Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika
 

9. Klassizistisches Athen

9.5. Das Hotel Grande Bretagne



 

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Der Salon von Athen

Mythos - dieser klangvolle Ausdruck bezeichnet im Griechischen sowohl „Wort“ als auch „Erzählung“. Der klassische Mythos kreist um erste oder letzte Fragen, erklärt und verklärt die Ursprünge ganzer Kulturen und spiegelt ihre Weltsicht.

Auch die Hotellerie hat ihre Mythen. Auf nur wenige Häuser in Europa passt dieses Prädikat freilich so treffend wie auf das „Grande Bretagne“ in Athen. Was weniger mit seiner opulenten Ausstattung, dem internationalen Flair oder den stolzen Preisen zu tun hat, sondern damit, dass es wie nur wenige Hotels aufs Engste mit dem Schicksal seiner Stadt, ja seines ganzen Landes verbunden war und ist. Seit der Eröffnung 1874 war das „GB“ Schauplatz, Opfer, Spiegel und Bühne der Geschichte von Athen und damit von Griechenland. Nach der Renovierung im Frühjahr 2003 wieder eröffnet, erwartet es nun die Rückkehr der Olympischen Spiele an ihren Heimatort.

Den Grundstein für diese Erfolgsgeschichte legte einer jener typischen griechischen Selfmademen, die ausgeprägten Individualismus mit untrüglichem Geschäftssinn und an Besessenheit grenzendem Fleiß verbinden. Efstathios Lampsas war der César Ritz von Athen. 1849 geboren, begann er seine Karriere als Laufbursche bei einem Lebensmittelhändler. Dort wurde der Leibkoch des Königs auf den jungen aufmerksam, der schließlich ein Stipendium erhielt, um in Paris die hohe Schule der Kochkunst zu erlernen. Zurück in Athen, wurde er 1879 Teilhaber eines kurz zuvor eröffneten Hotels. Sogleich gab Lampsas ihm jenen vornehmen französischen Namen, unter dem es dann in aller Welt zum Begriff wurde - „Grande Bretagne“.

Wie eine riesige Truhe erhebt sich der achtstöckige Prachtbau an der Nordseite des Syntagma- Platzes. Aber man muss schon alte Stiche und Fotografien zu Hilfe nehmen, um noch jene Bauelemente erkennen zu können, die aus der Frühzeit des Hauses stammen. Das anfangs zweistöckige Gebäude war 1842 als Stadtpalais eines wohlha-benden Auslandsgriechen errichtet worden, zeitgleich mit dem Königspalast vis-à-vis.

Damals erlebte das neuzeitliche Athen seinen ersten Bauboom. Nach den Befreiungskriegen 1830 sollte aus dem Provinznest am Rande des osmanischen Reiches eine Hauptstadt europäischen Zuschnitts werden. Im Gefolge des aus Bayern importierten Monarchen Otto I. strömten vor allem deutsche und dänische Architekten nach Hellas. Sie trugen wahrhaftig Eulen nach Athen, indem sie den Klassizismus an den Ursprungsort der Klassik zurückbrachten. So auch Friedrich von Gärtner, der den Königspalast entwarf, und Theophil Hansen, der nebenan jenes elegante Stadtpalais in leicht orientalisierendem Stil erbaute, das bald schon zum Vorbild vieler Athener Privathäuser wurde.
Ganz in der Nähe liegt ein nicht minder mythisches Bauwerk: das antike Stadion. 1896 war es für die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit rekonstruiert worden. Viele ausländische Sportler sowie Funktionäre der ersten Stunde, allen voran Baron de Coubertin, aber auch wohlhabende Griechen aus der Diaspora, stiegen damals im Grande Bretagne ab. Kein Geringerer als John Cook, Sohn und Juniorpartner des großen Thomas Cook, brachte Athen für die Spiele touristisch auf Vordermann, und natürlich logierte auch er im „GB“.

Mit einem solchen Hotel lässt sich Staat machen. Fast turnusmäßig wird der Alltagsbe-trieb durch Staatsbesuche unterbrochen. Seit den Gründertagen richten hier auch die ausländischen Gesandtschaften gern ihre Empfänge aus. Und viele Politiker, Journalisten, Lobbyisten - und mitunter auch Spione, heißt es - betrachten das Restaurant „GB Corner“ sowie „Alexander's Bar“ gleich nebenan als ihre eigentlichen Geschäftsräume.

Praktisch von Beginn an bildete das „Grande Bretagne“ eine Dependance der Macht. Mit seinem ungleichen Zwilling, dem Königspalast, der seit den 30er Jahren als Parlamentssitz dient, verbindet es eine turbulente Geschichte sowie ein Legenden umranktes Tunnelsystem. Beide Häuser haben zwei Monarchien, elf Staatsstreiche, vier Diktaturen und zwei Weltkriege miterlebt. Der Vorplatz bildete auch den passenden Rahmen, als Eliftherios Venizelos, der Vater des modernen Staates Griechenland, 1910 seine berühmte Rede an das Volk hielt. Um diese Zeit erhielt der Platz auch seinen heutigen Namen: Syntagma - Verfassungsplatz. Nach dem Überfall Mussolinis Ende 1940 verlegte der griechische Generalstab sein Hauptquartier ins „GB“, da dessen Weinkeller luftschutztauglich waren. Prompt nistete sich dann auch die Führung der deutschen Wehrmacht hier ein, seither geistern nolens volens auch Hitler, Rommel und Göring durch die Annalen des Hotels.

Die britischen Befreier behielten die komfortable Schaltzentrale bei, und so schrieben sich denn Churchill und Eden ins Gästebuch ein. In der Folge verewigten sich dort auch Adenauer, Indira Gandhi sowie diverse Kennedys, und Theodor Heuss zeichnete vom Balkon seiner Suite aus begeistert die Akropolis. Wie selbstverständlich berief Constantin Kararnanlis nach dem Fall der Militärjunta 1974 seine Regierung im „Grande Bretagne“ ein.

Wenngleich die Politprominenz die Hotelchronik dominiert, so stiegen doch auch viele Künstler hier ab. Darunter Richard Strauss, Laurence Olivier, die Callas und die Duse, Sting und Jeanne Moreau. In der Lobby erfuhr Heinrich Böll, dass ihm der Nobelpreis verliehen würde, und sein Kollege Odysseas Elitis gab, als er einige Jahre später ebenfalls die begehrte Auszeichnung erhielt, an gleicher Stelle seine Pressekonferenz.

Wer hier absteigt, bewohnt einen Schauplatz der Geschichte, der freilich alles andere als museal wirkt. Dafür sorgt schon das rege Treiben in „Alexander's Bar“ und dem anschließenden Wintergarten, dem eigentlichen Herz des Hauses, wo Athens Hautevolee sich zum Kaffeeklatsch trifft. Hier schließen die Reeder von Piräus bei einem Glas Wein Millionengeschäfte ab, ein Handschlag gilt ihnen dabei mehr als ein Vertrag. Hier tauschen sich Händler und Sammler über Kunstschätze von der Antike bis zur Gegenwart aus. Nachlässig gekleidete Amerikaner und eine Russin im Leopardendress sorgen für flüchtiges Aufsehen, doch der Kavalier alter Schule, Stammgast natürlich, mit Einstecktuch, Siegelring und Spazierstock bewehrt, würdigt solche Randfiguren keines Blickes. Der Barmann wienert beschwingt den Tresen, hinter dem ein prunkvoller Wandtep-pich aus dem 18. Jahrhundert die Feldzüge Alexanders des Großen verherrlicht.

Für die Neuausstattung des Hotels wurden Hunderte von Antiquitäten ersteigert. Einige davon stehen auf den in cremigem Pfirsichgelb gehaltenen Fluren Spalier. An den Wänden Seestücke, folkloristische Studien, romantische Ruinenlandschaften. Auch die über 300 Zimmer beschwören mit Stilmöbeln, Kronleuchtern, Brokatvorhängen und den schmiedeeisernen Allegorien der Balkongitter ein zwar unbestimmtes, aber mutmaßlich goldenes aristokratisches Zeitalter herauf Die dezent verführerische Wohlfühllandschaft des "GB Spa" birgt hübsche Extras wie eine Amethystgrotte und ein Kräuterdampfbad.

Vom Café auf dem Dachgarten reicht der Blick bis zum Meer. Wenn die Sonne hinter Salamis versinkt und der Golf von Ägina glitzert wie mit Pailletten bestickt, wird es Zeit für den abendlichen Corso auf dem Syntagma-Platz. Dann zeigt sich das „Grande Bretagne“ von seiner besten Seite: weihevoll angestrahlt, verwandelt es sich in einen kultischen Schrein, eine goldschimmernde Schatztruhe. Umspült vom unentwegten Athener Verkehr, ragt der magische Quader in den königsblauen Abendhimmel, ein Mythos in nichtmythischer Zeit.

(Stefan Schomann: Der Salon von Athen. In: Magazin der Frankfurter Rundschau vom 7. August 2004, S. 9.)
 


 
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