Didaktischer Arbeitskreis Lübeck

Kurzbiographien


 
 

Die Heilige Elisabeth von Thüringen

(1207 - 1231)


Fünfzig Jahre nach ihrem Tod, 46 Jahre nach ihrer Heiligsprechung gab es bereits über 100 Bilder dieser ungewöhnlichen Frau, deren Verehrung sich in unvorstellbarer Geschwindigkeit verbreitete. In der Elisabethkirche in Marburg (14. Jahrhundert) sieht sie aus wie eine vornehme und schöne Prinzessin, in dem Heilig-Geist-Hospital von Lübeck (15. Jahrhundert) kommt sie dem Besucher entgegen wie eine freundliche Nachbarin. Das heißt: Jede Zeit hat sich ein eigenes Bild der verehrten Heiligen geschaffen. Ihr Leben ist gut erforscht und war auch den Zeitgenossen gut bekannt, aber sehr bald haben sich viele Legenden um ihr Schicksal gerankt. Vor allem diese Legenden haben weitergelebt und sind nicht vergessen worden. Aber das bedeutet nicht, daß alles, was über Elisabeth erzählt und berichtet wurde, nur Legende gewesen sei. Das kirchliche Verfahren, das über ihre Heiligsprechung entschied, war sehr sorgfältig. Die Fragebögen für die "Zeugen" sind heute noch erhalten. Auch als christliche Heilige stellt die Landgräfin Elisabeth etwas Besonderes dar, weil sie - Mutter mehrerer Kinder - keine Jungfrau war, was sonst zu einer Heiligen gehört, und vor allem, weil sie keinen Märtyrertod erlitten hatte. Sie wurde nicht ihres Todes wegen verehrt, sondern wegen ihres Lebens, das sie ganz und gar den Kranken und Armen geweiht hatte. Sie war eine Art Mutter Theresa des Hohen Mittelalters. Es gibt Bilder, die zeigen, wie die Landgräfin Pestkranke mit ihrem eigenen Kamm kämmt. Sie öffnete die Getreidespeicher des Hofes, um den Armen zu helfen. Es ist durch Quellen belegt, daß sie sich weigerte, Speisen anzurühren, die nicht aus den eigenen Besitzungen des Landgrafen stammten, sondern Tributen der Bauern. An diesen Lebensberichten war vor allem das Vorbildhafte wichtig. Die Legende berichtete, schon als Kind habe Elisabeth Gewinne aus Pfänderspielen nicht für sich behalten, sondern an die Armen weitergegeben. Besser belegt ist die Geschichte, daß sie beim Empfang eines vornehmen Staatsgastes die Beichte versäumt hatte und dafür körperlich gezüchtigt worden war. Das Vorbildhafte lag in der Art, wie die Landgräfin diese (barbarische) Strafe willig und demütig hingenommen haben soll.

Auch hinter bzw. außerhalb dieser Heiligengestalt erkennen wir einen (auch für die damalige Zeit) ungewöhnlichen Lebenslauf. Elisabeth wurde 1207 in Nordungarn geboren. (Zum Vergleich: Der Prozeß gegen Heinrich den Löwen fand 1178 - 80 statt. Kaiser Friedrich II. regierte von1210 - 1250.) Ungarn war damals eine europäische Großmacht zu deren Staatsgebiet neben dem Gebiet des heutigen Ungarn auch die Slowakei, Siebenbürgen und Kroatien gehörten. Das ungarische Königshaus war mit deutschen Fürstenfamlien eng verbunden. Elisabeths Mutter stammte aus dem Geschlecht der Herzöge von Meranien und Dalmatien, ein Onkel war Patriarch (Erzbischof) von Aquileia, eine Tante Herzogin von Schlesien. Ihr Mann wird in der Schlacht von Liegnitz gegen die Mongolen kämpfen und fallen. Ein Onkel war Bischof von Bamberg. Wer dort den Dom besichtigt, wird ein Bild von ihm finden.- Daß eine ungarische Königstochter dem Sohn eines Landgrafen Thüringens versprochen wird, war aber so erstaunlich nicht, denn die thüringischen Landgrafen gehörten zu den bedeutendsten Fürstenhäusern des Reiches, und Thüringen selbst lag strategisch wichtig an der Nahtstelle der welfischen und staufischen Herrschaftsgebiete. Außerdem galten die Landgrafen in besonderer Weise als Förderer der Künste. An ihrem Hof hat der Sage nach der "Sängerkrieg auf der Wartburg" stattgefunden. Neben anderen sollen Walter von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach teilgenommen haben.

Hierhin kam also die "Prinzessin", als sie vier Jahre alt war. 1221 wird sie mit dem künftigen Landgrafen verheiratet. Mit 15 Jahren bekommt sie ihr erstes Kind. Innerhalb von 6 Jahren erlebt sie drei Schwangerechften. Mit 20 Jahren wird sie Witwe. Im Alter von 24 Jahren stirbt sie (1231). - 

Sie ist kaum zwei Jahre in Thüringen, da wird ihre (deutsche) Mutter von (ungarischen) Feinden ermordet. In Eisenach will man Elisabeth schon nach Hause schicken. Aber alles wendet sich zunächst zum Guten. Die Heirat (mit einem anderen Landgrafensohn als dem ursprünglich vorgesehenen) findet statt, und es kommt zu einer Ehe, die - ganz und gar ungewöhnlich für die Zeit - eine "Liebesehe" wurde. Elisabeth wollte zum Beispiel bei den Mahlzeiten immer neben ihrem Mann sitzen - die höfische Gesellschaft empfand das nicht nur als ungewöhnlich,s ondern auch als anstößig.

Als in Thüringen eine Hungersnot ausbrach, ließ Elisabeth sogar das Saatgetreide an die Armen verteilen. Sie machte sich damit bei ihren zahlreichen Feinden noch unbeliebter, als sie ohnehin schon war. Vor allem die Familie ihres Mannes muß sie gehaßt haben und sorgte dann auch dafür, daß sie die Landgrafenburg verlassen mußte, als ihr "Gemahl" von einem Kreuzzug nicht zurückkam.

Jetzt zog sich Elisabeth endgültig aus der höfischen Welt zurück. Sie lebt in äußerster Not, muß die eigenen Kinder weggeben. Ihr Beichtvater verbietet ihr, sich ihren Lebensunterhalt zu erbetteln. Deshalb gründet sie mit dem Geld, mit dem sie von der Landgrafenfamilie "abgefunden" worden war, vor den Toren Marburgs ein Spital. Daß eine Frau so etwas tat, war ebenfalls völlig ungewöhnlich. Auch hier wendete sie sich besonders den Aussätzigen zu. Eine ihrer Dienerinnen hat später erzählt, sie habe eine Aussätzige, deren widerlicher Gestank schon auf große Entfernung nur mit Ekel wahrzunehmen war, in ihr Hospital aufgenommen und sie selbst gebadet, verbunden und gebettet. Auch in ihren religiösen Tätigkeiten schien sie den Menschen der eigenen Bekanntschaft radikal und übersteigert. Eines Tages soll sie, ins Gebet versunken, nicht gemerkt haben, daß der Ärmel ihres ärmlichen Gewandes Feuer gefangen hatte.

Die geschichtliche Bedeutung dieser Frau liegt aber vor allem in der Tatsache, daß ihr Leben oder die (propagierte) Legende ihres Lebens das Verhalten Vieler künftighin bestimmt hat.

(Eberhardt Schwalm )
 


 
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