Fachmethoden Kunst
 

Bildinterpretationen:
Der Spiegel im Bild - das Bild im Spiegel
 

Diego Velázquez: "Las Meniñas"


 
 
Das Bild zeigt einen Maler bei der Arbeit. Gerüstet mit Pinsel, Palette und Malstock, steht er vor einer großen Leinwand, in Gesellschaft einer Gruppe von Personen, die als Mitglieder des spanischen Hofes identifiziert werden können. Im Vordergrund befinden sich Prinzessin Margarita, die spätere deutsche Kaiserin und Frau Leopolds I., flankiert von zwei Hofdamen, den sog. Meniñas; schräg rechts davon stehen die Zwergin Mari-Bárbola und der Hofnarr Nicolasito Pertusato. Im Hintergrund bespricht sich Señora de honor Marcela de Ulloa mit einem Guardadamus, während Don José Nieto, der Aposentador der Königin, im lichten Rahmen einer geöffneten Tür die Szene betrachtet. Der dargestellte Maler ist Velázquez. In seiner Funktion als (Hof-)maler hat er sich hier selbst in Szene gesetzt. Was es allerdings ist, das er auf die Leinwand zu bringen im Begriff ist, bleibt dem Betrachter verborgen, da das Gemälde nur den Blick auf die Rückseite der Leinwand freigibt.

Dennoch scheinen die geradewegs aus dem Gemälde herausgeworfenen Blicke der dargestellten Personen den Betrachter auf irgend etwas hinweisen zu wollen. Wenn man etwas genauer hinschaut, erkennt man zwei weitere Personen auf dem Gemälde, die sich dem Betrachter als verschwommenes Bildnis an der Rückwand des Raums präsentieren. Es sind König Philip IV. und seine Frau Marianna. Schaut man noch genauer hin, entpuppt sich das vermeintliche Bild als Spiegel und gibt dem Betrachter endlich eine Antwort auf seine Frage: Velázquez porträtiert offenbar gerade das Königs- paar, das ihm an einer Stelle im Raum Modell steht, auf die alle Blicke gerichtet sind. Der Spiegel an der Rückwand durchquert den ganzen Raum, um dem Betrachter ein Bild dessen zu geben, was er nicht sehen kann. Diese Antwort ist die erste, die das Bild dem Betrachter gibt, nicht aber die letzte. [...]

Der Kunsthistoriker Hermann Ulrich Asemissen legte 1982 eine Analyse der Meniñas vor, die ebenso verblüffend wie plausibel ist. Die Ergebnisse seiner Studie konfrontieren uns mit einer vollkommen neuen Rezeptionssituation [...]. Asemissens Ausgangshypothese mag zunächst befremdlich wirken. Sie verweigert sich nämlich nicht nur einem kunsthistorischen Konsens, sondern bestreitet darüber hinaus genau das, was uns bislang der Schlüssel zum Verständnis des Gemäldes zu sein schien. Der Spiegel im Hintergrund, so Asemissen, ist zwar definitiv ein Spiegel, er übernimmt aber nicht die Funktion eines Spiegels. Wäre dies der Fall, so ergäben sich nach den Gesetzen der physikalischen Optik zwei Probleme. 

Erstens: Wenn wir das Bild im Spiegel als Spiegelbild betrachten, müßte, aufgrund proportionaler Verhältnisse, das Königspaar an einer im Raum wie für den Betrachter sichtbaren Stelle stehen. 

Zweitens: Wenn das Spiegelbild tatsächlich den Standort des Paares repräsentierte, dann müßte es mehr zeigen als das, was es zeigt.

Daraus leitet sich folgende Hypothese ab: Weder Philip IV. noch seine Frau sind im Raum anwesend. Im gleichen Atemzug muß auch verneint werden, daß der Maler auf dem Gemälde ein Porträt von ihnen anfertigt. Für diese Annahme sprechen zwei weitere Indizien, denn weder existiert im Werk Velázquez' ein solches Doppelporträt der Herrscher, noch hat Velázquez jemals Porträts gemalt, die mehr als lebensgroß waren. Unbestritten bleibt, daß er etwas malt. Aber es ist nicht das, was uns der Spiegel glauben machen will. Er selbst muß jetzt zwangsläufig die Funktion eines Porträts übernehmen. Was aber malt Velázquez dann?

Um diese Frage zu klären, ist ein Blick auf das Œuvre des Malers von Nutzen. In seiner Funktion als Hofmaler hat Velázquez drei Porträts der Prinzessin Margarita angefertigt, von denen zwei in die nähere zeitliche Umgebung der Meniñas fallen (1655 bzw. 1659). Vergleicht man diese Porträts mit der Darstellung der Prinzessin auf den Meninas, so fällt ein wesentlicher Unterschied ins Auge: Margarita trägt den Scheitel mitsamt Kopfschmuck nicht auf der rechten, sondern auf der linken Seite. Diese Abweichung legt eine Vermutung nahe, die Asemissen durch den folgenden Fund bestätigt sah. Auf dem Grundrißplan des Alcázar ist jener Saal, den das Gemälde vorstellt, als die pieza de la galeria zu identifizieren. Schaut man nun an jene Stelle, die die erste Interpretation als den Standort des Modells ausweist, so findet man vom letzten auf dem Gemälde sichtbaren Fenster bis hin zur Wandfläche kaum ausreichend Platz, um das Königspaar dort bequem unterzubringen. Daß es sich auf dem Gemälde tatsächlich um die besagte Galerie handelt, steht dabei außer Zweifel. Der Plan zeigt die beiden Türen im Hintergrund ebenso korrekt wie die fünf Durchbrüche der Fenster - mit einem Unterschied jedoch: Die Fenster befinden sich im Grundrißplan auf der anderen Seite!

Der Saal, den wir auf dem Gemälde sehen, ist also - wie die Prinzessin auch - spiegelverkehrt. Das sollte uns Hinweis genug sein, um eine Antwort auf die eingangs formulierte Frage geben zu können: Was der Maler auf dem Gemälde komponiert, ist genau das Gemälde, das wir vor uns haben. Velázquez zeigt uns also ein Gemälde, das ihn selbst - als Autor des Gemäldes - bei der Arbeit an eben diesem Gemälde zeigt. In der Tat ergibt eine Rekonstruktion der Höhe der Leinwand ungefähr die Höhe der Meniñas (318 x 276). Und die dargestellten Personen blicken nicht auf ein Modell, sondern auf eine große Spiegelwand, die aus vielleicht sechs der sieben kleinen Spiegel zusammengesetzt gewesen sein wird, die sich im Inventar des Alcázar verzeichnet finden. Eine ebensolche Spiegelwand zeigt ein Gobelin von Charles Le Brun aus dem Jahre 1663-1665, der den Friedensschluß zwischen Philip IV. und Ludwig XIV. am 6. Juni 1660 dokumentiert. Die Szene spielt in der Sala general der Casa de la conferencia, für deren Ausstattung niemand anderes als Velázquez verantwortlich war.

Der Betrachter ist, um es salopp auszudrücken, Velázquez genial auf den Leim gegangen. Er ist der Täuschung erlegen, die in so vielen Werken des Barock als Spiel zwischen Schein und Sein, Wirklichkeit und Illusion bewußt angelegt war.

Was das Gemälde vorstellt, ist ein Spiegelbild; das Gemälde selbst hingegen ist der Spiegel. Der Raum, in dem das Gemälde zum Zeitpunkt der Betrachtung hängt, wird damit zur Sala des Alcázar, und wir als Betrachter finden uns in jenen Raum projiziert, wo das Gemälde, das wir vor uns sehen, tatsächlich angefertigt wurde. Unser Standort ist der der (realen) Subjekte, durch deren Augen wir, insofern sie im Gemälde auf uns gerichtet sind, das sehen, was alle diese Figuren zum Zeitpunkt der Ausführung selbst gesehen haben. Ihre Blicke, die während der Fertigstellung des Gemäldes auf die Spiegelfläche fielen, laufen uns als Reflexe in die Augen zurück und verweisen auf den gemeinsamen Ort.

(Rainer Marx: Foucaults Irrtum. In: Frankfurter Rundschau vom 24. April 1999. S. ZB 3.)

 


 
 
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