Fachmethoden Geschichte
 

Interpretation von Banknoten
 

1. Die One-Dollar-Note
 

Einleitung


Obwohl die ONE-Dollar-Note wesentlich jüngeren Datums ist - sie blieb in ihrer Gestaltung seit 1935 bis heute unverändert -, gibt sie dem Betrachter dennoch eine Möglichkeit, Schlußfolgerungen über Grundanschauungen und das Selbstverständnis der 1776 gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika zu ziehen. Denn bei der Gestaltung der Banknote entschieden sich die Künstler des 20. Jahrhunderts für Motive aus der Frühzeit der Union. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit haben sich die Gestaltung der Banknoten und ihre Motive kaum verändert; so zeigen die Vorderseiten fast aller Notenwerte das Porträt berühmter Amerikaner, seltener dagegen allegorische Szenen. Zu den abgebildeten Persönlichkeiten zählen nicht nur namhafte amerikanische Politiker, Richter und Präsidenten, sondern auch der Sioux-Indianerhäuptling Onepa auf der 5-$-Note des Jahres 1899 - ein Hinweis auf die Geschichte Amerikas vor der Kolonisation durch die Europäer. Die Rückseiten erinnern an große Ereignisse aus der Amerikanischen Geschichte, die entweder selbst - wie die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung - abgebildet werden, oder es weisen Abbildungen von Denkmälern wie das Lincoln-Monument oder die Independence Hall auf politisch bedeutsame Ideen wie Unabhängigkeit, Gleichheit oder Freiheit hin.

Das Format ist bei allen Noten gleich. Bis 1928 gab es die großformatigen Scheine (188 x 79 mm), die im Volksmund auch horse-blankets, Pferdedecken, genannt wurden. Danach reduzierte man das Format einheitlich auf 156 x 66 mm. Die Bezeichnung Greenback, mit der auch heute noch alle sich im Umlauf befindlichen amerikanischen Geldscheine benannt werden, geht auf das Jahr 1857 zurück. In diesem Jahr entwickelte der Erfinder Dr. Thomas Sterry Hunt eine fälschungssichere grüne Farbe zum Drucken, die seitdem auf der Rückseite der Scheine zu finden ist, während die Vorderseite schwarz gedruckt wird.

Vorderseite



 
Die Vorderseite der ONE-Dollar-Note zeigt in einem Medaillon das Porträt George Washingtons (1732 - 1797). (Aufgrund der großen Ähnlichkeit zwischen Gemälde und Porträt dürfte als Vorlage eines der vom Bildnischronisten dieser Zeit, Gilbert Stuart (1755 - 1828), angefertigten Porträts von George Washington aus den Jahren 1795 - 1796 gedient haben. Verwiesen sei an dieser Stelle auf das Porträt Washingtons in Boston/Massachusetts im Museum of Fine Arts aus dem Jahre 1796.) Als Oberbefehlshaber führte er die vereinigten amerikanischen Streitkräfte im Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien, 1787 amtierte er als Präsident des Verfassungskonventes in Philadelphia und wurde 1789 zum ersten Präsidenten gewählt. 1797, nach einer zweiten Amtsperiode verzichtete er auf eine erneute Wiederwahl. Nicht nur die 1790 gegründete Hauptstadt, sondern auch ein Bundesstaat im Nordwesten der USA tragen seinen Namen. 1800 bezog die Unionsregierung in Washington D.C. ihren Regierungssitz; wenige Monate später zog John Adams als zweiter Präsident in das soeben fertig- gestellte Weiße Haus ein.

Das grüne Siegel des Schatzamtes (Department of Treasury) wurde 1789 von Francis Hopkinson' entworfen und im selben Jahr vom Kongreß angenommen. Es zeigt ein Wappen mit Sparren, der das Wappenfeld in zwei Teile aufgliedert. Das untere Feld zeigt einen Schlüssel, das Zeichen für Sicherheit, das obere eine Waage, die symbolisch für die Gerechtigkeit steht. Bis 1968erschien das lateinische Spruchband THESAUR(I) AMER(ICAE) SEPTEN-T(RIONALIS) SIGIL(LUM), das Siegel des Schatzamtes von Nordamerika.

Viermal erscheint das Zahlzeichen 5; zusammen mit dem Kennbuchstaben "E" auf der linken Seite des Porträts weist es auf die Ausgabestelle der Banknote hin, die Federal Reserve Bank of Richmond, eine der ingesamt 12 auch heute noch bestehenden Reserve-Banken in Amerika. Siegel, Seriennummer mit Kennbuchstaben und zwei Unterschriften geben der Banknote ihren Dokumentencharakter; durch sie wird sie zum gültigen und anerkannten Zahlungsmittel. Lorbeerzweige auf Guillochengrund schmücken als einzige ornamentale Bildelemente die sonst sehr nüchtern gestaltete Vorderseite des Geldscheines

Rückseite



 
Die Rückseite der Banknote zeigt das große Staatssiegel der Vereinigten Staaten von Amerika (The Great Seal). Es gleicht in seiner Ausführung einer Münze und zeigt Vorder- und Rückseite, die auf der Banknote in umgekehrter Reihenfolge abgebildet sind. Die Siegelvorderseite - auf der rechten Seite des Geldscheines - geht auf einen Entwurf von Charles Thomson' zurück; die Rückseite entwarf William Barton9. Am 20. Juni 1782 nahm der Kongreß dieses Wappen als Bundeswappen und Hoheits- zeichen der Vereinigten Staaten von Amerika an. Auf Geldscheinen erschien es 1907 zum ersten Mal als Teilmotiv auf der Rückseite des 20-$-Gold Certificate; seit 1935 findet man es auf der Rückseite der ONE-DollarNote.

Die Vorderseite des großen Staatssiegels zeigt einen am weißen Kopf und weißen Schwanzfedern erkennbaren Weißkopfadler, der gleichzeitig auch als Wappentier der Vereinigten Staaten von Amerika geführt wird. Er trägt einen Brustschild mit Schildhaupt und darunter dreizehn, abwechselnd weiße und dunkle Streifen, die in der heraldischen Fachsprache als Pfähle bezeichnet werden. Im rechten Fang hält er einen Öl-zweig mit dreizehn Blättern, im linken ein Bündel von dreizehn Pfeilen. Im Schnabel trägt er ein Schriftband mit der Devise E Pluribus Unum, aus Mehreren Eins. Über dem Adler schweben in einem dunklen Feld dreizehn Sterne innerhalb eines von Wolken umgebenen Glorien- scheins. Die Streifen, die Ölbaumblätter, die Sterne, die Pfeile, jeweils dreizehn an der Zahl, und der Leitspruch, der ebenfalls aus dreizehn Buchstaben besteht, beziehen sich auf die dreizehn Kolonien, die am 4. Juli 1776ihre Unabhängigkeit von Großbritannien erklärten und damit den Grundstein für den neuen Bundesstaat legten. Das Schildhaupt wird als der Ehrenplatz im Schilde angesehen und repräsentiert demnach den Kongreß als Zentralregierung der Vereinigten Staaten von Amerika. Im Original ist die Farbe des Schildhauptes blau und steht symbolisch für den Schutz des Himmels über den neuen Staatenbund. Zusammengehalten werden die einzelnen Staaten, im Wappen als helle und dunkle Streifen (im Original rot und silberfarben) wiedergegeben, von ihrem Haupte, dem Kongreß. jeder Staat hilft, die anderen zusammenzuhalten und so den Bund zu schützen. Diese Bedeutung wird unterstrichen durch das Pfeilbündel und den Leitspruch, die beide symbolisch für Geschlossenheit stehen, die die größte Kampfkraft verleihen soll. Als Schildhalter wählte der Künstler den Adler, um die Souveränität der amerikanischen Regierung zu unterstreichen. Als König der Vögel ist der Adler durch die Jahrhunderte als Symbol von oberster Autorität, Macht, Stärke und Adel angesehen worden. Im Wappen der Vereinigten Staaten bezeichnet er die Macht und die Autorität des Kongresses. Ölzweig und Pfeile in den Klauen des Adlers stehen für Frieden und Wehrhaftigkeit der neuen Nation; die Pfeile, das indianische Symbol des Krieges, versinnbildlichen zudem die Entschlossenheit, mit Waffen- gewalt gefährdete Rechte und Freiheiten zu verteidigen, die in der amerikanischen Verfassung garantiert werden. Wenn die Vereinigten Staaten auf ihrem Siegel und ebenso auf ihrer Flagge die ursprünglich dreizehn Staaten in Sternen ausdrücken, so sei darauf verwiesen, daß das Abzählsystem mittels Sternchen schon auf Truppenfahnen des Dreißigjährigen Krieges erfolgte.

Die Rückseite des Siegels zeigt eine dreizehnstufige Pyramide vor einer sich endlos erstreckenden Landschaft. Ein Auge, inmitten eines von Sonnenstrahlen durchfluteten Dreiecks, bildet die Pyrami- denspitze. Es handelt sich um das aus der christlichen lkonographie bekannte Symbol der göttlichen Dreifaltigkeit. Die Pyramide, ein Sinnbild der Stärke und Beständigkeit, sei, so eine amerikanische Interpretation des Siegels, nicht vollständig, der Schlußstein, die Spitze fehlt noch; es sei ein Zeichen dafür, daß die Vereinigten Staaten noch im Begriff seien, zu wachsen und noch größer zu werden. Unter dem Auge Gottes sollen geistige Entfaltungsmöglichkeit, Bildung und Freiheit der Wissenschaft gewährleistet sein. In Europa fand die Kombination Pyramide und Auge vor allem in der freimaurerischen Symbolik" Anwendung; in vielen Logen ist das "Allsehende Auge" über dem Stuhl des Meisters angebracht und erinnert an die alle Geheimnisse durchdringende Weisheit und Wachsamkeit des Schöpfers, des "ßaumeisters aller Welten". Römische Zahlen in der ersten Stufe der Pyramide erinnern an das Jahr der Unabhängigkeitserklärung.

Die Aufteilung in einen irdischen (Pyramide und Landschaft) und einen himmlischen, göttlichen Bereich (Auge Gottes und Himmel) wird von zwei Leitsprüchen wieder aufgenommen. Annuit coeptis, er (Gott) zeigt sich unseren Unternehmungen geneigt, bezieht sich auf die himmlische Sphäre und unterstreicht das Selbstvertrauen der Amerikaner in die eigenen Fähigkeiten und die Vorstellung, daß Gott dieser neuen Nation seine Gunst erweist. [...]

Auf Erden wurde eine neue Nation geboren - dieser Gedanke wird von einem zweiten Spruchband unterhalb der Pyramide, in der irdischen Sphäre, aufgegriffen: Novus Ordo Seclorum, die neue Ordnung der Zeiten. Auch für dieses Motto läßt sich ein Vergil-Zitat anführen. So prophezeit Vergil in seiner berühmten 4. Ekloge eine Zeitenwende, einen neuen Kreis der Zeitalter, der mit der Wieder- geburt und dem Neubeginn des einst vergangenen Goldenen Zeitalters unter dem Herrscher Augustus seinen Anfang nehmen wird. [...] In Analogie bricht mit der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika ein neues Zeitalter an; eine Ära, in der die angebotenen Menschenrechte, life, liberty and tbe pursuit of happiness eine Selbstverständlichkeit sein sollen und menschliche Glückseligkeit auf der Grundlage von Chancengleichheit verwirklicht werden kann. Seit Beginn der Kolonisation Amerikas war der Gedanke bestimmend, in der "Neuen Welt" eine vorbildliche religiöse, politische und gesellschaft- liche Ordnung schaffen zu wollen. Mit der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika sind die staatlichen und politischen Rahmenbedingungen für die Verwirklichung dieser Idee aufgestellt. Damit ist das neue, nun anbrechende Zeitalter gleichzeitig eine klare Distanzierung von der "Alten Welt", die durch Tyrannei, Despotismus und soziale Ungerechtigkeit [...]. In späterer Zeit, beginnend mit der großen Wanderbewegung in den Westen bis zu den Küsten des Pazifischen Ozeans und der Eroberung von Mexiko, erwächst aus diesen Gedanken die Vorstellung einer Mission Amerikas, nicht nur die eigene Nation, sondern die gesamte Menschheit zu Vernunft und Fortschritt führen zu müssen. Als manifest destiny, offenkundige Bestimmung, wird diese Überzeugung im 19. Jahrhundert in die amerikanische Geschichte eingehen.

Indem mit Ausnahme des Leitspruches In God we trust ausschließlich lateinische Zitate verwendet werden, stellten sich die Künstler in die Tradition der Münzprägung, wie sie in Europa seit der Antike üblich war. Im Zeitalter des Federal Period, wie diese Epoche von 1776 - 1825 genannt wird, greifen sie, wie viele Künstler und Dichter dieser Zeit, auf die großen Vorbilder der Antike, auf die Griechen und Römer zurück. Gleichzeitig sehen sie in der amerikanischen Verfassung, im Novus Ordo Seclorum, eine Weiterentwicklung und Verwirklichung von Ideen, die das staatspolltische Denken der Griechen und Römer hervorgebracht hat.

In der Architektur erfuhr die griechische Kunst eine Wiedergeburt und ging als greek revival in die amerikanische Kunstgeschichte ein. Jeffersons Monticello war von römischen Bauten und Idealen inspiriert; dasselbe gilt für die wesentlichen Teile des Kapitols (selbst ein römischer Begriff!); neuhellenistische Züge zeigt dagegen das von Benjamin Latrobe gebaute Repräsentantenhaus. Griechische Staatstheoretiker, wie Aristoteles und Polybios, beeinflußten die Gründerväter, als sie 1787 die Verfassung aufsetzten, wie schon allein die Häufigkeit belegt, mit der klassische Zitate und Parallelen in der Verfassungsdebatte der Federalists benutzt werden. Das große politische und verfassungsrechtliche Vorbild Amerikas aber sollte Rom sein. So äußert sich einer der Verfassungsväter, John Corbin: "Unsere Verfassung basiert theoretisch auf Aristoteles und wurde in Rom erfolgreich in die Praxis umgesetzt." 

(Desireé Barlava: "Novus Ordo Seclorum - Die Geburt unserer Nation war der Beginn einer neuen Geschichte. Selbstverständnis und Selbstdarstellung der Amerikaner im Spiegel der ONE-Dollar-Note. In: GWU 51. Jg. (2000) S. 702 - 708.)
 


 
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