Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika
 

9. Klassizistisches Athen

9.2. Die Athener Trilogie



 

Text 1

Die Athener Trilogie

Das wohl berühmteste dieser Ensembles ist die als Athener Trias oder auch Trilogie bezeichnete Gebäudefolge aus Universität, Akademie und Bibliothek an der Panepistimiou, auf halbem Wege zwischen Omonia- und Syntagma-Platz. Gerade diese Bauten stellen in ihrer Farbigkeit ein wichtiges Merkmal des Athener Klassizismus vor. Im Gegensatz zum ewig farblosen Weiß des Steins, wie es an gräzisierenden Bauten des 18. und 19. Jahrhunderts andernorts in monotoner Häufigkeit begegnet auf Grund der Annahme, antik-griechische Architektur zeichne sich schlechthin durch gleißend weißen Marmor aus, stehen in den Bauten der Trias akurate Nachbildungen der tatsächlichen antiken Kolorierung vor Augen. Die Polychromie der antiken Architektur, wie sie etwa am Erechtheion oder an den Propyläen noch in Spuren existiert und die erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Faktum erkannt und auch dann nur zögernd akzeptiert worden war, wurde hier mittels Bemalung der Bauglieder, sowie durch Kombination verschiedenfarbiger Baumaterialien und durch Einlegearbeiten in beeindruckender Weise nachgestaltet.

Als der 17-jährige Otto von seinem Vater nach Athen geschickt und dort als König eingesetzt wurde, bekam er zwei städtebauliche Aufträge mit auf den Weg: Wie nicht anders zu erwarten, die Errichtung eines Schlosses, und - für die bayerisch?humanistische Prägung des neuen Griechenland nicht weniger wichtig - einer Universität. Der aus Spendengeldern finanzierte Universitätsbau, 1839 als eines der ersten Projekte bald nach der Inthronisation Ottos begonnen und schon drei Jahre später eingeweiht, bildet den Mittelpunkt dieser Trias. Der Grundriss in Form eines doppelten T mit Hofanlagen an den Seiten ist auf die verschieden großen Hörsäle zugeschnitten. Der zu den Schauseiten hin geschlossen wirkende Baukörper aus pentelischem Marmor mit seinen Pilasterkolonnaden erscheint aus der Ferne fast schmucklos; ein Eindruck, der sich aber beim Nähertreten als Irrtum erweist: Das Portal des Haupteingangs stützen zwei hohe, schlanke ionische Säulen, die bis in Details hinein den Säulen des Durchgangs der Propyläen auf der Akropolis entsprechen; die filigrane Ornamentik des Kapitells und des ionischen Gebälks darüber sind farblich betont. Die Kassettendecke in der Vorhalle mit ihrem reichen Dekor ist ebenfalls dem Propyläendurchgang entlehnt, die Sima mit ihren funktionslosen, rein ornamentalen Wasserspeiern an den Ecken gleicht derjenigen des Parthenon. Zum ersten Mal wurden hier bei einem Neubau Architekturformen und Dekorationskonzepte von konkreten einzelnen Bauten des antiken Athen akribisch kopiert. Mit dem Entwurf wurde Christian Hansen betraut, als er sich anlässlich der Wiederaufbauarbeiten des Nike-Tempels in Athen aufhielt.

Als zweiter Bau der Trias entstand die Akademie im Süden der Universität. 1859 als Privatstiftung des griechischen Gesandten in Wien begonnen und erst 1879 nach man-cher Finanzierungskrise vollendet, war hier erstmals das Architektenteam Theofil Hansen / Ernst Ziller am Werk, die beide bereits zuvor in Wien tätig waren. Die Akademie besteht aus drei parallel gelagerten, miteinander verbundenen Flügeln; die Fronten des über eine geschwungene Rampe zugänglichen Mittelflügels mit Empfangshalle und großem Sitzungssaal erinnern an einen Tempel. Zitierte die Universität die Propyläen, so spiegelt sich hier das Erechtheion in vielen seiner Facetten. Die Eingangsfassade des Mittelflügels ist ein Nachbau der Osthalle; Säulenbasen, Schäfte und die Kapitelle mit ihrem überreichen, farbigen Dekor entsprechen exakt den Vorbildern, ebenso die Ornamentbänder an den Gebälken und Simen sowie die feingliedrige Kassettendecke in der Vorhalle. Die beiden Seitenflügel, in denen sich die Verwaltung und die angeschlossene kleine Bibliothek befinden, wiederholen mit ihren eingezogenen Fensterpartien zwischen ionischen Halbsäulen die Westwand des Erechtheions. Sogar komplizierte Details antiker Bauausführung finden sich hier: Alle drei Flügel sind von einer Kurvatur durchzogen.

Den Schlusspunkt der Trias bildet im Norden der Universität die Nationalbibliothek (1885 1891, Architekten ebenfalls Hansen und Ziller). Drei parallele Flügel (Lesesaal und zwei Büchermagazine, darin auch die berühmte Athener Sammlung von Handschriften aus dem 11. und 12. Jahrhundert), der mittlere mit einer aufwendigen Eingangsfassade versehen und über eine repräsentative, gewundene Rampentreppe zugänglich: Diese Grundkonzeption entspricht dem Entwurf der Akademie. Doch bei aller Analogie zum Entwurf: der Eindruck des Gebäudes ist ein völlig anderer. Nicht feine, ionische Schmuckformen wie die des Erechtheion, sondern die nüchtern-strengen dorischen Säulen einer weitgehend undekorierten Fassade empfangen hier den Besucher: eine exakte Kopie der Front des Theseion von der Athener Agora. Erst im Innern des Lesesaals trifft man wieder auf die gewohnten ionischen Formen, erneut in Gestalt der Säulen vom Erechtheion.

Das gesamte Umfeld der Trias geizt nicht mit Skulpturen: Hochgesockelte, antikisierende Denkmäler berühmter Denker und die Statuen von Gründervätern und Mäzenen des jungen Staates sind gepaart mit den weisheitverbürgenden Göttern der Antike (Athena und Apollon auf hohen ionischen Säulen, die denen der Innenkolonnade des Apollon-Tempels von Bassai auf der Peloponnes nachgebildet sind); allegorische Szenen in den verschiedenen Giebelfeldern, aber auch innerhalb der Gebäude auf Friesen und großen Tafelgemälden verweisen auf die Funktion des Ensembles als Bildungszentrum am Nabel der geistigen Welt.

(Lambert Schneider, Christoph Höcker: Griechisches Festland. 3., aktualisierte Aufl. Köln: Dumont 2003. S. 142 145.)


 
 
Zurück zu:   Athen - Inhatsverzeichnis