Thomas Gransow
 

London und Westminster
 
 

British Museum II: Der Stein von Rosette



 

Text 1
Der Stein von Rosette

The Rosetta Stone was discovered in July, 1799, near the town of Rashid, ancient Rosetta, which is situated in the Delta, on the western arm of the Nile near the sea. It was unearthed, quite fortuitously, by a gang of French soldiers who were part of Napoleon Bonaparte's invading army. Under the command of an officer named Pierre Bouchard, they were digging foundations for a fort and, according to one account, found the monument built into an ancient wall. The 'stone' - a substantial slab of black basalt, 118 cm high, 77 cm wide, 30 cm thick, and weighing 762 kg - is actually a commemorative stela, which was once set up in an Egyptian temple. It is broken and was probably about 50 cm or so higher when intact. Incised on one face, it bears an inscription dated to year 9 of the reign of Ptolemy V Epiphanes, corresponding to 27 March 196 BC, the main part of which is a copy of a decree issued by a general council of Egyptian priests recording the honours bestowed upon the king by the temples of Egypt. The point of crucial importance about the inscription is that it is reproduced in three different scripts: hieroglyphic at the top, demotic in the middle, and Greek at the bottom. None of the sections has escaped damage, the worst affected being the hieroglyphic. The bilingual nature of the text and the potential that this offered, since Greek was a known language, for the decipherment of the Egyptian versions, were immediately apparent to the French savants who first examined the stone after its transference to Cairo. To their enormous credit they lost no time in making ink impressions of the inscriptions and in distributing them among the scholars of Europe. After the defeat of Napoleon's army, the stone itself, which had been moved to Alexandria, was ceded to the British in 1801, together with other antiquities, under Article XVI of the Treaty of Alexandria. It was shipped back to Britain in February, 1802, and was deposited for some months at the Society of Antiquaries of London, where a translation of the Greek section was read out in April of that year [...] and where further reproductions were subsequently made. It was transferred to the British Museum towards the end of 1802, where it remains to the present day.

(W. V. Davies: Egyptian Hieroglyphs. London: British Museum Publications 1987. S. 48.)
 
 

Text 2
Jean Francois Champollion und die Entzifferung der Hieroglyphen I

So ordnet [der französische Gelehrte Jean Francois] Champollion (1790 - 1832) 1822 zunächst einmal das, was er von den Hieroglyphen weiß, um für sich selbst eine logische Grundlage zu seinen weiteren Überlegungen zu schaffen:

  1. Tauchen in einem Hieroglyphentext mehrere Schriftzeichen in einem Oval, einer Kartusche, auf, so handelt es sich dabei um einen Eigennamen; Champollion nimmt an, um den Namen eines Pharao.
  2. Der Name Ptolemäus ist schon in Hieroglyphentexten als solcher erkannt, wenngleich er noch nicht genau entziffert ist.
Aber wie fortfahren? Bisher gibt es über die Hieroglyphen folgende Ansichten:
  1. Sie sind nur ein Dekorationsmittel. Das weist Champollion zurück.
  2. Die Hieroglyphen stellen eine ideographische Schrift dar; das heißt: jedes Zeichen stellt ein Wort, einen Begriff dar.
  3. Die Hieroglyphen sind eine syllabische Schrift; das heißt: jedes Zeichen steht für die Silbe eines Wortes.
  4. Die einzelnen Hieroglyphen sind Zeichen für Laute.
Kein Forscher, der eine dieser Meinungen vertreten hat, hatte aber für seine Meinung auch den Beweis führen können. Ohne Beweisführung aber kann sich Champollion keiner der Meinungen anschließen. Er nimmt sich vor, einfach von bestimmten Voraussetzungen auszugehen, die ihm logisch erscheinen. An den Ergebnissen will er dann prüfen, ob seine Voraussetzungen richtig gewesen sind:
  1. Die Texte in den drei verschiedenen Schriften auf dem Stein von Rosetta haben alle den gleichen Inhalt.
  2. Er bezweifelt nicht, daß die Eigennamen in dem demotischen Text durch lautliche Zeichen geschrieben sind.
  3. Er folgert logisch, daß ein Name, der in einer Schrift lautlich geschrieben ist, auch in den anderen Schriften lautlich geschrieben ist - also auch im hieroglyphisch geschriebenen Text.
Von jetzt an arbeitet Champollion an dem Hieroglyphentext des Steins von Rosetta, wie er viele Jahre zuvor auf dem Speicher des elterlichen Hauses lesen gelernt hat. Er vergleicht Wortlängen und -stellungen, zählt "Buchstaben" aus und kommt zu dem Ergebnis, daß der Stein von Rosetta 486 griechische Wörter, aber 1419 Hieroglyphen enthält. Champollion überlegt: Wäre jede Hieroglyphe ein Zeichen für ein Wort oder einen Begriff, dann wäre der Hieroglyphentext viel länger als der griechische Text; viel schlimmer: dann hätten die drei Texte auch nicht den gleichen Inhalt! Und das kann nicht sein!

(Rudolf Majonica: Das Geheimnis der Hieroglyphen. München: dtv 1988. S. 44f.)
 

 

Text 3
Jean Francois Champollion und die Entzifferung der Hieroglyphen II

1822 erhielt Jean Francois Champollion eine Kopie der zweisprachigen Inschrift - in Hieroglyphen und Griechisch - auf einem Obelisken und dessen Basis, die W. J. Bankes 1815 in Philae ausgegraben hatte. Bankes hatte richtig gefolgert, daß in einer der Kartuschen im Hieroglyphentext der Name Kleopatra ausbuchstabiert sei, was er als Randnotiz auf der Kopie, die in die Hand Champollions gelangte, festhielt. Als Champollion die neue Kartusche mit der Kartusche des Ptolemaios auf dem Stein von Rosette verglich, stellte er je drei gleiche Zeichen fest, die genau dort vorkamen, wo sie bei alphabetischer Buchstabierung der Namen Ptolemaios und Kleopatra hingehört hätten. 

Im September 1829 stellte Champollion seinen wichtigen "Lettre à M. Dacier relative à l'alphabet des hiéroglyphes phonétiques" vor, worin er die von [dem englischen Gelehrten Thomas] Young aufgestellte Liste der phonetischen Hieroglyphen verbesserte und wesentlich erweiterte und die Hieroglyphenformen der Namen und Titel der meisten römischen Kaiser von Ägypten richtig entzifferte. Bis zu seinem frühen Tode verfaßte er noch eine Liste mit in Gruppen eingeteilten Hieroglyphen, identifizierte die Namen vieler ägyptischer Könige, und formulierte das System einer Grammatik und allgemeinen Entzifferungslehre. [...] So konnte Champollion das Fundament legen, auf dem die heutige Kenntnis der Sprache der alten Ägypter beruht. Somit darf er zu Recht als der Vater der Entzifferung der Hieroglyphen angesehen werden. [...]

Die Vermutung war richtig, daß das verlängerte Oval oder Kartusche immer einen Königsnamen enthielt. Im Hieroglyphentext des Steins von Rosette kommt nur eine Kartusche vor (die sechs Mal mit jeweils geringen Abweichungen wiederholt wird), von der man annahm, daß sie den Namen des Ptolemaios enthielte, denn vom griechischen Text her war bekannt, daß die Inschrift einen Ptolemäer betraf. Sollte die Kartusche tatsächlich den Namen des Ptolemaios enthalten, mußten die Hieroglyphen darin die Laute der griechischen Buchstaben wiedergeben und alle zusammengenommen die griechische Form des Namens Ptolemaios darstellen. Auf dem Obelisken und dessen Basis, die W. J. Bankes aus Philae nach Hause nach Kingston Lacy in Dorset mitgebracht hatte, stand eine zweisprachige Inschrift auf Griechisch und in Hieroglyphen. Im griechischen Text - auf der Basis - waren die Königsnamen Ptolemaios und Kleopatra genannt und im hieroglyphischen Teil - auf dem Obelisken - kamen zwei nahe beieinander stehende Kartuschen vor, was vermuten ließ, daß diese die hieroglyphischen Entsprechungen enthielten. Der Vergleich der Kartuschen mit der Kartusche auf dem Stein von Rosette ergab, daß die Zeichen in einer der beiden mit denjenigen in der Kartusche des Steins von Rosette fast identisch waren. Daraus schloß man, daß die Kartusche auf dem Stein von Rosette und eine der beiden Kartuschen auf dem Bankes-Obelisken den Namen Ptolemaios in hieroglyphischen Zeichen wiedergaben. Die Formen der in Rede stehenden Kartuschen sind:

Auf dem Stein von Rosette:

Auf dem Bankes-Obelisken:
In der unteren Kartusche nimmt ein einzelne Zeichen den Platz der drei letzten Zeichen in der oberen Kartusche ein. Die Kartusche auf dem Bankes-Obelisken, von der man dachte, daß sie die ägyptische Entsprechung des Namens Kleopatra enthalte, erscheint in dieser Form:
(Carol Andrews: Der Stein von Rosette. London: Museum Press 1985. S. 15 -17.)

 
 
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