Fachmethoden Wirtschaft/Politik
 

Politische Karikaturen analysieren 2: 

Feindbilder


Bei Feindbildern in Karikaturen handelt es sich im engen, prägnanten Sinne um Kombinationen aus stereotypen Charakterbildern, Kollektivsymbolik und bestimmten Subjekt-Situationen.
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Abb. 1: Murschetz: Ohne Worte. 

 
1. Stereotype Charakterbilder

Schauen wir uns die folgende Khomeini-Karikatur (Abb. 1) an: Khomeini als Blinder, der sich mit einer Fackel den Ölfässern, bei denen wir gleichzeitig die berühmten Pulverfässer assoziieren, nähert. Hinter den Fässern "schlottern" vor Angst die Scheichs und Uncle Sam. Bei den "Guten" erblickt man (links) übrigens auch Saddam Hussein: So ändern sich die Zeiten! Khomeini kommt aus schwarzer Nacht, dem stereotypen Symbol des Finsteren Mittelalters und des religiösen Fanatismus, aber auch des Wahnsinns bzw. Irrsinns und der Um-Nachtung. Das Feuer symbolisiert ebenfalls Fanatismus, gekoppelt mit Revolution und Krieg. Der sogenannte "Charakter" eines Fanatikers ist also ein in unserer Kultur ungemein wirksames Feindbild. [...] Wie erklärt es sich, daß Khomeini als einzelner gegen sechs gegnerische Gestalten gesetzt ist und dennoch supergefährlich wirkt? Jeder Fanatiker ist symbolisch stets eine unabsehbare, sich wimmelnd vermehrende Masse, der gegenüber alle nicht-fanatischen "Charaktere" stets symbolisch unterlegen wirken. Dabei kommt die Kollektivsymbolik ins Spiel. Als erster Bestandteil des Feindbilds erwies sich also ein extrem negatives stereotypes "Charakterbild". - 
 

2. Kollektivsymbolik

Als zweiter Bestandteil kommt die Kollektivsymbolik hinzu: Nacht, Blindheit, Öl, Feuer, Explosions- gefahr. Das sind einzelne Elemente aus einem Reservoir von Kollektivsymbolen, das in seiner Gsamtheit so etwas wie eine äußerst wichtige, vor allem die Affektivität und die Subjektivität ansprechende Begleitstimme aller Mediendiskurse und besonders der politischen bildet. Ich muß das etwas näher erklären.

Tendenziell gilt heute, daß keine politische Aussage mediengerecht ist, wenn sie nicht symbolisch kodiert ist. Das Europäische Haus war bekanntlich ein Unding, solange durch seine Deutsche Wohnung eine Stacheldrahtmauer lief. Als Bewegung in die Dinge kam, verwandelte sich das Europäische Haus in den Europäischen Zug, dessen deutsche Waggons aneinandergekoppelt werden sollten. Als aber das Tempo zunahm, verwandelte der Europäische Zug sich wiederum in Kohls Deutsches Auto, dessen Fahrer Vollgas gab usw. Massenpolitik und Medienpolitik denkt in Bildern, ließe sich sagen. So entstehen mythische Geschichten mit ihrer Eigenlogik. [...]

Bei Feindbilder spielt die Möglichkeit des Systems eine wesentliche Rolle, im Sinne einer schematisch zweigeteilten, dualistisch nach Schwarz und Weiß, nach Freund und Feind entgegengesetzten Struktur benutzbar zu sein. [...] Vor dem Ende des Ost-West-Konflikts kann der Westen (etwa auf Karikaturen oder in bildlicher Rede) ein Flugzeug sein, das sich durch die Turbulenzen einer Wirtschaftskrise oder terroristischer Bedrohungen bewegt. Es kann ebenso ein Auto, ein Haus, ein Schiff oder eine Fußballmannschaft sein. Immer ist es im übrigen unser eigener Menschen-Körper. Wesentlich ist dabei stets, daß die Grenzen gegenüber dem Chaos draußen vor der Tür durch einen symbolischen Grenzschutz geschützt sind.

Das außersystemische Chaos kann entsprechend den symbolischen Körpern oder Vehikeln aus Bazillen, Viren, Giften, Fluten, Wüsten, Stürmen, Bränden, Ungeziefer usw. bestehen. Entscheidend dabei ist nun, daß das eigene System stets Subjektstatus besitzt, "Subjekt" im engen Sinne einer autonomen, zurechnungsfähigen, quasijuristischen Person, eines Rechts-Subjekts genommen. Es ist ein Körper mit Kopf, der sich Therapien gegen die Krankheit überlegen kann; es ist ein industrialistisches Vehikel mit Fahrer, der den Fuß vom Gas nehmen kann, es ist ein Haus mit vernünftigen Bewohnern, die dieTür zumachen können usw. Dieser Subjektstatus gilt prinzipiell auch für das östliche Gegen-System, nicht aber für das außersystemische Chaos als solches. Dieser Unterschied nun ist nach meinen Untersuchun- gen fundamental für die Konstituierung zweier gänzlich verschiedener Gruppen von Feindbildern: solcher mit und solcher ohne Subjektstatus.

Nur einzelne oder Gruppen, die symbolisch dem System mit Grenze zugeordnet sind, fallen symbolisch unter die Spielregeln. Nur mit ihnen kann so gespielt werden, daß sie selber dabei verantwortlich mitspielen können; je nach Lage Fußball, Schach oder Krieg. Einzelne oder Gruppen dagegen, die symbolisch dem außersystemischen Chaos zuge- ordnet sind, sind symbolisch nicht Partner und nicht einmal Gegner, sie scheiden als Mitspieler von vornherein aus, stehen außerhalb der Spielregeln, die symbolisch nur für Systeme gelten. Eine Rattenmasse z. B. besitzt keinen Subjektstatus, während auf der anderen Seite selbst der Teufel Subjektstatus besitzt. Eine Unzahl witziger Märchen zeigt daher, wie man den Teufel mittels geschickter Verträge übers Ohr hauen kann.

Aufgrund meiner Analyse von Karikaturen glaube ich sagen zu können, daß zumindest seit geraumer Zeit die östlichen Gegner von unserer hegemonialen Kultur nicht als subjektlose Bazillen, Krebszellen oder Ungezieferschwärme, auch nicht als Irre verbildlicht wurden, sondern als gerissene Poker- bzw. Schachspieler, schlimmstenfalls eben als Teufel mit menschlichen Zügen. Darin unterschieden sich bestimmte in der Dritten Welt zu situierende Feindbilder grundsätzlich von den östlichen. [...] Subjektiv bzw. sozialpsychologisch gesehen bestanden höhere Kriegsrisiken gegenüber der Dritten als gegenüber der östlichen Welt.

Betrachten wir nun noch einmal die Khomeini-Karikatur (Abb. 1): Mit den Elementen Feuer, Pulverfaß, Nacht/Blindheit und Irrsinn realisiert sie gleich vier Kollektivsymbole für das subjektlose, außer- systemische Chaos auf einmal. Der "Charakter" Khomeinis wird dadurch symbolisch ein Teil außer- menschlicher, subjektloser Gefahrenprozesse. Er repräsentiert in Wahrheit eine Masse von bedrohlich anrückenden Fundamentalisten, die aber eine Feuer-Flut sind, mit der nicht verhandelt werden, die bloß gelöscht werden kann. Solche Feindbilder fordern also symbolisch ein rein technisches Verhalten - ein Dialog mit ihnen wäre symbolisch absurd.
 


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Abb. 2: Murschetz: Ohne Worte

 
3. Subjektsituation

Ein drittes, nun noch nachzutragendes Element der Karikatur bildet schließlich die Subjekt-Situation. Damit meine ich nicht die Situation Khomeinis, sondern die imaginäre Situation, in die das Bild den Betrachter versetzt. "Der blin- de und irre Khomeini kommt mit dem Feuer auf uns, auf mich zur!" - eine Subjektsituation höchster Lebensbedro- hung also, in der augenblicklich gehandelt werden muß. Eine Situation legitimer Selbstverteidigung des eigenen Lebens, eine Situation des Notstands und fälliger Notwehr. Nur wo Leser bzw. Leserinnen imaginär in diese Art Situ- ation versetzt werden, läßt sich meines Erachtens wirklich von subjektiver Kriegsvorbereitung durch die Medien sprechen [...]. Die Komponente Subjekt-Situation ist deshalb so wichtig bei Feindbildern, weil sie individuell rezipierbar ist. Während der sogenannten ersten Ölkrise 1973/74, als übrigens die heute positiv gesehenen Scheichs als Feindbilder fungierten, wurden auf vielen Karikaturen westliche Politiker auf Knien vor Scheichs oder Mullahs gezeichnet (Abb. 2). Das ist die klassische Situation der Demütigung, verstärkt durch die erzwungene "islamische" Gebärde. Der entsprechende Mechanismus erscheint "logisch" (und jeder und jede kann sich spontan einfühlen): Wer auf die Knie gezwungen wurde, muß sich erheben. (Wobei der konkrete Sinn dieser individuellen Geste z. B. der Einsatz einer Eingreiftruppe oder ein Bombardement wie gegen Tripolis ist.)

Eine höchst wichtige Funktion der bedrohlichen Subjekt-Situation besteht ferner darin, daß das symbolische Feindbild wie ein superscharfes Fernrohr wirkt: es nähert die Bedrohung auf Hautnähe an, holt die Tausende von Kilo- metern entfernten Fanatiker ins Wohnzimmer hinein. Dieser Effekt wird durch die Kollektivsymbolik "unseres" Körpers verstärkt, dessen Lebenslinien bzw. Schlagadern angeblich durch den Persischen Golf laufen. "Saddam Hussein hat seinen Krummdolch an die Halsschlagader der westlichen Industriegesellschaften gesetzt", schrieb etwa Theo Sommer Leitartikel der Zeit vom 31. 8. 1990. [...]
 


4. Symbolisches Grundschema

Das symbolische Grundschema in Karikaturen besitzt drei konstituierende symbolische Achsen: Die horizontale Achse symbolisiert das Gleichgewicht unseres Systems zwischen links und rechts um die Mitte. Diese Symbolik der Waage schließt Ausgewogenheit, Pluralität, Vernunft und Berechenbarkeit ein. Die vertikale Achse ist hierarchisch, sie entspricht der vertikalen Dominanz des Kopfes über die unteren Körperteile, d. h. der Vernunft über die Triebe usw. Unten ist es symbolisch dunkel, oben dagegen hell. Die dritte, dynamische Achse ist die Achse der Bewegung nach vorwärts, mit den Assoziationen Fortschritt, Aufschwung usw. Es zeigt sich nun, daß insbesondere der sogenannte islamische Fundamentalismus von unserem Symbolsystem auf allen drei Achsen den schwärzesten Peter erhält: Er ist unberechenbar, er kommt von unten hoch. Er bringt Fluten schwarzer Kopftücher gegen den Westen in Bewegung. Vor allem aber will er auf der dritten Achse zurück ins finstere Mittelalter.
 


5. Zusammenfassung

Wie man sieht, funktionieren also Feindbilder wie "Khomeini" sozusagen gleichzeitig auf mehreren Stufen: Rudimentär werden sie zunächst [erstens] vom Kollektivsymbolsystem als Teil des subjektlosen Chaos kodiert, zudem als unberechenbar, als schwarze Flut und als rückwärtsgewandt Diese Symbolik kann zweitens konkretisiert werden durch Elemente wie Wüste, Feuer, Wahnsinn. Und darüber kann sich drittens eine negative Kulturtypologie stülpen (Orient als Bereich der Gegen-Vernunft und des Wahnsinns, des unzurechnungsfähigen Fanatismus). [...]

(Jürgen Link: Feindbilder in Zeitungstexten und Karikaturen. In: Frankfurter Rundschau vom 16. Januar 1991, S. 18.)


 
 
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