Das Versprechen: 
"Dem aufgehenden Vollmonde"
 
 

Text 1

Johann Wolfgang Goethe

Dem aufgehenden Vollmonde

Dornburg, 25. August 1828

Willst du mich sogleich verlassen?
Warst im Augenblick so nah!
Dich umfinstern Wolkenmassen,
und nun bist du gar nicht da.

Doch du fühlst, wie ich betrübt bin,
blickt dein Rand herauf als Stern!
Zeugest mir, daß ich geliebt bin,
sei das Liebchen noch so fern.

So hinan dann! Hell und heller,
reiner Bahn, in voller Pracht!
Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,
überselig ist die Nacht.
 
 

Text 2

Johann Wolfgang Goethe

[Ohne Titel]

Dornburg, September 1828

Früh, wenn Tal, Gebirg und Garten
Nebelschleiern sich enthüllen,
und dem sehnlichsten Erwarten
Blumenkelche bunt sich füllen,

wenn der Äther, Wolken tragend,
mit dem klaren Tage streitet,
und ein Ostwind, sie verjagend,
blaue Sonnenbahn bereitet,

dankst du dann, am Blick dich weidend,
reiner Brust der Großen, Holden,
wird die Sonne, rötlich scheidend, 
rings den Horizont vergolden.
 


 

Text 3

Walter Höllerer:

Erläuterungen zu Goethes Gedichten

Dem aufgehenden Vollmonde : Am 25. August 1828 in Dornburg bei Weimar geschrieben, wohin sich Goethe nach dem Tod des Herzogs Carl August zurückgezogen hatte. Das Gedicht wurde am 23. Oktober an Marianne von Willemer geschickt mit den Worten: "Mit dem freundlichsten Willkomm die heitere Anfrage: wo die lieben Reisenden am 25. August sich befanden? Und ob sie vielleicht den klaren Vollmond beachtend des Entfernten gedacht haben? Beikommendes gibt, von meiner Seite, das unwidersprechlichste Zeugnis." 1815 hatten Goethe und Marianne sich gelobt, bei jedem Vollmond aneinander zu denken: "Euch im Vollmond zu begrüßen / Habt ihr heilig angelobt." [...] Er kannte die 1784 geborene Marianne Jung seit dem Sommer zuvor (1814). [...] Als ein Theaterkind war sie aus ihrer österreichischen Heimat vor Jahren nach Frankfurt gelangt [...], der Witwer Willemer hatte sie von der Bühne zu seinen Töchtern ins Haus genommen, jetzt [1814] war sie, nach langem Zögern, seine Frau geworden. Schönheit, gesellige Anmut und alle musischen Gaben, die, über dem Grunde von Herz und Geist, das seltene Wesen auszeichneten, nun beglückten sie den verehrten, bald geliebten Gast [Goethe]. [...] Im Oktober 1815, als nach einem Wiedersehen in Heidelberg die Leidenschaft bedrohlich wuchs, riß Goethe sich zu eiliger Heimreise los; [...] er hat Marianne nicht wieder gesehen. Der mit Hoffnungen sich oft schmerzlich hinhaltende Wechsel von Briefen, Gedichten und Gaben dauerte bis zu Goethes Tod.

Früh, wenn Tal, Gebirg und Garten : September 1828 in Dornburg entstanden.

(Texte 1 bis 3 aus: Johann Wolfgang Goethe: Werke. Bd. 1: Gedichte. Versepen. Hrsgg. v. Walter Höllerer. Frankfurt a. M. 1966. S. 232f. u. 294f.) 
 
 

Text 4

Anna Luise Knetsch

Seine Liebe sei mein Leben

"Ich habe den Divan wieder und immer wieder gelesen; ich kann das Gefühl weder beschreiben, noch auch mir selbst erklären, das mich bei jedem verwandten Ton ergriff ... ich war mir selbst ein Rätsel; zugleich demütig und stolz, beschämt und entzückt, schien mir alles wie ein beseeligender Traum, in dem man sein Bild verschönert, ja veredelt wieder erkennt, und sich alles gerne gefallen lässt, was man in diesem erhöhten Zustand Liebens- und Lobenswertes spricht und tut, ja sogar die unverkenn- bare Mitwirkung eines mächtigen höheren Wesens ... ist in seiner Ursache so beglückend, daß man nichts tun kann, als es für eine Gabe des Himmels anzunehmen, wenn das Leben solche Silberblicke hat."

Diesen Brief schreibt Marianne von Willemer im Oktober 1819 an Johann Wolfgang von Goethe. Wenige Wochen zuvor hat sie die Druckbögen des "West-östlichen Divan" erhalten, in dem der Dichter ihr, als "Suleika", ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat.

Die erste Begegnung Mariannes mit Goethe liegt fünf Jahre zurück. Goethe ist im Sommer 1814 zu einer seiner häufigen Badekuren nach Wiesbaden gefahren, wo ihn der Frankfurter Bankier Johann Jakob Willemer gemeinsam mit Marianne aufsucht. In einem Brief an seine Frau Christiane schreibt Goethe: "Schon vor wenigen Tagen besuchte mich Willemer mit seiner kleinen Gefährtin!"

Wenige Wochen später, im September und Oktober 1814, ist Goethe in Frankfurt zu Gast. Dem Hause Willemer durch lange Familienbeziehungen verbunden, besucht Goethe die Willemers mehrmals in ihrem Sommerhaus, der Gerbermühle. Nach dreiwöchigem Aufenthalt in Heidelberg verbringt er den Abend des 12. Oktober wiederum auf der Gerbermühle, und diesmal hat die Nachricht an seine Frau einen veränderten Wortlaut: "Abend zu Geheimrätin Willemer: denn dieser unser würdiger Freund ist nunmehr in forma verheiratet. Sie ist so freundlich und gut wie vormals. Er war nicht zu Hause."
Mit der Heirat Johann Willemers und Mariannes am 27. September 1814 war ein Verhältnis legalisiert worden, das den Frankfurtern seinerzeit viel Anlaß für Klatsch gegeben hatte. Marianne lebt seit 1800 im Haus des 1760 geborenen, zweimal verwitweten Bankiers Er hatte sie vom Frankfurter Theater weggeholt, an das sie knapp zwei Jahre zuvor mit ihrer Mutter gekommen war. Die Mutter hatte er mit 2000 Gulden abgefunden und ihr eine Rente bis zu ihrem Tode ausgesetzt. Marianne soll nun gemeinsam mit seinen drei jüngeren Töchtern erzogen werden - die älteste Tochter, Rosette, ist bereits mit dem Kaufmann Johann Martin Städel verheiratet.

Marianne hat in ihrer Frankfurter Theaterzeit nicht nur die Aufmerksamkeit Willemers auf sich gezogen. Clemens von Brentano, gerade zwanzig Jahre alt, berichtet von einem Theaterbesuch mit der Frau Rat Goethe, wo Marianne, als Harlekin kostümiert, einem Ei entschlüpft sei. Dies habe "seinen Effekt" getan, und er habe nachher "ein paar tausend ernsthafte Verse über diese Begegnung geschrieben". Clemens von Brentano hat das Verhältnis zwischen Willemer und Marianne sehr eindeutig ausgelegt. 1803 schreibt er an seinen Freund und späteren Schwager Achim von Arnim: "Hier auf dem Theater war vor ein paar Jahren Marianne Jung, ein unschuldig treu Kind Tänzerin. Ich liebte sie still weg, der Bankier Willemer nahm sie von der Bühne und machte sie zu seinem Pflegekind (Mätresse)" - was für diese Zeit keineswegs ungewöhnlich gewesen wäre, und auch der große Altersunterschied war nicht befremdlich.

Marianne erhält in Willemers Haus Sprach- und Zeichenunterricht, sie lernt Klavier- und Gitarrespielen, hat Gesangsstunden. Die Heirat, die nach vierzehnjähriger Hausgemeinschaft erfolgte, gibt zu Spekulationen Anlaß. Geheimnis Willemers bleibt, daß die Umstände von Mariannes Geburt nicht gesichert festzustellen sind. Die Mutter, nach deren Angaben Marianne am 20. November 1784 als gemeinsame, eheliche Tochter mit dem Instrumentenmacher Mathias Jung in Linz geboren sei, kann weder Mariannes Geburts- noch die Sterbeurkunde ihres Vaters beibringen. Die Trauung muß deshalb unter Umgehung der üblichen Formalitäten und Aufgebotsfristen erfolgen.

Goethe verbringt im Oktober 1814 eine Woche in Frankfurt und besucht fast täglich die Gerbermühle. Am 20. Oktober reist er in Richtung Weimar ab. Daß Marianne bereits in diesen Tagen bei ihm einen tiefen Eindruck hinterließ, bleibt Vermutung. Hinweise darauf aber gibt die häufige Korrespondenz, die nun zwischen Weimar und Frankfurt einsetzt, wie auch die Anspielung beider auf den 12. Oktober 1814, jenen Abend, an dem Goethe in der Gerbermühle nur Marianne angetroffen hat.

Ein halbes Jahr später, ab Ende Mai 1815, hält sich Goethe wiederum zur Kur in Wiesbaden auf - in diesem Jahr in Begleitung von Sulpiz Boisserée, dem um vierunddreißig Jahre jüngeren Freund und begütertern Sammler niederrheinischer und altdeutscher Gemälde. Seit dem Vorjahr arbeitet Goethe an seiner Divan-Dichtung, einem mehrteiligen Gedichtzyklus, zu dem ihn die Übersetzung des persischen Dichters Hafis (um 1327 - 1390) angeregt hatte. An seinen Verleger, Johann Friedrich Cotta, schreibt Goethe am 16. Mai 1815:

"Ew. Wohlgeboren vorjähriges Geschenk der Übersetzung des Hafis hat mich aufs neue angeregt, und es liegt bei mir schon ein ziemliches Bändchen zusammen, welches, vermehrt, künftig unter folgendem Titel hervortreten könnte: Versammlung deutscher Gedichte, mit stetem Bezug auf den Divan des persischen Sängers Mahomed Schemseddin Hafis ... Mein Divan besteht gegenwärtig schon ohngefähr aus hundert größeren Gedichten von mehreren Strophen und Zeilen, und von vielleicht ebensoviel kleineren, von acht Zeilen und drunter. Es kommt nun aufs Glück an, wie er sich vermehren wird."
Das Glück wird Goethe in diesem Sommer günstig gesonnen sein. Am 21. Oktober 1815, wieder in Weimar, kann er seinem Freund Karl Ludwig von Knebel "mit Vergnügen melden, daß für den Divan sich neue, reiche Quellen aufgetan, so daß er auf eine sehr brillante Weise erweitert worden."

Nach über zweimonatigem Aufenthalt in Wiesbaden trifft Goethe Mitte August in Frankfurt ein, er ist in diesem Jahr Gast der Willemers, wohnt auf der Gerbermühle und für einige Tage in Willemers Stadthaus "Zum Roten Männchen" am Fahrtor. Goethe lernt auf der Gerbermühle, in einer idyllischen Umgebung, die ihn seine offiziellen Verpflichtungen weitgehend vergessen läßt, einen Kreis ihm nahestehender, fast familiär verbundener Menschen kennen, die über sein Werk genau informiert sind und die ihm Anregung und Resonanz sind für das, was ihn in dieser Zeit am meisten beschäftigt: seine orientalische Divan-Welt.

Ebenfalls westöstlich geht es an Goethes sechsundsechzigstem Geburtstag, am 28. August 1815, zu; das Gartenhaus ist mit zu Palmen gebundenem Schilf ausgeschmückt, und die Frauen - Marianne Willemer und Rosette Städel - schenken Goethe Körbe mit exotischen Früchten und Blumen und einen "Turban von feinstem indischen Muslin, mit einer Lorbeerkrone umkränzt, alles in Anspielung auf seine jetzige Liebhaberei für die orientalische Poesie; insbesondere auch, weil unter seinen Gedichten ein großes Lob des Turbans vorkommt" (Boisserée).

Goethe hat in Marianne nicht nur eine bewundernde Zuhörerin gefunden, sondern auch eine Mitschöpferin seiner arabischen Liederwelt. Das Suleika-Buch des West-östlichen Divans ist das umfangreichste und geschlossenste, und mehrere seiner Gedichte können Marianne zugeschrieben werden. Vom 12. September 1815 ist Goethes erstes Hatem-Lied datiert (Hatem ist der Geliebte Suleikas im West-östlichen Divan), das die poetische Zwiesprache mit Marianne einleitet.

Nicht Gelegenheit macht Diebe
Sie ist selbst der größte Dieb
Denn sie stahl den Rest der Liebe
Der mir noch im Herzen blieb...

Marianne antwortet wenige Tage später mit einem vierstrophigem Gedicht:

Hochbeglückt in deiner Liebe
Schelt ich nicht Gelegenheit
Ward sie auch an dir zum Diebe
Wie mich solcher Raub erfreut!
Und wozu denn auch berauben?
Gib dich mir aus freier Wahl...

An den Abenden liest Goethe aus seinen Divan-Liedern. Und Marianne, glücklich und aufgewühlt, die all ihre Lebenslust und ihren Einfallsreichtum auf Goethe richtet, unterhält die Runde mit ihrem Gesang. Wiederholt ist es Goethes Ballade "Der Gott und die Bajadere" die sie - so berichtet Boisserée - mit besonderer Inbrunst vorträgt. Goethe habe dies anfangs nicht gewollt, es sei "fast ihre eigene Geschichte - so daß er gesagt, sie soll es nimmer singen".

Am Mittag des 18. Septembers reist Goethe nach Heidelberg, wo ihn sein Landesherr, Herzog Carl August von Sachsen-Weimar, zu sehen wünscht. Noch einmal treffen Marianne und Goethe zusammen; Willemers und Rosette Städel sind vom 23. bis zum 26. September in Heidelberg. Diesem Wiedersehen werden einige der schönsten Divan-Gedichte zugerechnet. Goethes Ode "Wiederfinden", die mit den Versen "Ist es möglich. Stern der Sterne / Drück ich wieder dich ans Herz" beginnt und mit den Zeilen "Und ein zweites Wort: Es werde! / Trennt uns nicht zum zweitenmal." endet.

Marianne verfaßt ihre Lieder an den Ostwind "Was bedeutet die Begegnung? / Bringt der Ost mir frohe Kunde?" und an den Westwind "Ach um deine feuchten Schwingen, / West wie sehr ich dich beneide", das mit den Versen schließt:

Sag ihm, aber sag's bescheiden
Seine Liebe sei mein Leben.
Freudiges Gefühl von beiden
Wird mir seine Nähe geben.

Marianne wird Goethe nie wiedersehen. Sein halbes Versprechen, den Weg zurück nach Weimar über Frankfurt zu nehmen, macht er nicht wahr. Wie häufiger in seinem Leben flieht Goethe aus einer Situation, die für ihn schwierig geworden ist und zu Verstrickungen zu führen droht.

Briefe voller Wehmut und voller Anspielungen auf gemeinsame Erinnerungen gehen in den nächsten Monaten zwischen Weimar und Frankfurt hin und her. Aus ihnen erschließt sich nur zum Teil, in welchem Maße Goethe Mariannes Liebe erwidert. Neben der quasi familien-öffentlichen, zunächst meist zugleich an Rosette Städel oder an Willemer adressierten Korrespondenz, hat sich bereits in Frankfurt ein Dialog entsponnen, der - obwohl in vieler Hinsicht Spielerei - dennoch deutlich die Gefühle beider enthüllt. Durch Bezeichnung von Seiten und Verszahlen in der Hafis-Übersetzung teilen sich die Liebenden, nur für sie entschlüsselbar, ihre Sehnsucht mit. Einer dieser Chiffrenbriefe (von denen sieben überliefert sind), liegt dem ersten Brief Goethes an Marianne und Rosette nach seiner Abreise bei.

Die nächsten Jahre vergehen für Marianne in stetem Wechsel von Hoffnung und Enttäuschung auf einen erneuten Besuch Goethes. Noch einmal, im Juni 1816, kurz nach dem Tod seiner Frau Christiane, bricht Goethe zu einer Reise an den Rhein auf. Wegen eines Wagenschadens aber beendet er die Fahrt schon zwei Wegstunden von Weimar entfernt. Marianne, die seit ihrem Eintritt in die Familie Willemer deren fröhlicher Mittelpunkt gewesen ist, wird krank. Willemer - er wurde 1816 vom Hause Habsburg geadelt - bittet Goethe wiederholt und immer drängender um seinen Besuch.

"Ihrem Scharfblick, teurer Freund, wird es nicht entgehen, daß unsere gute Marianne kränkelt, daß sie leidet, und es nicht mehr ist, wie es war! Die frischen Blüten unbefangener Jugend sind entflohen und haben ein verwundetes Herz zurückgelassen! Das alles kann sich wieder geben, wenn nur fortgehendes Wechseln, zwischen Freud und Leid, die Reizbarkeit der Nerven nicht auf einen Grad gesteigert hätte, der furchtbar ist. Warum mußten wir so lange getrennt sein, es wäre außerdem nicht so weit gekommen ..." (Februar 1818)

Bei einem Besuch bei Goethe in Weimar auf der Reise nach Berlin, wo Willemer um Gnade für den Gegner seines im Duell gefallenen Sohnes Brami bitten wird, muß Willemer Goethe eindringlich die Lage Mariannes geschildert haben. Noch einmal, nach seiner Rückkehr, bittet er ihn dringend zu kommen. "Ich bin auf alles gefaßt und weiß alles und bin zu allem bereit und spiele mit meinem Schmerz, ohne ihm zu erliegen." (24. Juni 1819)

Welche Gefühle Willemer in dieser Zeit auch immer geleitet haben müssen: seine Briefe an Goethe zeugen von bewundernswerter Güte.

Den Interventionen Willemers bei Goethe folgt ein Brief Goethes an Marianne, die sich zur Kur in Baden-Baden aufhält der einzige Brief, in dem Goethe die "Du-Anrede" wählt.

"Soll ich wiederholen, daß ich Dich von der Gegenwart des Freundes unzertrennlich hielt, und daß bei seinem treuen Anblick alles in mir rege ward, was er uns so gern und edel gönnt." (26. Juli 1819).

Marianne scheint sich in dieser Zeit klar darüber geworden zu sein, daß sie auf die Erfüllung ihrer Liebe und selbst auf ein Wiedersehen mit Goethe nicht ernstlich rechnen kann. Das stürzt sie in Verzweiflung. Als Ehefrau, aber ihrem Mann wohl zu keiner Zeit in leidenschaftlicher Liebe verbunden, als ideenreiche und gebildete Frau, aber ohne eigenes Lebenswerk als Frau eines angesehenen Frankfurter Bürgers, aber selbst von fragwürdiger gesellschaftlicher Herkunft, sind die wenigen Wochen mit Goethe der intensivste, stürmischste und schöpferischste Abschnitt ihres Lebens - für den in ihrer Welt ohne Goethe kein Ersatz zu schaffen ist, Marianne bleibt verlassen zurück. In den Jahren 1818 und 1819 muß sie dies - je mehr die Hoffnung auf einen neuerlichen Besuch Goethes schwand - zutiefst empfunden und durchlitten haben.

Im August 1819 erhält Marianne die Druckbogen des "west-östlichen Divans", in den sie sich selbst als "Suleika" und ihre Lieder in den Wechselgesang mit Hatem aufgenommen sieht. Der dann folgende, eingangs zitierte Brief ist Ausdruck einer- freilich partiellen - Heilung. Goethe hat das Vakuum, das er hinterlassen hat, in seiner Weise aufgefüllt. Der West-östliche Divan - so versteht es Marianne, und damit kann sie überleben - ist die nur ihr eigene, die Goethe gemäße, einzigartige Verbindung mit ihm, die sie beide überdauern wird.

Daß in ihrem Leben Leere bleibt, daß sich die Realität neben ihren Erinnerungen als defizitär erweisen muß - dies hat Marianne in ihrem Briefwechsel mit Goethe, der bis zu dessen Tod 1832 seine Intensität nicht verliert, nur am Rande und auch nur unter Relativierungen angedeutet. Es ist kein Dokument bekannt, das beweist, daß sie über ihren Schmerz mit irgendeinem Menschen gesprochen hat. Im Gegenteil: Marianne wahrt unbeirrt ihr großes Geheimnis, das sie nur mit Goethe teilte, bis zu ihrem Tod. Zwar konnte ihre Familie ermessen, was Goethe für sie und auch was sie für Goethe bedeutet hatte. In letzter Hinsicht aber wußte nur sie es. Auch ihren engsten Gefährten war nicht bekannt, daß einige der Gedichte des "West-östlichen Divans" von Marianne verfaßt waren. Dies hat sie erst später, halb schien sie es zu wünschen, halb war sie durch die Situation überrascht, dem jungen Herman Grimm, dem Sohn Wilhelm Grimms, anvertraut.

Marianne von Willemer hat für die letzten vierzig Jahre ihres Lebens zu ihrer früheren Lebenskraft zurückgefunden. Sie unternimmt einige Reisen gemeinsam mit Willemer: nach Italien, auf den Spuren Goethes. Ihren Mann, der in den Jahren vor seinem Tod immer mehr verfällt, pflegt sie mit Geduld und Zuneigung bis zu seinem Tod 1838. Von der Familie mit einer Rente versorgt, zieht sie danach in eine kleine Wohnung in der Alten Mainzer Gasse, bleibt den zahlreichen (Stief-)Enkeln und Urenkeln eine geliebte Märchenerzählerin und ist in der Familie und in der Stadt bald nur noch als "das Großmütterchen" bekannt.

Nach dem Tode Rosettes erweitert Marianne noch einmal ihren Lebenskreis. Auf dem bei Heidelberg gelegenen ehemaligen Kloster Gut Neuberg hat sich um den Frankfurter Verwandten Goethes, Fritz Schlosser und seine Frau Sophie, ein Kreis zum Katholizismus konvertierter Gläubiger zusammengefunden. Marianne verbringt dort einige Wochen des Jahres, geht aber in Heidelberg hauptsächlich ihren Erinnerungen nach.

Am 6. Dezember 1860 stirbt Marianne von Willemer, 76 Jahre alt. Sie wird auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt. 

(Anna Luise Knetsch: "Seine Liebe sei mein Leben ..." Zum 200. Geburtstag der Marianne von Willemer. In: Frankfurter Rundschau vom 17. November 1984.)

 


 
 
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