Grundbegriffe
Deutsch
 
 

Kommunikation

1. Begriffe


1. Derjenige, der mit einem Gesprächspartner durch Sprechen in Verbindung tritt, wird Sprecher (S) genannt.

2. Der Partner, dem der Sprecher etwas sagt, wird Angesprochener (A) genannt.

3. Die Verbindung, die zwi schen den beiden Gesprächspartnern während des Gesprächs besteht, wird Kontakt genannt.

4. Der Gegenstand, über den gesprochen wird, wird das Besprochene (B) genannt.

5. Die Veranlassung, die den Sprecher zur Kontaktaufnahme und zum sprachlichen Austausch bewegt, wird Sprechabsicht oder Intention genannt.

6. Das angestrebte Verstehen oder Verständnis zwischen den Gesprächspartnern wird als kommunikativer Effekt bezeichnet.


 

2. Das elementare Kommunikationsdreieck



 
 

3. Die Situation


Definition
Die Situation ist das "Zeigfeld", der konkrete Wahrnehmungsraum oder der Gesichtskreis derKommunikationspartner.

 

 
B1 = Das, worüber gesprochen wird, befindet sich innerhalb des Gesichtskreises der beiden Kommunikationspartner
B2 = Das, worüber gesprochen wird, befindet sich außerhalb des Gesichtskreises der beiden Kommunikationspartner 
 

Erläuterungen
Es geht in den folgenden beiden Texten um ein alltägliches Vorkommnis: nach einem Verkehrsunfall demonstriert ein Zeuge am Unfallort den Hergang:

"Der Radfahrer fuhr mitten auf der Straße in dieser Richtung. Plötzlich wollte er hiernach links abbiegen. Dabei wurde er an dieser Stelle von dem überholenden Wagen erfaßt und bis dahin mitgeschleift." 
(Text a)
Derselbe Zeuge gibt den beobachteten Vorgang auf einer Polizeidienststelle zu Protokoll: "Der Radfahrer fuhr mitten auf der Bahnhofstraße in Richtung Innenstadt. Plötzlich wollte er an der Kreuzung Bahnhofstraße - Südring nach links abbiegen. Dabei wurde er in der Nähe eines Kanaldeckels auf der Mitte der Kreuzung von einem überholenden Wagen erfaßt und bis zum Fußgängerüberweg mitgeschleift." (Text b) Aufgaben:
1. Unterstreichen Sie die Textstellen, in denen sich die beiden Texte unterscheiden!
2. Beurteilen Sie den Verständlichkeitsgrad beider Texte
    a) für die zuhörenden Polizeibeamten,
    b) für Sie als analysierenden Leser!
3. Versuchen Sie, die beobachteten Unterschiede hinsichtlich des kommunikativen Effektes zu erklären!

An diesem einfachen Beispiel wird deutlich, daß der kornmunikative Effekt nicht nur von der sprach- lichen Äußerung allein abhängt, sondern daß auch nichtsprachliche Sachverhalte und Umstände für das Verständnis wichtig oder sogar erforderlich sein können. Im angeführten Beispiel (a) handelt es sich um den konkreten Wahrnehmungsraum, den Unfallort auf der Bahnhofstraße, an dem der Zeuge seine Beobachtungen schildert. Er braucht daher nicht alles zu "versprachlichen", sondern kann sich mit "Hinweiswörtern" ("Zeigwörtern") begnügen und diese eventuell mit Zeigegesten unterstützen. Deshalb hat man diesen Bereich früher "Zeigfeld" genannt. Heute hat sich dafür in der internationalen Wissenschaft der gleichbedeutende Fachausdruck "Situation" einge-bürgert, der auch im Unterricht weiterhin verwendet wird.

Aufgabe:
Erläutern Sie den Situationsbegriff an Hand der folgenden Beispieltexte! Es handelt sich um Ausführungen, die anläßlich eines Tests mit englischen Kindern gesammelt worden sind. Die Kinder hatten die Aufgabe, eine textfreie Bildergeschichte mündlich wiederzugeben:

"Die spielen Fußball, und dann tritt er ihn und er fliegt da rein. Er macht das Fenster kaputt, und alle gucken hin. Und da kommt er raus und er schreit sie an, weil sie es kaputt gemacht haben. Nun rennen sie weg. Und dann guckt sie raus, und sie schimpft." (Text c)

"Die drei Jungs spielen Fußball, und der eine Junge trifft den Ball und er fliegt durchs Fenster. Der Ball macht die Fensterscheibe kaputt, und die Jungs gucken alle hin. Und ein Mann kommt raus und schreit sie an, weil sie das Fenster kaputt gemacht haben. Nun rennen alle weg. Und dann guckt eine Frau aus dem Fenster und schimpft die Jungs aus." (Text d)
 


 

3. Der Code


Definition
Der Code ist das "sprachliche Gesamtpotential einer Sprachgemeinschaft", das aus dem Reservoir der Sprachzeichen bzw. Wörter (dem Lexikon) und der Menge der Verknüpfungs- möglichkeiten (der Grammatik) besteht.

 

 
Z = Zeichen (Wort)
 
 

4. Der Kontext

Definition
Der Kontext ist die sprachliche Umgebung einer Textstelle (Wortzeichen), so daß in einem Text jedes Wortzeichen zum Kontext eines anderen Wortzeichen gehört. Erst der Kontext (meistens der Satz) macht aus der weitgespannten, vagen, sozialen und abstrakten Bedeutung eines einzelnen Wortzeichens eine engumgrenzte, präzise, individuelle und konkrete Meinung.

Erläuterungen
Wir verstehen unter Kontext die sprachliche Umgebung eines Wortes, so daß innerhalb eines Textes jedes Wort zum Kontext jedes anderen Wortes gehört.
Da ist ein Sprecher, und da ist ein Hörer. Zwischen beiden, so wollen wir annehmen, wird eine sprachliche Kommunikation hergestellt, indem der Sprecher das Wortzeichen "Feuer" dem Hörer übermittelt. Ein Kontext, so wollen wir weiter annehmen, ist nicht vorhanden. Desgleichen denken wir uns um die Kommunikation herum jede Lebenssituation fort. Darf ich gleich sagen, daß die beschriebene Kommunikation rein fiktiver Natur ist und nur den Wert eines Modells hat? Denn wir reden normalerweise nicht in vereinzelten Wörtern, sondern in Sätzen und Texten, und unsere Rede ist eingebettet in eine Situation.
Der Hörer, der nach dem beschriebenen Kommunikationsmodell das Wortzeichen "Feuer" empfangen hat, kann nicht viel damit anfangen. Der Informationswert ist gering. Immerhin weiß er etwas. Aus der sehr großen Zahl der Wörter, die in diesem Kommunikationsvorgang möglich waren, ist eines herausgegriffen, und damit sind bereits viele Gegenstände als mögliche Themen des Gesprächs unwahrscheinlich geworden. Aber der Hörer weiß noch nicht, um was für ein Feuer es sich handelt. Es kann ein Herdfeuer sein oder ein Strohfeuer, eine Feuersbrunst oder ein Kerzenlicht, ein loderndes oder ein glimmendes, wirkliches oder gedachtes Feuer. Er weiß nicht einmal ganz sicher, ob die Rede überhaupt von einem Feuer ist. Es kann ja das Feuer des Weins, das Feuer der Liebe oder ein Gewehrschuß sein. Der Hörer kennt zwar die Bedeutungen des Wortzeichens "Feuer" (Herdfeuer, Strohfeuer Feuersbrunst usw.), weiß aber nicht, welche Bedeutung gemeint ist. Erst durch den sprachlichen Kontext wird die Bedeutung festgelegt. 
Ein Beispiel: "Der Soldat schaute sich nun einmal recht um; da standen die Kessel ringsherum in der Hölle, und es war ein gewaltiges Feuer darunter, und es kocht und brutzelte darin." Unser Wort steht hier in einem Satz, und der Kontext der anderen Wörter legt seine Bedeutung fest. Wir sehen leicht, wie das geschieht: Die Bestimmung "in der Hölle" schließt alle Feuer aus, die nicht Höllenfeuer sind; das Adjektiv "gewaltig" schließt alle Höllenfeuer aus, die nicht gewaltig sind, und so tragen auch die anderen Wörter dazu bei, daß die Bedeutung des Wortzeichens "Feuer" aufs genaueste festgelegt wird. Es versteht sich, daß auch die Nachbarwörter ihrerseits in ihrer Bedeutung festgelegt wird. "Kessel" legt die Bedeutung von "Feuer" fest, und "Feuer" legt die Bedeutung von "Kessel" fest. Allein dadurch, daß zwei Wörter nebeneinander stehen, legen sie sich gegenseitig in ihrer Bedeutung fest. Wir verwenden jedoch in den meisten Sätzen zusätzliche Funktionswörter (Präpositionen, Konjunktionen usw.) für die Festlegung der Bedeutung. Ein Text ist also mehr als eine Reihung von Wörtern und vermittelt mehr als einen Haufen von Bedeutungen (wie das Wörterbuch). Er gibt zur Summe der Wörter die Festlegung ihrer Jeweiligen Bedeutung hinzu, oder genauer gesagt -: Er nimmt von der Summe aller möglichen Bedeutungen das meiste weg und setzt damit einen Sinn.

(H. Weinrich: Linguistik der Lüge. Heidelberg 1966. S. 15 24. Gekürzt.)

Aufgaben:
1. Nennen Sie die Bedeutungen des Wortes "Flügel" (Wörterbuch)!
2. Bilden Sie Beispielsätze mit dem Wort "Flügel", in denen die Bedeutung festgelegt wird!
 
 


5. Der Horizont

Definition
Der Horizont ist das, was den Partnern der jeweiligen Rede bekannt ist und außerhalb der Situation liegt (Erfahrungshorizont), oder das, woran sie jeweils denken (Erwartungshorizont).


 

 
HS = Horizont des Sprechers

HA = Horizont des Angesprochenen

HS + HA = gemeinsamer Horizont von Sprecher und Angesprochenem

Erläuterungen
1. Im Zug blickt jemand in die Zeitung seines Nachbarn und liest die Schlagzeile: "Bundesregierung dementiert". Er sieht, daß es sich um die "Süddeutsche Zeitung" handelt. Was kann der Mitleser der Schlagzeile entnehmen?

2. In einem anderen Fall liest der Mitleser zwar dieselbe Schlagzeile, sieht aber, daß sie im "Wiener Tageblatt" steht. Im dritten Fall entdeckt der Reisende, daß die Schlagzeile in der "Neuen Zürcher Zeitung" steht. (Österreich und die Schweiz haben, wie die Bundesrepublik Deutschland, ebenfalls Bundesregierungen, da sie auch aus "Ländern" bzw. "Kantonen" bestehen.) Wovon hängt es ab, daß der Mitleser die Schlagzeile richtig versteht?

3. Ein Mitleser liest montags diese Schlagzeile: "Bad Schwartau hat gesiegt"
Da er die dazugehörige Nachricht nicht lesen kann, kombiniert er: "Bad Schwartau hat gesiegt: im Fußball, im Handball, im Städteturnier?"
Da sein Nachbar die Zeitung beim Aussteigen liegen läßt, sieht er nach und findet unter der Schlagzeile im Lokalteil die folgende Nachricht:

    "in. Bad Schwartau. Im Wettlauf um den künftige Standort eines Rehabilitationszentrums des Berufs- förderungswerkes Schleswig-Holstein hat Bad Schwartau den großen Konkurrenten Kiel und Lübeck den Rang abgelaufen. Es erfreute sich dabei der Schützenhilfe der Regionalen Planungsgemeinschaft Ostholstein, deren Votum wesentlich dazu beitrug, daß das Vierzig-Millionen-Projekt in Bad Schwartau verwirklicht wird. Die Entscheidung über den Standort ist am Montag gefallen."
4. Daß es nicht um eine Sportart ging, hätte der Mitleser auch vorher herausfinden können. Wieso?

5. Nun hat er die Nachricht gelesen. Er hat ihr nur entnehmen können: In Bad Schwartau wird ein "Vierzig-Millionen-Projekt" gebaut. Konkurrenten dafür waren Kiel und Lübeck. Welches Projekt es ist, wer Schützenhilfe geleistet hat, das hat er nicht verstanden. Warum?

6. Prüfen Sie die folgenden Schlagzeilen auf ihre Verständlichkeit. Was muß man mindestens wissen, um sie verstehen zu können.

Treffen zwischen Bush und Schröder

Explosion in Belfast

Concorde abgestürzt

Links überholt

Rechts überholt

Schwankende Börsentendenz

Ostermontag erstmals Arbeitstag

IG Metall will 5 Prozent

Das erste Echo zur Wahl

Gore schlägt Buchanan

Kiefer schlägt Haas

Mit 12 Schuljahren zum Abitur
 
 


6. Das Modell sprachlicher Kommunikation


 

 
Aufgabe:

Ergänzen Sie die Legende!

G = Gesprächssituation
S =
A =

B1 =
B2 =
B3 =

Z1 =
Z2 =
Z3 =

HS =
HA =
HS+A =

CS =
CA =
CS+A =
 
 

(Zusammengestellt nach: Maximilian Scherner: Theorie und Technik des Textverstehens. Düsseldorf. Schwann 1974. S. 14 - 63. Und: Ders.: "Code" oder "Horizont"? In: DU 23. Jg. (1971) H. 6, S. 37 - 57.) 


 
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