Thomas Gransow
 

Berlin und Potsdam

Pergamonmuseum

Pergamonaltar
 

Text 1
Götter und Giganten

Die Giganten (die Erdgeborenen), die von menschlicher Gestalt waren, deren Beine oder Füße aber in Schlangenleiber ausliefen, waren aus dem Blut des Uranos entsprungen, das aus seinem durch Kronos verstümmelten Geschlechtsteil auf Gaia (die Erde) [...]. 

Als Zeus Gaia beleidigte, weil er die Titanen, die Kinder von Gaia und Uranos, in den Tartaros (die Unterwelt) sperrte, hetzte sie ihre Söhne, die Giganten, zum Krieg (Gigantomachie) gegen die Götter auf. [...] Gegen den Tod von Götterhand waren die Giganten gefeit, und so wußte Zeus, dass die Götter ohne die Hilfe eines Sterblichen nichts ausrichten konnten. Deshalb wappnete er sich selbst dadurch, daß er einer sterblichen Frau einen großen und schwer geprüften Helden zum Sohn schenkte - Herakles. Da ließ Gaia ein Kraut wachsen, das die Giganten unsterblich und unbesiegbar durch Menschen-hand gemacht hätte. Zeus untersagte der Sonne (Helios), dem Mond (Selene) und der Morgenröte (Eos), wie gewöhnlich zu scheinen, ehe er nicht das Kraut gefunden und entfernt hatte. 

Der Kampf fand an einem Ort namens Phlegra (brennende Lande), dem Wohnsitz der Giganten, statt; man bezeichnete den Ort auch mit Pallene (in Thrakien) oder anderen vulkanischen Gebieten. Geführt von Eurymedon und mit Alkyoneus und Porphyrion als ihren tapfersten Kämpen, rückten die Giganten gegen die versammelten Götter vor, warfen Felsbrocken und Bergkuppen nach ihnen und schwangen Fackeln aus großen Eichenstämmen. Herakles griff Alkyoneus an, schoß mit einem vergifteten Pfeil auf ihn und zerrte ihn dann, da dieser Gigant nur in seiner Heimat Pallene unsterblich war, über die Grenzen des Reiches, wo er starb. Porphyrion vergriff sich an Hera, aber Zeus schleuderte einen Donnerkeil nach ihm, wie auch nach vielen seiner Gefährten, und Herakles machte ihn mit einem Pfeil nieder. Ephialtes, ein anderer Gigant, wurde in beiden Augen von Pfeilen getroffen - von Apollon (Gott der prophetischen Weissagung, der Künste und des Bogenschießens) und von Herakles. Als sein Mitgigant Enkelados vom Schlachtfeld eilte, warf Athene (Schutzgöttin von Athen und Göttin der Weisheit) die Insel Sizilien über ihn und begrub ihn darunter; er wurde nicht getötet, aber für immer eingekerkert, und sein Feueratem kommt noch heute beim Ätna heraus. Mimas ereilte ein ähnliches Geschick; Hephaistos (Gott der Schmiedekunst) begrub ihn unter einem Haufen geschmolzenen Metalls, und so liegt er unter dem Vulkan Vesuv. Athene fiel über den Giganten Pallas her und zog ihm seine lederne Haut ab, mit der sie ihren Brustschild überzog. Poseidon (Gott des Meeres) begrub Polybotes unter der Insel Kos - aus ihr wurde die neue Insel Nisyros. Hermes (Götterbote), der seine Tarnkappe trug, überwältigte Hippolytos; Artemis (Göttin der Jagd) erschoß Gration mit ihren Pfeilen; Dionysos (Gott des Weines) streckte mit seinem Thyrsos (Stab) Euryios nieder; Hekate (Göttin der Zauberkunst) verbrannte Klytios mit den Höllenfackeln; die Schicksalsgöttinnen aber erschlugen Agrios und Thoas mit Bronzekeulen. Zuletzt wurde jeder Gigant von Herakles niedergemacht, denn das Gift der Hydra in seinen Pfeilen, das in den Kopf der Giganten drang, war selbst für deren riesige Körper tödlich - und nur ein Sterblicher wie Herakles konnte ihnen den Todesstreich geben.

(Lexikon der antiken Mythen und Gestalten. Hrsgg. v. Michael Grant u. John Hazel. München 1980. S. 158 - 160.)
 
 

Abb. 1
Ostfries: Athene und Nike 

Athene (Bildmitte; Rundschild, Brustpanzer) trennt den Giganten Alkyoneus (links) von der aus dem Erdreich auftauchenden Gaia (rechts unten), ohne die er sterblich ist. Die Siegesgöttin Nike (rechts; Flügel) hält den Lorbeerkranz über das Haupt der Athene.
(Max Kunzer: Der Altar von Pergamon. In: Ders., Volker Kästner: Führer durch die Ausstellung des Pergamonmuseums. Antikensammlung II. 2., verbess. Aufl. Berlin: Henschel 1990. S. 62.) 
 
 

Abb. 2
Ostfries: Herakles und Zeus

Der Heros Herakles entscheidet nach dem Mythos den Kampf. Nur die Tatze des Löwen-fells (links außen) markiert heute die Stelle, wo er einst kämpfte. Zeus, der höchste Olympier, der Wolken versammelt, den Regen sendet und Blitze schleudert, kämpft, begleitet vom Adler (rechts oben), gegen den Gigantenführer Porphyrion (ganz rechts) und zwei jugendliche Giganten.
(Max Kunzer: Der Altar von Pergamon. In: Ders., Volker Kästner: Führer durch die Ausstellung des Pergamonmuseums. Antikensammlung II. 2., verbess. Aufl. Berlin: Henschel 1990. S. 63.) 
 
 

Text 2
Der Ostfries -
 Komposition und Vorbilder

Zeus und Athena agieren in der rechten Hälfte des Ostfrieses. Der Herr der Götter ist in ausgreifender Bewegung dargestellt, sein muskulöser Oberkörper, vom herabsinkenden Mantel eingefasst, dem Betrachter frontal entgegengewandt. Er muss sich gleich mit drei Gegnern auseinandersetzen. Der linke ist bereits kampfunfähig, denn in seinem Oberschenkel steckt ein Gebilde mit nach außen gekrümmten Spitzen - der Blitz des Zeus, dessen Flammen der Bildhauer in wallenden, vor dem runden Schild des Giganten auflodernden Linien wiedergegeben hat. Auf einem Felsen sitzend, hebt er in einer bittenden Gebärde den linken Arm zu Zeus empor. Dieser nimmt jedoch keine Notiz von ihm, ebenso wenig von dem in die Knie gebrochenen zweiten Gegner, den er mit einem Schlag seiner Ägis, dem schlangenbewehrten, schildartigen Fell in seiner Linken, niedergestreckt hat. Seine Aufmerksamkeit gilt der mächtigen schlangenbeinigen Gestalt, die - nach rechts geneigt und in Rückansicht dargestellt - in absichtsvollem kompositionellen Gegensatz zum Herrn der Götter steht. Die fellumwickelte Linke erhoben, misst der Gigant seinen Widerpart mit dem Blick; über ihm sind die Reste des Adlers erkennbar, der auf ihn niederstößt. Die Wildheit seines Charakters wird durch den zottigen Bart und die oben spitz zulaufenden Tierohren betont. Es ist wahrscheinlich Typhon, der Anführer der Giganten, den Zeus mit einem weiteren Blitzschlag seiner weit ausholenden Rechten vernichten wird.

Die Gruppe der Athena, die sich rechts anschließt, wiederholt die wesentlichen Bewegungsmotive der Zeusgruppe im Gegensinn. Die Zeustochter, im langen ärmellosen Gewand, die Ägis mit dem Gorgoneion über der Brust, hält den Schild in der Linken; mit der rechten Hand reißt sie ihren Gegner am Haar zurück. Sein Abwehrversuch ist bereits ermattet, die Anspannung der Bauch- und Brustmuskulatur eher auf den Biss zurückzuführen, den ihm eine Schlange der Göttin versetzt. Die Linke streckt sich hilfesuchend einer weiblichen Gestalt entgegen, die als Halbfigur aus dem Sockel des Reliefs emporsteigt und deren Brust er mit dem linken Bein zu berühren scheint. Es ist Ge, die Erdmutter; ihr Name ist links neben ihrem Haupt im Reliefgrund zu lesen. Als Attribut ist ihr über der linken Schulter ein Füllhorn beigegeben, aus dem sich Granatäpfel, Pinienzapfen und Weintrauben ergießen. Das Haar aufgelöst, fleht sie Athena um Gnade für ihren Sohn Alkyoneus an, dessen schmerzhafter Ausdruck sich auf ihrem Antlitz widerspiegelt. Die flüchtige Berührung von Mutter und Sohn hat einen konkreten Hintergrund: Alkyoneus galt als unsterblich, solange er die Verbindung zum Erdboden hielt. Dargestellt ist der Moment, bevor dieser Kontakt durch Athenas abrupten Griff abreißt und der Gigant damit überwindlich wird. Das doppelte Flügelpaar des Alkyoneus taucht in älteren Gigantomachien nicht auf; es steht in gewissem Widerspruch zur erdgebundenen Natur gerade dieses Giganten. Möglicherweise sind die Flügel aus der Absicht zu erklären, die Gestalt des Alkyoneus etymologisch zu fassen, denn das griechische Wort alkyon bedeutet Eisvogel. Von rechts schwebt die geflügelte Siegesgöttin Nike heran, um Athena zu bekränzen; beide Figuren bilden mit ihren schräg geführten Körperachsen eine pyramidal aufgebaute Gruppe. In Entsprechung zu Nike war Herakles links neben Zeus dargestellt; seine Gestalt ist bis auf eine Tatze des Löwenfells um seinen Schultern verloren. 

Dem gebildeten antiken Betrachter, der über kunstgeschichtliche Kenntnisse verfügte, dürfte nicht entgangen sein, dass dieser Reliefabschnitt ein berühmtes Vorbild zitiert. Seine Komposition ist dem wohl bedeutendsten Giebel der griechischen Kunst verpflichtet - dem Westgiebel des Parthenon, der zwischen 438 und 432 entstanden war. In diesem Giebel, der dem Besucher beim Betreten der Athener Akropolis als erstes vor Augen stand - auch dies eine Parallele zum Ostfries des Pergamonaltars -, war der Streit zwischen Athena und Poseidon um die Landschaft Attika dargestellt. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Zeus-Athena-Gruppe des pergamenischen Frieses in Bewegungsführung und Haltung auf diese beiden Göttergestalten zurückzuführen ist. Die kompositionelle Verwandtschaft beider Denkmäler wird noch deutlicher, wenn man sich vor Augen führt, dass Zeus und Athena mit ihren jeweiligen Begleitern ebenso wie die zentralen Giebelskulpturen des Parthenon von Gespannen gerahmt werden. Rechts von Nike eilt ein Gespann heran, das nur noch in Teilen erhalten ist; die sich aufbäumenden Pferde setzen über einen gefallenen Giganten hinweg. Doch hat sich auf dem Eckgesimsblock der Name des Gespannführers überliefert: Es ist der Kriegsgott Ares, der Sohn des Zeus und der Hera, der hier in das Kampfgeschehen eingreift. Dem Gespann des Ares entspricht das Viergespann, das sich links neben Zeus und Herakles anschließt. Die Flügel an den Pferdeleibern charakterisieren die Tiere als Flügelpferde des Zeus - hier wahrscheinlich mit den vier Winden Notos, Boreas, Zephyros und Euros gleichgesetzt. Dem genealogischen Ordnungsprinzip des Frieses entsprechend, werden sie von Hera gelenkt. Über diesen kompositionellen Aspekt hinaus lehnen sich die Figuren selbst auch motivisch an Vorbilder der Klassik an. Die Gestalt der Athena lässt sich auf die Athena des Parthenon-Ostgiebels zurückführen, Zeus auf den Poseidon des Westgiebels. Sein Kontrahent Typhon schließlich gleicht dem Zeusgegner, der die Gigantomachie auf dem Schild der Athena Parthenos anführte.

Der Pergamonaltar ist also nicht nur Teil eines Aneignungs- und Verwertungsprozesses, der mit seiner Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert beginnt und sich bis in die Gegenwart fortsetzt - die Reliefs des großen Frieses sind in einigen Zügen bereits selbst ein Stück antiker Rezeptionsgeschichte. Somit stellt sich die Frage nach den Gründen für dieses Phänomen und den damit verbundenen Absichten. Die Erhellung der entsprechenden Motive wird allerdings dadurch erschwert, dass zeitgenössische Aussagen über den Pergamonaltar und sein Bildprogramm nicht überliefert sind. Vorab wird man fest-stellen dürfen, dass die betreffenden Figuren des großen Frieses - als Teil der Selbst-darstellung einer hellenistischen Monarchie geplant und ins Bild gesetzt - ihre Entstehung anderen Interessen verdankten als ihre Vorbilder von der Akropolis, die im 5. Jahrhundert von einem demokratisch verfassten Stadtstaat in Auftrag gegeben worden waren; sie dürften demzufolge andere Botschaften vermittelt haben und anderen Lesungen durch den Betrachter unterworfen gewesen sein. Was veranlaßte die Attaliden zu einer Retrospektive gerade dieser Art? Der allgemeine Hinweis auf den Vorbildcharakter der attischen Kunst jedenfalls reicht als Erklärung nicht aus.

In welch hohem Maß das pergamenische Königshaus Verknüpfungen zum Athen der Gegenwart, noch mehr zum Athen der Vergangenheit herzustellen suchte, wurde bereits angedeutet. Athena war die Stadtgöttin Athens wie Pergamons, die Nachbildung der Athena Parthenos schmückte die pergamenische Bibliothek. Vor den Propyläen, dem Eingangsbau zur Akropolis, erhob sich weithin sichtbar ein Pfeilermonument, das ein Bronzeviergespann mit der Darstellung des pergamenischen Königs trug. Am Abhang der Akropolis stand eine weitere, von den Attaliden gestiftete Säulenhalle, auf der Agora die Statue des Königs Attalos I., den die Athener in die Reihe ihrer mythischen Gründerväter, der Phylenheroen, aufgenommen hatten. Die Präsenz des Pergamenischen Königshauses in Athen war unübersehbar, sein Interesse an der Stadt vielschichtig. Ein Motiv stand gewiss im Vordergrund: die glanzvolle Rolle Athens in den Perserkriegen. Da die Attaliden sich selbst in die Tradition der Barbarenbezwinger stellen wollten, bedienten sie sich am Fries bildsprachlicher Mittel, die einen assoziativen Bezug zu Athen herstellten. Der griechische Betrachter des Frieses war es gewohnt, in mythologischen Darstellungen Anspielungen auf politische Vorgänge der eigenen Zeit zu erkennen, doch in diesem Friesabschnitt wird die Parallele zwischen Gigantenkampf und Gallierkrieg - und damit die erste Sinnschicht der Darstellung - um eine Dimension erweitert: Geschichte wird selbst zum Mythos. Dass der Parthenon und die Darstellung in seinem Westgiebel mit den Perserkriegen unmittelbar nichts zu tun hat, spielt dabei keine Rolle. Er war der sinnfälligste Ausdruck für die Glanzzeit der Stadt, an deren Nimbus als Barbarensieger man teilzuhaben suchte.

Ein solches Zitat, verbunden mit dem Allgemeinheitsgrad des Feindbildes (Perser/Gallier gleich Barbar), verwischte für den Betrachter überdies die Unterschiede zwischen der pergarmenischen Monarchie und den demokratischen Stadtstaaten, von denen einige, wie etwa Athen, in hellenistischer Zeit noch bestanden: Es war ein Appell an die ge-meinsame Sache, die alle Griechen anging. Ein fragmentarisch erhaltener Briefwechsel zwischen den Attaliden und der Stadt Milet belegt, dass sich das Herrscherhaus diese Ebene zunutze machen konnte, ohne unglaubwürdig zu wirken.

Blicken wir auf den Ostfries insgesamt, so scheint sein formaler Aufbau annähernd symmetrisch konzipiert zu sein. Hera nimmt etwa die Friesmitte ein, während sich das Geschehen der beiden Frieshälften um Zeus auf der einen, Apollon auf der anderen Seite ordnet. Ein enges Netz genealogischer Beziehungen verbindet diese Zentralgestalten mit den übrigen Figuren des Ostfrieses: Zeus und Hera werden von ihrem Sohn Ares und der Zeustochter Athena unterstützt, Demeter, die links neben Hera dargestellt war, und Zeus sind Geschwister. Diese verwandtschaftlichen Beziehungen werden, wie wir noch sehen werden, zur Fortführung des Geschehens um die Ecke auf den Nordfries genutzt: Die erste Göttin, die dort erscheint, ist Aphrodite, die Gemahlin des Ares, die zweite ihre Mutter Dione. In gleicher Weise ist die linke Hälfte des Ostfrieses aufgebaut, in der sämtliche Gestalten verwandtschaftlich mit Apollon verbunden sind; dieses Verhältnis umfaßt auch die ersten Figuren des Südfrieses.

(Hans-Joachim Schalles: Der Pergamonaltar zwischen Bewertung und Verwertbarkeit. Frankfurt a. M.: Fischer 1986. S. 31 - 40.)
 

Text 3
Der Ostfries - 
 Geschichte und Mythos

Das genealogische Gefüge, das der Handlung des Ostfrieses unterlegt ist, stellt als Hauptbeteiligte am Gigantenkampf die wichtigsten olympischen Götter vor und bindet die beiden anderen Friesseiten sinnvoll an; zugleich aber bildet dieses Gefüge den erzählerischen Rahmen für eine weitere Bedeutungsschicht, in der das Geschehen über die bereits betrachteten Botschaften hinaus auf subtile Weise mit der Attalidendynastie, ihrer Herrscherideologie und Selbstdarstellung verbunden wird. 

Wir erinnern uns, daß Athena von der geflügelten Nike begleitet wird, die ihr den Siegeskranz anträgt. Der kriegerischen Zeustochter wird damit eine wesentliche Rolle in diesem Kampf zugewiesen - die der »Siegbringenden« (Athena Nikephoros). Ein bedeutendes Heiligtum vor der Stadt Pergamon war der Athena geweiht, die diesen Beinamen führte. Nachdem sich die Attaliden 183 v. Chr. gegen das Königreich von Bithynien und die Gallier behauptet hatten, wurde das Fest der Nikephorien in ein neues, glanzvolleres Gewand gekleidet. Der überregionale Anspruch dieses Festes drückt sich in den Einladungen aus, die an die griechische Welt ergingen; er wurde durch den Fünfjahreszyklus festgeschrieben, in dem die Nikephorien in der Folgezeit begangen wurden ? der Anlaß blieb den Zeitgenossen damit präsent. Für die Lesung einer Gestalt wie der Athena des großen Frieses durch den antiken Betrachter wird man solch außerbildlichen Vorgängen eine Bedeutung nicht absprechen dürfen: Als Teil der damaligen Lebenswirklichkeit stand der Fries in einem größeren kommunikativen Zusammenhang, der Kenntnisse, Erfahrungen, Assoziationen des Betrachters einschloß; nur vor diesem Hintergrund sind die in der bildlichen Darstellung angelegten Aussagen sinnvoll und verständlich.

Ähnliches gilt für die Gestalt des Herakles: Seine hervorgehobene Position im Fries an der Seite des Zeus entspricht vordergründig seiner Bedeutung für den Ausgang des Kampfes; ideologisch trägt sie der Tatsache Rechnung, daß dieser Heros als Ahnherr der Attaliden galt. Herakles ist der Vater des Telephos, des sagenhaften Gründers von Pergamon, dessen Mythos im zweiten, innen umlaufenden Fries des Pergamonaltars erzählt wird. Das Herrscherhaus scheint gewissermaßen durch die Gestalt des Herakles hindurch; so wie er dem Kampf gegen die Giganten die entscheidende Wende gibt, wollen die Attaliden als Vorkämpfer gegen die gallischen Barbaren, als Garanten für die Aufrechterhaltung einer Ordnung gesehen werden, in der sie selbst das Gute verkörpern, das, was gegen sie und diese Ordnung gerichtet ist, das Schlechte. Der Mythos des Gigantenkampfs umschreibt dabei die Qualität dieser Ordnung: Er verleiht ihr einen naturgegebenen, von den Zeitläuften nicht veränderbaren Rang und behauptet damit gleichzeitig, daß jedes Infragestellen dieser Ordnung von yornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Auch der Gestalt des Apollon im Ostfries kann ein Platz in diesem System zugewiesen werden . Die Nähe zu Mutter und Schwester, besonders aber der Letogegner Tityos konkretisieren den Ort des Geschehens und weisen ApolIon damit als den delphischen Orakelgott aus. Man erzählte, daß die Erscheinung Apollons die Gallier in die Flucht geschlagen habe, als diese 278 v. Chr. auch gegen Delphi vorrückten. Zur Erinnerung an diesen Galliersturm war eine große Säulenhalle in das Heiligtum geweiht worden, die gallische Beutewaffen beherbergte. Nach ihren ersten großen Galliersiegen im späteren 3. Jahrhundert hatten die Attaliden in Delphi ebenfalls eine Halle errichten lassen, die ihre Erfolge feierte; in ihrem Innern befand sich ein großer Gemäldezyklus, dessen Thema wahrscheinlich auf die Gallierschlachten Bezug nahm. Auch war das Heiligtum voller Perserkriegsdenkmäler, auf die die pergamenische Weihung in vielfältiger Weise Bezug nahm.

Rufen wir uns die Worte des Polybios über die Mythologie und ihre Funktion in Erinnerung, so war der Hellenismus zumindest für die gebildete Oberschicht ein rationalistisches Zeitalter. Man wird deshalb sagen dürfen, daß sich die Attaliden mit dein großen Fries nicht der Hilfe der Götter versicherten, sondern Mythen in ihrem Sinne verwerteten.

(Hans-Joachim Schalles: Der Pergamonaltar zwischen Bewertung und Verwertbarkeit. Frankfurt a. M.: Fischer 1986. S. 31 - 39.)

Text 4
Der Pergamonaltar -
 Entstehung und Bedeutung

Wer heute die Ausgrabungen auf der Agora, dem antiken Staatsmarkt Athens, besucht, dem wird das langgestreckte Gebäude auffallen, das das Agora-Museum beherbergt: von den Amerikanern ausgegraben und 1953 - 1956 rekonstruiert, war diese Stoa (Säulenhalle) um die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. von Attalos II., dem damaligen König von Pergamon, gestiftet worden. Die Attaliden, wie die Dynastie der pergamenischen Herrscher genannt wird, waren freigiebig; wie kaum ein zweites Herrscherhaus des Hellenismus verstanden sie es, sich durch Schenkungen und Stiftungen Anerkennung in der griechischen Welt zu sichern.

In den Diadochenkämpfen entstanden, die noch zu Beginn des 3. Jahrhunderts um das Erbe Alexanders des Großen tobten, hatte sich das pergamenische Reich in einem fast fünfzigjährigen Prozeß aus bescheidenen Anfängen zur Selbständigkeit entwikkeln können; dieser Prozeß fand in der Annahme des Königstitels durch Attalos I. seinen Abschluß. Vorausgegangen waren schwere Kämpfe mit dem mächtigen Nachbarreich der griechischen Seleukiden, insbesondere aber mit nichtgriechischen Stämmen, die in Griechenland und Kleinasien eingefallen waren: den Galliern oder Kelten, wie die Griechen sie nannten. Hochgewachsen und furchterregend frisiert - sie pflegten ihren Haaren mit Kalkwasser eine borstige Festigkeit zu verleihen -, fanatische Krieger, die den Tod auf dem Schlachtfeld der Niederlage oder Gefangennahme vorzogen, entsprachen sie in keiner Weise dem System von Verhaltensnormen, das sich Jahrhunderte zuvor in den griechischen Stadtstaaten herausgebildet hatte und auch im hellenistischen Zeitalter noch Gültigkeit besaß. Aus griechischer Sicht waren sie "Barbaren", maßlos in allen Dingen, und wer Barbaren bezwang, war des Beifalls der griechischen Welt gewiß. jeder Grieche dachte in diesem Zusammenhang an die Perserkriege des frühen 5. Jahrhunderts, in denen eine Handvoll Griechen zahlenmäßig weit überlegene Barbarenheere geschlagen hatte. Diese Vorstellung hatte nichts von ihrer Wirksamkeit eingebüßt, und die Attaliden machten sich dies zunutze. Sie stellten ihre Galliersiege in die Tradition der Perserkämpfe und ließen sich als Verteidiger der Freiheit feiern; Pergamon sollte ein zweites Athen sein. Sinnfälligster Ausdruck dieses Anspruchs war die Nachbildung der berühmten Goldelfenbeinstatue, der Athena Parthenos von der Athener Akropolis, mit der die Attaliden ihren Herrschersitz schmückten. Als kurz vor der Wende vom 3. zum 2. Jahrhundert Rom als neuer Machtfaktor die politische Bühne des östlichen Mittelmeerraums betrat, fand es im pergamenischen Herrscherhaus alsbald einen treuen Verbündeten; für das Reich begann eine glanzvolle Zeit. Zwar waren die Jahre um 180 v. Chr. von militärischen Konflikten mit Nachbarmächten - auch den Galliern - überschattet, doch konnte die pergamenische Herrschaft über weite Teile Kleinasiens bis zum Taurusgebirge im Osten gesichert werden. 168 v. Chr. erhoben sich die Gallier ein letztes Mal gegen Pergamon; auch dieser Versuch wurde von den Attaliden niedergekämpft.

Antike Historiker hoben immer wieder die Harmonie innerhalb des Herrscherhauses hervor. Im Unterschied zu anderen Dynastien pflegte es ein beinahe bürgerlich zu nennendes Familienbild, in dem für Intrigen und Palastrevolten kein Platz war. Die Beinamen Philadelphos (der Bruderliebende) und Philometor (der Mutterliebende), die von pergamenischen Königen geführt wurden, waren Programm. Die Königin spielte die Rolle der Frau und Mutter, nicht die der Politikerin.

Insbesondere während der Regierungszeit des Herrschers Eumenes II. (197?159) wurden in Pergamon umfangreiche Bauarbeiten durchgeführt. Das abschüssige Gelände des Berges, auf dem die Hauptstadt liegt, mußte zu diesem Zweck erst durch Geländeabtragungen und Anschüttungen hergerichtet werden. Die Architekten und Ingenieure der Attaliden schufen für die Palastanlagen, Tempel und Heiligtümer, Säulenhallen und Gymnasien eine Reihe von Terrassen, die auf verschiedenen Ebenen an den Flanken des Berges lagen. Eine dieser Terrassen trug den Pergamonaltar. Die geringen Reste der Weihinschrift, die am Bau angebracht war, geben keine eindeutige Auskunft darüber, aus welchem Anlaß der Altar errichtet wurde ? »für die erwiesenen Wohltaten« sind die einzigen Worte, die sich sicher lesen lassen. Allgemein wird angenommen, daß damit die Siege über die Gallier und das benachbarte Königreich von Bithynien 183 v. Chr. gemeint sind und der Baubeginn noch in die achtziger Jahre fiel. Möglicherweise entstand der Altar aber auch aus Anlaß des letzten siegreich bestandenen Gallierkrieges (168 - 165), der die Existenz des pergamenischen Reiches nochmals ernsthaft bedroht hatte . Ebenso ungewiß ist, ob der Bau dem Zeus allein, Zeus und Athena oder gar der Gesamtheit der Götter geweiht war, wie manche Forscher meinen.

Bei aller Unsicherheit in diesen Punkten steht außer Frage, daß es ein Sieg über die fremdstammigen, barbarischen Gallier war, dem der Pergamonaltar seine Errichtung verdankt; dieser Sieg steht als gedanklicher Bezugspunkt hinter dem Bau und der Botschaft seiner Reliefdarstellungen. Die Dynastie verwertete ein altes Vorurteil gegen das Fremde, indem sie die Gallier in Gigantengestalt auftreten und einer übernatürlichen Ordnung gemäß von den Göttern niederkämpfen ließ; der nüchternen, sozusagen tagespolitischen Bewertung dieser Auseinandersetzung wurde damit ein Riegel vorgeschoben, »das schnell Vergehende ... auf eine Ebene des zeitlos Bestehenden übertragen« (Peter Weiss).

(Hans-Joachim Schalles: Der Pergamonaltar zwischen Bewertung und Verwertbarkeit. Frankfurt a. M.: Fischer 1986. S. 31 - 39.) 


 
Zurück zu:   Berlin - Inhaltsverzeichnis