Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika

5. Die Stätten der attischen Demokratie

5.2. Die Pnyx
 

Abb. 1

Die Pnyx um 200 v. Chr. (Modell)


(J. Travlos / Ch. Mammelis : The Pnyx. Model. In: Rachel Misdrachi-Capon (Hrsg.): 
Athens in Prehistory and Antiquity. Exhibition. Athens: Ministry of Culture 1985. S. 48.)
 
 

Text 1

Geschichte

Westlich von der Akropolis liegt die Pnyx, der Hügel, auf dem die Athener Volksversammlung bis in die römische Zeit hinein tagte. Hier ist der Ort, wo zum ersten Mal in der Weltgeschichte eine Bürgerschaft an der Regierung ihrer Stadt beteiligt wurde, in Gestalt einer Versammlung von freien, unbescholtenen Bürgern (ekklesia tou demou). Ihnen wurden die Ansichten der verschiedenen Staatsmänner vorgetragen, denen zugestimmt werden konnte oder auch nicht. Als Stimmzettel dienten Kieselsteine, Bohnen oder Muscheln. jeder Bürger hatte die Möglichkeit, Gesetzesvorschläge einzubringen, die jedoch keinem bestehenden Gesetz widersprechen durften. Jedes Mitglied der Volksversammlung hatte es im 5. Jahrhundert v. Chr. in der Hand, mitzuentscheiden, ob ein Ostrakismos (Scherbengericht) stattfinden sollte.

Als Themistokles und Aristides, die in der Art und Weise, wie man die Perser bekämpfen sollte, verschiedener Meinung waren, hier auf dem Bema (der Rednerbühne), ihre Reden hielten, schauten die Zuhörer auf die Akropolis mit ihren Tempeln und auf die Agora. Denn ursprünglich lag die Rednerbühne im Norden, und die Männer von Athen standen im Süden. Sitzreihen gab es keine. In den letzten Jahren des 5. vorchristlichen Jahrhunderts wurde das Bema umgedreht, so dass das Volk mit dem Rücken zur Stadt stand und nicht mehr durch den Anblick seiner Häuser und Felder abgelenkt werden konnte, wie Aristophanes in den „Acharnern“ ironisch bemerkt.

Die Demagogen haben häufig in ihren Reden ihren Standort dazu benutzt, entweder mit dem Blick auf die Tempel und Siegestrophäen oder auf das Meer und Salamis, die ruhmreiche Vergangenheit Athens zu beschwören, besonders in Zeiten politischer Lethargie.

Es gab Redner, die das Volk zu Hysterieausbrüchen brachten, was zu verhängnisvollen Beschlüssen führen konnte. So zum Beispiel, als man Alkibiades 415 v. Chr. im unpassendsten Augenblick von Sizilien zurückrief, um ihm des Hermenfrevels wegen den Prozess zu machen und damit den einzigen Mann ausschaltete, der die darauf folgende sizilische Katastrophe hätte verhindern können. Ein anderer Fall: der Arginusen-Prozess. Die Volksversammlung, nicht die ordentlichen Gerichte, verurteilte sechs Strategen, unter ihnen einen Sohn von Perikles und Aspasia, zum Tode. Er hatte 406 v. Chr. mit den übrigen Admirälen in der Seeschlacht bei den Arginusen-Inseln vor Lesbos die Spartaner vernichtend geschlagen. Als die Athener erfuhren, dass die sechs Strategen die zahlreichen attischen Schiffbrüchigen nicht gerettet hatten, richtete sich die Volkswut gegen sie. Die Volksversammlung ließ nicht als Entschuldigung gelten, dass ein gewaltiger Sturm das Rettungsmanöver ihrer Landsleute verhindert hatte. Die Strategen wurden hingerichtet, obwohl Sokrates, der am Tag jener Volksversammlung Prytane, Vorsitzender des Rates der Fünfhundert, war, sich bis zum Äußersten für sie einsetzte, indem er sich vor allem auf das Gerechtigkeitsgefühl der Athener berief.

Nicht immer waren das Thema und die Tonart bei den Volksversammlungen ernst und erhaben. Eines Tages sprach der Redner Demades, Zeitgenosse und Gegner des Demosthenes, zu den Männern von Athen. Da sie ihm nicht zuhörten, bat er um Erlaubnis, eine Fabel von Äsop erzählen zu dürfen. Jedermann war einverstanden. Demades begann: „Demeter wanderte zusammen mit einer Schwalbe und einem Aal. Als die drei an einen Fluss kamen, flog die Schwalbe in die Luft, und der Aal sprang ins Wasser.“ An dieser Stelle sprach er nicht weiter. „Und was tat Demeter?“ riefen einige Zuhörer. „Sie ist zornig auf euch“, sagte Demades, „weil ihr die Staatsangelegenheiten vernachlässigt und nur für Fabeln Ohren habt.“ Dass der Rhetor ausgerechnet Demeter in seiner Fabel erwähnt, hat seinen besonderen Sinn, weil Demeter die Schwurgöttin war, bei der man in Staatsangelegenheiten seinen Eid leistete.

Der Athener Staatsmann und Redner Lykurgos (390 - 324) vergrößerte die Pnyx und stattete sie mit Treppenanlagen, Wandelhallen und Monumentalpforten aus. Von diesen und älteren Bauten und von späteren Verteidigungsanlagen sieht man heute nur die üblichen Mauerreste und das Bema. Erst 1910 hat man es genau lokalisiert. 1931 wurde bei der großen Treppe der Kopf einer Athene-Statue aus dein 2. Jahrhundert n. Chr. gefunden, der sich heute im Nationalmuseum befindet. 

In der Nähe des Bema erkennt man noch ein Fundament, das ursprünglich eine ebenso interessante wie wichtige Erfindung trug: die Sonnenuhr des Meton. Bis zum Perikleischen Zeitalter hatte jede Polis ihren eigenen Kalender. In der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. berechnete Meton die Dauer des Jahres auf 361 5/19 Tage und entwarf einen 19-jährigen Kalenderzyklus, den er auf große Tafeln übertragen und auf der Pnyx aufstellen ließ. Erstaunlicherweise blieb diese wissenschaftliche Leistung ohne praktische Folgen. Man hielt es offenbar für überflüssig, sich nach einem exakten, in allen griechischen Stadtstaaten geltenden Kalender zu richten. Meton hatte das Jahr übrigens nur um eine halbe Stunde zu lang angesetzt.

(Evi Melas: Athen. 6., überarb. Aufl. Köln: DuMont 1987. S. 97 – 99.)


 
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