Thomas Gransow
 

Berlin und Potsdam

Geschichte und Topographie

Text 1
Geschichte im Überblick


 
Die Geschichte Berlins ist weniger durch kontinuierliche Entwicklung als durch auffällige Entwicklungssprünge gekennzeichnet. Die ersten Jahrhunderte stehen seltsam unverbunden neben der neueren und neuesten Geschichte. Die Groß- und Weltstadt Berlin ist so sehr eine Neuschöpfung, dass die mittelalterlichen Traditionen der Stadt praktisch bedeutungslos für sie blieben. Erst aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts lassen sich deutlichere Verbindungslinien zur Entwicklung der Stadt im 19. und 20. Jahrhundert ziehen. Der damals erfolgende Neuaufbau mit Hilfe großer Zuwanderergruppen, unter denen die Hugenotten und die Juden hervorragten, war eine entscheidende Voraussetzung für den wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg Berlins seit dem 18. Jahrhundert. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, unter den Vorzeichen von Industrialisierung und Nationalstaatsgründung, setzte dann allerdings ein Entwicklungsschub von solcher Wucht ein, dass man nach wenigen Jahrzehnten zweifeln konnte, ob es sich noch immer um die gleiche Stadt handelte. Im 20. Jahrhundert war die Geschichte dann vor allem durch die großen politischen Einschnitte bestimmt: Aus der Kaiserstadt wurde zunächst das republikanische Berlin, dann das Machtzentrum des nationalsozialistischen Unrechtsstaates und schließlich die geteilte Stadt im Schnittpunkt der welt- und deutschlandpolitischen Interessen. [Am Ende des 20. Jahrhunderts erhielt Berlin seine alte Funktion als Hauptstadt und Regierungssitz des geeinten Deutschland zurück.] Berlin wurde, wie Alan Bullock formuliert hat, so etwas wie „die symbolische Stadt des 20. Jahrhunderts“: Es waren - und sind - die allgemeinen historischen Entwicklungen und Probleme, die in Berlin ihre besondere Ausprägung und Zuspitzung finden. [...] 

In den ersten Jahrhunderten seiner Geschichte kann man Berlin nicht mit den großen europäischen Städten vergleichen, muss man es vielmehr zuerst im Rahmen der Entwicklung der mittel? und nordostdeutschen Städte, später im Rahmen der Ausbildung der Residenzstädte des alten deutschen Reiches sehen. [...] Die auffälligste Besonderheit der ersten fünfhundert Jahre liegt darin, dass es sich bis zum Jahre 1709 gar nicht um die Geschichte einer einzigen Stadt, sondern um die Geschichte zweier und schließlich - seit 1670 - sogar mehrerer Städte handelt. Es ist die gemeinsame Geschichte der beiden Städte Berlin und Cölln, die im ausgehenden 12. Jahrhundert - etwa gleich weit entfernt von den älteren Burgen Köpenick und Spandau - an den beiden Seiten des Spreeübergangs zwischen den Hochflächen des Teltow und des Barnim von Zuwanderern aus der Gegend zwischen Harz und Thüringer Wald, vom Niederrhein und aus Flandern als Kaufmannssiedlungen angelegt wurden. Das eigentliche Gründungsdatum ist ebenso wenig bekannt wie der genaue Zeitpunkt der Verleihung der Stadtrechte an die beiden Orte, die um 1230 erfolgt sein muss.
 
 
 

um 1230    Bau der Nikolaikirche in Berlin; Fertigstellung der Petrikirche in Cölln unbekannt
1237     Erste urkundliche Erwähnung von Cölln (links der Spree)
1244  Erste urkundliche Erwähnung von Berlin (rechts der Spree) 

 
Berlin im Jahre 1250

 
1307  Zusammenschluß beider Städte
1400     Die Doppelstadt zählt ca. 8.500 Einwohner

 
Berlin im Jahre 1415

 
1443  Baubeginn des Residenzschlosses
1448 
 
 
 
„Berliner Unwillen“ - Empörung gegen den Bau des landesherrlichen Schlosses in Cölln. Der brandenburgische Kurfürst Friedrich II. aus dem Haus Hohenzollern unterwirft die Doppelstadt, die ihre Selbständigkeit verliert und als Hauptstadt von Brandenburg kurfürstliche Residenz wird.
1510 Vertreibung der Juden 
1539 Einführung der Reformation
1600 9.000 Einwohner
1615
 
„Berliner Tumult“ gegen den Bildersturm der Calvinisten in den Kirchen. Gleichberechtigung von calvinistischem und lutherischem Bekenntnis
1618
 
 
Durch Erbschaft kommt das Herzogtum Preußen an die Hohenzollern; der Kurfürst von Brandenburg ist nun auch Herzog „in“ Preußen; Berlin wird herzogliche Residenz
1640 - 1688
 
 
 
Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst. Ausbau des Absolutismus. Berlin wird zur Garnisons- und Festungsstadt. Die Neustädte Friedrichswerder und Dorotheenstadt entstehen. Ab 1650 werden Kolonisten aus den Niederlanden in verödeten Dörfern und Höfen um Berlin und in Potsdam angesiedelt.
1648 6.000 Einwohner
1662 – 1669
 
Bau des Friedrich-Wilhelm-Kanals: Berlin wird Hauptumschlagsplatz für schlesische Waren
1671 Aus Wien vertriebene Juden finden Aufnahme
1680 10.000 Einwohner
1685 
 
Edikt von Potsdam: Aufnahme von ca. 10.000 aus Frankreich vertriebener Hugenotten in Friedrichswerder und Dorotheenstadt

 

Berlin im Jahre 1685

 
1695 - 1706 Zeughaus
1698 – 1712 Schloß Charlottenburg 
1700 29.000 Einwohner
1701 
 
Kurfürst Friedrich III. krönt sich in Königsberg zum König in Preußen. Berlin wird königliche Residenz
1709
 
 
 
Aus Berlin, Cölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt und der seit 1688 entstandenen Friedrichsstadt wird die Residenzstadt Berlin. Das neues Stadtwappen zeigt den brandenburgischen roten Adler, den preußischen schwarzen Adler und darunter den aufrecht schreitenden Berliner Bären.
1710 
 
Zuwanderung von protestantischen Schweizern und Pfälzern; für 20 Prozent der Berliner ist Französisch Muttersprache
1713 - 1740
 
 
Friedrich Wilhelm I., der „Soldatenkönig“. Preußen wird zum Militärstaat. Berlin hat am Ende seiner Regierungszeit 90.000 Einwohner; der Anteil der Bevölkerung an der Garnison beträgt durchschnittlich 25 Prozent.
1732 Zuwanderung von 2.000 vertriebenen böhmischen Protestanten
1736 
 
Abriß der Festungsanlagen und Bau einer Zollmauer, die mit 15 Toren auch die Vorstädte einschließt
1740 - 1786
 
Friedrich II., „der Große“. Berlin wird ein Zentrum der deutschen Aufklärung (Lessing, Mendelssohn, Nicolai) und europäische Metropole. 
1741 – 1743 
 
Als erstes der Gebäude des „Forum Fridericianum“ entsteht die von Knobelsdorff entworfene Oper.
1747 – 1773 Bau der St.-Hedwigs-Kathedrale als Nachbildung des römischen Pantheons
1748 – 1768 
 
Bau des Prinz-Heinrich-Palais nach Plänen Knobelsdorffs; ursprünglich als Stadtpalais des Königs geplant
1775 – 1780
 
Bau der Bibliothek nach einem Entwurf Fischer von Erlaus für die Wiener Hofburg
1765 125.000 Einwohner
1765  125.000 Einwohner
  
Berlin im Jahre 1778

In den Jahrzehnten zwischen dem späten 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es große Anstrengungen, der wachsenden Stadt durch anspruchsvolle, repräsentative Bauwerke einen eigenständigen Charakter und ein unverwechselbares Aussehen zu geben. Nach dem Bau des Brandenburger Tores folgen die großen Schinkel-Bauten: die Neue Wache, das Schauspielhaus, das Alte Museum, die Friedrichwerdersche Kirche und die Bauakademie. Dennoch bleibt das Dilemma der Stadtentwicklung unübersehbar: „Unter den modernen Gebäuden“, notiert Madame de Staël 1810 in ihren Reiseaufzeichnungen, „erheben sich keine gotischen Monumente, und das Neue wird in diesem neugebildeten Lande auf keinerlei Weise unterbrochen und eingezwängt. [...] Berlin, diese ganz moderne Stadt, so schön sie immer sein mag, bringt keine feierliche, ernste Wirkung hervor, sie trägt  das Gepräge weder der Geschichte des Landes noch des Charakters der Einwohner.“

 

1786  Die Stadt zählt 147.000 Einwohner; von ihnen gehören rund 40.000 zur Garnison.
1788 - 1791 Brandenburger Tor 
1800 Berlin hat 172.000 Einwohner
1806 
 
Napoleon zieht durch das Brandenburger Tor in Berlin ein. Bis 1808 halten französische Truppen die Stadt besetzt.
1808 - 1812  Preußische Reformen (Stein, Hardenberg, Wilhelm von Humboldt)
1810 Gründung der Universität
1816 – 1817 Neue Wache
1818 – 1821
 
Bau des Schauspielhauses auf dem Gendarmenmarkt zwischen Französischem (1701 – 1705) und Deutschem Dom (1701 – 1709)
1821 Berlin hat 203.530 Einwohner, 1847 bereits 410.116.
1823 – 1829 Altes Museum
1824 – 1830  Friedrichwerdersche Kirche

Noch auf der Grundlage vorindustrieller Technik ist Berlin zu einem wichtigen Gewerbestandort geworden. Seit dem Beginn der Industriellen Revolution in Deutschland entwickelt es sich nun zu einem Zentrum der modernen Technik und Industrie, zur führenden und größten Industriestadt auf dem europäischen Kontinent. [Charakteristisch für die Industriestadt Berlin werden die großen metallverarbeitenden Unternehmen.] Für eine Stadt ohne eigene Rohstoffe musste dabei die Entwicklung des Verkehrssystems entscheidend sein.
 
 

1838  Erste Eisenbahnstrecke Berlin-Potsdam
1848/49  Berlin ist eines der Zentren der Revolution
1849  Berlin hat 412.000 Einwohner
1861
 
Eingemeindung von Wedding, Moabit, der Tempelhofer  und der Schöneberger Vorstadt, von Prenzlauer Berg und Friedrichshain in Berlin
1871 
 
Berlin wird Hauptstadt des Deutschen Reiches. 824.484 Einwohner. Teil der Berliner Ringbahn eröffnet; Bau der Siegessäule
1872 
 
Beginn des Baus von Mietskasernen: Im Kaiserreich wird Berlin zur „größten Mietskasernenstadt der Welt“.
1877 Berlin wird Millionenstadt 
1882 Fertigstellung der Stadtbahn
1884 – 1894 Bau des Reichtagsgebäudes
1891 – 1895 Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
1902 Hoch- und Untergrundbahn eröffnet
1905 
 
 
Die Einwohnerzahl überschreitet die Zwei-Millionen-Grenze; die Einwohnerzahl der nicht zu Berlin gehörenden Großstädte Charlottenburg und Neukölln beträgt 300.000 bzw. 240.000.
1912 Baubeginn des Pergamon-Museums
1918  Abdankung Kaiser Wilhelms II. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann ruft die „deutsche Republik“ aus. Revolution in Berlin
1920
 
Groß-Berlin entsteht: Aus 8 Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken wird eine neue, in 20 Bezirke gegliederte Stadt mit 3.879.409 Einwohner

Der „Weltstadt“-Anspruch Berlins fand in den zwanziger Jahren seine konsequenteste Ausprägung in der modernen Architektur und Stadtplanung. [...] Im Mittelpunkt stand die Planung der Verkehrsanlagen: Die „Weltstadt“ schien geradezu durch den immer dichteren und immer schnelleren Verkehr definiert. In Berlin blickte man mit Stolz auf das ständig wachsende Verkehrsaufkommen, feierte man nicht nur die Eröffnung des Flughafens Tempelhof im Jahre 1923, sondern auch die Gründung der Berliner Verkehrs-Aktiengesellschaft (BVG) als des größten städtischen Verkehrsunternehmens der Welt. [...] Neben dem Potsdamer Platz, der mit dem 1924 errichteten „Verkehrsturm“ zum Prototyp des großstädtischen Verkehrsplatzes wurde, trat nun der Alexanderplatz in den Vordergrund, dessen Neugestaltung von den Zeitgenossen als der „Beginn eines neuen Berliner Stadtwerdens“, als Ausdruck des entschlossenen Willens zur „Weltstadt-Planung“ gefeiert wurde. Berlin, das [...] um 1910 noch als „die Hauptstadt aller modernen Hässlichkeit“ bezeichnet wurde, verwandelte sich in den zwanziger Jahren - die Anfänge reichten bis in die Zeit um die Jahrhundertwende zurück - in eine vielbewunderte Stadt der modernen Großstadtarchitektur. Es gehört zu den Glücksfällen der Stadtgeschichte, dass für die großen Bauaufgaben, die von privaten Unternehmern, gemeinnützigen Gesellschaften, staatlichen und städtischen Behörden oder kommunalen Großunternehmen gestellt wurden, bedeutende Architekten in großer Zahl zur Verfügung standen. So entstanden vorbildliche Wohnsiedlungen - die „Hufeisen-Siedlung“ in Britz, die Siedlung „Onkel Toms Hütte“ in Zehlendorf oder die Großsiedlung Siemensstadt -, aber auch formvollendete Landhäuser, Villen und bürgerliche Mietshäuser. Gleichzeitig veränderte sich das Bild der Stadt durch die monumentale Zweckarchitektur der großen Industrie- und Geschäftsbauten. [...] Die moderne Industriearchitektur konnte an die Bauten anknüpfen, die Peter Behrens seit 1909 für die AEG errichtet hatte - das Großkraftwerk Klingenberg an der Oberspree oder das Druckhaus Tempelhof des Ullstein-Verlages wurden nun zu eindrucksvollen Beispielen für die ästhetischen Möglichkeiten großer Industriebauten. Vor allem der gesamte Bereich der Massenmedien und der „Zerstreuungskultur“ trat durch eine ständig wachsende Zahl bedeutender Bauwerke [...]. In einer Stadt, die immer mehr Dienstleistungsaufgaben an sich zog, spielten schließlich auch die großen Büro- und Verwaltungsgebäude, unter denen das 1932 fertiggestellte Shell-Haus von Emil Fahrenkamp hervorragte, eine besondere Rolle. 
 
 

1923 Eröffnung des Flughafen Tempelhof
1924 – 1926
 
Funkturm als optischer Anzeiger des Geländes der Berliner Funkausstellung fertiggestellt
1925 Berlin überschreitet die Vier-Millionen-Grenze.
1929 – 1931 Großsiedlung Siemensstadt
1930 – 1932 Shell-Haus
1933 
 
„Machtergreifung“ der Nationalsozialisten. Verfolgung der politischen Gegner und der Juden setzt ein
1936 Olympische Spiele
1939 4,34 Mio. Einwohner
1939 - 1945
 
50.000 Berliner sterben im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe, über 600.000 Wohnungen werden zerstört
1945 
 
Bedingungslose Kapitulation in Berlin-Karlshorst unterzeichnet; Berlin wird Vier- Sektoren-Stadt; 2,81 Mio. Einwohner 
1945  Potsdamer Konferenz
1948  Wirtschaftliche und politische Spaltung Deutschlands durch Berliner Blockade
1949 Ost-Berlin wird Hauptstadt der DDR
1953  Aufstand vom 17. Juni in Ost-Berlin
1955 – 1957 Bau des Hansaviertels
1957 Kongreßhalle
1960  3,28 Mio. Einwohner
1961  Bau der Mauer
1962  Baubeginn des Märkischen Viertels
1962 – 1964 Gebäude des Staatsrats der DDR
1963 Baubeginn des Europa-Centers und der Philharmonie
1965 – 1969  Fernsehturm am Alexanderplatz
1968 Neue Nationalgalerie
1971 Vier-Mächte-Abkommen über Berlin
1973 – 1976  Palast der Republik
1975  3,1 Mio. Einwohner
1975 – 1979  Bau des ICC
1979  Staatsbibliothek
1987 750-Jahr-Feiern in Ost- und West-Berlin
1989  Fall der Berliner Mauer; 3,84 Mio. Einwohner
1990  Wiedervereinigung der geteilten Stadt; Berlin wird Hauptstadt und Regierungssitz des geeinten Deutschland und in der Folge die größte Baustelle Europas.
1999 Beginn des Umzugs der Bundesregierung von Bonn nach Berlin

Berlin ist in seiner langen Geschichte immer wieder eine ausgesprochen multikulturelle Stadt gewesen, in der unterschiedliche Nationalitäten, Religionsgemeinschaften und kulturelle Lebensformen ihren Platz hatten. Vor allem in der Periode nach dem Dreißigjährigen Krieg war der hohe Anteil der ausländischen Zuwanderer entscheidend für den Aufstieg der Stadt, und auch im Kaiserreich und in der Weimarer Republik zeichnete sich Berlin durch Offenheit und Toleranz gegenüber den verschiedenen Minderheitengruppen aus, ehe der Nationalsozialismus auch in dieser Hinsicht zerstörend in die Stadtentwicklung eingriff.

(Zusammengestellt nach: Reinhard Rürup: Vergangenheit und Gegenwart der Geschichte. 750 Jahre Berlin. In: Ulrich Eckhardt (Hrsg.): 750 Jahre Berlin. Stadt der Gegenwart. Berlin: Ullstein 1986. S. 66 - 111. [Text] -  [Karten])
 


 
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