Fachmethoden Kunst
 

Bildinterpretationen
Der Spiegel im Bild - das Bild im Spiegel
 

Jan (Johann) Vermeer: "Die Musikstunde"


 

 

"Die Musikstunde" ist eines der fünf Bilder im Werk Vermeers, in denen ein Spiegel dargestellt ist, unter diesen wiederum das einzige, in dem der Spiegel ein für den Betrachter sichtbares Bild wiedergibt. Ebenso wie Manets Spiegel hängt auch der um ein Vielfaches kleinere Spiegel bei Vermeer an der parallel zur Bildfläche ausgerichteten "Rückwand" des Bildes, ist aber geringfügig in den davor liegenden Raum gekippt. Während Manets Spiegel den Raum vor ihm in seiner gesamten Tiefe widerspiegelt, reflektiert der Spiegel in Vermeers Bild auf Grund seiner leichten Neigung ausschnitthaft nur einen Teil des vor ihm liegenden Raumes. Zu sehen ist in Vermeers Spiegel das Gesicht der am Virginal stehenden "Dame", die im Bild selbst dem Betrachter den Rücken zukehrt. Aus dem im Bild sichtbaren Raum zeigt der Spiegel ferner einen Teil des Tisches, den der Betrachter des Bildes im rechten Bildvordergrund sieht. Die bis zum Boden herabfallende Tischdecke bezeichnet am unteren Bildrand in etwa die Linie, bis zu der das Bild selbst den Raum wiedergibt, in dem sich die "Dame" und der "Herr" befinden.

Was vom Betrachter aus gesehen diesseits dieser Linie liegt, befindet sich außerhalb des Blickwinkels, aus dem das Bild aufgenommen ist. Allein der Spiegel erlaubt einen Blick in den Raum, der über diese Linie hinausreicht. Das aber, was der Spiegel aus diesem Teil des Raumes, der außerhalb des eigentlichen Bildraumes liegt, in das Bild selbst hereinholt und dem Betrachter zeigt, verändert die Sicht auf das Bild von Grund auf. Der Spiegel zeigt den Fuß der Staffelei, an der, ohne selbst im Spiegel sichtbar zu sein, der Maler das Bild malt, das der Betrachter sieht.

Als das ",Szenario der Produktion‘ der ,Musikstunde‘" deutet Daniel Arasse die Konstellation im Spiegel der "Musikstunde". Weiter heißt es in Arasses Interpretation des Bildes: "Das Bild im Bild (i. e.: der Spiegel) leistet jedoch noch mehr: es verschiebt die ‚Realität‘ des Dargestellten. Seine Inszenierung impliziert, dass das, was wir sehen (,Die Musikstunde‘) nicht einfach eine ‚Interieurszene‘ ist: Vielmehr ist dargestellt, wie diese Szene ‚ins Bild gesetzt‘ wird. Anders gesagt, der Spiegel der ,Musikstunde‘ stellt die Darstellung als solche dar: die Figuren sind Modelle. Sie posieren, oder besser, sie haben posiert. Diese Innenansicht mit Figuren ist eine künstliche Konstruktion, die Darstellung einer Darstellung." Der Betrachter der "Musikstunde" sieht zwei Bilder. Vor dem einen befindet er sich in der Rolle des Beobachters einer Szene, die sich selbst genügt, die ihn als Betrachter ebensowenig voraussetzt wie den Maler. Das andere macht ihn zum Zuschauer einer Inszenierung, in der vom Maler des Bildes vor seinen Augen eine eigens hierfür arrangierte Wirklichkeit zu einem Bild geformt wird. Jenes Bild versetzte ihn in die Illusion, vor sich eine Szene zu sehen, in der sich die Wirklichkeit selbst darbietet. Dieses gibt ihm unmissverständlich zu verstehen, dass es ein Bild ist, dem er gegenübersteht, und dass dieses Bild eine gestellte, künstliche Wirklichkeit wiedergibt. Man beachte, dass die Kopfhaltung der "Dame", wie sie die Spiegelung zeigt, sich merklich von der in der Rückenansicht unterscheidet. Scheint die "Dame" hier ganz in ihr Musizieren versunken, so wendet sie sich im Spiegel deutlich dem an ihrer Seite stehenden "Herren" zu. Nicht abwegig erscheint es, diese dezente Abweichung als stillschweigenden Hinweis des Malers auf einen Bezug zwischen dem abgebildeten Paar und der auf dem Virginal angebrachten Inschrift zu deuten: "Musica letitiae comes medicina dolorum" (Musik ist die Gefährtin des Frohsinns und Balsam für den Schmerz).

Im Übrigen aber, und dies ist entscheidend, ist Vermeer sehr darauf bedacht, die beiden Bilder, die das Bild in sich vereint, nicht gegeneinander auszuspielen, sondern sie zumindest in der formalen Wiedergabe des Bildgegenstandes miteinander in Übereinstimmung zu zeigen. Den Schritt, zu dem Vermeer ansetzt, führt Manet aus, indem er die Übereinstimmung zwischen den beiden Bildern, mit denen er den Betrachter konfrontiert, aufkündigt, um stattdessen zwei Bilder nebeneinander zu stellen, die sich gegenseitig ausschließen: das "richtige" und das "falsche" Bild.

(Dietmar Schings: Mehr Mädchen sein geht nicht. In. Frankfurter Rundschau vom 30. Juni 2001. S. 19.)


 
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