Grundbegriffe
Geschichte

Kontinuität
in der preußisch-deutschen Geschichte
des 19. und 20. Jahrhunderts

Problemstellung


 
Im Jahre 1915, kurz vor Eintritt Amerikas in den Ersten Weltkrieg, schrieb der amerikanische Soziologe Thorstein Veblen ein Buch: "Imperial Germany and the Industrial Revolution." Er versuchte, seinen Landsleuten eine Deutung jener seltsamen Deutschen zu liefern, die unter einem theatralischen Kaiser und einer bunten Vielzahl von Potentaten lebten, jener Deutschen, die einen modernen Industriestaat aufgebaut hatten, es jedoch versäumt zu haben schienen, auch einen modernen Verfassungsstaat zu bilden. Worauf Veblen hinauswollte, wird heute von Historikern und Soziologen als "partielle Modernisierung" definiert. Für Deutschland bedeutete das: wirtschaftliche Modernisierung bei gleichzeitiger Bewahrung von Institutionen und Sozialnormen des überkommenen Militär- und Beamtenstaates. Von heute gesehen ist es leicht, darin ein großes Übel zu erkennen. Thomas Mann indes sprach damals, gar nicht abfällig, vom preußisch-deut-schen "General Dr. von Staat", der doch, bei allem Verhaftetsein in vorindustriellen Kräften und Verhältnissen, eine bürgerliche Kultur zu sichern wußte.

Hinter Veblens These stand die lange Zeit auch unter Wirtschaftshistorikern vorbehaltlos bejahte Überzeugung, das britische Beispiel weise den quasi-normativen Weg in die Moderne, Industrialisierung müsse sich mithin stets auf Demokratisierung westeuropäischer Art reimen. Es ist aber die Frage, ob Deutschland als einer der industriellen Nachfolgestaaten und mit seiner der nationalen Einheit weit vorauseilenden staatlichen Fundamentaldisziplinierung anhand eines an England entwickelten Maßstabes überhaupt historisch zu erfassen ist. Es gilt vielmehr, die besonderen geschichtlichen Voraussetzungen des deutschen Weges in die Moderne zu klären, um danach die Gegenwart in eine geschichtliche Perspektive zu stellen.

Hinter allen sozialgeschichtlich und politisch voneinander abhebbaren Brüchen lassen sich fünf Hauptstränge der Kontinuität ausmachen, die seit der politisch-sozialen Revolution des ausgehenden 18. und der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts die deutsche Geschichte durchziehen.

(Michael Stürmer: Jenseits des Nationalstaats. Bemerkungen zum deutschen Kontinuitätsproblem. In: Politik und Kultur (1975) H. 3 / 4, S. 119 - 139.)
 
 

Die fünf Hauptstränge der Kontinuität in der preußisch-deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts:

  1. Die Tradition der Revolution von oben
  2. Das Problem der Industrialisierung ohne Liberalisierung
  3. Die soziale Frage als Verfassungsfrage
  4. Die nationale Frage als Belastung des europäischen Staatensystems
  5. Die Legitimation der Macht: Emanzipation oder Expansion

 
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