Didaktischer Arbeitkreis Lübeck

Kurzbiographien



 
 
 
 
 

"Als sie achtzehn war, kam man zu ihr und sagte ihr,
dass sie nun Königin von England sei."
 
 

Queen Victoria

1819 - 1901


Nach ihr ist ein Zeitalter benannt worden. Aber: "Sie war nicht die Hauptperson ihrer Zeit. Victoria ließe sich beschreiben als der rote Faden der viktorianischen Ära, nicht mehr, nicht weniger. In der britischen Marine, die ihn erfand, war der rote Faden kein unbedingt erforderlicher Bestandteil der Schiffstaue, durch die er sich zog. Er verlieh ihnen weder besondere Stärke noch höhere Wetterfestigkeit oder längere Lebensdauer. Er diente nur einen nüchternen Zweck: er schützte vor Diebstahl. Dieser Besitzbürger-Aspekt einen Kriegs-Utensils paßt sehr gut auch auf die Rolle der Monarchin in England des expandierenden Weltreichs. Als Königin eines aufstrebenden, das Eigentum heiligenden Bürgertums erfüllte sie ihre praktische Funktion." (K. H. Wocker)

Als dem vierten Sohn des englischen Königs George III., dem mit einer deutschen Prinzessin verheirateten Herzog von Kent, am 24. Mai 1819 eine Tochter geboren wurde, war das freudige Ereignis für die "Times" nicht die wichtigste Meldung des Tages; vielmehr beherrschte der vierzehn- prozentige Kurssturz der Londoner Bankaktien die Titelseite. Das war nicht verwunderlich, steckte Großbritannien doch in einer schweren wirtschaftlichen Krise, weil die Umstellung auf eine Friedens- wirtschaft auch vier Jahre nach Waterloo noch immer nicht gelungen war, was nun zu ersten sozialen Unruhen führte, die bereits das Peterloo-Massaker vom August ankündigten. Dagegen war die Geburt einer Prinzessin, die lediglich an fünfter Position in der Thronfolge rangierte und auf den höchst unenglischen Namen "Alexandrina Viktoria" getauft wurde, von untergeordneter Bedeutung. Das sollte sich allerdings rasch ändern: Acht Monate später starben der Vater und der Großvater Victorias, 1827 der Herzog von York und 1830 Georg IV. Als der greise William III., ebenso kinderlos wie seine beiden Brüder, zum König gekrönt wurde, avancierte Victoria zur Kronprinzessin, zur ersten Anwärterin auf den Thron.

Am 20. Juni 1837 war es soweit: "Als sie achtzehn war, kam man zu ihr und sagte ihr, daß sie nun Königin von England sei." (G. B. Shaw) Wie war sie auf Ihre Aufgabe vorbereitet worden? Nach dem frühen Tod des Vaters wurden Mutter und Tochter aus dem engeren königlichen Familienkreis ausgeschlossen. Abseits von Hof, im Kensington-Palast, wo sie zur Untermiete wohnten, wuchs Victoria in einer von ihrer Mutter stark beeinflußten deutschsprachigen Umgebung auf, so daß von dem, was im Lande vorging, so gut wie nichts in die erzwungene Idylle drang, eine Idylle, unter der das junge Mädchen sehr litt: "Sie war nie allein gewesen, immer beobachtet von Leuten, die dafür sorgen mußten, daß sie sich ordentlich benahm, und die sie ermahnten und bestraften, wenn sie etwas tat, was mißbilligt wurde. Mit einen Wort: sie war wie eine gefährliche Kriminelle behandelt worden, der man weder Handlungsfreiheit noch moralische Verantwortlichkeit zutrauen durfte." (G. B. Shaw) Wie andere höhere Töchter der damaligen Zeit erhielt Victoria eine mäßige Halbbildung. Sie interessierte sich für Musik und Malerei, nicht aber für Literatur und Geschichte. Das blieb auch so, als sie Königin war; denn der Besuch einer Oper ließ sich mit Repräsentationspflichen verbinden, nicht aber die Lektüre eines Buches. Die meisten der großen Schriftsteller ihrer Zeit hat sie weder gekannt noch deren Bücher gelesen. Sie sprach bei ihrer Thronbesteigung fließend Deutsch, leidlich Englisch und ein wenig Französisch und Italienisch. Einen systematischen Unterricht durch qualifizierte Lehrer hat sie allerdings nie erhalten. Victoria empfand diesen Mangel an Bildung später selbst: man habe ihr vieles, aber nichts davon gründlich beigebracht, notierte sie in ihrem Tagebuch. "Das war wohl alles in allem nicht die geeignete Erziehung für jemanden, der die Krone von England zu tragen bestimmt war", urteilt Lord Melbourne, liberaler Premierminister zum Zeitpunkt der Thronbesteigung Victorias.

Welche Aufgaben erwarteten die zukünftige Monarchin? Die Rechte der Krone beschränkten sich im englischen Parlamentarismus - mit den Worten des bekannten Verfassungsrechtlers Walter Bagehot - auf "[...] das Recht, konsultiert zu werden, das Recht zu ermutigen und das Recht zu warnen." Gefordert waren also Sachkenntnis, diplomatisches Geschick und politisches Urteilsvermögen, Fähigkeiten also, über die Victoria nicht zu verfügen schien. Um so mehr muß es überraschen, wie es der Zwanzigjährigen gelang, in der ersten schweren Regierungskrise die eigene Position zu stärken, indem sie Regierung und Opposition geschickt gegeneinander ausspielte. Daß darüber schließlich das Kabinett Melbourne stürzte, bedauerte Victoria als überzeugte Parteigängerin der Liberalen sehr, denn der Premierminister war der erste jener drei Männer, denen sie bedingungslos vertraute, weil sie in ihnen wohl ihren zu früh verstorbenen Vater gesucht und gefunden hatte.

An Melbournes Stelle trat Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, ihr gleichaltriger Cousin, mit dem sie auf Betreiben Ihrer Mutter am 10. Februar 1842 verheiratet wurde. Damit begann der - nach eigenem Bekunden - schönste Lebensabschnitt Victorias. Die Frau, die als Witwe ihrer ältesten Tochter schrieb, daß "Kinder eine schreckliche Belastung" seien, brachte im Verlaufe ihrer 19 Ehejahre neun Kinder zur Welt, die sie mit den wichtigsten europäischen Fürstenhäusern verheiratete. Ihr prinzlicher Ehemann entband sie nach und nach von den Regierungsgeschäften, die er mit großer Umsicht handhabte. Die Bereitschaft Victorias, in dieser Zeit mit Politikern beider großer Parteien einvernehm- lich zu herrschen, wurde Alberts erste und vielleicht größte Leistung. Seinen Bemühungen war auch das Zustande-kommen der ersten Weltausstellung in London 1851 zu verdanken, auf der sich England als führende Wirtschaftsnation der Welt präsentierte. So konnte Victoria sich in dieser Zeit darauf konzentrieren, ihr allmählich anwachsendes Privatvermögen mit einer an Geiz grenzenden Sparsamkeit zu vergrößern. Privat führte die königliche Familie den Lebensstil des arrivierten Bürgertums; die Tage der glänzenden Hofhaltung früherer Herrscher waren vorüber: "Ein Abend mit Victoria und Albert galt für jeden lebenslustigen Aristokraten als Einübung in Geduld und Langeweile." (K. H. Wocker)

Der frühe Tod ihres geliebten Mannes am 14. Dezember 1861 bedeutete einen tiefen Einschnitt im Leben der Königin, die sich erst zwei Jahre später wieder in der Öffentlichkeit zeigte. Die Royal Albert Hall und das Albert Memorial in London sind noch heute als steinerne Zeugen einer administrierten Trauer zu besichtigen.

Benjamin Disraeli, zwischen 1868 und 188o mehrfach Premierminister, wurde der dritte Mann, dem das uneingeschränkte Vertrauen der Monarchin gewährt wurde, die unter seinem Einfluß nun Partei- gängerin der Konservativen wurde. Ihre politische Position war allerdings schon deutlich geschwächt. "Funktion der Monarchie war es nun geworden, auf ein Stichwort der obersten Volksvertreter vor den Vorhang zu treten und die Unruhe im Saal zu beschwichtigend." (K. H. Wocker) Als in den frühen siebziger Jahren die vergleichsweise langanhaltende Prosperität einer Rezession wich, erhob Disraeli die Königin in einem glanzvollen Schauspiel am 1. Mai (!) 1876 zur Kaiserin von Indien, um die sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Inselreiches zu verdecken. Und als Mitte der achtziger Jahre eine erneute Depression um sich griff, verstand es der liberale Premierminister Gladstone, die vierzehn- tägigen Feiern zum goldenen Regierungsjubiläum in eine grandiose Selbstdarstellung des neuen, imperialen Britanniens zu verwandeln. Doch schon wenige Jahre später hatten das Deutsche Reich und die Vereinigten Staaten von Amerika die einstige führende Wirtschaftsnation überholt.

Hatte Victoria in ihren ersten Regierungsjahren ein adlig dominierten Parlament gekannt und während der Ehejahre das Einströmen des Bürgertums in die politischen Machtpositionen erlebt, so wurde sie am Ende ihrer Regierungszeit unfreiwillige Zeugin des politischen Aufstiege der Industriearbeiterschaft. "Ein Leben voll drastischer Umstellungen für einen konstitutionellen Monarchen; die Aufgabe, sich darin zurechtzufinden, wäre drei Generationen von Königen leichter gefallen." (K. H. Wocker)

Am 22. Januar 1901, elf Monate nach der Gründung der Labour Party, starb Victoria im Alter von 81 Jahren. 

(Thomas Gransow)


 
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