Lerntechniken
 

Lesen
 

Erhöhung der Lesegeschwindigkeit


 


Haben Sie Ihre Lesetechnik systematisch verbessert, seit Sie mit sechs Jahren das Lesen gelernt haben?

Ungeübte, erwachsene Leser schaffen im Durchschnitt 90 bis 160 Wörter pro Minute (WpM), ein geübter Leser mit ähnlichen geistigen Fähigkeiten dagegen 500 WpM. Und er erfasst dabei noch mehr von dem Gelesenen. Möglich sind sogar rund 900 WpM. Natürlich hängt die Lesegeschwindigkeit davon ab, ob der Text leicht oder schwierig ist. Aber zumindest bei leichteren Texten ist der Denkapparat ungeübter Leser nur unzureichend ausgelastet; der Nachschub funktioniert zu langsam, es droht Langeweile, Unkonzentriertheit. Solchen Lesern ist ein Lesetraining, eventuell sogar ein systematischer Aufbaukurs im Lesen anzuraten, in dem der Lesevorgang optimiert wird. Bei einem solchen Lesetraining geht es vor allen Dingen darum, schlechte Lesegewohnheiten auszumerzen, die sich im Laufe der Jahre verfestigt haben. Es handelt sich um:

1. Das Wort-für-Wort-Lesen ("Fixieren"), verbunden mit einer zu geringen Blickspanne. Bis vor wenigen Jahren glaubte man, dass die Augen während des Lesens über den Text gleiten; heute weiß man, dass sie beim Lesen eine Sprung-Stopp-Bewegung vollziehen, das heißt, die Augenbewegung geht ruckweise vor sich. Aufgenommen wird während der Haltepunkte. Während der Augenbewegung sieht man dagegen nichts. Wieviel bei den Haltepunkten aufgenommen wird, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: nämlich der Blickspanne und dem Vorrat des Lesers an sogenannten Wortbildern.

2. Rückwärtsspringen auf bereits Gelesenes ("Regression"). Der Blick springt oft schon in der gleichen Zeile mehrfach zu bereits Gelesenem zurück. Dies ist meist ein Zeichen mangelnder Konzentration und ist für einen zügigen Lesefluss äußerst hinderlich. Man kann gegen die Regression dadurch angehen, dass man den Text der bereits gelesenen Zeilen durch ein Stück festes Papier abdeckt.

3. Stummes Mitsprechen ("Subvokalisieren"). Das laute Lesen ist für die Steigerung der Lesegeschwindigkeit ebenfalls hinderlich, da Auge und Gehirn schneller als die Sprechwerkzeuge arbeiten. (Dem widerspricht nicht, dass zur Einprägung komplizierter Sachverhalte der Lernweg Sprechen zur Unterstützung des Lernweges Lesen herangezogen werden sollte.)

4. Visuelle Abschweifungen sind besonders zeitraubend, weil das Auge erst wieder den Anschlusspunkt suchen muss und ihn in vielen Fällen nicht auf Anhieb findet, sondern einige Wörter oder Zeilen nochmals lesen muss. Je mehr Dinge auf dem Schreibtisch liegen, desto mehr Anreize bieten wir dem Auge abzuschweifen.

Rückschwünge, visuelle Abschweifungen, Mitsprechen und vor allem das Wort-für-Wort-Lesen sind die Hauptfehler beim Lesen. Trainingsprogramme zur Erhöhung der Lesegeschwindigkeit setzen in erster Linie bei den physischen Möglichkeiten des menschlichen Auges an. Diese bestehen darin, daß der Schärfebereich des menschlichen Sehens bei etwa drei Zentimeter liegt. Bezogen auf das Lesen heißt dies: Wir sind in der Lage, in einer Textzeile Wörter auf einer Breite von drei Zentimetern scharf zu sehen. Es geht darum, diese Fähigkeit auszunutzen, die Blickspanne beim Lesen zu erweitern. Das jedenfalls versprechen die meisten Trainings, und diesen Anspruch dürften sie auch einlösen.


 

 

 
Die bisherigen Hinweise zu einer Erhöhung der Lesegeschwindigkeit zielten darauf ab, falsche Lesegewohnheiten abzulegen und die physiologischen Möglichkeiten des Auges durch Training zu verbessern.

Dadurch werden Sie befähigt, die Menge des Lesestoffes zu erhöhen. Mit diesem Lern- und Trainings- prozeß einher geht auch eine Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit, eine Erweiterung des Wortschatzes und schließlich ein Rückgang der Vergessensrate. Diese positiven Begleiterscheinungen werden aber nur eintreten, wenn Sie schnelles, konzentriertes Lesen nicht mit hektischem und ziellosem Überfliegen verwechseln. Deshalb ist es nötig, sich vorher über den Charakter und die Eigenart von Buch und Autor sowie die Ziele der folgenden Lektüre klarzuwerden und Zeitpunkt und Lesegeschwindigkeit entsprechend zu wählen:

  1. Rasches Lesen: zur Orientierung oder gezielten Suche bestimmter Informationen
  2. Normales Lesen: zur Aufnahme des Textes
  3. Sorgfältiges Lesen: zum genauen Durchdenken von Darstellung und Argumentation
  4. Intensives Lesen: zum vertieften Durcharbeiten und Einprägen
(Zusammengestellt nach: Joachim Stary/Horst Kretschmer: Umgang mit wissenschaftlicher Literatur. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1999. S. 155 - 158. - Gerrit Hoberg / Günter Vollmer: Top-Training. Lernen - Behalten - Anwenden. 2. Aufl. Stuttgart 1994.)
 
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