Didaktischer Arbeitkreis Lübeck
 

Kurzbiographien


 
 

Heinrich der Löwe

( ? - 1195)


Es erscheint merkwürdig, daß bei einem der reichsten und mächtigsten Männer des 12. Jahrhunderts das Geburtsdatum nicht bekannt ist, genauso wenig sein Geburtsort. Aber zeit seines Lebens - und noch mehr danach - ist und bleibt Heinrich eine sagenumwobene Figur: er habe im Wald einen Drachen getötet, der mit einem Löwen kämpfte. Aus Dankbarkeit sei der Löwe ihm bis Braunschweig gefolgt und sein treuer Gefährte geworden. Aber es gibt auch einen historischen, weniger "märchen- haften" Heinrich: in allen kriegerischen Fähigkeiten hervorragend ausgebildet, des Lesens und Schreibens mäßig mächtig, ein bißchen bekannt mit Latein und Astronomie, besser mit der Religion, sehen wir einen kräftigen jungen Mann vor uns, der unter dem Motto "Der Zweck heiligt die Mittel" ein Ziel verfolgt: Machterwerb.

Als Vetter Friedrich Barbarossas hatte er hierfür - trotz Zwistigkeiten zwischen den beiden Familien - die besten Voraussetzungen. Der alte Streit zwischen den Staufern und Heinrichs Familie, den Welfen, hatte die Reichsgewalt geschwächt. Um sie zurückzugewinnen, mußte Barbarossa den Ausgleich mit Heinrich suchen. Heinrich, der schon Herzog von Sachsen war, wurde mit dem Herzogtum Bayern, auf das er seit langem begehrliche Blicke geworfen hatte, belehnt (1154). Er war damit im Besitz einer Landbrücke, die von der Ostsee bis an die Adria reichte. Planmäßig und ohne Rücksicht auf die Rechte anderer Fürsten erweiterte er seinen Machtbereich ständig. Mit Gewalt bemächtigte er sich einer Reihe von Gebieten in Ostsachsen (1160 - 1167), zwang den Grafen von Holstein, ihm Lübeck abzutreten, zerstörte die Isarbrücke des Freisinger Bischofs, um Markt und Brücke isaraufwärts auf sein eigenes Gebiet zu verlegen (1156). Den Dänenkönig zwang er, dessen Sohn Knud mit seiner Tochter zu verheiraten. 

Es zeigt sich, daß Heinrich Machtpolitik nicht zuletzt als Wirtschaftspolitik, Politik zur Förderung von Handel und Wandel, verstand. Ausdruck dieser Verbindung von Machtund Wirtschaftspolitik ist die Gründung einer ganzen Reihe von Städten. Diese Städte dienten ihm sowohl als Marktplätze als auch als befestigte Zwingburgen, um aufmüpfige Sachsen im Griff zu behalten. Außerdem konnte er seinen Gegnern Konkurrenz machen: Stade gegen Bremen, Haldensleben gegen Magdeburg. So brachte sich Heinrich nach und nach in den Besitz der wichtigsten Handelsstraßen und -plätze im ganzen Reich. Im Mittelpunkt residierte Herzog Heinrich auf der Burg Dankwarderode, die er so hatte ausbauen lassen, daß sie den kaiserlichen Pfalzen in nichts nachstand. 1136 ließ er als Symbol seiner Herrschergewalt auf dem Burgplatz das Löwendenkmal errichten.

Als Heinrich 1168 Mathilde, die Tochter des englischen Königs, in zweiter Ehe heiratete, war er der mächtigste Territorialfürst des Reiches und in einer Position, die einem König gleichkam. Zwar hatte Heinrich mit seinen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Aktionen seine Macht und seinen Reichtum ständig erweitert, sein Ansehen bei den anderen Fürsten des Reiches aber nicht. Zu oft hatte er sie bekämpft oder übervorteilt. Ständig wurden dem Kaiser Klagen gegen Heinrich vorgebracht. Doch solange der Kaiser auf die unverzichtbare Hilfe Heinrichs rechnen konnte, schlug er die Klagen nieder - und Heinrich konnte weiter schalten und walten, wie er wollte. 

Im Jahre 1177 erhoben sich Heinrichs sächsische Gegner wieder gegen ihn. Der Bischof von Halber- stadt, Ulrich, war in seine Diözese zurückgekehrt. Als Heinrich sich weigerte, das beschlagnahmte Kirchenlehen wieder herauszugeben, wurde er gebannt. Andere Fürsten schlossen sich der Front gegen ihn an. Im November 1178 hielt der Kaiser, gerade aus Italien zurückgekehrt, einen Reichstag in Speyer ab. Beide Parteien brachten ihre Klagen vor. Im Unterschied zu früher entschied der Kaiser nicht für Heinrich, sondern vertagte die Entscheidung auf den nächsten Reichstag, der im Januar 1179 in Worms stattfinden sollte. Dort würden die Reichsfürsten über Heinrich zu Gericht sitzen, die dem Kaiser in Italien hilfreich zur Seite gestanden hatten, während Heinrich im Reich seinen Wohlstand gemehrt hatte.

Trotz Vorladung erschien Heinrich in Worms nicht. Ihm wurde angedroht, ihn mit der Reichsacht zu belegen. Auch auf dem Reichstag zu Magdeburg - im Kerngebiet seiner erbittertsten sächsischen Feinde - erschien Heinrich nicht. Als er sich in einem persönlichen Gespräch mit dem Kaiser in der Nähe von Haldersleben auch noch weigerte, die geforderte Buße von 5000 Silbermark (mehrere Millionen in heutiger Währung) zu bezahlen, verfiel er der Acht. Da Heinrich auch weiteren Ladungen - wegen des Vorwurfs der Mißachtung der kaiserlichen Majestät - nicht folgte, wurde ihm vom Fürstengericht das Reichslehen aberkannt: der Anfang vom Ende. Im Juni 1180 wurde die Oberacht über ihn ausgesprochen - er verfiel in völlige Ehr- und Rechtlosigkeit. Seine Reichslehen wurden neu verteilt, das ganze Reich führte Krieg gegen ihn. 

Im November 1181 mußte Heinrich sich unterwerfen und in die Verbannung gehen. Nachdem er mehrere Jahre bei seinem Schwiegervater in England verbracht hatte, durfte er 1185 nach Deutsch- land zurückkehren. Wieder residierte Heinrich in Braunschweig, wenn auch viel bescheidener, als er es gewohnt war. Er war ein alter Mann geworden, dem es nicht mehr recht gelang, sich an die Veränderungen, die während seiner Verbannung stattgefunden hatten, anzupassen. Als der Kaiser ihn 1188 vor die Entscheidung stellt, am Kreuzzug teilzunehmen oder wieder in die Verbannung zu gehen, wählt Heinrich die Verbannung. 

Nach dem Tode des Kaisers 1190 bäumte sich der Löwe noch einmal auf. Gegen die Auflage des Kaisers verstoßend, war er schon im Oktober 1189 nach Braunschweig zurückgekehrt. Seine großen Gegner waren in Italien, und Heinrich nutzte die Gelegenheit, Verlorenes zurückzugewinnen. Nach wenigen Wochen hatte er den gesamten Norden Deutschlands in seiner Hand. Eine Strafexpedtion des neuen Königs, Heinrich VI., Barbarossas Sohn, ließ Heinrich einen großen Teil der Eroberungen wieder verlieren. Als Heinrich im Februar 1194 auf dem Weg zum Reichstag nach Saalfeld war, stürzte er auf verschneiter Straße vom Pferd. Es ist Ironie der Geschichte, daß er, der zu den besten Reitern seiner Zeit zählte, sich bei diesem Sturz so schwer verletzte, daß er sich davon nicht wieder erholte und 1195 starb.

(Peter Rosanowski)
 


 
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