Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika
 

9. Klassizistisches Athen

9.6. Das Parlament


 
 
Text 1

Königliches Schloss und Parlament

Das sogenannte Alte Schloss, das zwar mit einer Kaserne oder einem Krankenhaus verglichen worden ist, aber eigentlich einen angenehm schlichten Eindruck macht, haben die Athener so gelassen, wie es war.

Wenn die Ostseite des Platzes mit dem Schloss unverändert blieb, ist das letzten Endes darauf zurückzuführen, dass im vergangenen Jahrhundert Stücke von Hammelfleisch sich hier am längsten frisch hielten. Denn auf der Suche nach dem trockensten Ort für den Bau des neuen Königsschlosses legte man in allen vier Himmelsrichtungen der Stadt Fleischstücke aus und beobachtete, wie lange sie brauchten, bis sie verwesten. Die Bodenspekulanten, die alle in der Gegend der antiken Agora Grundstücke aufgekauft hatten, waren blamiert, als ausgerechnet an einer Stelle, an die niemand gedacht hatte, die königliche Residenz von dem deutschen Architekten Friedrich von Gärtner gebaut wurde.

Die Grundsteinlegung wurde am Vorabend des 26. Januar 1836 mit Böllerschüssen angekündigt. An der Feier nahmen teil: außer König Ludwig I. von Bayern sein Sohn König Otto von Hellas und die bayrische Regentschaft, ausländische Diplomaten und zweimal so viele Griechen, wie Athen Einwohner zählte. Der Grundstein, den König Otto auf neugeprägte Münzen legte, bekam die Inschrift: „Die Mutter Erde möge mich, Ottos Stein, freundlich aufnehmen.“ Es dauerte sieben Jahre, bis der Bau fertig wurde. Am Neujahrstag 1840 kletterte das Königspaar über eine Holzrampe auf ein mit Myrten? und Lorbeerzweigen geschmücktes Podium, um den ersten Nagel für das Dach eigenhändig einzuschlagen. Die Staatskasse spendierte den Arbeitern ein Üppiges Festmahl, wobei sie auf Kosten und zum Wohl des Königspaares 4 000 Flaschen Wein tranken. Otto hatte sich inzwischen mit der blutjungen Amalia, Herzogin von Oldenburg, vermählt. Seine Untertanen erfuhren von der Hochzeit erst einen Monat später durch die Zeitung.

Die Gesellschaft, die im Ballsaal des Schlosses eifrig und häufig Mazurka und Walzer tanzte, war aus den verschiedensten Elementen zusammengewürfelt: griechische Grundbesitzer, Mitglieder der alten Inselfamilien, die ihre aus dem Seehandel stammen-den Vermögen größtenteils für die Befreiungskriege eingesetzt hatten, schließlich rauhe, ungebildete Kapetaneioi der Freiheitskämpfer- banden. Hinzu kamen die im Ausland reich gewordenen Kaufleute und die gebildeten, weltgewandten Phanarioten. Nach dem Viertel Phanar (Leuchtturm) in Konstantinopel genannt, erwarben sie als Würdenträger des Sultans Macht und politischen Einfluss, den sie häufig in einem gefährlichen Doppelspiel zugunsten Griechenlands anwandten. Spannungen, die sich zwischen Festlandgriechen und Phanarioten ergaben, versuchte Königin Amalia auch dadurch auszugleichen, dass sie sich als Heiratsvermittlerin betätigte. Als Kolokotronis' Sohn die Tochter des Fürsten Karadja heiratete, bemerkte der alte Haudegen: „Der Pelzmantel hat sich mit dem Hirtencape verbunden.“ Der gleiche Kolokotronis sagte, als die Universität gebaut wurde: „Die Universität wird mit der Zeit das Schloss zerstören, aber die Kenntnisse, die die jungen Leute dort erwerben, werden dem Lande mehr Nutzen bringen als unsere Heldentaten.“

Die Armee, aus Bayern zusammengesetzt, erschien den Griechen als eine Art Besatzungsmacht. Zwischenfälle waren an der Tagesordnung. Als der 21. Geburtstag König Ottos gefeiert wurde, verließ der Freiheitskämpfer Makryjannis, beleidigt, weil man ihn nicht genügend geehrt hatte, ostentativ das Schloss mit den Worten: „Wir Griechen haben uns genügend angestrengt dafür, dass der König auf dem Thron kleben kann. Und jetzt werden wir verachtet.“

Da die liberale Verfassung, die das griechische Volk seit der ersten Nationalversammlung von 1812 erstrebte, nicht durchgesetzt werden konnte und Otto bis dahin als absoluter Monarch regierte, war die Unzufriedenheit der Griechen von Tag zu Tag gewachsen. Am 3. September 1843 entlud sich die Volkswut in einer unblutigen Revolution, die von England unterstützt wurde und die König Otto zwang, dem Land eine Verfassung zu gewähren. Die streitenden griechischen Parteien, d. h. die Russo-, Anglo- und Frankophilen, unterstützten in seltener Einmütigkeit den Schlachtruf „Verfassung“. Die Truppen, von dem Kavallerieoberst Kalerghis und dem Freiheitskämpfer Makryjannis geführt, belagerten das Schloss. Die Glocken aller Kirchen läuteten. Kalerghis hielt eine feurige Ansprache an das Volk, das allmählich den Platz füllte, worauf alle riefen: „Es lebe die Verfassung.“ Die Ordonnanzoffiziere, die König Otto schickte, um zu erfahren, was die Leute wollten, wurden verhaftet. Der König erschien selbst auf dem Balkon und fragte, was das Volk wünsche. „Es wünscht die Verfassung“, sagte Kalerghis. Sie sei den Griechen von der böswilligen Umgebung des Königs jahrelang vorenthalten worden. Otto zog sich unentschlossen zur Beratung zurück. Kalerghis verweigerte den Gesandten der europäischen Schutzmächte, die inzwischen aufgewacht und vor dem Schloss erschie-nen waren, den Eintritt. Erst am folgenden Nachmittag um drei Uhr akzeptierte Otto, obwohl er selbst die Abdankung vorgezogen hätte, alles, was man von ihm verlangte, d. h. die Einberufung der Nationalversammlung, die eine Verfassung ausarbeiten sollte, und die Entlassung aller Bayern aus der griechischen Verwaltung.

1864 wurde eine neue, liberale Verfassung verabschiedet, die trotz der Revisionen von 1911 und 1952 im Prinzip gleich blieb. Sie bestimmte bis 1967 das politische Leben eines Staates, der eine parlamentarische Monarchie war. Nur zwischen 1924 und 1935 war Griechenland eine Republik ohne König.

Das Schloss blieb königliche Residenz unter König Georg I., einem gebürtigen dänischen Prinzen. Als sein Sohn, Konstantin, die Schwester des deutschen Kaisers Wilhelm Il. heiratete, nahm der Kaiser teil am großen Hochzeitsball in diesem Schloss. Zur gleichen Zeit wurde in der Herodes Atticus-Straße ein neues Schloss gebaut, und das alte diente in den zwanziger Jahren Flüchtlingen aus Kleinasien als Auffanglager. In den dreißiger Jahren zog das Parlament hier ein; es konnte seine Tätigkeit allerdings erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aufnehmen und ohne Unterbrechung bis 1967 fortsetzen.

Zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde vor dem Schloss ein Grabmal für den Unbekann-ten Soldaten errichtet. An den Wänden brachte man Bronzeschilder nach antiker Sitte an, auf denen die griechischen Siege seit 1821 verzeichnet sind.

(Evi Melas: Athen. 6., überarb. Aufl. Köln: DuMont 1987. S. 257 – 259.)


 
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