Fachmethoden Geschichte
 

Schriftquellen interpretieren



 
 
 
 

Probleme der Quelleninterpretation

Quellen

Was historische Quellen sind, kann zwar formal - etwa: Quellen sind Materialien zur Rekonstruktion der Vergangenheit -, schwerlich aber inhaltlich erschöpfend bestimmt werden. Was immer Aufschlüsse über Vergangenes gewährt, und zwar in möglichst ursprünglicher, durch spätere Zusätze nicht veränderter Form, mag sich als Quelle eignen: neben bildlichen und vor allem schriftlichen Zeugnissen (die die wichtigste und häufigste Quellenart darstellen) können beispielsweise alte Sagen und Bräuche, Grabstätten, selbst Küchenabfälle vorgeschichtlicher Siedlungen wertvolle historische Einsichten eröffnen.

Quellen sind Hinweise auf die vergangene Wirklichkeit, mitnichten diese selbst. Sie ‚sprudeln‘ nur in dem Maße, in dem sie ‚angezapft‘, befragt werden. Wer eine Quelle nicht zu lesen, d. h. in zutreffende Bedeutungszusammenhänge zu rücken versteht, kann mit ihr oft wenig anfangen. Eine Aneinanderreihung von Quellenauszügen ergibt für sich noch keine plausible Geschichte. Man braucht Kenntnisse, Gesichtspunkte, Ordnungsprinzipien, um das tote Material, das Quellen zunächst einmal sind, zum Leben zu erwecken. Mit einer schlichten Reproduktion von Quellenaussagen ist es zumeist nicht getan, der Historiker muß noch manches hinzufügen, damit aus den Quellen Geschichte wird.

Quellen sind Widerspiegelung, Niederschlag, manchmal bloßes Abfallprodukt historischer Vorgänge und Situationen, Prozesse und Zustände, Entscheidungen und Folgen, Stimmungen und Erwartungen. Dank dieser Verwobenheit in einstmaliges Leben haben sie vielfach den Vorzug der Unmittelbarkeit, Gegenstandsnähe, Kolorit und Detailgenauigkeit; solche Vorzüge sind mit bestimmten Schwächen gepaart: sie lassen weg, was sich seinerzeit von selbst verstand; sie enthalten manches Falsche, Undeutliche, Mißverständliche; man sieht ihnen nicht ohne weiteres an, wie typisch oder untypisch sie für ihre Zeit sind. Wichtiges und Unwichtiges, Episodisches und Folgenschweres steht ungeschieden nebeneinander. Vor allem aber sind Quellen aus den ursprünglichen Lebenszusammenhängen gelöste Einzelstücke, deren Bedeutung und Funktion nicht mehr ohne weiteres ersichtlich ist; sie bedürfen darum der Einfügung in größere Zusammenhänge. [...]
 
 

Quellenkritik

Vor aller weiteren Arbeit muß der Historiker Klarheit über den korrekten Wortlaut, die Herkunft, die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit seiner Texte gewinnen. Dazu dient die Quellenkritik. Sie ist ein wesentliches Merkmal des kritisch-wissenschaftlichen Umgangs mit Geschichte und geht in ihren Anfängen auf die humanistischen Philologen des 15. Jahrhunderts zurück. Gewöhnlich unterscheidet man zwischen äußerer und innerer Kritik: die äußere Quellenkritik stützt sich auf materielle, schriftkundliche (paläograhische), sprachliche, formale Merkmale und versucht die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte der Texte zu ermitteln; die innere Quellenkritik hält sich an die Textinhalte.

Die Vergewisserungsarbeit der äußeren Quellenkritik ist besonders bei alten Texten wichtig. Texte aus dem Altertum oder dem Mittelalter sind häufig in keinem guten Erhaltungszustand: vielfach klaffen Lücken, oft haben sich Überlieferungsfehler eingeschlichen; sie müssen in mühseliger philologischer Kleinarbeit ausgefüllt bzw. korrigiert werden. Aus dem Mittelalter sind nicht wenige gefälschte Urkunden auf uns gekommen; hier leistet die Quellenkritik detektivische Entlarvungsarbeit. Wichtige Anhaltspunkte für die Echtheits- und Zuverlässigkeitsprüfung gewinnt der Forscher aus der Überlieferungsgeschichte: wenn er weiß, wann sein Text entstanden ist und auf welche Vorlagen, Informationen oder Informanten sich der Autor stützte, vermag er den Wert seiner Quelle besser einzuschätzen. Ergiebiger ist in der Regel jedoch die innere Quellenkritik. Hier schöpft der Historiker aus seinen historischen Kenntnissen im weitesten Sinne. Je besser er den Quellenbestand überblickt und je genauer er sich in den Einrichtungen, Zuständen, Ereignissen einer bestimmten Zeit auskennt, desto umfassender kann er die Aussagen des in Frage stehenden Textes mit den schon bekannten Tatsachen vergleichen, desto eher fallen ihm Abweichungen und Besonderheiten auf, die weitere Überprüfungen nahelegen mögen. Fälschungen, Irrtümer, Lücken werden sichtbar, indem man nach der Vereinbarkeit des einzelnen Textes mit der Gesamtheit unseres fachlichen Wissens fragt. [...]
 
 

Perspektivität und Standpunktgebundenheit

Historische Quellentexte stammen von Beteiligten und Betroffenen. Da jeder Autor die Dinge von seiner Warte betrachtet, kann er nicht zugleich über den Dingen stehen. Insoweit spiegelt jeder Text bestimmte Positionen und Sichtweisen, die als solche nicht streng allgemeingültig sein können. Darum hat der Historiker darauf zu sehen, daß bei der Rekonstruktion von Geschichte jeweils alle belangvollen Perspektiven zur Geltung kommen; er muß Multiperspektivität herstellen. Es gehört zu seinen vorrangigen Aufgaben, jeweilige Standpunkte, Interessen, Parteinahmen aufzudecken und dabei herauszufinden, woher diese Interessen rühren, warum unterschiedliche Beteiligte gleiche Sachverhalte unterschiedlich wahrnehmen und beurteilen. [...]
 
 

Sprachliches und inhaltliches Verständnis

Alte Texte sind häufig schwer verständlich, weil die in ihnen vorkommenden Namen, Bezeichnungen, Begriffe wie auch die Tatsachen, Ereignisse, Zustände, auf die sie hinweisen, uns Heutigen nicht mehr geläufig sind. Bei der Erklärung fremder Wörter helfen Lexika weiter. Vorsicht ist bei solchen Begriffen geboten, die es auch heute noch gibt, deren Bedeutung sich aber im Laufe der Zeiten verändert hat (z. B. Bürger, Familie, Radikalismus). Da überdies der Bedeutungsgehalt von Wörtern niemals eindeutig festzulegen ist, kann ihr Sinn von Autor zu Autor variieren und selbst innerhalb desselben Textes schwanken. Hier hilft nur aufmerksames Einlesen weiter. [...]
 
 

Entstehungs- und Wirkungsgeschichte

Eine Textquelle ist einer Momentaufnahme in einem Film vergleichbar; will man sie verstehen, muß man den ganzen Ablauf, das Vorher und Nachher kennen. Wie weit man dabei auszuholen, was alles an Voraussetzungen und Folgen man zu berücksichtigen hat, läßt sich nicht allgemein bestimmen, sondern muß von Fall zu Fall im Hinblick auf den jeweiligen Klärungsbedarf entschieden werden.

Unabdingbar sind Informationen über den/die Urheber des Textes: biographische Daten, soziale Position, politischer Standort; bei bekannten Persönlichkeiten wird man stärker in die Details gehen müssen. Bei mehr kollektiv entstandenen Texten (z. B. Verfassung, Parteiprogramm) ist es wichtig, die unterschiedlichen Gruppierungen und Optionen zu kennen, die im Entstehungsprozeß miteinander konkurrierten, damit man die schließlich erreichte Fassung besser zu würdigen weiß.

Auch die Textentstehungsvorgänge selbst können wichtige Hinweise geben. Gibt es Vorarbeiten, Entwürfe, mehrere Fassungen, lassen sich die Meinungs- und Willensbildungsprozesse nachvollziehen. Weiß man, welche divergierenden Meinungen in den Text eingeflossen sind, wird seine Tiefendimension besser erkennbar.

Nicht selten muß man zur Vergegenwärtigung der Vorgeschichte weit ausholen. [...] Ähnliches gilt für die Wirkungsgeschichte der Texte. [...]
 
 

Gesichtspunkte der Textanalyse

Texte der Vergangenheit sind für den Historiker insoweit Quellen, als sie Auskünfte zu bestimmten Fragen liefern. Solche Fragen ergeben sich zum einen aus den Texten selbst, zum andern aus Vermutungen, Erwartungen, Erkenntnisinteressen, die von außen, von heute an die Texte herangetragen werden. Die Quelleninterpretation steht und fällt mit der Qualität, der Angemessenheit und Fruchtbarkeit der Fragestellungen: wer keine Vermutungen hat, wem nichts auffällt, der wird wenig herausfinden. Darum sollte man zunächst einen Katalog klar formulierter Fragen zusammenstellen. Dieser Katalog kann und soll freilich nur vorläufig sein; er muß Ergänzungen und Veränderungen offenstehen, die sich aus der Beschäftigung mit dem Text ergeben.

Es erleichtert die Arbeit und schafft eine nützliche Ordnung, wenn man den Fragen jeweils die Textpassagen zuordnet, die Antworten zu liefern versprechen: solche Kern- und Schlüsselstellen geben der Interpretation einen festen Halt. Dabei muß jedoch der Kontext des Ganzen im Blick behalten werden, weil die Kernstellen häufig nicht ohne ein Inbetrachtziehen anderer Stellen zu verstehen sind. Hier tut Beweglichkeit not, ein gedankliches Hin- und Herpendeln zwischen verschiedenen Textteilen, zwischen Frage und möglicher Antwort, zwischen bisherigem Kenntnisstand und neuem Befund.

Texte enthalten offenkundige Aussagen und verborgene Bedeutungen; ihr Sinn gibt sich nicht immer geradewegs in ihrem Inhalt zu erkennen: Ein Autor kann seine wahren Absichten verschleiern; er mag sich ihrer nur unzulänglich oder gar nicht bewußt sein; er ist falsch oder unvollständig informiert. Der Interpret muß vielfach hinter die Worte zu sehen versuchen, weil die Textoberfläche Wesentliches nicht preisgibt. Aufschlußreich ist stets die Vergegenwärtigung dessen, was in den Texten fehlt (obwohl es eigentlich hätte vorkommen müssen): [...] die Ausklammerung der Sklavenfrage in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 [...] ist wesentliches Indiz für den Charakter des fraglichen Textes. Nicht immer wird man mit der bloß immanenten Interpretation, die sich allein auf den vorliegenden Text beschränkt, zum Ziel kommen. Oft braucht man aus dem Umfeld weitere Kenntnisse, die geeignet sind, neues Licht auf den in Frage stehenden Text zu werfen.

Als später Lebender hat der Historiker die Chance, an die Zeugnisse der Vergangenheit Gesichtspunkte und Erklärungsmuster heranzutragen, die gänzlich außerhalb des Lebens- und Gesichtskreises der Menschen von damals lagen. [...] Das besagt, daß der Katalog sinnvoller Fragestellungen gegenüber den uns heute bekannten Quellen niemals als abgeschlossen betrachtet werden darf und daß ein und dieselbe Quelle vielfältige Aussagen bereithält, je nach den Gesichtspunkten und Hypothesen, mit denen man an sie herantritt.

(Joachim Rohlfes: Interpretation sprachlicher Quellen. In: Bernd Hey u. a.: Umgang mit Geschichte. Stuttgart: Klett 1992. S. 11 - 126.)


 
 
Begriffe

Die fachliche Arbeit an Textzeugnissen kennt drei wichtige methodische Schritte, die man analog auch für die Erschließung anderer Quellengattungen unterscheiden kann:

a) Äußere und innere Quellenkritik,
b) Quellenanalyse,
c) Quelleninterpretation.

Bei der äußeren und inneren Kritik handelt es sich um jene Arbeitsgänge, die zur Aufbereitung einer Quelle bis zur wissenschaftlichen Edition erforderlich sind: buchstabengenaue Erfassung des Wortlauts und aller Zeichen, Erklärung unbekannter Ausdrücke, Erläuterung von Dialektformen, Prüfung, ob ein fremdsprachlicher Text mit normalen Sprachkenntnissen übersetzbar ist, Prüfung der Echtheit, Hinweis auf ähnliche Quellen und ggfs. Literatur zur Sache. Die Abgrenzung von "äußerer" und "innerer" Kritik ist nicht immer einheitlich. Sicher ist aber, daß z. B. die buchstabengenaue Erfassung eines Wortlauts zur äußeren Textkritik gehört, während etwa die Echtheitsfrage der inneren Kritik zugeordnet wird. (Im normalen Schulalltag werden die Probleme der äußeren und inneren Quellenkritik in der Regel ausgespart.)

Die Analyse zielt darüber hinaus auf ein exaktes Einzel- und Gesamtverständnis eines Textes. Als Ergebnis einer Analyse muß mit eigenen Worten die Frage beantwortet werden können: Welchen Inhalt hat der Text, wie ist er aufgebaut, was will er, worüber informiert er uns?

Die Interpretation setzt die anderen beiden Arbeitsschritte voraus und fragt nach dem Gehalt der Quelle, nach der Bedeutung für den jeweiligen Gegenstand oder im Rahmen des besprochenen Themas, nach der Perspektive, nach Gewicht und Stellenwert der Aussage innerhalb der Periode oder Epoche. Interpretation setzt also eine gewisse Sicherheit in der Deutung voraus, verlangt nach Vergleich mit anderen Quellen sowie nach Rechenschaft über die Maßstäbe der Bewertung. 

(Karl Pellens: Geschichtliche Quellen. Stuttgart: Reclam 1979. S. 70f.)
 
 

Analyse- und Interpretationsmodell

1. Paraphrase

Was ist aus der Quelle zu erfahren? (Inhaltsangabe)
Aus welchen Teilen besteht sie? (Gliederung)
Was ist ihr Thema? (Überschrift)
 

2. Inhaltsanalyse 

Was ist der Kern des Textes? 
Was wird im Text behauptet oder widerlegt? 
Welche Teilaspekte sind behandelt?
 

3. Begriffsanalyse

Welche Begriffe kommen mehrfach vor? 
Welches sind die Schlüsselbegriffe? 
Welchen Sinn gibt der Text diesen Begriffen?
 

4. Funktionsanalyse

Um welche Art von Text handelt es sich?
Welche rhetorischen Strategien werden angewendet?
Mit welchen sprachlichen und rhetorischen Mitteln werden sie umgesetzt?
 

5. Sachkritik

Enthält der Quellentext in sich Widersprüche? 
Was konnte der Verfasser der Quelle wissen, was nicht? 
Was verschweigt der Text?
Inwieweit ist der Text glaubwürdig?
 

6. Ideologiekritik

Wann, von wem und für (oder gegen) wen ist der Text verfaßt worden? 
Welchem Zweck sollte er (vermutlich) dienen? 
Welchen Standort nimmt der Verfasser ein?

(Zusammengestellt und ergänzt nach: Wolfgang Hug: Geschichtsunterricht in der Praxis der Sekundarstufe I. Frankfurt: Diesterweg 1977. S. 150.)
 
 

Operationen der Quellenarbeit 

Kognitionen
(kognitive Operationen)
Methoden
(methodische Operationen)
Urteile
(evaluative Operationen)
Kenntnis:
Ereignisse, Zahlen, Personen und Begriffe entnehmen
.
Datieren:
Zeit, Ort und Person des Verfas- sers feststellen bzw. aus dem Text erschließen
Kritisieren:
Aufgrund von zeitgenössischem Sachwissen Aussagen kritisieren
.
Erkenntnisse:
Verbindung von Absichten und Bedingungen, von Ursachen und Folgen; unbeabsichtigte Neben- wirkungen; Bezug auf die eigene Situation
Perspektivenwahrnehmung:
Zeitliche, räumliche, soziale, konfessionelle und ideologische Perspektiven feststellen
.
.
Urteilen:
Sachurteile fällen; Ambivalenzen und Widersprüche durch Sach- urteile lösen; über Sinnbildungen und Zeit verlaufsvorastellungen urteilen
Narrativieren:
Aus zeitdifferenten Ereignissen Verläufe herstellen; nacherzäh- len; umerzählen; Orientieren in der Zeit, Erzähltypen auf Ereig- nisse anwenden
.
Betrachterperspektive:
Sichtweisen späterer bzw. heu- tiger Betrachter auf Vergangen- heit feststellen; Erkenntnis und Interesse reflektieren
.
.
Werten:
Kenntnisse, Erkenntnisse, Erzäh- lungen und Sinnbildungen bewer- ten; eigene moralische und ethische Maßstäbe anwenden; Auskunft geben können über die eigenen Wertvorstellungen
(Geändert nach: Hans-Jürgen Pandel: Alte Sünden und neue Entwicklungen. Quellenin-terpretation im Geschichtsunterricht. In: Friedrich Jahresheft XV (1997) S. 63 - 67; S. 65.)

 
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