitglieder des Kit-Cat-Clubs (1700 - 1720, London, National Portrait Gallery) und ein Selbstporträt (1685, London, National Portrait Gallery.). Der Grund dafür, daß Kneller trotz seiner brillanten Malweise, seiner unermüdlichen Schaffenskraft (300 Porträts in Stichnachbildungen bekannt) und seiner zu Lebzeiten großen Berühmtheit bald in Vergessenheit geriet, ist im ausgedehnten Werkstattbetrieb und der eifrigen, aber weniger qualitätvollen Nachahmung seiner Werke zu sehen. Eine erste große Retrospektive seiner Bilder und Zeichnungen fand 1971/72 in der National Portrait Gallery London statt.

(Lexikon der Kunst Bd. 3, S. 798.)


 
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