Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft

 
 

Text 1

Strukturwandel und industrielles Denken

1. Transformation des Industrialismus - Konturen der Dienstleistungsbeschäftigung 
im 21. Jahrhundert

Fast alle Vorschläge zur Überwindung von Massenarbeitslosigkeit und Beschäftigungskrise in Deutschland, egal aus welcher Richtung sie in den letzten Jahren gekommen sind, setzen auf den Dienstleistungssektor. Aus diesem Konsens gibt es kein Ausbrechen [...]. Das Beschäftigungsproblem in der Bundesrepublik ist durch eine Ausweitung von Dienstleistungsbeschäftigung mittelfristig nur zu bewältigen, wenn der Industrialismus als gesellschaftspolitisches Konzept und institutionelles Gefüge der Organisation von Arbeit transformiert wird. Ich sage bewußt "transformiert", nicht "abgeschafft" wird, weil es viele Elemente in ihm gibt, die - in umgestalteter Form - gesellschaftlich weiterhin produktiv und deswegen bewahrenswert sind. Diese Transformation ist vordergründig kein Projekt technischer Maßnahmebündel. Es ist ein gesellschaftliches Projekt der Konsensbildung über die institutionelle Umgestaltung von Arbeit in dieser Gesellschaft.

Diese abstrakte These ist erläuterungsbedürftig: Was heißt Industrialismus eigentlich? Warum ist er in Deutschland länger dominant geblieben als anderswo? Lassen Sie mich mit dem zweiten Punkt beginnen.

Deutschland - dies zeigt der Langzeitvergleich mit anderen westeuropäischen und amerikanischen Gesellschaften - ist von einer einseitig industriellen Entwicklung bis in die jüngste Vergangenheit hinein dominiert gewesen, während in anderen Ländern sehr viel früher eine Parallelität zwischen Industrie- und Dienstleistungsentwicklung zu beobachten ist. Der Hinweis, daß sich diese Entwick- lungsdifferenz nur in der sektoralen Gliederung von Beschäftigungs- und Wertschöpfungsanteilen zeige, entkräftet das Argument nicht. Denn die institutionelle Zuordnung von Tätigkeiten zu Branchen und Unternehmenstypen ist keine zufällige und folgenlose Angelegenheit. Sie besagt, daß sich diese Tätigkeiten, auch wenn es sich um Dienste handelt, im institutionellen und normativen Rahmen industrieller Produktion vollzogen und entwickelt haben. Das heißt, daß sie keine eigenständigen Muster der Spezialisierung und Arbeitsorganisation, keine eigenständigen Qualifizierungsformen und Interessenvertretungsorganisationen, keinen eigenen Begriff von Effizienz und Produktivität ausgebildet haben.

Daß dieses so ist, lehrt ein Blick auf die Geschichte der industriellen Beziehungen im Privatwirtschafts- sektor ebenso wie auf die Berufsbildung. Die Einbindung großer Dienstleistungsbereiche in die Industrie und damit eine Nachordnung der Dienstleistungs- gegenüber der Industriearbeit stabilisiert deren Hegemonie in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik insgesamt über längere Zeiten als in anderen Ländern. Die vielfältigen, aus allen Lagern in den letzten Jahren kommenden Klagen, daß die Dienst- leistungen innerhalb der Wissenschaften in den technischen Disziplinen, in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften wie auch in der Politik ein Schattendasein gefristet hätten ganz im Gegensatz zu ihrer Bedeutung für die Wertschöpfung und für die Beschäftigung -, mögen diesen Sachverhalt zusätzlich belegen.

Was heißt "Industrialismus als institutionelle Verfaßtheit der Arbeit" (Industriearbeitsmodell)? Er bedeutet

  1. eine vom vertikal hochintegrierten Groß- oder Mittelbetrieb geprägte Arbeitsorganisation;
  2. eine bestimmte Form von Arbeitsverhältnis, das Ihnen allen als Normalarbeitsverhältnis geläufig ist (betrieblich gebundener Achtstundentag, fünf oder sechs Tage die Woche über kontinuierlich 40 oder mehr Erwerbsjahre);
  3. die Bindung der Sozialversicherungsleistungen als zweiten Bestandteil der Entlohnung an eben dieses Normalarbeitsverhältnis;
  4. starke industrielle Beziehungen mit ausdifferenzierten Beteiligungsrechten der Beschäftigten, die sich nur im industriellen Großbetrieb wirklich entfalten konnten, und
  5. eine spezifische, am Facharbeiterprofil ausgerichtete Berufsbildung, die neben ihren theoretischen Anteilen wesentlich durch ihre Integration und Erfahrung im Produktionsprozeß bestimmt war und ein hohes Maß sozialer Integration bewirkte.
Um ein naheliegendes Mißverständnis zu vermeiden: Ich sage nicht, daß dieses Modell in der Industrie überall noch so praktiziert würde. In vielen Bereichen dürfte es auch in der Produktion zur Fessel geworden sein. Und vielleicht könnte man noch mehr Merkmale des Industrialismus als institutionelles Gerüst der Arbeit anführen. Ich denke, allein diese fünf genügen, um Ihnen den Gegensatz zu den Bedingungen von Dienstleistungsarbeit sichtbar zu machen.
  1. Daß der vertikal hoch integrierte Betrieb besonders reaktionsschnell gegenüber sich ändernden Marktverhältnissen oder ein optimaler Nährboden für die Entfaltung von Kreativität oder professionelle Exzellenz wäre, wird selbst in den meisten Industriebetrieben nicht mehr geglaubt.
  2. Niemand wird ernsthaft behaupten wollen, daß der Achtstundentag oder das Normal-arbeitsverhältnis als Norm eine besonders bedürfnisgerechte Organisationsform von Arbeit für all jene Frauen (aber auch Männer) ist, die Erwerbsarbeit wollen, aber gleichzeitig ihre Kinder erziehen und ihre Familie gestalten wollen. 
  3. Niemand wird ernsthaft vertreten wollen, daß der achtstündige Bürotag ein besonderes Stimulans für Kreativität und innovative Ideen wäre, die bei einer immer stärker werdenden informations-, forschungs- und wissensbasierten Ökonomie immer wichtiger werden. Wer sich die Zeitorganisation in Forschungslabors oder Softwarebuden anschaut, wird in den erfolgreichsten gerade nicht die industriellen Muster von Zeit- und Arbeitsorganisation vorfinden.
  4. Am Beispiel der sogenannten SOHOs (Small Offices and Home Offices) und des Medien- und Informations- und Kommunikationssektors (MIK) wird schließlich deutlich, daß die Potentiale der neuen Technologien in den alten Beschäftigungsformen nicht optimal ausgeschöpft werden können. Dies hat sich in den entsprechenden Forschungsarbeiten der beiden damit befaßten Module dieses Verbunds sehr deutlich gezeigt.
  5. Schließlich hat sich in unterschiedlichen Modulen gezeigt, daß die Orientierung der Ausbildung an dem an der Handwerker- und Facharbeiterausbildung modellierten Berufsprinzip die in den modernen Dienstleistungsfeldern beobachtbare räumliche und zeitliche Dynamik und Entgrenzung der Tätigkeiten sowie ihre theoretische und praktische Kontur kaum angemessen faßt.
In dem Punkt, daß das industrielle Beschäftigungsmodell "nicht mehr beanspruchen kann, [...] universelle Geltung für die Gesellschaft als Ganze" zu haben (Spiegel 19/99, S. 41), bin ich mit Streeck und Heinze einer Meinung. Aber vor jeder Gestaltungsanleitung muß die Frage beantwortet werden: Warum hält sich das industriegesellschaftliche Arbeitsmodell so hartnäckig, wenn doch so vieles gegen seine universelle Gültigkeit spricht? Es sind in meinen Augen drei zusammenhängende Gründe, die man dafür anführen kann, daß die institutionelle und normative Hegemonie des Industriearbeitsmodells in Deutschland so schwer zu brechen ist:
  1. Zum ersten ist dieses Modell ein sehr robustes, in sich geschlossenes und vor allen Dingen sehr erfolgreiches Konzept nicht nur zur Organisation von Arbeit, sondern auch zur Verteilung ihrer Resultate gewesen, das nicht nur den unmittelbar beteiligten Akteuren im Industriesektor große Vorteile einbrachte, sondern als Basis für gesellschaftlichen Reichtum und soziale Sicherheit insgesamt gelten konnte. John Child hat im Zusammenhang organisationalen Lernens darauf hingewiesen, wie schwer sich Managementgruppen in Unternehmen tun, eine jahrelang erfolgreiche Organisationspraxis für ein innovatives, aber in seinen Erfolgsaussichten unsicheres, weil nicht erprobtes Organisationsmodell aufzugeben, selbst wenn sie die Mängel ihrer Organisationspraxis durchaus sehen. Vermutlich gilt dies in ähnlicher Weise für Gesellschaften insgesamt. Die positiven Erfahrungen und Sicherheiten mit dem Modell industrieller Arbeit wirken in Deutschland nach, und alle institutionellen und personellen Akteure haben ihre Handlungskonzepte entlang den vorgestanzten Mustern des Industrialismus ausgebildet.
  2. Dies gilt zweitens um so mehr, weil der Dienstleistungssektor ein ähnlich einheitliches und robustes Konzept für die Organisation von Arbeit nicht bieten kann. Dienstleistungstätigkeiten waren von Anfang an heterogen in Inhalten, Organisationsformen und Entwicklungstempo. Der Dienstleistungssektor vereinte immer eine Vielfalt von Tätigkeitstypen: von den persönlichen Diensten über die unternehmensbezogenen und marktvermitteltenden Tätigkeiten bis hin zur Wissensproduktion und -verbreitung. Was diese Tätigkeiten einte, war immer nur, daß sie nicht unmittelbare industrielle Produktion waren. Sie blieben gegenüber dieser eine Residualkategorie, selbst als sie längst die Mehrheit der gesellschaftlichen Beschäftigungsverhältnisse repräsentierten. Sie sind vom Tätigkeitsinhalt wie von den Organisationsformen der Arbeit her hochgradig unterschiedlich, und es ist aufschlußreich, daß in der Entwicklung der Beschäftigungsexpansion ganz unterschiedliche Bereiche als Leitsektoren fungierten: mal war es der Öffentliche Dienst, mal das Gesundheitswesen, mal die unternehmensbezogenen Dienste. Die Metapher "Dienen" als Begriff fürs Ganze zu nehmen, ist eher irreführend und trifft nur jenen begrenzten Bereich personenbezogener Dienste, der heute in den Vorschlägen zum Ausbau eines Niedriglohnsektors in den Vordergrund rückt.
  3. Das institutionelle Arrangement, das das industrielle Arbeitsmodell ausmacht, hat eine nachhaltige Macht- und Interessensstruktur seiner Hauptakteure samt den dazugehörigen Leitbildern und Deutungsmustern - geschaffen; und diese sind nur schwer aufzubrechen.
Wenn die Argumentation richtig ist, wird verständlich, warum bisher die vielfältigen Vorschläge, die Bundesrepublik solle sich in der Beschäftigungspolitik an bewährten Praktiken anderer Länder orientieren, so wenig verfangen haben. Ein Großteil wohlgemeinter Ratschläge in der aktuellen Debatte zur Bekämpfung von Massenarbeitslosigkeit läuft mehr oder weniger auf so eine Art von Mischmodell aus Elementen unterschiedlicher Länder hinaus: Man nehme in der Arbeitszeitfrage sich ein Beispiel an den Niederlanden, in der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes schaue man auf das dänische Konzept der Übergangsarbeitsmärkte und verbinde das Ganze mit einem kräftigen Schuß angelsächsischer Deregulierung der soziale Sicherungsstandards.

Ich sage weder, daß derartige Ratschläge falsch seien, noch daß wir nicht viel von unseren Nachbarn diesseits und jenseits des Atlantik lernen könnten. [...]

Aber die Frage ist nicht, ob wir von anderen lernen können. Die Frage ist vielmehr, warum wir es bislang so wenig tun, obwohl seit Jahren [...] beschäftigungspolitische Alternativen zu der bundesrepublikanischen Praxis in anderen Ländern vorliegen. Der Grund für die offensichtliche politische Lernschwäche der deutschen Gesellschaft liegt meines Erachtens in eben jener Schwierigkeit, daß es mit partikularen Eingriffen nicht getan ist bzw. diese nicht erfolgreich implementiert werden können, ohne daß ein genereller, an diese Wurzeln gehender institutioneller Umbau, der vom industriellen Arbeitsmodell wegführt, in die Wege geleitet wird.
 

2. Dienstleistungsbeschäftigung für das 21. Jahrhundert: Zur Verbindung 
einer High-Road- und einer Low-Road-Strategie

Von dieser Grundannahme aus sind auch die Vorschläge zu verstehen, wie aus Sicht der Forscher ruppen und des Expertenkreises Perspektiven für eine Expansion der Dienstleistungsbeschäftigung aussehen könnten. Ich will das Hauptergebnis in meiner zweiten These vorweg ziehen:

Ein wenig abweichend von den Vorschlägen, die jüngst in die Öffentlichkeit gebracht worden sind, setzen wir nicht vordringlich auf die Ausweitung eines Niedriglohnsektors, sondern auf eine Verbindung von High-Road- und Low-Road-Strategien. Wir halten die Subventionierung eines Bereichs einfacher Dienstleistungstätigkeiten (Low-Road-Strategie) für sinnvoll, denken aber, daß eine Expansion von Niedriglohn- bzw. Niedrigqualifikationsbeschäftigung sich auf längere Sicht selbst nur trägt, wenn sie von einer Hochqualifikation bzw. Hochpreisstrategie (High-Road-Strategie) gestützt ist. 

Warum? [...] Wichtiger als der Preis sind die im Industrialismus eingespielten Normen, Verhaltens- weisen und Routinen der Alltagskultur als Ursache für eine begrenzte Nachfrage. Diese haben ebenso etwas mit den bürgerlich-industriegesellschaftlichen Traditionen des Familienlebens zu tun wie mit dem besonderen Vertrauensverhältnis, das häufig bei personenbezogenen Diensten eine entschei- dende Rolle spielt; vielleicht auch mit einer gewissen Scheu, sich von Fremden bedienen zu lassen. Eine Veränderung kultureller Verhaltensmuster ist erst zu erwarten, wenn sie durch alternative Perspektiven oder Verpflichtungen - zum Beispiel der Erwerbsarbeit - in Frage gestellt werden. Wenn es also nicht mehr selbstverständlich ist, daß die Frau, die jetzt selbst erwerbstätig ist, immer noch sämtliche Sachen im Haushalt zu besorgen hat, die mit ihrem lernunwilligen Sohn ebenso Nachmittag für Nachmittag Hausaufgaben macht wie im fortgeschrittenen Alter als Tochter oder Schwiegertochter die Mutter oder den Vater aufopferungsvoll pflegt.

Es gibt eine eindeutige Korrelation zwischen dem Ausbau von Dienstleistungen und der Frauen- erwerbsquote. Wahrscheinlich ist diese für die Expansion dieser Tätigkeiten sehr viel wichtiger als die Lohnspreizung. So widersinnig es auf den ersten Blick aussieht, wahrscheinlich ist die Erhöhung der Frauenerwerbsquote eine zentrale Bedingung für die Verringerung der Arbeitslosigkeit. (Sie können das an der Korrelation zwischen Erwerbsquoten und Arbeitslosigkeitsquoten in unterschiedlichen Ländern sehr deutlich verfolgen. Die Bundesrepublik hat eine der niedrigsten Frauenerwerbsquoten und eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Europa.) Man begreift hierzulande offensichtlich sehr schwer, daß die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung nicht nur Arbeit frißt, sondern auch Arbeit schafft. Die Erhöhung der Frauenerwerbsquote aber ist gebunden an eine Verbesserung von Teilzeit- möglichkeiten, und zwar nicht nur im niedrigqualifizierten Bereich, sondern auch im mittel- und hochqualifizierten Bereich.

Perspektiven für die Verbindung einer High-Road- mit einer Low-Road-Strategie im Dienstleistungs- sektor sehen wir durchaus, und zwar auch mit quantitativ zu Buche schlagenden Beschäftigungs- effekten, die wir in einer dynamischen Potentialabschätzung auf wenigstens eine halbe Million Erwerbstätige (nur direkte Effekte) in den nächsten zehn Jahren schätzen. Sie liegen in wenigstens drei Feldern bzw. Typen von Dienstleistungen: 

  1. Erstens bei den wissensintensiven unternehmensbezogenen Dienstleistungen, die mit einem Anstieg der Beschäftigung von weit über 100 Prozent seit 1980 auch ihren Anteil an der Gesamtbeschäftigung in etwa verdoppelt haben (von 2,2 Prozent auf 4,2 Prozent). Zu ihnen zählen Architektur- und Ingenieursbüros, Untersuchungslabors, EDV-Dienstleister, FuE-Ein- richtungen, Rechts-, Steuer- und Unternehmensberater, Werbeagenturen sowie Markt- und Meinungsforschungsinstitute. Selbst wenn diese Dienstleistungen nicht das Gros der Dienst- leistungstätigkeiten ausmachen, sind bei ihnen die direkten, vor allen Dingen aber die indirekten Effekte über die Erhöhung der Exportfähigkeit der übrigen Wirtschaft und, da es sich über- wiegend um hoch qualifizierte und hoch entlohnte Dienstleistungen handelt, auch in bezug auf die Nachfrage nach primären Dienstleistungen beträchtlich.
  2. Zweitens liegen Expansionschancen im Gesamtbereich der Dienste im MIK-Bereich, die sich häufig mit neuen Beschäftigungsformen dezentralisierter Telearbeit und SOHOs verbinden. Auch dieses sind vornehmlich hochqualifizierte Tätigkeiten, bieten aber auch Beschäftigung für mittel- und geringqualifizierte Arbeitskräfte. (Call-Center usw.)
  3. Drittens in den traditionellen Dienstleistungsfeldern des Handels, der Banken/Versicherungen, der Mobilitätsdienste (Bahn, Reiseunternehmen) sowie bei personenbezogenen Dienstleistungen empfiehlt der Expertenkreis, statt der in den letzten Jahren um sich greifenden Cost-Cutting- Strategien der Service-Reduktion eine solche der Qualitätsverbesserung und der Qualitäts- offensive zu praktizieren. Nur hier liegen neue Beschäftigungsmöglichkeiten. Deutschland - so die überwiegende Meinung im Expertenkreis - leide statt an einer quantitativen eher an einer qualitativen "Dienstleistungslücke", die aber quantitative Lücken in der Dienstleistungs- beschäftigung nach sich zieht. Qualitative Mängel wurden unter anderen in der schlechten Zugänglichkeit von Dienstleistungen, in mangelnder Individualisierung der Angebote im Verhältnis zu differenzierten Bedürfnissen sowie in der Überbetonung technischer anstelle personalvermittelter Interaktion gesehen.
Als Perspektive für eine Qualitätsoffensive wird vor allem eine Verstärkung von Verbunddienst- leistungen angesehen. Verbunddienstleistungen sind Kombinationen von bisher von verschiedenen Organisationen erbrachten Einzel- oder Teilleistungen, die als komplexes Leistungsbündel ein spezifisches Kundenbedürfnis besser erfüllen. Beispiele hierfür sind etwa integrierte Taxi-Bahn-Flug- Autoleasing-Reisearrangements, integrierte Haushaltsdienste, komplexe finanzielle Altersvorsorge- angebote. Die Möglichkeit für solche Verbunddienstleistungen werden im IuK-Bereich, bei den Mobilitätsdiensten, bei haushaltsbezogenen Diensten, im Facility-Management im Immobilienbereich wie auch bei den Finanzdienstleistungen gesehen.
 

3. Handlungs- und Regulationserfordernisse

Die angesprochenen neuen Beschäftigungspotentiale - und für diese meine dritte und letzte These komme ich auf meine erste zurück - sind nur in einer grundlegenden Transformationsstrategie zu aktualisieren, sonst bleiben sie beschäftigungspolitisch unwirksam. Die Realisierung einer High-Road- Strategie mit neuen Beschäftigungsformen setzt andere Regulationen der Arbeit voraus als das industriegesellschaftliche Modell, auch andere als eine Niedrigqualifikations-/Niedrig-Lohn-Strategie. (Ich vermute, daß das Konzept eines subventionierten Niedriglohnsektors nicht zuletzt deshalb für viele attraktiv ist, weil es keine großen Abstriche vom traditionellen Arbeitsmodell erforderlich macht.)

Die Konturen der Dienstleistungsarbeit im 21. Jahrhundert werden völlig andere sein als die der Industriearbeit des 20. Jahrhunderts. An die Stelle der klaren, relativ dauerhaften und hierarchischen Betriebs- und Arbeitsstrukturen werden immer flexiblere Formen von Berufstätigkeit und temporäre labile Organisationsformen vernetzter und/oder virtueller Unternehmen treten. Die Zeitorganisation der Arbeit und die Arten der Belastung werden nur noch wenig mit dem gemeinsam haben, was wir bis in die letzten Dekaden des zu Ende gehenden Jahrhunderts aus der Industrie und der nach ihrem Muster gestrickten Dienstleistungsarbeit kennen. In zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Arbeitsmodells deutet sich damit ein beträchtlicher Regulationsbedarf an, der sich an drei Feldern sichtbar machen läßt:

  1. in der Neunormierung der Arbeitszeit und des Beschäftigungsverhältnisses;
  2. in der Neuregulierung der sozialen Sicherung bei den neuen Beschäftigungsformen und
  3. bei der Qualifizierung im Bereich der Aus- und Weiterbildung.
Ich kann dieses nur noch andeuten:
  1. Die traditionelle Definition des acht- oder neunstündigen Normalarbeitstages ging davon aus, daß diese Zeit die zumutbare Verausgabung von Arbeitskraft an einem Fabriktag sei. Die Vorstellung gerät in der gegenwärtigen Dienstleistungsökonomie von drei Richtungen unter Druck. Von seiten des Arbeitsmarktes, daß viele - im Augenblick noch -, vor allem weibliche Arbeitskräfte, Teilzeittätigkeiten wollen und diese als Arbeitsverteilungsform arbeitsmarktpolitisch auch sinnvoll sind. Von Seiten der Unternehmen, die flexible Formen der Zeitgestaltung im Interesse einer für sie besseren Anpassung an Marktschwankungen befürworten. Schließlich von der Belastungsseite bei neuen telekommunikativen Arbeitsformen, die eine so hohe Konzentration verlangen, daß man sie nicht länger als vier bis fünf Stunden ausüben kann (Beispiel Call-Center). Diese Konstellation legt es nahe, alle Formen der Teilzeit oder flexiblen Zeit oberhalb der Geringfügigkeitsschwelle als "Normalarbeitsverhältnisse" zu normieren. Das heißt unter anderem, daß diejenigen, die sie - temporär oder ständig - ausüben, die gleichen Möglichkeiten der beruflichen Entfaltung, der Qualifizierung, der sozialen Sicherung erhalten.
  2. Es besteht kein Zweifel, daß sich insbesondere (aber nicht nur) im Bereich der neuen Informations- und Mediendienste Formen selbständiger Tätigkeit ausbreiten und Formen selbständiger Erwerbstätigkeit ermutigt und durch verbesserte infrastrukturelle Angebote gestützt werden sollten. In diesen Zusammenhang gehört auch eine Überprüfung und gegebenenfalls Neugestaltung der sozialen Sicherungssysteme mit dem Ziel, die für die neuen Selbständigen schwer zu kalkulierenden Phasen mit schlechter Auftragslage überbrücken und Alterssicherung rechtzeitig betreiben zu können.
  3. Man kann Zweifel haben, ob die traditionellen Formen dualer Berufsausbildung in den Dienstleistungsbereichen je die gleiche Bedeutung wie in der Industrie hatten; die größeren Anteile schulischer Ausbildung bestätigen diese Zweifel. Keine Zweifel bestehen heute daran, daß das Berufsprinzip und die Berufssystematik für die meisten Formen qualifizierter Dienstleistungen kein tragfähiges organisatorisches Fundament mehr abgeben. Die gestiegenen Wissens- und Theorieanteile, die zunehmende Internationalisierung der Handlungsfelder und der beschleunigte Wechsel von Marktkonstellationen lassen ein Ausbildungssystem mit starker beruflicher und lokaler Orientierung immer weniger geeignet erscheinen, den Anforderungen einer modernen Dienstleistungsökonomie zu entsprechen. Lockerung des Berufsprinzips, Schaffung zur alten Qualität alternativer Lernortarrangements unter Einbezug von Hoch- und Fachhochschulen, konsequente Durchlässigkeit von der Berufs- zur Hochschulausbildung und flexible Gestaltung des Verhältnisses von Erstausbildung und Weiterbildung sind die wichtigsten Punkte für eine Neuregelung.
Alle drei skizzierten Regulationsfelder sind Gestaltungsfelder nicht vorrangig der Politik, sondern der Akteure des Korporatismus, von Gewerkschaften und Unternehmensverbänden, die heute die großen Partner der Politik im "Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit" sind. Auch der deutsche Korporatismus ist ein Kind des Industrialismus, und er hat sich als ein hocheffektives Handlungsmodell nicht nur zur Regulierung, sondern auch zur Entwicklung von Arbeit im Nachkriegsdeutschland erwiesen. Im "Bündnis für Arbeit" muß dieser Korporatismus beweisen, ob er seine eigene Transformation für die nachindustrielle Welt schafft, indem er unter anderem tragfähige neue Regulationen für Sachverhalte wie die Ihnen vorgetragenen konsensuell herstellt. Das steht auf dem Spiel nicht mehr und nicht weniger.

(Martin Baethge: Warum tun sich die Deutschen mit der Dienstleistung so schwer? Über die Hartnäckigkeit des industriellen Denkens und die Konturen einer anderen Arbeitsgesellschaft im 21. Jahrhundert. In: Frankfurter Rundschau vom 1. Juli 1999, S. 8.)

Aufgaben:

  1. Erläutern Sie, warum der Industrialismus in Deutschland länger vorherrschend geblieben ist als in den westeuropäischen und amerikanischen Gesellschaften!
  2. Definieren Sie den Begriff Industriearbeitsmodell"!
  3. Vergleichen Sie das Industriearbeitsmodell mit den Bedingungen von Dienstleistungsarbeit!
  4. Erläutern Sie, warum die "Hegemonie des Industriearbeitsmodell in Deutschland nur schwer zu brechen ist"!
  5. Erläutern Sie die Vorschläge für den Abbau von Arbeitslosigkeit mit Hilfe einer Verbindung von Niedriglohnstrategie und Hochpreisstrategie!
  6. Erläutern Sie, in welchen Bereichen des Normalarbeitsverhältnisses Veränderungen notwendig sind!

 
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