Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft

Text 1

Bedeutung und Bewertung der Arbeit
im Wandel gesellschaftlicher Entwicklung

Ein kurzer Blick in die Geschichte fördert die unterschiedlichsten Grundauffassungen über die Arbeit zu Tage. Geschichtliche Epochen haben nicht nur ihre spezifische Wirtschafts- und Gesellschafts- ordnung, sondern auch eine jeweils spezifische Bewertung und Deutung der Arbeit. Heute stellt sich die Frage, wie sich mit dem Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft das Werte- systern der Arbeit verändert. So wie die Industriegesellschaft einen spezifischen Deutungs- und Wertezusammenhang der Arbeit entwickelte, wird auch die Dienstleistungsgesellschaft ihre eigene Kultur der Arbeit hervorbringen.

Im biblischen Mythos von Adam und Eva, der Schlange und dem Apfel, kommt die Arbeit als Fluch über die Menschheit: "Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen." Und: "Weil du deinem Weibe gehorcht hast", heißt es da, "verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang." Arbeit als Mühsal, Plage, als Fluch. Die Frau nimmt in diesem Mythos nicht zufällig eine Schlüsselrolle ein bei der historischen Begründung der Arbeit. Sie war es, die - in ihrer langen Tätigkeit als Sammlerin der Nahrungsmittel - den Ackerbau entwickelte und damit einen Prozess in Gang setzte, in dem Arbeit schließlich für das Überleben unentbehrlich werden sollte: Arbeit beginnt, wo die Menschen anfangen, ihre Existenzgrundlagen systematisch selbst zu erzeugen.

Wenn die Menschen der Antike die Arbeit gering schätzten und als eine Last begriffen, die man so gut wie möglich von sich fern halte, dann meinten sie den Ackerbau, die körperlich anstrengende und mühselige Arbeit in der altertümlichen Landwirtschaft. Im Lebensverständnis der Antike stellt sich die Würde des vollwertigen Bürgers dementsprechend nicht durch ein Recht auf Arbeit her, sondern - im Gegenteil - durch ein Recht auf Nicht-Arbeit, auf der Grundlage der Arbeit der Sklaven und der Frauen.

Erst sehr viel später, im Lauf des Mittelalters, schlug diese antike Geringschätzung der Arbeit um: Arbeit wird nun zu einer Bedingung für das Seelenheil der Menschen, sozusagen zu einer spirituellen Lebensnotwendigkeit, die den Menschen vor den Einflüssen des Bösen, des Teufels schützen soll. "Ora et Labora" lautete die entsprechende Lebensformel, wie sie damals in den Benediktinischen Klöstern praktiziert wurde.

Die beginnende Industriegesellschaft gibt der Arbeit einen zentralen Stellenwert bei der Herstellung von Wohlstand und Lebensqualität. Arbeit, so urteilte Adam Smith, der Urvater der modernen Wirtschaftstheorien, ist die zentrale Produktivkraft, die Quelle des Reichtums der Nationen. Das mag uns heute als Selbstverständlichkeit erscheinen. Tatsächlich gehört diese Annahme zum geistigen Rüstzeug der industriegesellschaftlichen Entwicklung, wie wir gleich sehen werden.

Später, bei Karl Marx, erweitert sich diese zentrale Rolle der Arbeit zum Medium der Subjektwerdung des Menschen und des gesellschaftlichen Fortschritts. Auf diesen geistigen Fundamenten ruht ein bis in die Gegenwart gültiger gesellschaftlicher Konsens, der Arbeit als Quelle des Reichtums, als Grundlage des Wohlstands und zugleich als sinnstiftenden Lebenszusammenhang ins Zentrum der Gesellschaft und der individuellen Lebensentwürfe stellt.

Das Ausmaß, in dem dieser Konsens heute ins Wanken gerät, in dem sich die Arbeit als zentraler ökonomischer und gesellschaftlicher Wert relativiert, ist ein guter Gradmesser für die aktuelle Krise der Arbeitsgesellschaft. Selbst bei den größten Verfechtern der Arbeit ist heute eine gewisse Ratlosigkeit, was die Wege und Rezepte zur Verwirklichung ihrer Ziele betrifft, kaum zu übersehen.

Die Ursachen für diese Ratlosigkeit liegen nicht nur in der Komplexität der arbeitsmarktpolitischen Probleme begründet, sondern auch in der Tatsache, dass die Krise der Arbeitsgesellschaft aufs Engste mit dem Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft verflochten ist und dass in diesem Wandel auf eine sehr grundsätzliche Weise die Frage nach dem Verhältnis von Arbeit und Leben neu aufgeworfen ist.

Die Debatten um die Rente mit 60 sind dafür ein gutes Beispiel. Die Schwierigkeit besteht nicht nur darin, eine finanzielle Grundlage für dieses Modell zu finden, sondern auch in der unausgesprochenen Frage, ob wir uns weiterhin an einem Lebensmodell orientieren wollen, in dem wir nach der Ausbildung einige Jahrzehnte lang ununterbrochen und vollzeitig arbeiten, um dann mit 60, oder ein paar Jahre später, zum alten Eisen abgeschoben zu werden.

Die Beziehung von Arbeit und Leben zu einem Thema der öffentlichen Debatte und der Politik zu machen, ist in Deutschland bisher relativ schlecht gelungen. Und möglicherweise hängt die Tatsache, dass wir beim Abbau der Arbeitslosigkeit wesentlich schlechter vorankommen als beispielsweise unsere nördlichen Nachbarn in Dänemark und Holland damit zusammen.

So wird der Wandel der Arbeit, wie er sich heute, ausgehend von den wirtschaftlichen Modernisierungsprozessen entwickelt, von den meisten "Betroffenen" weniger als Chance für neue Lebensgestaltung und Wertorientierungen erfahren, denn als Quelle von Unsicherheit. Tatsächlich gehen in diesem Wandel zentrale Sicherheiten der bis heute normprägenden Lebensarrangements unwiederbringlich verloren:

  • Das betrifft die Sicherheiten des Normalarbeitsverhältnisses, des geregelten Lebenslaufs von der Ausbildung über jahrzehntelange Erwerbstätigkeit bis zum "verdienten" Ruhestand, an deren Stelle vermehrt die Unsicherheit und Unplanbarkeit neuer Beschäftigungsverhältnisse in Form von Honorar- und Teilzeitarbeit, befristeter oder Selbständiger Erwerbsarbeit tritt.
  • Das betrifft die Frage, was heute überhaupt eine Beschäftigung oder ein Arbeitsplatz ist: Sind beispielsweise 10 Stunden pro Woche schon ein Arbeitsplatz? Ist ehrenamtliche Arbeit auch eine Art Beschäftigung? Wie kann ein Recht auf Arbeit heute konkret definiert werden? (Doch bestimmt nicht als ein Recht darauf, so viel zu arbeiten, wie man will.) Und was bedeutet die Forderung nach existenzsichernder Erwerbsarbeit dann konkret? Von welchem Einkommen an beispielsweise ist eine Halbtagsstelle existenzsichernd?
  • Und das betrifft schließlich die Frage, welchen Ort Erwerbsarbeit in der Lebensgestaltung und Lebensplanung in Zukunft haben kann.
Tatsächlich war der sichere Arbeitsplatz, der ein sicheres Einkommen und eine ebenso sichere Rente garantiert, eine relativ kurzlebige Erscheinung in der Hochphase der industriellen Massenproduktion, die in der Bundesrepublik als Wirtschaftswunder- und Vollbeschäftigungszeit in die Geschichte einging. Sie war überdies im Großen und Ganzen ein Privileg der männlichen Arbeitnehmer.

Max Weber hat in seinen Studien eindrucksvoll beschrieben, welche Schwierigkeiten Unternehmer im vergangenen Jahrhundert bei dem Versuch hatten, ihre Arbeiter langfristig an einen Arbeitsplatz zu binden und zu verhindern, dass sie wieder verschwanden, sobald sie eine gewisse Summe Geld verdient hatten, die ihnen erst mal ausreichte. Die Fabrikanten klagten über die Bedürfnislosigkeit der Menschen, über ihren Hang zu Faulheit und Müßiggang. Und oft war es erst die gewaltsame Landnahme und die Einrichtung von Arbeitshäusern für Landstreicher, die aus Gelegenheitsarbeitern langfristig Beschäftigte machten. Solange die frühindustriellen Arbeiter noch mit einem Bein in der Landwirtschaft standen, setzten sie auf eine andere Art der Sicherheit. Diese Sicherheit bot ihnen nicht nur die Landwirtschaft, die immer mit großen Existenzrisiken verbunden war. Es waren vor allem außerökonomische Faktoren, die letztlich materielle Sicherheit boten: der familiäre Zusammenhalt, nachbarschaftliche Hilfe, die Solidarität in der Dorfgemeinschaft.

Und im größeren Teil der Welt sind es nach wie vor diese familiären und dörflichen Sicherheitsnetze, auf die in den Zeiten der Krise zurückgegriffen wird. Als in den vergangenen Jahren die Wirtschaftskrise über die südostasiatischen Schwellenländer hereinbrach, konnten viele Arbeiterinnen und Arbeiter, die in der Industrie ihren Arbeitsplatz verloren, nur überleben, indem sie in ihre Dörfer und zu ihren Familien zurückkehrten.

Diese lebensweltlichen Zusammenhänge, die dem vorindustriellen Menschen Sicherheit boten, waren in der Industriegesellschaft einer einschneidenden Veränderung unterworfen: Sie wurden von der Welt der Arbeit abgespalten. Familie, Nachbarschaften, soziale Netze gehören in der Welt der Industriegesellschaft nicht mehr zur "produktiven Arbeit", sondern in den Bereich des "konsumtiven" Lebens.

Das ist die tiefere Bedeutung der Annahme von Adam Smith, dass allein Arbeit die Quelle des Wohlstands sei. Gesellschaftliche Zusammenhänge, Institutionen und soziale Netze treten als Produktivkräfte hier nicht mehr in Erscheinung. Die Überhöhung der Arbeit ist zugleich eine Entwertung der Produktivität gesellschaftlicher und persönlicher Beziehungen.

Nach Adam Smith ist "produktive Arbeit" menschliche Tätigkeit, die Werte hervorbringt, die auf dem Markt als Tauschwerte realisiert werden können und so zum messbaren Reichtum, zum Bruttosozialprodukt einer Nation beitragen. "Produktiv" in diesem Sinne ist vor allem der Industriearbeiter. Auf ihn allein sollten in den Augen von Adam Smith deshalb alle Nationen setzen, die ihren Reichtum vergrößern wollten, denn "der Fabrikarbeiter vermehrt den Wert des Rohmaterials, das er bearbeitet, im Allgemeinen um den Wert seines eigenen Lebensunterhalts und um den Gewinn seines Unternehmens. Die Arbeit eines Dienstboten dagegen erzeugt nirgendwo einen solchen Wert." Das "Hausgesinde", wie er es nannte, sei vergleichbar mit "müßigen Gästen", "die verzehren, ohne einen Gewinn zurückzulassen". Dass mit diesem Verdikt der Unproduktivität auch die Arbeit der Hausfrau gemeint war, versteht sich von selbst.

Diese Aufspaltung in "produktive Arbeit" und unproduktive Tätigkeit hatte weit reichende Folgen, sowohl für das, was als produktive Arbeit galt, als auch für die Tätigkeiten und Lebenszusammenhänge, die im Orkus der Unproduktivität aus dem gesellschaftlichen Blickfeld weitgehend verschwunden sind.

Idealtypisch entwickelte sich eine zweigeteilte Welt: - zum einen die Welt der Geschäfte, des Gelderwerbs, der "produktiven Arbeit", die von Beginn an eine Welt der Männer war, - und auf der anderen Seite die Welt der bürgerlichen Familie, des privaten Haushalts, die gestaltet wird von der sanften, fürsorgenden Frau als Hausfrau und Mutter, und wo nicht nur die materielle Reproduktion stattfindet, sondern vor allem auch das Seelenleben einen Ort und eine geeignete Umgebung für seine Entfaltung finden kann.

In der Welt der "produktiven Arbeit", der "kalten Welt der Zahl", wie Novalis es damals ausdrückte, entwickelte sich die klassische Form der industriellen Arbeit, mit einer sehr weitgehenden Arbeitsteilung, mit Arbeitsformen, die darauf ausgerichtet waren, die Persönlichkeit des Arbeitenden so weit wie möglich aus der Arbeit herauszuorganisieren. Dort, wo der Reichtum der Nationen geschaffen wurde, sollte der Mensch möglichst nicht als solcher in Erscheinung treten. Arbeit wurde zu entfremdeter Arbeit.

Auf der anderen Seite war die Welt der Familie konzipiert als das Reich der persönlichen Entfaltung, und die Hausfrau und Mutter braucht für das, was sie tut, keine spezifische Qualifikation, sondern den Einsatz ihrer gesamten Persönlichkeit.

Diese beiden Gegenpole standen zugleich in einer eindeutigen hierarchischen Ordnung. Erwerbsarbeit war die Quelle des Reichtums. Die Familie war die Quelle des Wohlbefindens, aber als solche von der Produktivität des Erwerbssektors abhängig. Hier wurde das verzehrt, was in der Welt der Arbeit geschaffen wurde.

Die industrielle Lebensformel von entfremdeter Erwerbsarbeit und privatem Konsumentendasein ist heute noch eine gültige Orientierungsgröße, doch sie verliert mit der Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft zunehmend an Boden.

Die traditionelle industrielle Massenproduktion konnte und wollte die persönlichen Qualitäten ihrer Arbeiter ignorieren, denn sie war daran orientiert, möglichst viel vom Gleichen möglichst billig zu produzieren. Auf dieser Grundlage war es effektiv, die Arbeit in einfache, standardisierte Tätigkeiten aufzuspalten und auf reine Verrichtungsfunktionen zu reduzieren.

Genau in diesem Punkt hat die Dienstleistungsgesellschaft aber eine andere Entwicklungslogik. Moderne - auch industrielle - Unternehmen sind nicht mehr vorrangig daran orientiert, möglichst viel vom Gleichen zu produzieren, sondern möglichst kundennah, möglichst flexibel, sozusagen "maßgeschneiderte" Produkte für individuelle Anforderungen zu liefern.

In der idealtypischen Fabrik der Zukunft erhalten die Käufer statt Massenware individuelle Wunsch- produkte. Der idealtypische Konsument der Zukunft stellt sich das gewünschte Produkt auf der Grundlage elektronischer Kataloge selbst zusammen. Die Herstellung der Produkte und Dienstleistun- gen muss dann so organisiert sein, dass sie möglichst schnell an schwankende Marktbedürfnisse angepasst werden kann. Flexibilität und Geschwindigkeit sind deshalb die Schlüsselfaktoren moderner Unternehmensorganisation.

So flexibel und kundennah können Unternehmen aber nur dann sein, wenn sie es auch ihren Beschäftigten ermöglichen, eigene Problemlösungskompetenz zu entwickeln, wenn möglichst viele Mitarbeiter die Möglichkeit haben, stärker eigenverantwortlich und selbständig zu arbeiten. In vielen modernen Unternehmen hat sich der Facharbeiter heute in einen "Problemlöser" verwandelt, der über Fachgrenzen hinweg und mit zunehmender Eigenverantwortlichkeit arbeitet, und dessen Arbeitsalltag fachübergreifendes Wissen und wechselnde Qualifikationsanforderungen nicht mehr wegzudenken sind.

Die alte, tayloristische Arbeitsorganisation mit ihrer starren Aufgabenteilung verliert in diesem Prozess ihre Grundlagen, ebenso wie die dazugehörige, auf einfache Verrichtungsfunktionen reduzierte Arbeit. Stattdessen rücken die persönlichen Fähigkeiten der Beschäftigten stärker in den Vordergrund. Schlüsselqualifikationen, die früher vor allem auf den Management-Etagen gebraucht wurden, verwandeln sich in berufliche Anforderungen an große Teile der Belegschaft: Kreativität, Kommunikationsfähigkeit, soziale Kompetenz, Teamfähigkeit, die Fähigkeit, selbständig Entscheidungen zu treffen.

Das Thema Kommunikation ist ein gutes Beispiel für diesen Wandel. In der traditionellen Industrie- arbeit sind überflüssige Gespräche ungern gesehen. Heute gehen innovative Unternehmen dazu über, zwanglose Kaffee-Runden für ihre Mitarbeiter regelrecht zu fördern, weil erkannt wurde, dass in solchen informellen Gesprächsrunden viel kreatives Potential steckt. Kommunikation spielt in modernen Unternehmen eine Schlüsselrolle, nicht nur auf der Ebene des Managements und des "Wissens- arbeiters", sondern bis hin zur Gruppenarbeit am Fließband. 

Die hohe Bedeutung persönlicher Fähigkeiten gilt natürlich ganz besonders in den neuen Beschäfti- gungsfeldern im Bereich der personennahen Dienstleistungen. In diesen Berufsfeldern, etwa in den Gesundheitsberufen, in den Bereichen Beratung, Lebenshilfe und Erziehung, sind Persönlichkeit und Lebenserfahrung traditionell oft wichtiger oder zumindest ebenso wichtig wie fachliche Qualifika- tionen.

Und selbst die Reinigungskraft braucht, wenn sie ihre Arbeit gut machen will, eine ganze Reihe persönlicher Qualitäten: Sie soll diskret und absolut vertrauenswürdig sein, sie soll sich in die unsichtbare Struktur eines Haushalts hineinfühlen können, und am liebsten sieht man es, wenn sie ganz von selbst bemerkt, wo etwas fehlt oder etwas Zusätzliches zu tun ist.

Die Dienstleistungsgesellschaft bringt die Persönlichkeit der Arbeitenden in die Welt der Arbeit zurück - durch die Auflösung der starren Arbeitsteilung im Unternehmen, durch den Zuwachs von Eigenver- antwortung - und durch das Wachstum der personennahen Dienstleistungen.

Und damit ist auch die Frage nach der Bedeutung sozialer Zusammenhänge und Institutionen, in denen sich diese persönlichen Fähigkeiten entwickeln und festigen können (Familie, Erziehungs- einrichtungen, Jugendzentren etc.), neu aufgeworfen. Sie sollten als Bestandteile der Produktivität einer Gesellschaft, als Grundlagen der Arbeitsproduktivität und des Wohlstands, wieder stärker wahrgenommen werden.

Umgekehrt bedeutet dieser Wandel für die Beschäftigten, dass die Erwerbsarbeit in der persönlichen Entwicklung eine zunehmend wichtige Rolle spielt. Viele Menschen finden die spannendsten persönlichen Herausforderungen heute in der Arbeitswelt und weniger im Privatleben.

Ein zweiter wichtiger Trend im Wandel der Arbeit ist die zunehmende Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben. Auch dieser Trend wird durch das Wachstum der personennahen Dienstleistungen ebenso getragen wie durch den Wandel der Arbeit in den industrienahen Sektoren.

Die Übergänge zwischen privaten und beruflichen Interessen werden fließend. Das gilt beispielsweise für die Heilpraktikerin die sich mit der Wirkung bestimmter Essenzen und mit der Beobachtung von Menschen und ihren Krankheiten beschäftigt. Und das gilt auch etwa für den Unternehmensberater, der seine Kontakte pflegt und sich durch die Lektüre von Zeitungen und Zeitschriften auf dem Laufenden hält, ohne dabei Arbeit und Freizeit exakt trennen zu können.

Die Trennlinie zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt. Auch die Flexibilisierung der Arbeitszeiten und die zunehmende Eigenverantwortlichkeit und Ergebnisorientierung in der Arbeit abhängig Beschäftigter tragen dazu bei, dass Arbeitszeiten und freie Zeit sich immer stärker überlappen und ineinander übergehen.

In diesen Entwicklungstrends stecken meines Erachtens zwei mögliche Perspektiven für die Zukunft der Arbeit -eine große Gefahr auf der einen und eine Chance auf der anderen Seite.

Die Gefahr besteht darin, dass die Erwerbsarbeit das Leben auffrisst. Viele Menschen, ob sie nun freiberuflich oder selbständig arbeiten oder als abhängig Beschäftigte mit relativ hoher Eigen- verantwortung, machen heute die Erfahrung, dass sie in ihrer Arbeit kein Ende mehr finden. Freizeit ist oft nicht mehr planbar, sie verwandelt sich zunehmend in eine Restgröße des Erwerbslebens. Private Verabredungen stehen unter dem Vorbehalt, dass beruflich gerade nichts dazwischenkommt.

Auf der anderen Seite - und hierin liegt meines Erachtens die Chance - kann dieses Negativszenario einer totalen Arbeitsgesellschaft auf' die Dauer nicht funktionieren, weil es seine eigenen Grundlagen zerstören würde.

Die persönlichen Fähigkeiten, die heute in der wirtschaftlichen Entwicklung einen so hohen Rang einnehmen, setzen, um sich entwickeln zu können, ein relativ intaktes Leben voraus - genügend Raum und Zeit für das eigene Leben und für das Zusammenleben. mit anderen.

Kreativ sein kann nur, wer Zeit findet für Muße, Kultur und Bildung, Teamfähigkeit und soziale Kompetenz setzen relativ ausgeglichene Menschen voraus, die in der Lage sind, sich in die Situation anderer hineinzuversetzen, das eigene Verhalten zu reflektieren, über sich selbst nachzudenken und sich zu korrigieren. Kurz: Gerade die modernen Schlüsselqualifikationen setzen eine gewisse persönliche Reife voraus, die sich in einem Leben, das nur aus Arbeit, Stress und Konsum besteht, nicht entwickeln kann.

Das "gute Leben" in einem klassischen Sinn, ein relativ ausgewogenes und selbstbestimmtes Leben mit Zeiten für Muße, für persönliche Beziehungen, für Kultur, Bildung, Gesundheit und Nachdenklich- keit - dieses "gute Leben" ist in gewisser Weise die Grundlage, auf der sich die persönlichen Fähigkeiten entwickeln können, die heute für den beruflichen Erfolg so wichtig geworden sind.

Meine These ist, dass die Erwerbsarbeit, gerade weil sie immer wichtiger wird für die persönliche Entwicklung, zugleich relativiert werden muss, unwichtiger werden muss im Verhältnis zu den anderen Lebensbereichen. Die Möglichkeit, sich in der Arbeit zu verwirklichen, ist abhängig von den Möglichkeiten, sich außerhalb der Arbeit zu verwirklichen. Die Potentiale, die die moderne Arbeitswelt für die persönliche Entfaltung bietet, können nur ausgeschöpft werden, wenn den verschiedenen Lebensbereichen wieder ein gleichwertiger Rang zukommt.

Diese Perspektive fördern auch empirische Umfragen über die Einstellung zur Arbeit immer wieder zu Tage. Im Unterschied zur Antike begreifen die meisten Menschen heute Arbeit nicht nur als lebens- notwendige Last, aber sie überhöhen sie auch nicht zum einzig Sinn stiftenden Lebenszusammenhang.

Realistischerweise ist Erwerbsarbeit heute eines der wichtigsten Felder für die persönliche Entfaltung. Der Erfahrungshintergrund der Arbeitswelt ist auch für die Gestaltung der privaten Lebensbereiche im Allgemeinen ein wichtiger Bezugspunkt.

Wenn für die große Mehrheit der bundesrepublikanischen Bevölkerung die Teilhabe an der Erwerbs- arbeit deshalb als unverzichtbar eingeschätzt wird - unabhängig auch von der Frage der materiellen Existenzsicherung -, wachsen gleichzeitig auch die Anforderungen und Wünsche an die Arbeit und die Beschäftigungssituation: Die Arbeit soll interessant sein und zur persönlichen Entfaltung beitragen. Sie soll sich aber auch nicht dominant vor die persönlichen Lebensbereiche schieben. Sie soll das Leben nicht auffressen. Arbeit soll sich einfügen in einen Lebenszusammenhang, in dem sie zugleich als unverzichtbar eingeschätzt und geschätzt wird.

In diesem Sinne stehen wir heute vor der Aufgabe, eine erneuerte, verbesserte Balance der verschie- denen Lebensbereiche praktikabel zu machen. Es geht darum, die Chance auf Teilhabe an der Erwerbsarbeit zu verbessern, aber gleichzeitig auch die Chance auf Teilhabe an Bildung und Weiter- bildung, die Chance auf ein Familienleben, auf die Entfaltung persönlicher Interessen, die Möglich- keiten für freiwilliges Engagement und selbstbestimmte Tätigkeit, Zeiten für Muße, für Kultur, für das eigene Leben.

Ein politisches Modell, das für die Neugestaltung von Arbeit und Leben in diesem Sinne die Weichen richtig stellt, ist das dänische Modell der Job-Rotation. Hier haben Beschäftigte und Arbeitslose genau definierte Zeitrechte: Zeiten für Weiterbildung, für Erziehung und für Erholung (Sabbaticals). In diesen Zeiten können sie sich auf der Basis von Lohnersatzleistungen von der Arbeit freistellen lassen.

Dieses dänische Modell setzt nicht auf den Ausstieg, sondern auf die Integration in die Arbeits- gesellschaft. Und es versucht - bis heute sehr erfolgreich - diese Integration dadurch zu verbessern, dass Möglichkeiten geschaffen werden, für bestimmte Zeiten und Ziele von der Arbeit befreit zu werden.

Auch wenn das auf den ersten Blick widersprüchlich klingt: Genau definierte Rechte auf Nicht-Arbeit können ein ganz entscheidendes Element sein bei der Verwirklichung des Rechts auf Arbeit und bei einer zeitgemäßen Gestaltung von Arbeit und Leben.

Soziale Sicherheit ist in einem solchen Konzept nicht begrenzt auf materielle Sicherheit, sondern erweitert um die Sicherheit der Teilhabe. Dazu gehört die Möglichkeit, sich immer wieder weiterzubilden und beruflich neu zu orientieren. Dazu gehört auch die Möglichkeit, sich in bestimmten Phasen der Familie und persönlichen Beziehungen zuzuwenden und dabei eine sehr wichtige Qualität von Sicherheit zu entwickeln, nämlich die Sicherheit verlässlicher persönlicher Beziehungen.

Die Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft bietet die Chance, dass der Mensch als handelndes Subjekt in die Welt der Arbeit zurückkehrt. Diese Chance können wir umso besser verwirklichen, wenn wir gleichzeitig den Zwang zur Arbeit vermindern, wenn wir die Möglichkeiten der Teilhabe an den anderen Lebensbereichen verbessern, wenn es gelingt, die Gleichwertigkeit der verschiedenen Lebensbereiche zur Orientierungsgröße einer Reform der Arbeitsgesellschaft zu machen.

(Gabriela Simon: Arbeit als Last und als Medium persönlicher Entfaltung. In: Frankfurter Rundschau vom 20. März 2000, S. 6.)
 

Aufgaben:

  1. Erläutern Sie den Wandel in der Bedeutung und Bewertung der Arbeit von der Antike bis zur Gegenwart!
  2. Erläutern Sie, welche "zentralen Sicherheiten der bis heute normprägenden Lebensarrangements" durch den wirtschaftlichen Modernisierungsprozess verloren gehen!
  3. Erläutern Sie den Unterschied zwischen "produktiver Arbeit" und "unproduktiver Tätigkeit"!
  4. Nennen und erläutern Sie diejenigen persönlichen Fähigkeiten ("Schlüsselqualifikationen"), die heutzutage als selbstverständliche berufliche Anforderungen erwartet werden!
  5. Erläutern Sie, warum die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben durchlässig werden!
  6. Diskutieren Sie die These der Autorin, "dass die Erwerbsarbeit, gerade weil sie immer wichtiger wird für die persönliche Entwicklung, zugleich [...] unwichtiger werden muss im Verhältnis zu anderen Lebensbereichen"!

  7.  

 
Text 2

Strukturwandel und Normalarbeitsverhältnis

1. Die Ausbildung des Normalarbeitsverhältnisses in der Nachkriegszeit

Die Entwicklung des Beschäftigungssystems in der Nachkriegszeit der Bundesrepublik Deutschland war durch eine einzigartige Konstellation bestimmt. Der schnell wachsende industriell-marktwirtschaftliche Sektor verdrängte die landwirtschaftliche und handwerkliche Kleinproduktion und absorbierte rasch einen großen Teil der Arbeitskräfte des traditionellen Erwerbssektors. Dieser Prozeß wurde flankiert und gefördert durch die Entwicklung des Wohlfahrtsstaats. Keynesianische Wirtschaftspolitik, soziale Umverteilung, der Ausbau der sozialen Versorgungs- und Sicherungssysteme trugen ebenso wie die Entwicklung der industriellen Beziehungen zur Vollbeschäftigung und zur Stabilisierung und relativen Angleichung der Einkommen bei. Es war in dieser Hochzeit des Fordismus (Fließbandfertigung), in der eine bestimmte soziale Beschäftigungsform normativ ausgestaltet und perfektioniert wurde und auch empirisch seine größte Verbreitung fand. Es bildete sich die Figur des "Normalarbeitsverhältnisses" heraus, die nicht nur Bezugspunkt für juristische Ge- und Verbote sowie Rechtsinterpretationen, sondern auch Orientierungsrahmen für die Erwartungen und Strategien von Arbeitnehmern und Beschäftigern am Arbeitsmarkt wurde.

Für das Normalarbeitsverhältnis können folgende Elemente als konstitutiv angesehen werden:

  • Abhängige Erwerbsarbeit ist die einzige Einkommens- und Versorgungsquelle. Sie wird in Vollzeit verrichtet und verschafft mindestens ein existenzsicherndes Einkommen. Das Arbeitsverhältnis ist unbefristet, im Prinzip auf Dauer angelegt und in ein engmaschiges Netz von rechtlichen und tariflichen Normen eingewoben, die Vertragsbedingungen und soziale Sicherungen regeln. Auch die zeitliche Organisation der Arbeit - Länge und Lage der Arbeitszeit - wird standardisiert.
  • Das Arbeitsverhältnis bildet einen mehr oder weniger langen Abschnitt einer kontinuierlichen Erwerbsbiographie, die allenfalls durch kurze Phasen der Arbeitslosigkeit unterbrochen ist. Alter, Beschäftigungsdauer, vor allem aber Betriebszugehörigkeit drücken sich in zunehmenden Statusrechten und -sicherungen aus. Tatsächlich sind Erwerbsverläufe nicht nur durch den Beruf, sondern auch durch strikte Alters- und Senioritätsnormen strukturiert und nehmen die Form von "Normalbiographien" an, die durch karriereförmige Muster der Stabilisierung oder Verbesserung des beruflichen Status charakterisiert werden.
Es ist dieser Typ von Arbeitsverhältnissen und Erwerbsverläufen, der (nach wie vor) im Zentrum der sozialen Schutzregelungen des Arbeits- und Sozialrechts steht und institutionell gestützt und abgesichert wird. Arbeitsrecht und Kollektivvereinbarungen schränken die Vertragsfreiheit ein, was die zeitliche Befristung und Kündigungen angeht, und räumen Alter und Seniorität einen hervorragenden Platz als Kriterien für sozialen Schutz ein. Die Ansprüche an die soziale Sicherung - so Arbeitslosenunterstützung, Rente aus der Sozialversicherung und betriebliche Zusatzrente - sind an die vorherige Erwerbsarbeit gebunden und bemessen sich an Erwerbsdauer, Einkommen und eingezahlten Beiträgen. Nur wer in seinem Erwerbsleben kontinuierlich und in Vollzeit arbeitet, kann demnach eine maximale soziale Absicherung erwarten.

Das Normalarbeitsverhältnis wurde gleichermaßen sozialpolitisches Leitbild, praktischer Orientierungs- rahmen am Arbeitsmarkt und auch empirisch vorherrschende Beschäftigungsform in der Nachkriegs- zeit. Es schloß zwar eine Angleichung von bestimmten Beschäftigungsbedingungen ein. Bereits in der normativen Konstruktion wurden aber Formen der Ungleichheit festgeschrieben. Dies drückt sich etwa in Schutzfunktionen aus, die direkt oder indirekt an die Betriebsgröße gekoppelt sind und Beschäftigte in Großbetrieben mit etablierten Mitbestimmungsorganen und kompromißförmigen Personalpolitiken privilegieren. Aber auch faktisch waren große Gruppen von Personen von den sozialen Stabilitäts- und Sicherungsversprechen des Normalarbeitsverhältnisses aus-geschlossen. Das Normalarbeitsverhältnis schien zwar universalistische Maßstäbe zu setzen, unterstellte aber eine Normalität von Lebens- verhältnissen, die nur für einen Teil der Bevölkerung galt. Frauen etwa waren von den materiellen und sozialen Sicherungen des Normalarbeitsverhältnisses weitgehend ausgeschlossen, weil sie im Rahmen des herkömmlichen Geschlechterarrangements der "männlichen Versorgerehe bzw. Hausfrauenehe" nicht oder nicht voll und kontinuierlich erwerbstätig sein konnten oder wollten. Demnach war der Mann durch kontinuierliche Vollzeit-Erwerbsarbeit für das Familieneinkommen und die soziale Sicherung auch der Frau verantwortlich, während die verheiratete Frau zur Versorgung der Familie und, im Normalfall nicht zur Lohnarbeit verpflichtet war; sie bedurfte daher auch nicht der umfassenden Schutzrechte aus dem Normalarbeitsverhältnis. Insgesamt setzte das traditionelle Familienmodell eine hochgradige Stabilität der Ehen und der Arbeitsteilung zwischen den Ehepartnern, den Verzicht der Frauen auf eine eigenständige Existenzsicherung und ihre Abhängigkeit von den Partnern voraus. Das Normalarbeitsverhältnis baute so auf Strukturen der sozialen Ungleichheit auf und verfestigte sie. [...]
 

2. Der Wandel des Normalarbeitsverhältnisses

Seit den achtziger Jahren zeigt sich ein deutlicher Erosionsprozeß. In der ersten Hälfte der vorigen Dekade waren erstmals mehr als zwei Millionen Personen als erwerbslos registriert. In den neunziger Jahren sprang die Zahl auf inzwischen über vier Millionen oder mehr als zehn Prozent. Bezieht man die Personen, die an Maßnahmen der Bundesanstalt für Arbeit teilnehmen, sowie die potentiellen Arbeitnehmer in der "Stillen Reserve" ein, dann ergibt sich im Jahre 1999 ein Beschäftigungsdefizit von etwa sieben Millionen Arbeitsplätzen.

Zugleich hat der Anteil von Erwerbsformen, die vom Normalarbeitsverhältnis abweichen, empirisch enorm zugenommen. Die Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen schätzt, daß der Anteil von Personen in "Normarbeitsverhältnissen", d. h. mit unbefristeten Vollzeitverträgen, in Westdeutschland zwischen 1970 und 1995 von fast 84 Prozent auf 68 Prozent aller abhängig Beschäftigten zurückgegangen ist.

Stark zugenommen hat demnach vor allem die Teilzeitbeschäftigung - von 6 Prozent auf 23 Prozent; sie wird ganz überwiegend von Frauen ausgeübt. Ein Teil dieser Beschäftigungsverhältnisse ist arbeits- und sozialrechtlich voll geschützt; ein anderer, die sog. "geringfügigen Beschäftigungs- verhältnisse", sind auf einen monatlichen Höchstverdienst von gegenwärtig 630 DM begrenzt und vermitteln in der Regel allenfalls geringfügige Ansprüche auf soziale Sicherung. Bemerkenswert ist die schnelle Ausweitung des Anteils dieser Beschäftigungsform insbesondere in den neunziger Jahren. Neben der Teilzeitarbeit bildet die formell befristete Beschäftigung eine zweite große Gruppe "abweichender" abhängiger Erwerbstätigkeit. Sie macht (ohne Ausbildungsverhältnisse) etwa fünf Prozent abhängiger Beschäftigung aus, hat allerdings seit Mitte der achtziger Jahre nur geringfügig zugenommen. Schließlich haben sich auch weitere Beschäftigungsformen ausgeweitet, so die Leiharbeit und die öffentlich subventionierte Beschäftigung (ABM-Maßnahmen).

Bei allen statistischen Ungenauigkeiten und widersprüchlichen Interpretationen kann man insgesamt von einer starken Differenzierung der abhängigen Beschäftigung ausgehen. Das "Normarbeits- verhältnis" hat an Verbreitung verloren; zugleich haben Beschäftigungsformen zugenommen, die kein existenzsicherndes Einkommen, kaum stabile Perspektiven und/oder nur eingeschränkten arbeits- und sozialrechtlichen Schutz bieten. Zusammen mit der Arbeitslosigkeit tragen sie zur Ausbreitung diskontinuierlicher Erwerbsbiographien bei, die nur noch in unzulänglichem Maße Ansprüche an ein System der sozialen Sicherung begründen, welches noch auf dem Normalarbeitsverhältnis aufbaut. Hohe Arbeitslosigkeit und die Ausweitung von "abweichenden" Beschäfti-gungsverhältnissen schaffen so wachsende Probleme generations- und geschlechtsspezifischer sozialer Ungleichheit: Einer älteren Generation (überwiegend Männer), die lebenslang im Normalarbeitsverhältnis erwerbstätig war und volle Ansprüche auf die soziale Sicherung erworben hat, stehen große Gruppen von Personen gegenüber, die wegen reduzierter oder diskontinuierlicher Beschäftigung nicht mit einer hinreichenden und stabilen individuellen Sicherung rechnen können, so vor allem Frauen und jüngere Arbeitnehmer. [...]
 

3. Ökonomischer und soziokultureller Wandel 
und die Differenzierung von Beschäftigung

Wie aber läßt sich der Wandel von Normalität erklären? 

a) Veränderungen am Arbeitsmarkt

Es liegt zunächst nahe, den Veränderungen am Arbeitsmarkt eine bestimmende Rolle einzuräumen.

Seit den sechziger und insbesondere seit den siebziger Jahren haben sich die Wachstumsraten drastisch reduziert und sind beträchtlich unter der Steigerung der Produktivität geblieben. Mit der Produktivitätsschere hängt zusammen, daß das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen - also die gesamte für abhängige Arbeit aufgewendete Zeit der Gesellschaft in Westdeutschland - in den letzten 35 Jahren beträchtlich, nämlich um fast 20 Prozent geschrumpft ist. Im selben Zeitraum, vor allem in den achtziger Jahren, hat sich aber die Zahl der Erwerbspersonen stark, um fast 10 Prozent erhöht, bedingt durch die rasche Zunahme der Erwerbsbeteiligung von Frauen, die Zuwanderung und den Eintritt geburtenstarker Jahrgänge in den Arbeitsmarkt. Daß die Zahl der Arbeitslosen nicht noch wesentlich höher ist, ist insbesondere der starken Arbeitszeitverkürzung zuzurechnen: In den letzten 35 Jahren hat sich die reale Arbeitszeit je Arbeitnehmer um gut ein Viertel reduziert, also weit mehr als das Arbeitsvolumen. Das geringere Arbeitsvolumen verteilt sich daher auf eine größere Zahl von Erwerbstätigen. Insgesamt haben sich aber die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt angesichts der Disparität von Angebot und Nachfrage gegenüber den sechziger und siebziger Jahren drastisch verändert und die Substitution von Normarbeitsverhältnissen durch abweichende Formen gefördert. So sind heute Beschäftigungsformen zumutbar, die früher kaum akzeptabel waren.
 

b) Wirtschaftlicher Strukturwandel

Es wäre aber zu kurz gegriffen, die Differenzierung der Beschäftigungsformen nur auf die Verschiebun- gen der Machtbeziehungen am Arbeitsmarkt zurückzuführen. Von zentraler Bedeutung ist auch der wirtschaftliche Strukturwandel, in dessen Verlauf sich Formen der Arbeit und Arbeitsorganisation und damit die Erwerbstätigkeiten selbst verändern. Seit den siebziger Jahren hat die rapide Tertiarisierung den Arbeitsmarkt auf eine schleichende, aber darum nicht weniger dramatische Weise umstrukturiert: Der Dienstleistungssektor und darin vor allem der Bereich der unternehmensbezogenen und sozialen Dienstleistungen hat ein enormes Wachstum erfahren und die Industrie in ihrem Beitrag zu Wert- schöpfung und Beschäftigung weit hinter sich gelassen. Aber auch in der Industrie selbst zeigen sich Tendenzen der Tertiarisierung: Direkte Produktionsarbeit verliert an Bedeutung; viele Tätigkeiten sind inzwischen eher den Dienstleistungen als der materiellen Produktion zuzurechnen.

Dienstleistungsarbeit ist häufig in höchst flexible Organisations- und Zeitstrukturen eingebettet, die nur noch wenig mit der klassischen Industriearbeit und ihren standardisierten Ordnungsregimen zu tun haben. Im expandierenden Dienstleistungsbereich finden wir Tätigkeiten, die große Autonomie der Arbeits- und Kooperationsgestaltung, der Zeitverwendung und räumlichen Mobilität verlangen oder zulassen, ebenso wie Arbeiten, deren Rhythmus vor allem von den Flexibilisierungsinteressen der Unternehmen diktiert und/oder, wie im Bereich der sozialen und persönlichen Dienstleistungen, von dem Bedarf der Klienten bestimmt wird.
 

c) Differenzierungen von Unternehmen und Erwerbstätigkeit

Diese Tendenzen des ökonomischen Strukturwandels tragen zur Veränderung der Profile und ebenso der organisatorisch-institutionellen Kontexte von Erwerbstätigkeit bei. Erwerbstätigkeit wird immer weniger durch den Typ der Produktionsarbeit in der standardisierten Massenfertigung repräsentiert, sondern zeigt eine bislang ungekannte Differenzierung von Arbeitstypen und Qualifikationsanforde- rungen selbst innerhalb derselben Unternehmen und Institutionen. Und auch der Organisationstyp, der das Normalarbeitsverhältnis stützte - das große Unternehmen -, büßt an Bedeutung ein gegenüber den kleinen und mittleren Unternehmen und/oder neuen, netzwerkförmigen Zusammenhängen mit oft instabilen Marktbedingungen und flexiblen Organisationsformen und Zeitregimes.
 

d) Erosion des traditionellen Systems von Kollektivvereinbarungen

Die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, ökonomischer Strukturwandel und neuartige Differenzierun- gen von Unternehmen und Erwerbstätigkeit setzen auch eine institutionelle Stütze des Normalarbeits- verhältnisses unter Druck: das herkömmliche System der Kollektivvereinbarungen und sein Herzstück, den Flächentarifvertrag. Seit den achtziger Jahren, in Zeiten schrumpfender Wachstumsmargen und wachsender Arbeitslosigkeit, hat dieses System in zweierlei Hinsicht an allgemeiner Regulierungskraft eingebüßt: Erstens werden Pioniervereinbarungen nicht mehr wie früher in den Tarifverträgen anderer Branchen übernommen und verallgemeinert, mit der Folge, daß sich die Kollektivvereinbarungen zwischen Wirtschaftsbereichen immer mehr unterscheiden. Zweitens werden zunehmend auch Standards des Flächentarifvertrags selbst "flexibilisiert", d. h. differenziert und spezifischen betrieblichen Bedingungen angepaßt.

Nach der Lage und Länge der Arbeitszeiten - früher ein Kernstück tariflicher Standardisierung sind in den neunziger Jahren auch Löhne und Sozialleistungen in den Flexibilisierungssog geraten. So wurden zunehmend Öffnungsklauseln, die betriebsspezifische Abweichungen oder Ausgestaltungen von tariflichen Normen erlauben, in die Tarifverträge eingeführt; Härteklauseln gestatten die befristete Unterschreitung von Tarifnormen. In Tarifverträgen wurden Entgeltstandards differenziert und mitunter Sozialleistungen eingeschränkt. Neben kollektiv regulierten Formen gewinnen auch Formen der "wilden" Flexibilisierung, die einseitig von Unternehmen durchgesetzt oder ohne Kenntnis der Gewerkschaft mit Betriebsräten vereinbart werden, an Boden.

Mit der "Verbetrieblichung" der Arbeitsbeziehungen verändert sich nicht nur die Rolle der betrieblichen Akteure im Verhältnis zu den Repräsentanten der Verbände, welche die Flächentarifverträge aushandeln. Es verändert sich auch der Bezugsrahmen der Politiken, da nun die spezifische betriebliche Situation an Gewicht gewinnt. Schließlich wird einem Regelungssystem der Boden entzogen, das bislang die Angleichung von Arbeits- und Vertragsbedingungen förderte, und es öffnen sich mit den neuen Differenzierungen auch neue materielle Disparitäten.
 

e) Veränderte gesellschaftliche Ansprüche an die Erwerbsarbeit

Die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses wird schließlich auch durch sozio-kulturelle Veränderungen befördert. Das wird besonders deutlich im Bereich der rasch expandierenden Teilzeitbeschäftigung. Im Jahre 1997 waren in Westdeutschland immerhin fast 40 Prozent aller erwerbstätigen Frauen und 10 Prozent der Männer teilzeitbeschäftigt. Die rasche Zunahme der Teilzeitarbeit seit den achtziger Jahren hängt eng mit den Veränderungen des Erwerbsverhaltens und der Erwerbsorientierungen zusammen. Von Bedeutung ist vor allem die wachsende Erwerbsbeteiligung der Frauen, die sich zunehmend der der Männer angleicht. Sie erklärt sich gleichermaßen aus dem in den letzten Jahrzehnten stark gestiegenen weiblichen Bildungs- und Ausbildungsniveau, aus der Erosion des traditionellen Familienmodells und der zunehmenden Verbreitung von Haushaltsformen, in denen die Berufstätigkeit der Frau zur wichtigen oder einzigen Einkommensquelle der Familie wird. Teilzeit- beschäftigung ermöglicht vielen Frauen, die aufgrund ihrer sozialen Verpflichtungen in der Familie - etwa Kindererziehung und Altenpflege und der unzureichenden öffentlichen Betreuung keine Vollzeit- beschäftigungen eingehen können oder möchten, erst den Zugang zur Erwerbstätigkeit, ohne die - kulturellen - Ansprüche an die Familienversorgung und Kinderbetreuung zu verletzen und die traditionelle Arbeitsteilung in der Familie in Frage zu stellen. Teilzeitarbeit schafft so neue Spielräume, setzt aber auch soziale Ungleichheits- und Abhängigkeitsbeziehungen fort.

Auch für andere Gruppen schafft die Teilzeitbeschäftigung erst die Möglichkeit, die Erwerbstätigkeit mit anderen Tätigkeiten - etwa Ausbildung und Weiterbildung, Betreuung, Eigenarbeit oder ehrenamtliche Tätigkeiten - zu verbinden, selbst wenn sie meist kaum ein existenzsicherndes Individualeinkommen und keine angemessene soziale Sicherung für Alter und Ausfallszeiten vermittelt.

Insgesamt entspricht das traditionelle Normalarbeitsverhältnis immer weniger den vielfältigen Notwendigkeiten, Bedürfnis- und Interessenlagen in einer Gesellschaft, in der traditionelle kollektive Lebenszusammenhänge, -stile und -rhythmen aufbrechen und sich differenzieren und mit ihnen Lebensplanung und Erwerbsstrategien der Individuen.

(Rainer Dombois: Der schwierige Abschied vom Normalarbeitsverhältnis. In: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 37 (10. September 1999) S. 13 20.)
 
 

Aufgaben:

  1. Definieren Sie den Begriff "Normalarbeitsverhältnis"!
  2. Erläutern Sie, auf welche Weise sich das Normalarbeitsverhältnis in den letzten zwanzig Jahren gewandelt hat!
  3. Erläutern Sie die Ursachen, die diesen Wandel herbeigeführt haben!
  4. Diskutieren Sie alternative Konzepte zum Normalarbeitsverhältnis!

 
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