Thomas Gransow
Dr. Dirk Dähnhardt
 

Dublin and the Boyne Valley
 

Problemstellung und Themen



 
 

Christoph Henning
Die Mythen des Tourismus

Jede Kultur hat ihre imaginäre Geographie. Seit jeher berichten Märchen und Mythen von geheimnisvollen Wäldern, magischen Quellen, göttlichen Bergen, verderbenbringenden Schluchten. Der Olymp, die Inseln der Seligen, die elysäischen Gefilde, der Hades, die Hölle wurden als Orte der physischen Welt vorgestellt. Nur konnte man sie nicht bereisen. Nicht alle Orte waren jederzeit erreichbar.

Das hat sich geändert. Heute ist fast die gesamte Erdoberfläche zugänglich. Für Phantasiebereiche scheint kein Platz mehr zu sein. Der Olymp läßt sich besteigen, und man kann durch Augenschein feststellen, daß kein Gott dort wohnt. jenseits der Säulen des Herkules erstreckt sich der Atlantik, und wenn man lange genug weiterfährt, kommt man nach Amerika. Die Räume der Imagination scheinen verloren, die Welt entzaubert.

Dennoch existiert auch in der Moderne eine symbolische Geographie - eine Weltvorstellung, die von Projektionen, Wünschen und Phantasien geprägt ist und in der sich intensive Emotionen mit den Bildern geographischer Orte verbinden. Auf unseren mentalen Landkarten tummeln sich edle Wilde, blühen irdische Paradiese, strahlen Orte der Erlösung, wirken Plätze der Liebe, der Freiheit, des Todes. Wir nehmen die räumliche Welt nicht nur mit dem rationalen Blick wahr, sondern auch durch die Filter der Sehnsüchte, Ängste und Träume.

Die symbolische Geographie gehört zu den sozial geprägten Wahrnehmungsformen - zu den „Codes“, mit denen wir die Welt interpretieren. Sie schlägt sich in allen Bereichen nieder, in denen kollektive Phantasien eine Rolle spielen: in der Werbung, im Film, in der Kunst, im Tourismus. Sie bringt einige der wichtigsten modernen Mythen zum Aus-druck. Es sind „Mythen des Nichtalltäglichen“: Die imaginäre Geographie hat es nicht mit dem Vertrauten zu tun, sondern sie ist in einem fernen, unbestimmten Irgendwo angesiedelt.

Der Mythos von der unberührbaren Natur

Marlboro- und Müsli-Werbung, Reisezeitschriften und Dia-Shows, Spielfilme wie „Sieben Jahre in Tibet“ und Dokumentarstreifen leben gleichermaßen von dem vielleicht einflußreichsten geographischen Mythos der Neuzeit: dem Mythos der unberührten Natur. Ob nun der Wilde Westen dargestellt wird oder die Sahara, der Himalaya oder die Provence, immer erscheinen weite, kaum besiedelte Landschaften, aus denen die Zeichen der technischen Zivilisation konsequent verbannt sind. Die Helden setzen sich - zu Pferde, zu Fuß oder auf schwankenden Booten - unmittelbar den Naturkräften aus; allenfalls stehen ihnen urige Fortbewegungsmittel aus der Frühzeit der Technik zur Verfügung. Intakte Natur - so lautet die Botschaft - ist die Quelle des richtigen Lebens. Wenn die Sonne auf der nackten Haut brennt und der Wind durch die Haare streicht, finden Menschen zu sich selbst und ihren ureigensten Anlagen. Natur schafft Gesundheit, Energie und Selbstverwirklichung. Sie reinigt vom Dreck der Zivilisation.

Erscheint die Toskana auf den Hochglanzphotos von Reiseführern und ?zeitschriften, so ziehen Schafherden durch grüne Wiesen, schimmern Olivenbäume silbern im Gegen-licht, stehen einsame Zypressen als stumme Wächter des Landes. Da ist kein Lastwagen unterwegs, da kommt kein Mähdrescher oder Traktor ins Bild. Auf rund achthundert Photos von acht gängigen Toskana-Führern (vom „APA Guide“ über Polyglott zu Du-Monts „Richtig Reisen“) findet sich kein einziges Baugerüst, keine Fabrik, kein Wohn-block, kaum ein Neubau, kein Hochspannungsmast, kein Reklameschild. In allen Büchern zusammen werden Autos auf weniger als zehn Bildern sichtbar. Die einzige mit technischen Hilfsmitteln durchgeführte Arbeit ist der offenbar als "charakteristisch" empfundene Marmorabbau.

Nicht anders sieht es bei den meisten anderen Reiseregionen aus. Die Provence wird konsequent durch Lavendelfelder repräsentiert, Marokko durch Wüsten? und Berglandschaften. Der polnische Kunsthistoriker Jacek Wozniakowski hat das zugrundeliegende Prinzip, das so alt ist wie der moderne europäische Naturmythos, in seiner Analyse der pittoresken Sichtweise des 18. Jahrhunderts beschrieben: „In Landschaften höchsten Ranges soll es weder eine Spur des Menschen noch eine seiner Wirtschaft geben, es sei denn in Form von Ruinen.“ Heutige Reiseführer halten sich an diese Regel - nur für Schäfer, Fischer und Winzer machen sie davon Ausnahmen.

Der Mythos vom edlen Wilden

Menschen können und sollen in der touristischen Perspektive durchaus erscheinen, wenn sie im Zustand vorzivillsatorischer Unschuld verharren. Hier schlägt sich ein zweiter Mythos nieder, die Vorstellung vom edlen Wilden. Sie verband sich ursprünglich mit Südseeinsulanern und Bewohnern anderer exotischer Gegenden. Schon vor zweihundert Jahren fanden die ersten Alpentouristen aber auch bei Schweizer Bergbewohnern die sympathischen Züge unverdorbener Naturmenschen: Einfachheit und Bedürfnislosigkeit, Spontaneität und Lebensfreude, Vitalität und zwanglose Geselligkeit.

Ganz in dieser Tradition heißt es noch 1956 in einem Buch über Österreich: „Der Vor-arlberger Bauer führt ein einfaches, glückliches Leben. Feste, Hochzeiten, Festtagsfeiern und der Genuß, sich mit den Nachbarn bei Gesang und Tanz zusammenzufinden, das sind die Freuden, welche die Monotonie der langen Stunden auf dem Felde unterbrechen.“

Betrachtet man die Illustrationen heutiger touristischer Publikationen, so lächeln einem noch immer die fröhlichen Gesichter solcher schlichten und zufriedenen Menschen entgegen. Einheimische werden gern in Trachten und Kostümen dargestellt, das Feiern volkstümlicher Feste scheint eine ihrer Hauptbeschäftigungen. Der wettergegerbte, lebensfrohe Winzer oder Fischer gehört in jede Südeuropa-Reportage als zeitgenössischer Vertreter der naturverbundenen, seelisch ausgeglichenen Wilden, die unberührt blieben von Zivilisationsneurosen. Wenn in Reiseprospekten und ?büchern berufliche Tätigkeiten gezeigt werden, so sind es fast ausnahmslos vorindustrielle Arbeiten: Neben den allgegenwärtigen Fischern und Fischhändlern erscheinen Marktverkäufer, Priester, Schäfer, Töpfer. Auf sämtlichen Photos der Provence?Ausgaben von Marco Polo, Polyglott, „Merian live!“, des ADAC sowie des DuMont?Reisetaschenbuchs sieht man nur folgende Berufe: je zwei Fischverkäufer und Fischer, je einen Maler, Straßenmusikanten, Trüffelsucher, Winzer, Schäfer und Schneider.

Nun wäre es falsch, solche Wahrnehmungsmuster auf die angebliche Beschränktheit von Reisebuchverlagen zurückzuführen. Es handelt sich vielmehr um allgemein verbreitete Modelle mit einem gleichsam objektiven Gehalt: eben dem gesellschaftlich wirksamen Mythos des edlen Wilden, des einfachen, kommunikativen, spontanen Menschen außerhalb der modernen Zivilisation. Diese Bilder finden sich nicht nur in Reisebüchern, sondern auch in den Katalogen der Veranstalter, auf den Dias der Touristen, vor allem aber in den Wahrnehmungsformen und im Bewußtsein der Reisenden selbst. Der Kontakt mit dem griechischen Fischer oder dem nepalesischen Bauern bildet den immer wieder berichteten Höhepunkt vieler Reisen. Vor der naiven Stilisierung der Fremden als einfach, herzlich und spontan schützt kein politisches Bewußtsein und kein intellektueller Anspruch. „Ich hab' noch nie vorher so direkte und so offene und so herzliche und gleichzeitig so kluge Menschen auf einem Haufen erlebt wie in Kuba“, schwärmt Jutta Ditfurth in einem Rundfunkinterview über ihre Reiseerlebnisse. Walter Jens läßt in der gleichen Serie den Liebling aller Reisephotographen auftreten: „Ich hab' doch so viel Spaß an der Ausdrucksweise: ‚Pesce, pesce, pesce!‘, wenn der Fischhändler da seine Fische verkauft.“ Die Rocksängerin Jule Neigel traf die edlen Wilden in Indonesien: „Man begreift, daß zwar dieses Elend sehr groß ist, also dieses materielle Elend, aber eben der seelische Reichtum es ein bißchen ausgleicht, was kein Ersatz ist, aber als Europäer sieht man einfach da Menschen mit einer Herzlichkeit, die man hier heutzutage nicht vergleichen kann.“

Solche Wahrnehmungen knüpfen an die romantische Tradition des Reisens an, über die der Historiker Alain Corbin schreibt: „Der Reisende träumt davon, ins Alltagsleben der kleinen Fischer einzudringen. [...] Die neue Suche zielt auf ein Eintauchen in die Frische, die Unschuld, die Kraft, den strotzenden Lebenssaft dieser urtümlichen Menschen.“
 
 

Der Mythos vom Paradies

Unberührte Natur und unverdorbene Einheimische haben eines gemein: Sie stehen in einem gleichsam unschuldigen Urzustand. Dieser Urzustand aber ist das Paradies. Einst bedurfte es eines tugendhaften Lebens und mancher Jahre im Fegefeuer, um dorthin zu gelangen. Heute geht's schneller: „Die Wege ins Paradies, fundierte Reisebegleiter und eine Fülle an Geheimtips finden Sie in unserer Reisebuchabteilung“, verspricht eine süddeutsche Buchladenkette in ihrem Reiseführerprospekt. Mit der Paradiesvorstellung operiert die gesamte Reisebranche. Längst wird jede beliebige Destination in dieser Form vermarktet, bis hin zu den „tropischen Badeparadiesen“ der Freizeitparks.

Doch der Paradiesmythos stellt sehr viel mehr dar als einen bloßen Werbetrick. Im Unterschied zu den Vorstellungen der unberührten Natur und des edlen Wilden ist er zudem kein spezifisch moderner Mythos. Religionswissenschaftler wie Mircea Eliade gestehen ihm universelle Geltung zu. Der Philosoph Helmut Pleßner schreibt, der Traum vom Paradies sei anthropologisch in der „offenen Antriebsstruktur“ der Menschen fundiert. Paradiessuche steht am Anfang des modernen Reisens, sie trieb Entdecker und Kolonisatoren seit den Zeiten des Kolumbus.

Die inflationäre Paradies-Vermehrung, die wir gegenwärtig erleben, ist historisch nichts Neues. Schon im 18. Jahrhundert suchten Reisende den Garten Eden in Japan wie im Orient, in Amerika und Afrika - und selbstverständlich in der Südsee, dem Inbegriff des real existierenden Paradieses. Die Sehnsucht nach einer Welt, in der das Leiden und die Last des Daseins aufgehoben sind, bildet gewiß eines der zentralen Motive des gegenwärtigen Tourismus. Anders als in früheren Gesellschaften repräsentiert aber heute der Garten Eden nicht primär materielle Sorglosigkeit, sondern vielmehr die Abwesenheit sozialer Zwänge. Eben den Zustand außerhalb der Zivilisation, den wir auf malerische Fischerdörfer und einsame Palmenstrände projizieren.
 
 

Der Mythos der Authentizität

Religiöse Motive zeigen sich auch in der touristischen Kunstbetrachtung. Vordergründig geht es beim Besichtigen von Kunst um rein ästhetische Erfahrungen. Doch auch hier kommt ein Mythos ins Spiel: der Mythos des Authentischen. Obwohl selbst Fachleute oft gute Kopien kaum von Originalen unterscheiden können, klafft in der touristischen Wertschätzung ein Abgrund zwischen dem „Echten“ und der bloßen Nachbildung. Ehrfürchtig verharren die Besucher vor einem originalen Rembrandt oder Raffael; ändert sich irgendwann die Zuschreibung - wird das Gemälde beispielsweise als Werkstattarbeit bestimmt -, so scheint dasselbe Bild keiner Betrachtung mehr wert.

Wesentlich ist dabei zudem eher der physische Kontakt mit dem authentischen Werk als seine intensive Wahrnehmung. Besucher der Uffizien halten sich durchschnittlich sechzig Minuten in dem florentinischen Museum auf - gewiß zuwenig für ein ästhetisches Verständnis, aber genug für einen magischen Berührungskontakt. Wie religiöse Pilger suchen Kunstreisende die physische Nähe des verehrten Objekts, wie Pilger tragen sie Souvenirs nach Hause, welche die Erinnerung an den „heiligen“ Ort bewahren. An die Stelle des Kultbilds ist das autonome Kunstwerk getreten, an Stelle der Reliquien und Heiligengräber stehen die Sehenswürdigkeiten und Lebensstätten der großen Meister. Nicht anders läßt sich auch das merkwürdige Phänomen erklären, daß Geburts- und Aufenthaltsorte, ja sogar die Sterbehäuser und Gräber der berühmten Künstler zu Touristenattraktionen erster Ordnung wurden.
Aber auch am entgegengesetzten Pol touristischer Erfahrung - in synthetischen Urlaubswelten, in denen Authentizität keine Rolle zu spielen scheint und angeblich nur „künstliche“ Erlebnisse produziert werden finden sich Elemente des Mythos. In einer brillanten Analyse hat der amerikanische Anthropologe Alexander Moore gezeigt, wie Disney World in Florida nordamerikanische Mythen inszeniert: den Kult der Gründer-väter, die Idee der amerikanischen Kleinstadt, den Triumph der Technologie. Die räumliche Anordnung (beispielsweise in der Abfolge der verschiedenen Zugänge und der Ausrichtung auf ein Zentrum) und die symbolische Orientierung weisen Parallelen mit traditionellen Pilgerzentren auf, zugleich wiederholen sie die Idealform der barocken Residenz; nur heißt der Monarch hier Mickey Mouse.

„Die Touristen“, schreibt der italienische Schriftsteller Gianni Celati, „haben ein eigenes Glaubenssystem entwickelt, eine sehr komplexe Mythologie.“ Touristen reisen in der physischen Welt, zugleich aber bewegen sie sich in imaginären Räumen voller symbolischer Bedeutungen. Gemessen an rationalen Maßstäben, sind ihre Wahrnehmungen oft grotesk verzerrt. Im touristischen Blick ist Venedig die Stadt der Vergänglichkeit und der Liebe und die Provence eine Region des sinnlichen Lebensgenusses und der Kunst. Der nüchternen Analyse halten solche Bilder gewiß nicht stand. Doch das ist nicht unbedingt ein Mangel. Aus dem fast unerschöpflichen Bildervorrat der imaginären Geographie lebt ja auch die Kunst. Der Regisseur Jim Jarmusch hat in einem Interview das „Reisen auf der Landkarte der Imagination“ als Quelle der Inspiration beschrieben: „Am Anfang war der Mythos dieser Orte. New Orleans, aus einer Kombination von Südstaatenliteratur, Filmen und Musik. Memphis mehr durch Musik allein. [...] Ich habe alles, was ich mir ausgemalt habe, auch gefunden. Das war eine aufregende Erfahrung: Es war in meinem Kopf, und jetzt ist es da.“
Der Tourismus erfindet die Symbolik seiner Orte. Dabei stützt er sich auf tief verwurzelte kulturelle Muster. Fast immer sind die angeblichen Klischees der touristischen Wahrnehmung der sogenannten Hochkultur entlehnt. Sie entstanden zuerst in Romanen, Bildern, Filmen. Die touristischen Bilder entstammen dem kollektiven Fundus der imaginären Geographie ? unserer nichtrationalen Sicht der Welt, die den Sehnsüchten und Ängsten, Phantasien und Mythen Raum gibt.

(Christoph Henning: Die Mythen des Tourismus. Imaginäre Geographie prägt das Bild der Reisenden von Ländern und Menschen. In: Die Zeit Nr. 27 vom 25. Juni 1998, S. 47f.)
 
 

Die Iren: Rothaarige Mädchen ...



 

... und trinkfreudige Männer

Wenn Seamus (sprich Schämes) einen trinken will, muss er sich wohl überlegen, für wann er sich seinen Durst bestellt: solange die Fremden im Ort sind (und es sind deren nicht in allen Orten), kann er seinem Durst einige Freiheit lassen, denn die Fremden dürfen trinken, wann immer ihnen Durst kommt, und so kann auch der Einheimische sich getrost zwischen sie an die Theke stellen, zumal er ja ein folkloristisches, den Fremdenverkehr förderndes Element ist. Nach dem 1. September aber muss Seamus seinen Durst regulieren. Die Polizeistunde ist werktags um 22 Uhr, das ist schon bitter genug, denn an warmen, trockenen Septembertagen arbeitet Seamus oft bis halb zehn, manchmal länger. Sonntags aber muss er sich zwingen, entweder bis nachmittags zwei Uhr oder zwischen sechs und acht Uhr abends durstig zu sein. Hat das Mittagessen lange gedauert, kommt der Durst erst nach zwei Uhr, so wird Seamus seine Stammkneipe geschlossen finden, den Wirt, auch wenn es ihm gelingt, ihn herauszuklopfen, sehr sorry finden und nicht im geringsten geneigt, für ein Glas Bier oder einen Whisky fünf Pfund Geldstrafe, eine Fahrt in die Provinzhauptstadt, einen verlorenen Arbeitstag zu riskieren. Sonntags zwischen zwei und sechs haben die Kneipen zu schließen, und des Ortspolizisten ist man nie ganz sicher; es gibt ja Leute, die sonntags nach einem schweren Mittagessen Anfälle von Korrektheit bekommen und sich an Gesetzestreue besaufen. Aber auch Seamus hat ein schweres Mittagessen gehabt, und seine Sehnsucht nach einem Glas Bier ist keineswegs unverständlich, noch weniger sündhaft.

So steht Seamus fünf Minuten nach zwei auf dem Dorfplatz und überlegt. Das verbotene Bier schmeckt in der Erinnerung seiner durstigen Kehle natürlich besser, als leicht erhältliches Bier schmecken würde. Seamus denkt nach: es gibt einen Ausweg, er könnte sein Fahrrad aus dem Schuppen holen, die sechs Meilen zum Nachbardorf strampeln, denn der Wirt im Nachbardorf muss ihm geben, was ihm der heimatliche Wirt verweigern muss: sein Bier. Dieses abstruse Trinkgesetz hat die zusätzliche Floskel, dass dem Reisenden, der mindestens drei Meilen von seinem Heimatdorf entfernt ist, der kühle Trunk nicht zu verweigern sei. Seamus überlegt immer noch: die geographische Situation ist für ihn ungünstig - man kann sich den Ort, an dem man geboren wird, leider nicht aussuchen -, und Seamus hat das Pech, dass die nächste Kneipe nicht genau drei, sondern sechs Meilen weg ist - ein für einen Iren außergewöhnliches Pech, denn sechs Meilen ohne Kneipe sind eine Seltenheit. Sechs Meilen hin, sechs Meilen zurück - zwölf Meilen, mehr als achtzehn Kilometer für ein Glas Bier, und außerdem geht es noch ein Stück bergauf, Seamus ist kein Säufer, sonst würde er gar nicht so lange überlegen, sondern längst auf dem Fahrrad sitzen und lustig mit den Schillingmünzen in seiner Tasche klimpern. Er will ja nur ein Bier trinken: der Schinken war so scharf gesalzen, so gepfeffert der Kohl - und steht es etwa einem Manne an, seinen Durst mit Brunnenwasser oder Buttermilch zu löschen? Er betrachtet das Plakat, das über der Stammkneipe hängt: ein riesiges, naturalistisch gemaltes Glas Bier, lakritzig dunkel und so frisch der bittere Trank und darüber der weiße, schneeweiße Schaum, der von einem durstigen Seehund aufgeleckt wird. A lovely day for a Guiness! O Tantalus! Soviel Salz im Schinken, soviel Pfeffer im Kohl.

Fluchend geht Seamus ins Haus zurück, holt das Fahrrad aus dem Schuppen, trampelt zornig drauflos. O Tantalus - und die Wirkung geschickter Reklame! Es ist heiß, sehr heiß, der Berg ist steil, Seamus muss absteigen, das Fahrrad schieben, er schwitzt und flucht: seine Flüche bewegen sich nicht in der sexuellen Sphäre wie die Flüche weintrinkender Völker, seine Flüche sind Spirituosentrinkerflüche, gotteslästerlicher und geistiger als die sexuellen Flüche, denn immerhin: in Spirituosen steckt spiritus: er flucht auf die Regierung, flucht wahrscheinlich auch auf den Klerus, der dieses unverständliche Gesetz hartnäckig hält (wie der Klerus in Irland auch bei der Vergebung von Kneipenlizenzen, bei der Festlegung der Polizeistunde, bei Tanzvergnügen das entscheidende Wort spricht), dieser schwitzende durstige Seamus, der vor wenigen Stunden so ergeben und offensichtlich fromm in der Kirche gestanden und das Sonntagsevangelium gehört hat.

Endlich erreicht er die Höhe des Berges: hier spielt nun der Sketch, den ich gerne schreiben möchte, denn hier begegnet Seamus seinem Vetter Dermot aus dem Nachbardorf. Dermot hat auch gesalzenen Schinken, gepfefferten Kohl gegessen, auch Dermot ist kein Trinker, nur ein Glas Bier will er gegen seinen Durst; auch er hat - im Nachbardorf - vor dem Plakat mit dem naturalistisch gemalten Glas Bier, dem genießerischen Seehund gestanden, auch er hat überlegt, hat schließlich das Fahrrad aus dem Schuppen geholt, es den Berg hinaufgeschoben, geflucht, geschwitzt - nun begegnet er Seamus: ihr Dialog ist knapp, aber gotteslästerlich -, dann saust Seamus den Berg hinunter auf Dermots Stammkneipe, Dermot auf Seamus' Stammkneipe zu, und sie werden beide tun, was sie nicht vorhatten: sie werden sich sinnlos besaufen, denn für ein Glas Bier, für einen Whisky diesen Weg zu machen, das würde sich nicht lohnen. Irgendwann an diesem Sonntag werden sie taumelnd und singend ihre Fahrräder den Berg wieder hinaufschieben, werden in halsbrecherischer Kühnheit den Berg hinuntersausen. Sie, die gar keine Säufer sind - oder sollten sie doch welche sein? -, werden Säufer sein, bevor es Abend geworden ist.

Vielleicht aber entschließt sich Seamus, der nach zwei Uhr durstig auf dem Dorfplatz steht und den schleckenden Seehund betrachtet, zu warten, das Fahrrad nicht aus dem Schuppen zu holen; vielleicht entschließt er sich, seinen Durst - o welche Erniedrigung für einen rechten Mann! - mit Wasser oder Buttermilch zu löschen, sich mit der Sonntagszeitung aufs Bett zu hauen. In der drückenden Nachmittagshitze und Stille wird er eindösen, wird plötzlich erwachen, auf die Uhr blicken und voller Entsetzen - als sei der Teufel hinter ihm her - in die Kneipe gegenüber stürzen, denn es ist viertel vor acht geworden, und sein Durst hat nur noch eine Viertelstunde Zeit. Schon hat der Wirt angefangen, stereotyp zu rufen: „Ready now, please! Ready now, please! - Schluss jetzt, bitte! Schluss jetzt, bitte!“ Hastig und zornig, immer mit dem Blick auf die Uhr, wird Seamus drei, vier, fünf Glas Bier hinunterstürzen, etliche Whiskys hinterherkippen, denn der Uhrzeiger rutscht immer näher auf die Acht zu, und schon hat der Posten, der draußen vor der Tür steht, berichtet, dass der Dorfpolizist langsam heranschlendert: es gibt ja so Leute, die sonntags nachmittags Anfälle von schlechter Laune und Gesetzestreue haben.

Wer sonntags kurz vor acht in einer Kneipe plötzlich vom „Schluss jetzt, bitte!“ des Wirts überrascht wird, der kann sie alle hereinstürzen sehen, alle, die keine Säufer sind, denen aber plötzlich eingefallen ist, dass die Kneipe bald schließt und dass sie noch gar nicht getan haben, wozu sie möglicherweise gar keine Lust hätten, wenn es diese verrückte Bestimmung nicht gäbe: dass sie sich noch nicht betrunken haben. Fünf Minuten vor acht wird der Andrang dann enorm: alle saufen gegen den Durst, der vielleicht um zehn, um elf noch kommen kann, vielleicht aber auch nicht. Außerdem fühlt man sich verpflichtet, ein bisschen zu spendieren: da ruft der Wirt verzweifelt seine Frau, seine Nichten, Enkel, Großmutter, Urahne und Tante zur Hilfe herbei, weil er drei Minuten vor acht noch sieben Lokalrunden verzapfen muss: sechzig halbe Liter Bier, ebenso viele Whiskys müssen noch ausgeschenkt, müssen noch getrunken werden. Diese Trinkfreudigkeit, diese Spendierfreudigkeit hat etwas Kindisches, hat etwas vom heimlichen Zigarettenrauchen derer, die sich ebenso heimlich, wie sie rauchen, erbrechen - und das Ende, wenn der Polizist Punkt acht an der Tür sichtbar wird, das Ende ist reine Barbarei: da stehen blasse, verbitterte Siebzehnjährige versteckt irgendwo im Kuhstall und schütten Bier und Whisky in sich hinein, erfüllen die sinnlosen Spielregeln des Männerbundes, und der Wirt, der Wirt kassiert: Haufen von Pfundscheinen, klimperndes Silber, Geld, Geld - das Gesetz aber ist erfüllt.

Der Sonntag ist jedoch noch lange nicht zu Ende: es ist Punkt acht - früh noch, und der Sketch, der nachmittags um zwei mit Seamus und Dermot gespielt wurde, kann jetzt mit beliebig großer Besetzung wiederholt werden: abends gegen viertel nach acht, oben auf dem Berg: zwei Gruppen Betrunkener begegnen sich; um das Gesetz mit der Drei-Meilen-Bestimmung zu erfüllen, wechseln sie nur die Dörfer, nur die Kneipen. Viele Flüche steigen am Sonntag zum Himmel in diesem frommen Land, das zwar katholisch ist, aber nie von einem römischen Söldner betreten wurde: ein Stück katholisches Europa außerhalb der Grenzen des römischen Reiches.

(Heinrich Böll: Wenn Seamus einen trinken will ... In: Ders.: Irisches Tagebuch. München: dtv 1993. S. 100 - 105.)


 
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