Didaktischer Arbeitkreis Lübeck
 

Kurzbiographien
 
 
 

Tiberius Sempronius Gracchus

163 - 133 v. Chr.



 
 

Tiberius Sempronius Gracchus wird 163 v. Chr. geboren als ältester Sohn einer reichen und sehr angesehenen plebejischen Familie, die zur herrschenden Staatsnobilität gehört. Sein Vater Tiberius, der früh stirbt, hat Karriere gemacht und ist Zensor, Provinzstatthalter und zweimal Konsul gewesen. Seine Mutter Cornelia, die Tochter des Scipio Africanus, läßt ihre Söhne von griechischen Lehrern in die Vorstellungswelt der Griechen einführen, so daß sie auch mit dem Athen des Perikleischen Zeit- alters vertraut und in der Theorie der griechischen Staatslehre unterrichtet werden. Der junge Tiberius gilt als sanft und zurückhaltend und lebt einfach und anspruchslos.

Aufgrund seines rhetorischen Talents, seiner persönlichen Begabung und seiner verwandtschaftlichen Beziehungen kann Tiberius auf eine glänzende Staatslaufbahn hoffen. Bereits mit 17 Jahren zeichnet er sich als Offizier im 3. Punischen Krieg aus, erlebt aber zugleich die ihm ruhmlos erscheinende Zerstörung Karthagos. Auf zahlreichen Reisen in verschiedenen Ämtern wird er mit den Folgen der römischen Expansion konfrontiert, insbesondere mit dem durch die Proletarisierung des Bauerntums bedingten Rückgang der römischen Wehrkraft, hervorgerufen vor allem durch die Ausdehnung der auf Sklavenhaltung beruhenden Plantagenwirtschaft. Die Bauern, urteilt Tiberius, "[...] kämpfen und sterben für anderer Wohlleben und Reichtum, Herren der Welt werden sie genannt und haben nicht eine Scholle Landes zu eigen." Mit 23 Jahren wird er Quaestor und erlebt die klägliche Kapitulation eines römischen Heeres vor dem spanischen Numantia. Diese Erfahrungen überzeugen ihn von der Notwendigkeit sozialer und wirtschaftlicher Maßnahmen, um die für den römischen Staat und seine Armee verhängnisvolle Entwicklung aufzuhalten. Vorstöße einzelner hat es in den vorausgegangenen Jahren gegeben, zuletzt im Jahre 140 v. Chr. durch den Konsul Gaius Laelius, der jedoch unter dem Druck des Senats von seinem Vorhaben Abstand genommen hat.

Nach Rom zurückgekehrt, kommt Tiberius mit griechischen Intellektuellen in Berührung, die seinen Blick für innen- und verfassungspolitische Probleme schärfen, und schließt sich einem Kreis junger römischer Aristokraten an, die von dem Verhalten des Laelius enttäuscht worden sind. Zu ihnen zählen auch einige einflußreiche Senatoren, unter ihnen der ehemalige Konsul Appius Claudius, dessen Tochter Claudia Tiberius heiratet.

Mit Unterstützung dieser Gruppe wird Tiberius 134 v. Chr. zum Volkstribunen gewählt. Eine seiner ersten Maßnahmen ist der Versuch, das Licinisehe Ackergesetz wiederaufleben zu lassen, das den Besitz von Staatsland auf 250 ha pro Familie begrenzt. Als sein Mittribun Marcus Octavius von seinem Interzessionsrecht Gebrauch macht und der Senat sich mehrheitlich ablehnend verhält, scheint das Vorhaben gescheitert zu sein. Der Unterstützung des ländlichen und städtischen Proletariats gewiß, läßt Tiberius Octavius von der Volksversammlung absetzen, da dieser den Interessen des Volkes zuwidergehandelt habe, und das Gesetz annehmen sowie eine Siedlungskommission einsetzen, deren Vorsitz er selbst übernimmt. Als er 133 v. Chr. seine Wiederwahl durchsetzen will, um die Durch- führung der Ansiedelung zu überwachen und einer Anklage zu entgehen, bezichtigen ihn konservative Senatoren, die Alleinherrschaft anzustreben, und ermorden ihn und 300 seiner Anhänger während des tumultartigen Verlaufs einer Volksversammlung.

Wie zu seinen Lebzeiten ist auch das Urteil der Nachwelt über Tiberius Gracchus gespalten. Die einen sehen in ihm eine "hervorragende Persönlichkeit der römischen Geschichte", in dessen Wirken sich der Versuch erkennen läßt, "[...] jene demokratischen Ideen, die in Griechenland schon in klassischer Zeit Gestalt angenommen hatten [...], auch in Rom in die Wirklichkeit umzusetzen." (N. A. Maschkin) Sein Handeln erscheint auch als "[...] ein Vorgriff auf die Caesaren, die als Tutoren des Volkes, als Inhaber tribunizischer Gewalt das Senatsregime dereinst ablösen sollten", und sein Tod als "[...] die Vorweg- nahme der Ermordung Caesars durch die Senatsverschwörung an den Iden des März." (S. Lauffer)

Den anderen gilt Tiberius lediglich als "Exponent einer aristokratischen Gruppe, [der] wahrscheinlich nicht einmal seinen eigenen Impulsen gehorchte" (A. Heuß), oder als "[...] wohlmeinender, durchaus ideal veranlagter Schwärmer, der, um seine Ziele zu erreichen, die Verfassung verletzte und verge- waltigte und die Revolution eröffnete, ohne die Tragweite seiner Schritte zu übersehen, aber kein wirklicher Staatsmann, kein Vorläufer Caesars - das ist der geschichtliche Tiberius Gracchus." (E. v. Stern)

(Thomas Gransow)
 


 
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