Fachmethoden Geschichte
 
 

Historische Werturteile überprüfen



 
 
 
 

Text 1

Was ist ein Werturteil?

Es gibt unter den Wissenschaftstheoretikern die Auffassung, daß auch das sogenannte historische "Faktum" nicht an und für sich bestehe, sondern erst durch das erkennende Subjekt "geschaffen" werde. Hier kommt es auf eine Verständigung über den Begriff "Faktum" an. Niemand wird leugnen, daß die Bastille vor dem 14. Juli 1789 noch, stand und danach nicht mehr. Dieses Faktum kann intersubjektiv nachgeprüft werden, und jedes erkennende Subjekt, gleichgültig, von welcher Position es ausgeht, muß es anerkennen. Diese Fakten oder Sachaussagen sind der "Rohstoff", die Grundlage jeder historischen Erkenntnis, an denen kein Forscher vorbeikommt. Aber schon, wenn gesagt wird: "Die Bastille wurde vom Volk von Paris erstürmt, weil das Volk einem aristokratischen Komplott, also der Gegenrevolution, zuvorkommen wollte" (Soboul), wird ein historisches Sachurteil ausgesprochen, das auf einer bestimmten Auswahl, Verknüpfung und Deutung der Fakten beruht. Fays Sachurteil würde - zusammengefaßt - lauten: "Die Bastille wurde von einem aufgehetzten und blutgierigen Pöbel erstürmt, hinter dem als geheimer Drahtzieher der Herzog von Orléans stand. Damit wurde der König gehindert, wieder Ruhe und im Lande herzustellen." Beide Sachurteile müssen durch Tatsachen belegt werden können. Auf der Ebene dieser Sachurteile spielt sich die wissenschaftliche Diskussion ab. Es kann "bessere" oder "schlechtere" Urteile geben, je nachdem, wie gut oder schlecht sie durch Fakten abgestützt werden können. Aber welches Gewicht den einzelnen Fakten zukommt, welche ausgelassen werden können (bei Soboul etwa die Bluttaten anläßlich der Erstürmung der Bastille, bei Fay Angaben darüber, wer "das Volk" eigentlich war), welches die geheimen Motive, die Gesamtkonstellationen, die Interessen waren, die zu einem bestimmten Ereignis geführt haben, wird sich. nie mit völliger Sicherheit bestimmen und rekonstruieren lassen. Insofern bleibt ein Erklärungsspielraum und ein Spielraum für divergierende Deutungen. So ist es möglich, daß Wissenschaftler, von denen jeder ernsthaft geforscht hat und keiner bewußt lügt, zu verschiedenen Darstellungen kommen. Der Erklärungsspielraum läßt es nicht nur zu, sondern macht es unvermeidlich, daß Werturteile bewußt oder unbewußt durch die Art der Auswahl, Anordnung und Formulierung in die Darstellung eingehen. [...]

Um fremde und eigene Wertungen besser durchschaubar und auf ihre Prämissen hin überprüfbar zu machen, ist es nötig, divergierende Wertungen zu bestimmten, besonders umstrittenen Vorgängen vorzulegen und sie zu problematisieren. Als Beispiel können Beurteilungen der sogenannten "Schreckensherrschaft" aus der Sicht dreier Historiker dienen. Gaxotte sieht - im Anschluß an Taine - im Terror einen Ausbruch des Sadismus und des Untermenschentums, etwas Verabscheuungswürdiges und Nichtentschuldbares. Soboul steht auf der Seite der Revolutionäre und bejaht den Terror im Prinzip als "kriegssnotwendige Maßnahme". Moore schließlich versucht den Terror in einen größeren Rahmen zu stellen, in die ganze Geschichte der Unterdrückung und der dadurch hervorgerufenen berechtigten oder doch verständlichen Aggressionen. Er sagt, daß "normale" Zeiten im Grunde nicht "menschlicher" sind, weil sie eine Reihe von unnötigen Menschenopfern gedankenlos und wissentlich in Kauf nehmen. Hauptzweck der Auseinandersetzung der Schüler mit diesen Urteilen ist es, zu einer differenzierten Sicht des Terrors zu kommen und sich die Parteilichkeit jedes Urteils, auch des eigenen, bewußtzumachen. Ob die Ermordung, Unschuldiger hingenommen werden muß, oder ob sie prinzipiell abgelehnt wird, um welchen Zieles willen und in welcher Situation auch immer, ist keine historische, sondern eine politisch-ethische Frage. 

(Margarete Dörr: Sachaussage - Sachurteil - Werturteil.)
 
 


Text 2

Kriterien eines historischen Werturteils

1. Beruht das Urteil auf einem ausreichenden Maß an Wissen?

Denkerziehung wirkt dein entgegen. Wann das Wissen definitiv ‚ausreichend' ist, wie oben gefordert wurde, kann nicht ein für allemal gesagt werden. Die Geschichte der Historiographie zeigt, daß wir letztlich nie genug wissen. Für den Geschichtsunterricht aber wird es genügen, der Urteilsbildung durch Anbieten konträrer Informationen die Anstrengung einer Denkleistung abzuverlangen und nicht etwa durch das einseitige Angebot von Material das Ergebnis vorwegzunehmen. Nun gibt es Wertungen über Phänomene der Geschichte, die zwar von einer Wissensfülle ohnegleichen getragen sind, die trotzdem nicht den Rang abgewogener Urteile beanspruchen können, da sie von einem vorgegebenen und unerschütterlichen Standpunkt aus gefällt wurden und sich daher auf die Eigenart des betrachtenden Phänomens überhaupt nicht eingelassen haben. Man denke zum Beispiel an die konfessionelle Geschichtsschreibung (an katholische Darstellungen über Luther oder lutheranische Darstellungen aber das Papsttum), die erst in neuerer Zeit versucht, dem Gegenstand der Aufmerksamkeit ‚gerecht' zu werden. Zum Wissen über die Geschichte muß also ein zweites kommen das Verstehen. Die nächste Frage lautet daher:
 

2. Ist der Urteilsbildung eine Phase des sachlich objektiven Eingehens auf die jeweilige historische Individualität vorangegangen?

Die Antinomie zwischen einem fast grenzenlos toleranten Verstehen und dein dezidierten Werten gehört zu den Hauptmerkmalen jeglichen geschichtlichen Denkens. Das Werturteil kann erst dann als erhärtet gehen, wenn es durch das Feuer einer möglichst wertfreien, die Historie aus sich selbst heraus betrachtenden Analyse gegangen ist. Der Urteilende muß sich wenigstens vorübergehend mit dein Objekt seiner Betrachtung identifiziert haben. [...]

Die Notwendigkeit der Berücksichtigung von Zeitumständen wird den Schülern einsichtig, wenn man einmal denselben Tatbestand in verschiedenen Epochen untersucht, z. B. Sklaverei in der Antike, im 18. bis 19. Jahrhundert und in der Gegenwart. Die Empörung über Sklaverei in der Neuzeit (oder über Zustände, die der Sklaverei ähneln, und diese werden immer wieder bekannt) hat ihre volle Berechtigung. Als Reaktion auf die Zustände in der Antike wäre sie verfehlt, da damals "der Stand der Sklaven" zu festen und unbezweifelten Institutionen von Staat und Gesellschaft gehörte. Hier wäre also nach den Fortschritten innerhalb der Epoche zu forschen. Entsprechendes gilt etwa für Glaubensfanatismus und Folter. [...]

Der Maßstab für das Werturteil muß also der Epoche selbst entnommen oder zumindest durch diese mitbestimmt sein. Der Maßstab des Urteilens oder der Standort des Urteilenden muß ferner bewußt und klar definiert sein. Keine Epoche ist ein in sich geschlossenes Gebilde mit ganz einheitlichen Wertmaßstäben. Immer gibt es verschiedene, miteinander konkurrierende Wertungsmöglichkeiten, und unter diesen muß gewählt werden, auch in der Gegenwart. Die Wahl muß ein Akt der bewußten Entscheidung und nicht des intuitiven Meinens sein. Die nächste Frage lautet daher:
 

3. Ist dem Werturteil eine Phase des Abwägens und Vergleichens mehrerer Güter und Standorte vorangegangen?

Im Urteil dürfen keine wesentlichen Seiten des Problems und keine Folgen der Entscheidung unberücksichtigt bleiben. Schüler müssen mit Hilfe eines ausreichenden Vorrats an Informationen und aufgrund der im Unterricht angeregten "Bedenken" ihre Entscheidung in Relation setzen können zu anderen möglichen Entscheidungen und Wertsetzungen. Das ist ein hoher Anspruch, doch ohne dieses Richtziel sind wir in Gefahr, der dogmatischen Irrationalität und der bedenkenlosen Gewalt in unserer heutigen Welt Vorschub zu leisten. [...]
 

4. Sind die im Urteil verwendeten Begriffe von historisch konkreter Anschauung getragen definitorisch exakt genug? 

Es bedarf hierzu keiner langen Ausführungen. Jeder Student der Geschichtswissenschaft lernt rasch, wie viele Bedeutungen zum Beispiel der Begriff "Freiheit" hat. Es gibt im geschichtlichen Denken keine absolute, sondern immer nur eine relative Freiheit, eine Freiheit von einem bestimmten Zwang oder in bezug auf bestimmte gesellschaftliche Zustände. Das Urteil kann daher immer nur lauten: Für diese damals mögliche Art von Freiheit hat dieser oder jener keinen Beitrag geleistet. [...]

Auch idealtypische Verkürzungen, welche die Vielfalt auf den Begriff bringen und "der" Kommunist und "die" Gesellschaft, "das" Mittelalter und "das" Abendland sagen, sind unter diesem Aspekt, wenn auch unerläßlich für die Verständigung, mit Skepsis zu betrachten. Ihre Verschwommenheit muß in Prozessen der Denkerziehung immer wieder entlarvt werden. 

(Peter Schulz-Hageleit: Wie lehrt man Geschichte heute? Heidelberg 1973. S. 67 - 71.)
 


 
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