Didaktischer Arbeitskreis Lübeck

Kurzbiographien



 
 
 
 


 

Christine Vasa

1626 - 1689



 
 
 

In Jahre 1655 läßt Papst Alexander VII. die im Norden der Stadt gelegene Porta del Popolo zum prächtigsten und prunkvollsten Stadttor Roms ausbauen. Die äußere Schauseite wird nach den Plänen Michelangelos wie ein eintoriger antiker Triumphbogen gestaltet, die Innenfassade von Gianlorenzo Bernini, dem bedeutendsten römischen Künstler des 17. Jahrhunderts, mit aufwendigen Skulpturen- schmuck versehen und mit einer Inschrift bekrönt: "Felici faustoque ingressui MDCLV". Diesen "glücklichen und gesegneten Einzug" in die Hauptstadt der katholischen Christenheit hält an 23. Dezember 1655, wenige Tage nach ihren 29. Geburtstag, Christine Vasa, Ex-Königin von Schweden und Tochter Gustavs II. Adolf, des Vorkämpfers des Protestantismus. Wer ist diese Frau, die in Stile eines siegreichen römischen Imperators vom Papst und der Bevölkerung Roms empfangen wird?

8. Dezember 1626: Die Wahrsager und Sterndeuter prophezeien dem kinderlosen schwedischen Königspaar die Geburt einen Sohnes, des erhofften Thronfolgers, aber auch den Tod der Mutter und eine tödliche Erkrankung des Vaters. Welch ein Irrtum! "Der König genas, meine Mutter, die Königin, stand glücklich von ihrem Kindbett auf, mir selbst ging es gut, und mehr noch: Ich war ein Mädchen", schreibt Christine Vasa Jahre später in ihren Erinnerungen.

Seine Tochter läßt Gustav II. Adolf wie einen Prinzen erziehen: Christine wird in Sprachen (Fran- zösisch, Deutsch, Italienisch), Sport (Reiten und Fechten) und Wissenschaften (besonders Mathe- matik) unterwiesen. "Seltsamerweise unterstützten meine Neigungen seine Absichten", bekennt die junge Frau später, "denn ich empfand einen unbezwinglicher Widerwillen gegen allen, was Frauen sagen und tun." Ihren Vater, den "großen König", wie sie ihn in ihren Erinnerungen bewundernd nennt, sieht die Prinzessin nur selten: Bis 1629 führt er Krieg in Polen, ein Jahr später greift er in den großen europäischen Krieg ein und findet an 6. November 1632 in der Schlacht bei Lützen den Tod. An diesem Tag wird die fünfjährige Christine Königin von Schweden. Ihre Mutter, die den Tod des geliebten Ehemannes nicht verwinden kann, verfällt langsam den Wahnsinn und stirbt.

Als Christine volljährig wird, erlischt die Vormundschaftsregierung unter der Leitung des schwedischen Reichskanzlers. Am Vorabend ihres 18. Geburtstages legt die Königin vor dem Reichstag den Eid ab, durch den sie zur allein verantwortlichen Herrscherin wird. Trotz zahlreicher Intrigen gelingt es ihr sehr rasch, sich gegenüber der angewachsenen Macht des Adels durchzusetzen, indem sie Adels- parteien, Reichsstände und Hofcamarilla gegeneinander ausspielt. Mit diplomatischen Geschick baut sie die durch den Westfälischen Frieden errungene Großmachtstellung Schwedens aus. Gleichzeitig steigt Stockholm während ihrer Regierungszeit kurzfristig zu einem europäischen Kulturzentrum von Rang auf. Musik, Malerei, Architektur, Literatur, Theater und Wissenschaften erfahren eine großzügige Förderung. Der französische Philosoph René Descartes und der niederländische Staatsrechtler Hugo Grotius kommen an den schwedischen Hof und diskutieren mit der Philosophin auf den Thron über politische Utopien und Probleme des Naturrechts. (Descartes und Christine - einhundert Jahre später wiederholt sich diese Konstellation in Preußen: Voltaire und Friedrich II.) Darüber hinaus korrespon- diert die junge Königin mit zahlreichen europäischen Philosophen, Wissenschaftlern und Künstlern.

Doch dann, am 6. Juni 1654, nach noch nicht einmal zehnjähriger Regierungszeit, legt Christine unvermittelt die Krone zugunsten ihres Vetters Carl Gustav nieder, weil sie zum katholischen Glauben übertreten will. Die Motive für diesen Entschluß sind bis heute nicht restlos geklärt. Am überzeugend- sten ist noch die Darstellung, daß "[...] das alles wohl weniger eine konsequente Folge einzelner, isolierter Lebensbeschlüsse als vielmehr die eine große Entscheidung, der eine heroische Beweis ihres durch keine Vorherbestimmung bezwingbaren freien Willens [gewesen ist]." (B. Erenz) Unmittelbar nach der Abdankung reist sie über Brüssel, wo sie zum Katholizismus konvertiert, und Paris nach Rom, wo sie von Papst triumphal empfangen wird.

Schon bald bildet Christine den Mittelpunkt der römischen Gesellschaft, um den sich Künstler, Philosophen, Kirchenfürsten und Politiker scharen. Von Rom aus knüpft sie politische Verbindungen mit Ludwig XIV., Wilhelm von Oranien und Philipp IV. an und unternimmt zahlreiche Reisen durch Europa. Überall wird sie wegen ihrer Intelligenz und ihrer Bildung bewundert und beneidet und wegen der Männerkleidung, in der sie sich bewegt, mit Kopfschütteln bedacht. Sie schreibt Essays über Alexander den Großen und Julius Caesar, die sie sehr schätzt, und setzt ihre naturwissenschaftlichen Studien fort. Sie greift in römische Stadtintrigen und Auseinandersetzungen um Papstwahlen ein und wünscht sich nichts sehnlicher, als an der Spitze französischer Truppen daß von Spanien beherrschte Königreich Neapel zu erobern.

An 19. April 1689 stirbt Christine Vasa in Alter von 62 Jahren und wird unter der Peterskirche beigesetzt.

Die traditionelle Geschichtsschreibung hat die Abdankung der Königin als Eingeständnis ihres Schei- terns interprotiert: "Als Herrscherin einer Großmacht war Christine so ungeeignet wie nur möglich; sie empfand, das zunehmend selbst." (A. von Brandt) Auch der Vergleich mit den Vater fällt wenig schmeichelhaft aus: "Die begabte und gelehrte Tochter Gustav Adolfs war aber doch als Herrscher- persönlichkeit zu unruhig, um sein Werk fortsetzen zu können." (W. Hubatsch) Wie müssen solche Ureile in nachhinein eine Frau treffen, die keine Frau sein wollte und über sich selbst geschrieben hat: "Es gibt Männer, die ebenso sehr Frau sind wie ihre Mütter, und Frauen, die ebenso männlich sind wie ihre Väter, denn die Seele hat kein Geschlecht."

(Thomas Gransow)


 
 
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