Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika

5. Die Stätten der attischen Demokratie

5.3. Der Areopag



 
 

Text 1

Geschichte

Der westlich der Akropolis gelegene Hügel dieses Namens (115 m) war Ares geweiht; daher „Areopag“ (Areshügel). Hier tagte das höchste Gericht Athens, „die oberste Autorität im Staat“. Zur Zeit der Könige geschah dies unter deren Vorsitz, zusammen mit den ehemaligen höchsten Beamten der Stadt, den Archonten, die aus den Reihen des Adels gewählt wurden. Der Areopag war somit eine aristokratische Institution. Anfänglich scheint es sich um einen wirklichen Rat gehandelt zu haben, mit dem der König sich besprach. Seine Funktion veränderte sich in demokratischer Zeit, vor allem als Folge von Solons Gesetzgebung (um 594 v. Chr.) und der Verfassungsreform von Kleisthenes (508 v. Chr.), die der Volksversammlung und der Beratung der Magistrate das größere Gewicht gaben. Von der kargen Felskuppe gegenüber dem Akropolis? Aufgang aus bestürmten, wie in mythischer Zeit einst die Amazonen, 480 v. Chr. die Perser unter Xerxes die Akropolis. Durch Verfassungsreformen wurden seine Befugnisse durch Ephialtes 462 v. Chr. wesentlich eingeschränkt. Auch unter Perikles (Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr.) trat eine weitere Schwächung seines Einflusses ein, so dass der Areopag zuletzt nur noch ein Blutgericht war, das über Mord, Giftmord und Brandstiftung zu Gericht saß. Doch lassen sich seine Befugnisse nicht klar abgrenzen. Außer der Blutgerichtsbarkeit blieben ihm im wesentlichen nur sakrale Funktionen. Als angesehenes Gremium übte er indirekt oft großen Einfluss aus, und antidemokratische Tendenzen stärkten in hellenistischer und römischen Zeit seine Stellung wieder.

Archäologische Grabungen haben ergeben, dass der Areopag in früher Zeit als Nekropole diente. Man fand mykenische Kammergräber und einen Bezirk mit Bestattungen, die vom 8. bis zum 6. Jahrhundert v. Chr. reichen. Im Südwesten lag später eine göttliche Heilstätte und ein dem Dionysos geweihter Bezirk. Von den in der antiken Literatur genannten Staatseinrichtungen ließ sich dagegen kaum etwas nachweisen. ? Pausanias nennt den „Stein der Hybris“, auf dem der Angeklagte saß, und den „Stein der Aneideia“ (Zorn), den Platz des Anklägers. 

(Zusammengestellt nach: Günter Wachmeier: Athen. Zürich u. München: Artemis-Cicerone 1976. S. 108. – Peter C. Bol u. a.: Griechenland. Ein Führer zu den antiken Stätten. Stuttgart: Reclam 1998. S. 120.)
 
 

Text 2

Aristoteles über den Areopag

Die Prozesse wegen Mordes und Verletzung, wenn einer mit Absicht mordet oder verletzt, finden vor dem Areopag statt, auch wenn einer mit Gift oder durch Brandstiftung mordet. Darüber allein richtet der Rat. Über Totschlag und Mordabsicht oder wenn einer einen Sklaven, Ansiedler oder Fremden tötet, die Richter im Palladion. Wenn einer einen Mord gesteht, jedoch behauptet, er habe ihn im Recht begangen, etwa bei Ergreifung eines Ehebrechers oder unwissentlich im Krieg oder bei einem Sportunfall, sitzt man darüber im Delphinion zu Gericht. Wenn einer wegen eines Verbrechens verbannt ist, für das die Möglichkeit der Amnestie besteht, und beschuldigt wird, einen anderen getötet oder verletzt zu haben, sitzt man darüber im Phreatos zu Gericht, und er verteidigt sich von einem in der Nähe verankerten Schiff aus. Richter sind die ausgelosten Kriminalrichter, außer in den Angelegenheiten, die vor den Areopag gehören. Den Prozess leitet der König ein; die Gerichtssitzung findet im Heiligtum unter freiem Himmel statt. Der König nimmt den Kranz ab, wenn er Recht spricht. Der Angeklagte muss sich die übrige Zeit von den Heiligtümern fernhalten und darf sich nach dem Gesetz nicht einmal auf den Markt begeben. Dann aber betritt er das Heiligtum, um sich zu verteidigen. Wenn der König den Täter nicht kennt, macht er die Klage gegen „den unbekannten Täter“ anhängig; so sprechen der König und die Phylenkönige Recht auch über die toten und die übrigen Lebewesen. [...]

Wenn einer einen heiligen Ölbaum ausgrub oder fällte, richtete der Rat vom Areopag über ihn, und wenn er verurteilt wurde, erhielt er die Todesstrafe. Seitdem aber der Besitzer des Platzes das Öl abzuliefern hat, gibt es zwar das Gesetz noch, doch das Prozessverfahren besteht nicht mehr; denn das Öl wird nach dem Umfang des Besitzes, nicht nach der Zahl der Stämme für die Stadt eingezogen. Wenn der Archon nun den unter ihm erwirtschafteten Ertrag gesammelt hat, übergibt er ihn den Verwaltern auf der Akropolis, und er darf nicht eher den Areopag betreten, bevor er den Verwaltern alles abgeliefert hat. Die Verwalter bewahren es die übrige Zeit auf der Akropolis auf, an den Panathenäen jedoch messen sie es den Kampfordnern zu, die es dann den Wettkämpfern für ihren Sieg geben. Die Siegespreise bestehen bei den musischen Kämpfen in Silber und Gold, bei den athletischen in Schilden, beim gymnastischen Wettkampf und beim Pferderennen in Öl.

(Aristoteles: Der Staat der Athener. Stuttgart: Reclam 1970. S. 64f. u. 66f.)
 
 

Text 3

Der Apostel Paulus auf dem Areopag

Als aber Paulus in Athen auf sie wartete, ergrimmte sein Geist in ihm, als er die Stadt voller Götzenbilder sah. Und er redete zu den Juden und den Gottesfürchtigen in der Synagoge und täglich auf dem Markt zu denen, die sich einfanden. Einige Philosophen aber, Epikureer und Stoiker stritten mit ihm. Und einige von ihnen sprachen: Was will dieser Schwätzer sagen? Andere aber: Es sieht so aus, als wolle er fremde Götter verkündigen. Er hatte ihnen nämlich das Evangelium von Jesus und von der Auferstehung verkündigt. Sie nahmen ihn aber mit und führten ihn auf den Areopag und sprachen: Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du lehrst? Denn du bringst etwas Neues vor unsere Ohren: nun wollen wir gerne wissen, was das ist. Alle Athener nämlich, auch die Fremden, die bei ihnen wohnten, hatten nichts anderes im Sinn, als etwas Neues zu sagen oder zu hören. Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: 

Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch. was ihr unwissend verehrt. Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen, wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir: wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.

Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören. So ging Paulus von ihnen. Einige Männer schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen. Danach verließ Paulus Athen [...].

(Apostelgeschichte 17,16 – 18,1)


 
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