Kurzbiographien
 

Didaktischer Arbeitskreis Lübeck

Biographien im Unterricht


Wer macht Geschichte? Männer oder Frauen oder Ideen oder Produktivkräfte oder der Weltgeist oder ... ? Lehrpläne für Geschichte scheinen ein großes Gewicht auf Personen zu legen. Der Schüler soll viele Männer und wenige Frauen kennenlernen und kennen. Diese Forderung ist mißverständlich und problematisch.

Wenn ich mich hier mit Biographien beschäftige, will ich keinem personalistischen Geschichtsunterricht das Wort reden. An einem sozialgeschichtlich orientierten, die Strukturen herausarbeitenden Geschichtsunterricht soll nicht gerüttelt werden. Auf der anderen Seite kommt Geschichte nicht ohne Biographie aus. Sozialgeschichte darf nicht menschenleer werden. Das Personale macht neugierig. Ein wenig Klatscheffekt und Schlüssellochperspektive gehören dazu. Das Personale ermöglicht jedem unmittelbare Spiegelungen seiner eigenen Biographie. Die Lebensgeschichte eines anonymen, unbekanntes Menschen z. B. kann - vor allem im Unterricht der Unter- und Mittelstufe - hervorragen- de Erkenntnisse liefern. Aber die Schüler sollten auch einige nichtanonyme Persönlichkeiten kennen. Ohne Zweifel ist die Biographie ein Teil der Geschichte. Dabei darf sich heute eine Biographie weder am von der Romantik geförderten Persönlichkeits- und Genieideal noch am häufig übertriebenen Individualitätsprinzip des Historismus orientieren. Große Persönlichkeiten werden von Kollektiv- bewegungen und von Massenbewegungen mitgetragen. Die Gewalt von Sachzwängen in der industriellen Welt hat das besonders deutlich gemacht. Der Charakter der Gesellschaft, in der der Einzelne aufgewachsen ist, muß immer wieder mit berücksichtigt werden. Jede Person ist das Ergebnis eines umfangreichen Sozialisierungs- und Enkulturationsprozesses. Jede Zeit sucht sich ihre Person. Biographie und Sozialgeschichte spiegeln sich. Insofern sind diese Biographien Sozialbiographien. Um der Gefahr zu begegnen, nur die Erfolgreichen zu sehen und daher in einen Erfolgskult zu geraten, sollten immer wieder auch die großen Gegenspieler, damit auch Gescheiterte, in den Blick genommen werden. Auch große Denker sollten den "Tatmenschen" gegenübergestellt werden.

Die Mitarbeiter des Didaktischen Arbeitskreises Lübeck haben sich nun einmal an die Arbeit gemacht, einige Biographien zu schreiben. Die Auswahl richtet sich im wesentlichen nach den persönlichen Interessen der Autoren, ist also in keiner Weise exemplarisch oder repräsentativ. Uns war die Frage wichtig, wie eine solche Biographie aussehen soll und wie sie im Unterricht eingesetzt werden sollte. Wir betonen noch einmal, daß wir nicht einer Personengeschichte das Wort reden wollen und daß das Interesse an Personen den Lehrplan nicht aufblähen soll.

Unsere Biographien sind so formuliert, daß sie ohne Schwierigkeiten gelesen werden können. Sie wollen vor allem Person und Zeit illustrieren und kolorieren. Diese Biographien wollen auch den Bezug zur Zeit deutlich machen. Wir wollten folgende Fragen - mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten - beantworten: 

  1. Welches sind die die entscheidenden Verhältnisse vorher gewesen? 
  2. Wo liegen die zentralen Probleme? 
  3. Aus welcher Position heraus wirkt die Persönlichkeit? 
  4. Welches sind die leitenden Ideen der Zeit? 
  5. Welches sind die wichtigsten Persönlichkeitsmerkmale? 
  6. Welches Werk vollbringt die Persönlichkeit? (Ziel, Motiv, Mittel, Ergebnis)
  7. Welche gesellschaftlichen Kräfte stehen hinter der Persönlichkeit? 
  8. Gegen welche Kräfte kämpft die Persönlichkeit? 
  9. Wie wird die Persönlichkeit gewertet? (Kontroversen) 
Für die Merkfähigkeit spielen Anekdoten und bedeutungsgeladene Einzelheiten eine große Rolle. Sie sind spannend und aufhellend zugleich und helfen Geschichte behaltbar zu machen. Hier ist eine gewisse Nähe zur Methode der Dichtung festzustellen. Verdichtungen sind Träger der Merkfähigkeit.

Wann und wo sollen Biographien eingesetzt werden? Zunächst einmal können und sollen diese Biographien in Eigenlektüre des Schülers gelesen werden. Sie mögen auch Material für Schülerreferate sein. Diese Biographien sollen den Hintergrund für einen Quellentext veranschaulichen. Sie sollten kein neues Arbeitsmaterial sein, an dem und mit dem intensiv im Unterricht gearbeitett werden soll.

Auch in den vorhandenen Geschichtsbüchern kommen hin und wieder Biographien vor. Aber das bisher gedruckte Material kann nicht befriedigen; diese Biographien sind zumeist lexikalisch, neutral und trocken formuliert. Ein solcher Text vermag nicht zu faszinieren. Unser Ziel war es, auch zu werten, zu provozieren, Denkanstöße zu geben. Es soll ein Geschichts-Bild gemalt werden, das Typisches deutlich macht und dadurch Abstraktes veranschaulicht. Zu wünschen wäre, wenn die Geschichtsbücher - vor allem der Mittelstufe - wieder etwas umfangreicher würden und zum Beispiel solche Biographien mit aufnehmen würden, nicht um mehr Stoff im Unterricht zu behandeln, sondern um dem Benutzer das ergänzende Selbstlesen und "Schmökern" zu ermöglichen und zu erleichtern.

Biographien motivieren, erleichtern den Zugang zu Geschichte und machen diese zugleich behaltbar. Biographien haben daher eine wichtige dienende Funktion im Geschichtsunterricht.

(Jürgen W. Goette)

Inhaltsverzeichnis


Hammurabi (um 1728 - 1686)

Sokrates (460 - 399)

Tiberius Sempronius Gracchus (163 -133)

Gaius Julius Caesar (100 - 44 v. Chr.)

Friedrich I. Barbarossa (1122 - 1190)

Heinrich der Löwe (? - 1195)

Elisabeth von Thüringen (1207 - 1231)

Karl V. (1500 - 1558)

Christine von Schweden (1626 - 1689)

Viktoria von England (1819 - 1901)

[Wird fortgesetzt]
 


 
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