Thomas Gransow
 

Athen und die Insel Ägina
 

1. Einführung und Problemstellung



 

Problemstellung und Thematik

In den politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Auseinandersetzungen des fünften vorchristlichen Jahrhunderts in Griechenland sieht David Green Parallelen zu unserer heutigen Zeit: „Merkwürdigerweise sah sich das damalige Griechenland auch mit uns bekannten Problemen einer Massengesellschaft konfrontiert - einer Gesellschaft ohne Respekt für überkommene Hierarchien und Konventionen, mit zunehmender Freizügigkeit in religiösen und moralischen Dingen und mit vergangenen und drohenden Kriegen als den dynamischsten Kräften im politischen Leben. Dazu kommt der universale, griechische Rationalismus, das heißt die Überzeugung der Griechen, dass sich alle Probleme auch des politischen Lebens durch Denkprozesse lösen ließen und dass, sollte sich eine Lösung als Fehlschlag erweisen, man sich umgehend um eine andere Lösung bemühen müsse.“ Lambert Schneider und Christoph Höcker erläutern diesen Zusammenhang:
 

Athen als Idee

Kein Griechenlandreisender wird Athen besuchen, ohne an [das] Image der Stadt als Geburtsstätte abendländischer Kunst und Kultur zu denken, als Entstehungsort unserer heutigen Form von Theater ebenso wie unserer Vorstellungen von Philosophie und Wissenschaft und - bei allen Veränderungen - sogar unseres politischen Systems, der Demokratie. Ob man dies nun positiv oder negativ bewertet, ja sogar gleichgültig, ob man sich der Tatsache überhaupt bewußt ist oder nicht, Athen steht im Licht oder auch im Schatten dieser Vergangenheit. Daß die Stadt im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen trotz ihrer zahlreichen historischen und künstlerischen Sehenswürdigkeiten nur an einzelnen Punkten, dagegen kaum in ihrem Gesamtbild so etwas wie Geschichte erkennen läßt, dies steht nur in scheinbarem Kontrast zu ihrer grandiosen historischen Vergangenheit. Tatsächlich ist die weitgehende Traditionslosigkeit, die man heute beim Durchstreifen dieser Riesenstadt immer wieder empfindet, gerade durch jenen „Schatten“ einstiger Größe bedingt.

Athens große Epoche war die Zeit vom mittleren 6. bis zum mittleren 4. vorchristlichen Jahrhundert. Kulturelle Ansprüche und eine unerhörte Bautätigkeit verbanden sich mit wirtschaftlicher und politischer Weltmachtstellung. Den Zeitgenossen war die Besonder-heit, ja die historische Einmaligkeit der damaligen Konstellation durchaus bewußt. Sie empfanden Stolz darüber, Bürger Athens in genau jener Zeit zu sein. Zugleich aber wurden sie sich selbst schon zur Legende. Bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. wurde der Mythos kreiert und verbreitet, daß Athen nicht erst in jener Zeit, sondern schon seit jeher Wiege und Zentrum höherer menschlicher Zivilisation gewesen sei und daß dies auch für zukünftige Jahrtausende so bleiben werde. Die in die Vergangenheit gerichtete Projektion bestand darin, daß man eine angeblich ungebrochene politische und kultu-relle Tradition von der achäisch?mykenischen Welt des 2. Jahrtausend v. Chr. bis in archaische und klassische Zeit hinein speziell für Athen behauptete.

Noch folgenreicher aber sollten sich die auf die Zukunft gerichteten Visionen der Athener erweisen. Bereits im 4. Jahrhundert v. Chr., als mit der makedonischen Eroberung Griechenlands Athen seiner Selbständigkeit und jeglicher überregionaler politischer Bedeutung beraubt war, galt die Stadt - nun wohl gerade angesichts ihrer tatsächlichen Ohnmacht - als exklusive Stätte des Geistes und der Kunst. Aus der im 5. Jahrhundert so konfliktreichen und lebendigen Weltmetropole Athen mit ihrer auf Gegenwartsprobleme bezogenen Literatur, ihren hochaktuellen Bauten und ihrer religiös und politisch brisanten Kunst war binnen kurzem „eine klassische Stätte“ geworden, ein Hort nobler Tradition. Bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. wirkt Athen im Vergleich zu anderen Gemeinwesen nahezu museal. Während in der hellenistischen Epoche andere Zentren eine unerhörte neue Dynamik entfalteten, war Athen zur gepflegten, aber ruhigen Stätte eines antiken „Humanismus“ und zum Betrachtungsort großer, aber eben vergangener Kunst degradiert. Halten konnte sich die Stadt wenigstens auf diesem Niveau noch während der römischen Kaiserzeit bis ins 2. Jahrhundert n. Chr., doch von jenem Zeitpunkt an geriet Athen ökonomisch und administrativ immer mehr ins Abseits, während sich allein der Ruhm vergangener Größe ungebrochen erhielt. Längst von anderen Großstädten des Byzantinischen Reiches wie Konstantinopel, aber auch Thessaloniki in den Schatten gestellt, blieb Athen im Bewußtsein der Welt allein in diesem zeichenhaften Sinn wichtig; daß unter diesen Umständen neue städtebauliche Impulse oder gar eine kontinuierliche Weiterentwicklung, wie sie andere Städte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit erfuhren, hier ausblieben, kann kaum verwundern.

Allein der Symbolwert Alt-Athens war es schließlich in der Moderne, der zur Wiederentstehung Athens als Großstadt geführt hat. Humanistische, auf Alt-Hellas gerichtete Träume nichtgriechischer und darunter besonders deutscher Philhellenen gaben den Ausschlag, nach dem griechischen Befreiungskrieg 1834 ausgerechnet dieses unbedeutende Landstädtchen - bar jeder Infrastruktur und ökonomisch wie an Bevölkerungszahl selbst Orten wie Nafplion unterlegen - zur Hauptstadt der neuen Nation zu machen. So verdankt das heutige Athen seine Existenz keiner gewachsenen Tradition, sondern der Idee, durch die Wahl dieses Orts an eine physisch längst abgerissene „klassische“ Vergangenheit anzuknüpfen.
(Lambert Schneider, Christoph Höcker: Griechisches Festland. 3., aktualisierte Aufl. Köln: Dumont 2003. S. 73 - 76.)
 

1. Thema: Städtebau
Die griechischen Polis –
Vorbild für die Stadt des 21. Jahrhunderts?

Athen im Kontext der großen europäischen Metropolen des 19. Jahrhunderts zu nennen, mag auf den ersten Blick verwundern. Aber die Polis Athen hatte im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert Einfluss auf Architektur und Städtebau nicht nur in Europa, sondern auch in der „neuen Welt“, wie die politische Repräsentationsarchitektur etwa in Washington verdeutlicht. Man denke auch an Langhans' Brandenburger Tor, Schadows Quadriga, Schinkels Schauspielhaus und andere Bauten im „Spree-Athen“. Und nicht zufällig werden die 95 Thesen zum Städtebau, die führende Architekten 1933 formulierten und die die Stadtplanung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ent-scheidend beeinflussten, „Charta von Athen“ genannt. Deshalb kann auch Grytzko Mascioni behaupten, „[...] dass die Griechen mit ihrer polis für alle Zeiten eine soziale Dimension vorgezeichnet haben, die vielleicht die einzige ist, in der der Mensch wirklich leben kann. Keine echte und zivile Gemeinschaft ist nämlich vorstellbar, wenn die Grezen einer realen, wenn auch nur theoretischen Möglichkeit überschritten sind, alle ihre Mitglieder persönlich zu kennen oder ihnen hin und wieder zu begegnen; und dis war in der polis gegeben.” Leonardo Benevolo erläutert diesen Zusammenhang:

Der neuartige Charakter des sozialen Zusammenlebens in den griechischen Poleis zeigt sich besonders an folgenden vier Faktoren:

  • Die Stadt bildete eine Einheit, in der es weder Sperrbezirke noch selbständige Stadtteile gab. Nach außen hin waren einige Städte durch Mauern von der Umgebung abgegrenzt, aber im Innern existierten keine Grenzen wie bei den fernöstlichen Städten. Die einzelnen Wohnhäuser waren alle nach dem gleichen architektonischen Prinzip gebaut und unterschieden sich nur in ihrer Größe. Sie waren über das ganze Stadtgebiet verteilt, und es existierten keine Stadtviertel, die nur einer bestimmten Klasse oder Kaste zugänglich waren. An einigen, hierfür besonders eingerichteten Orten - der Agora oder dem Theater - konnte sich die gesamte Bürgerschaft oder zumindest ein großer Teil von ihr versammeln, so dass sich tatsächlich jeder unmittelbar als Teil einer einzigen zusammengehörenden Gemeinschaft fühlen konnte.
  • Das Stadtgebiet war in drei Bereiche aufgeteilt: den privaten Bereich mit den Wohnhäusern, den heiligen Bereich mit den Tempeln für die Götter und den öffentlichen Bereich für die politischen Versammlungen, den Handel, Theateraufführungen, sportliche Wettkämpfe usw. Der Staat als Verkörperung der allgemeinen Interessen der Gemeinschaft war für den öffentlichen Bereich direkt verantwortlich und an der Verwaltung des privaten und des heiligen Bereichs beteiligt. Die Unterschiede zwischen diesen drei Bereichen ergaben sich vor allem aus ihren unterschiedlichen Funktionen. Die Tempel hoben sich deutlich vom übrigen Stadtbild ab, aber nicht so sehr wegen ihrer Größe, sondern vor allem aufgrund ihrer Lage und ihrer architektonischen Gestaltung. Sie waren in einiger Entfernung von den übrigen Gebäuden an Orten errichtet, die von weither sichtbar waren. Ihre Formen folgten schlichten, aber strengen, durch vielfache Erprobung perfektionierten Konstruktionsprinzipien: der dorischen und der ionischen Ordnung. Die Bauweise war bewusst einfach gehalten - steinerne Mauern und Säulen, die den Architrav und die Dachbalken trugen -, damit sich die Technik so wenig wie möglich der Kontrolle der Form entgegenstellte. Davon abweichende, kompliziertere Konstruktionsprinzipien, wie zum Beispiel Gewölbe, wurden an anderen, weniger bedeutenden Bauten angewandt.
  • Die Stadt stellte in ihrer Gesamtheit ein künstliches Gebilde dar, das in die sie umgebende natürliche Landschaft eingefügt wurde, und beide stehen in einem ausgesprochen leicht zu störenden Verhältnis zueinander. Die griechische Stadt respektierte die vorgefundene Form der Landschaft, ließ sie an vielen, besonders charakteristischen Stellen unangetastet oder interpretierte sie bzw. integrierte sie in die architektonische Gestaltung. Der Gleichmäßigkeit der Tempel, die sich aus der strengen symmetrischen Form und aus den einheitlichen, den ganzen Tempel säumenden Säulen ergab, stand fast immer die ungleichmäßige Anordnung der umliegenden Gebäude gegenüber, die sich ihre in der Ungleichmäßigkeit der natürlichen Umgebung auflöste. Dieses je spezifische Gleichgewicht zwischen Natur und Kunst gab jeder Stadt einen unverwechselbaren individuellen Charakter.
  • Das Gefüge der Stadt entwickelte sich im Laufe der Zeit weiter, aber an einem bestimmten Punkt erreichte es eine gewisse Stabilität, die die Bevölkerung nicht einmal mehr durch partielle Veränderungen stören wollte. Das Anwachsen der Bevölkerung führte nicht zu einer kontinuierlichen Ausdehnung der Stadt, sondern es wurde, sobald die Einwohnerzahl eine bestimmte Höhe überschritten hatte, in der unmittelbaren Umgebung eine ähnliche oder sogar größere Stadt neu erbaut; man sprach dann von der Paläopolis, der alten Stadt, und von der Neapolis, der neuen Stadt. Wenn nicht in der unmittelbaren Umgebung eine neue Stadt erbaut wurde, so gründete ein Teil der Bevölkerung in weiter entfernten Ländern eine neue Kolonie.
Aufgrund dieser vier Charakteristika - Einheit, interne Offenheit, ausgewogenes Verhältnis zur Natur und bewusste Begrenzung des Wachstums - gilt die griechische Polis bis heute als das Vorbild für jede Stadtplanung überhaupt. Sie bildete einen adäquaten und dauerhaften materiellen Rahmen für die Verwirklichung des Ideals eines sozialen menschlichen Zusammenlebens.
(Leonardo Benevolo: Die Geschichte der Stadt. Frankfurt a. M. / New York: Campus 1990. S. 96.)
 

2. Thema: Philosophie
Vom Logos zum Mythos –
Sieg der Vernunft?

Die griechischen Philosophen suchten nach jenen Prinzipien, die dem Werden und Vergehen der Natur zugrunde liegen, die das Woher und Wohin des Menschen lenken und ihr Zusammenleben bestmöglich regeln. Was heute als Grundlage aller Wissenschaft gilt, die Reflexion auf die eigenen Begriffe und Methoden, die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der menschlichen Erkenntnis, wurde unter der Sonne Kleinasiens und Griechenlands geboren. Martin Hielscher erläutert diesen Zusammenhang:

Die Wiege der abendländischen Philosophie liegt im antiken Griechenland. Einmalige wirtschaftliche und soziale, religiöse und kulturelle Bedingungen wie etwa die Sprache und die Schrift schufen Bedingungen, unter denen das menschliche Denken und Ahnen zwischen Götterglauben und Alltagswelt jene besondere Richtung nahm, die wir Philosophie nennen.

Dort, in den Epen des Homer und des Hesiod und im Denken der rund dreißig Weisen, die man später die Vorsokratiker nannte, wurde der entscheidende geistige Schritt vollzogen, der mit dieser Folgerichtigkeit und Leidenschaft und mit mehr als zweitausend Jahre anhaltender Wirkung damals nur im antiken Griechenland geschah: der Schritt vom Mythos zum Logos.

Damit meinen wir den Übergang von einer mythisch-religiösen Welterklärung mit Hilfe von Göttergenealogien und -geschichten, einer dämonisch belebten Natur und einem in strengen Dogmen und Riten befangenen Alltagsleben zu rationalen Modellen der Welterklärung (logos = Vernunft), in denen sich zugleich auch der einzelne denkende Mensch emanzipiert. Wenn die Welt sinnvoll und nach ewigen Gesetzen geordnet ist und der Mensch als Teil dieser Welt in seiner Vernunft ein Werkzeug hat, die Ordnung dieser Welt zu erkennen, dann wird damit der einzelne denkende Mensch aufgewertet, die Vernunft bekräftigt. Der vernünftige Bürger befreit sich somit von den Dogmen etwa einer Priesterkaste oder den irrationalen Vorschriften politischer Tyrannen. (Darum waren Philosophen, wenn sie sich nicht ausdrücklich einer Staatsmacht oder einer politischen Philosophie der Herrschaft verschrieben, immer schon eine Gefahr für die Macht.)

Griechenland wurde damit aber gleichermaßen zum Ursprungsort für das abendländische Denken, das heißt für die europäische Philosophie und Wissenschaft, wie für eine Kultur des Individuums, das heißt für die Idee der Ausbildung der Persönlichkeit, für den Gedanken der Gleichberechtigung der Bürger und die Idee des demokratischen Rechtsstaates, der ihnen mit seinen Gesetzen Rechtssicherheit verschafft.

Was aber ist die gemeinsame Ursache für eine sinnvoll geordnete Welt und den Verstand, der dies erkennt?

Die Philosophie sucht nach dem Ursprung der Welt und ihrer Einheit wie der Mythos, aber sie erzählt keine Geschichten, sondern formuliert Fragen, auf die ihre rationalen Modelle Antwort geben sollen. Sie stellt die gleichen Fragen wie die Religion, aber sie gibt andere Antworten, die nicht in der freudigen Unterwerfung der Vernunft unter den Glauben münden, sondern in eine fortlaufende Geschichte der Vernunft selbst. Sie erforscht die einzelnen Bereiche der Natur, des Menschen und der Gesellschaft wie die Wissenschaften, aber sie fragt nach deren Zusammenhang und denkt über ihre eigenen Methoden und Begriffe nach. Sie sucht nach der Verschmelzung mit dem von ihr erkannten obersten Prinzip wie die Mystik, aber sie verliert dabei nie den Verstand.

Die Philosophie entringt sich dem Mythos und der Religion beziehungsweise der Mystik, ohne dabei nur noch Einzelwissenschaft zu sein, und trägt doch die Spuren all dieser in sich, und ihre Geschichte, schon in den Anfängen, spiegelt das Wechselspiel vielfältigster Durchdringung von rationalen und mythischen, religiösen und mystischen Motiven mit solchen der Einzelwissenschaften. [...]

Der Anfang allen Philosophierens, schrieb Aristoteles später in seiner „Metaphysik“, ist das Staunen oder Sichwundern: „Weil sie sich nämlich wunderten, haben die Menschen zuerst wie jetzt noch zu philosophieren begonnen; sie wunderten sich anfangs über das Unerklärliche, das ihnen entgegentrat.“

Dieses Unerklärliche waren aber zunächst für die Menschen der Antike die Naturphänomene, die sie umgebende und beherrschende Welt, die Naturgewalten und die Gestirne, das Werden und Vergehen und der Tod, dessen Schrecken ja - nach Arthur Schopenhauer - überhaupt alles mythisch-religiöse und philosophische Spekulieren auslöst. So war die Philosophie [...] des Thales, des Pythagoras, der sich als erster „Philosoph“ nannte, des Anaximander oder des Heraklit, des Zenon oder des Demokrit, in einem sehr weit gefaßten Sinne „Naturphilosophie“.

Im letzten Drittel des 5. Jahrhunderts v. Chr. vollzog sich ein Wandel in der philosophischen Spekulation, der im Auftreten einer der bedeutendsten philosophischen Gestalten, nämlich des Sokrates, gipfelte. Dieser Wandel bezeichnet den Übergang von Beobachtung und Anschauung (theorein) der Natur zum Nachdenken über das Wesen des Menschen, der Gesellschaft und des richtigen Handelns und wie man dieses erkennt. Der Blick wendet sich vom gestirnten Himmel, dem Kosmos, nach innen: Der Gegenstand des Denkens ist nunmehr der Mensch selbst.

Zunächst förderte das komplexer, vielfältiger und auch in seinen geistigen Anforderungen an den Bürger härter gewordene Leben in Griechenland die Entstehung eines neuen urbanen Ideals der geistigen Bildung (paideia), für deren Erlangung man Experten brauchte, Könner, die ihr Wissen und ihr Denken, ihre Rhetorik und ihre Anschauungen gegen Geld zur Verfügung stellten, Schulen gründeten und Vorträge hielten: die Sophisten (sophia = Kunst im Sinne von Können, Weisheit). Im Unterschied zu den Naturphilosophen und Weisen, die wir genannt haben, untersuchten die Sophisten nicht die Natur, sondern die Kultur und ihre Gesetzmäßigkeiten. Sie dachten nicht spekulativ, indem sie in abstrakten Sätzen nach den hinter der Erscheinungswelt verborgenen Prinzipien, nach Ursprung und Einheit der Welt forschten, sondern induktiv, indem sie von der Erfahrungswelt ausgingen, vom alltäglichen Leben und den Fragestellungen, die dieses aufwarf. Sie wollten keine Schüler heranziehen, die dann wieder Philosophen wurden, sondern die Laien bilden.

Im günstigsten Fall waren sie Aufklärer, die Bildung verbreiteten, erste Überlegungen zum Naturrecht (jeder Mensch hat von Natur aus bestimmte allgemeingültige Menschenrechte) anstellten, über den Staat als einen formalen Vertrag unter gleichberechtigten Einzelnen nachdachten, die um der Funktion des Ganzen willen einzelne Rechte an den Staat abtraten (was später Rousseau als „Contrat social“ bezeichnete und als Modell moderner Gewaltenteilung ausformulierte). Zugleich waren sie Skeptizisten, die den Menschen in seiner jeweiligen Verfassung zum Maßstab der Erkenntnis machten und eine objektive Erkenntnis ablehnten. Im ungünstigsten Falle waren sie daher totale Relativisten, die ihr Denken und Können jedem, der dafür zahlte, zur Verfügung stellten und die Philosophie als Wahrheit in Mißkredit brachten: „Sophismus” ist bis heute ein Schimpfwort für vertrackte Rhetorik.
„Am Ende des 5. Jahrhunderts“, so schreibt Wilhelm Nestle, „hat die griechische Philosophie die Bahn, die vom Mythos zum Logos führt, schon vollständig zurückgelegt. Der gebildete Grieche hat sich der Autorität der Religion entwunden und mit seinem Denken auf eigene Füße gestellt.“
(Martin Hielscher: Woher wir kommen, wohin wir gehen. In: Wolf Schön (Hrsg.): Die schöne Mutter der Kultur. Unsere Grundlagen in der antiken Welt. Darmstadt: Wissen-schaftliche Buchgesellschaft 1996. S. 11 – 21.)
 

3. Thema: Griechische Geschichte
Hellenen - Philhellenen –
ein historisches Missverständnis?

Der Blick auf eine Geschichtskarte, die uns Europa zu Beginn des 12. Jahrhunderts zeigt, birgt bei genauerem Hinsehen eine Überraschung: Vom „Byzantinischen Kaiserreich“ ist nach seinem Niedergang im 10. und 11. Jahrhundert durch die zentrifugalen Kräfte in den Reichsprovinzen, den Großgrundbesitz und den Militäradel, ein Reichsgebiet entstanden, das nach seiner Bevölkerung und seinen Grenzen nahezu den Charakter eines frühen griechischen Nationalstaat hatte. „Ohne die spätere türkische Besetzung hätte von diesen Gebieten aus womöglich die organische Entwicklung zu einem heutigen Griechenland ausgehen können”, scheribt Wolfgang Josing-Gundert. „Das Ende Byzanz' als eines oikumenischen Imperiums - das byzantinische Selbstverständnis bezeichnet der Staatsname „Römisches Reich“ - ist nicht erst mit der Eroberung der Hauptstadt Konstantinopel durch die Osmanen 1453 gekommen, sondern schon mit dem Fall der Stadt 1204 an die marodierenden Heere der westlichen [...] Kreuzfahrer und der Venezianer. Bemerkenswert ist, dass es gerade der christliche Westen war, der den christlichen Osten kriegerisch niederzwang - und nicht der islamische Orient, gegen den Byzanz über Jahrhunderte ein in ständige Kriege verstricktes Bollwerk Europas war. Die bis heute wirksame Entfremdung Griechenlands von Europa ist ein Akt, der bereits im Mittelalter [...] seinen Ausgang genommen hat. Und in der obstinaten Nachfolge der Antikenschwärmerei des Philhellenismus geht Europa bis heute an der Wirklichkeit des historischen Gegenstands Griechenland vorbei.” Hans Eidener erläutert diesen Zusammenhang:

Zunächst ist festzuhalten, dass Philhellenismus in einem kulturhistorischen Sinn auf das ausgehende 18. Jahrhundert und die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts einzuschränken ist. Geistesgeschichtlich hat er mit der Romantik zu tun, politisch mit den Befreiungskämpfen der Griechen von den Türken und deren Widerhall in Europa. […]

Zunächst sind [...] ein paar historische Fakten zu berücksichtigen, die den Graben der Missverständnisse tief und breit machten:

  • Griechenland wurde nicht frei durch den europäischen Philhellenismus. Im Gegenteil, diese Bewegungen wurden von den Herrschenden der Zeit mit größtem Argwohn betrachtet.
  • Griechenland wurde auch nicht frei durch die Griechen selbst. Die tatsächlich errungenen Siege über die Türken und die große Opferbereitschaft jedes einzelnen Freiheitskämpfers konnten ein glückliches Ende nicht garantieren.
  • Griechenland wurde frei, weil die damaligen Großmächte es für nützlicher hielten, ein aufständisches Griechenland eher frei zu sehen als unfrei. Griechenland wurde und blieb immer nur so viel frei, wie die jeweiligen Großmächte ihm an Freiheit zugestanden. Es gibt Meinungen, dass sich daran bis heute [1985] wenig geändert hat. 
Philhellenische Strömungen im Abendland hatten auf die harte Realpolitik, die man mit einem kleinen Land an der Südostecke Europas betrieb, kaum oder gar keinen Einfluss. Selbst die Errichtung des Königreichs Griechenland mit dem Sohn eines berühmten Philhellenen an der Spitze, was hin und wieder als ein Sieg der philhellenischen Idee gefeiert wird, vermochte daran nichts zu ändern. […]
Das erste große Mißverständnis schlägt sich schon im Wort Philhellenen nieder. Hier gab es offenbar Freunde von Hellenen, die sie an Orten wie Athen, Sparta, Olympia, Delphi oder an den Thermopylen suchten. An diesen Stätten, soweit sie sie überhaupt finden und identifizieren konnten, trafen sie aber auf Einwohner, die sich an diese Orte gar nicht mehr erinnerten, die dieser Sprache, wie sie auf mitteleuropäischen Gymnasien gelehrt wurde, nicht mehr mächtig zu sein schienen und die sich selbst sogar Römer nannten. Sollte man einem Traumbild aufgesessen sein, und sollten diese edlen Landstriche, ohne dass man in Mitteleuropa davon erfahren hatte, irgendwann einmal romanisiert, slawisiert, albanisiert oder türkisiert worden sein?

In Griechenland selbst hielt man für Hellenen zunächst einmal jene Riesen, die mit gewaltigen Steinbrocken Häuser und Mauern errichtet hatten, die sie auch einmal bewohnt zu haben schienen. Auf ihre die Phantasie beflügelnde Spuren traf man ja allerorts. Von den aus dem Ausland anreisenden gutmeinenden selbsternannten Freunden wurde man aber nur dann respektiert, wenn man sich mit jenen identifizierte und behauptete, deren direkter Nachkomme zu sein. Diesen Gefallen konnte man ihnen leicht erweisen, da inzwischen auch griechische Landsleute, die ebenfalls aus dem Ausland kamen und dort viel studiert hatten, das gleiche behaupteten und die Einheimischen in dieser ungeheuerlichen Vorstellung ermutigten. Nur mit der Devise „Jeder Romiós ein Ellinas“ konnte der Anspruch auf die dringend benötigte materielle Hilfe aufrechterhalten werden.

Merkwürdig ist nur, dass dieses fundamentale Missverständnis bis heute nicht aufge-klärt ist. Wenn Griechen fern von jedem Ausländer unter sich sind, werden sie sich bis heute „Romií“ („Römer“) nennen, wenn Deutsche von Griechen sprechen, sind „Ellines“ („Hellenen“) gemeint. Zwar wird in deutschen Schulbüchern im Zusammenhang mit Konstantin dem Großen, Theodosius oder auch Justinian von „Ostrom“ - statt „Byzanz“ - gesprochen, doch muss sich in den Köpfen der Schüler im besten Fall so etwas wie eine Art Abspaltung von Westrom, das ja ziemlich ausschließlich in unserem Betrachtungs-feld liegt, herauskristallisieren.

Wer für eine solche Betrachtungsweise verantwortlich ist, darüber kann seit der offiziellen Kirchenspaltung im 11. Jahrhundert kein Zweifel mehr bestehen. Das byzantinische Weltreich des Mittelalters als größte Entfaltung griechischer Kultur und politischer Macht geht bis heute an den mitteleuropäischen Schulstuben vorbei. Vielleicht auch schon deshalb, weil eines der dunkelsten Kapitel und einer der größten Schandflecke der westlichen Geschichte, die Einnahme und Zerstörung von Konstantinopel im Auftrag von Venedig durch die Kreuzfahrertruppen im Jahre 1204, im Dunkel gelassen werden soll. War das doch der Schlag, von dem sich das griechische Großreich des Mittelalters nie mehr erholen sollte und wo die Türken im 15. Jahrhundert mit der Besetzung weitester Teile des byzantinischen Reichs lediglich ernteten, wo sie nicht gesät hatten.

Dass die Griechen von 1821 sich an dieses byzantinische Großreich erinnerten, verstanden mit Konstantinopel als zweitem Rom und als einziger legitimer Nachfolgerin des jetzt christlichen Römischen Reiches, war selbstverständlich und auch unter griechischen Philhellenen unbestritten.
Dieses „Roma Nova“ oder „Nea Romi“, das ja der Name der neuen Hauptstadt des Römischen Reiches gewesen war, hatte also auch den griechischen Einwohnern des Byzantinischen Reiches den Namen Römer gegeben. Nicht zuletzt nannten die Türken die Griechen „Rum“ und deren Land „Rumeli“.
Die Wurzel des großen Missverständnisses ist also freigelegt: Die Renaissance hatte von Italien aus auf die mittelalterliche Kultur Mitteleuropas das Interesse ausschließlich auf die alten Griechen, die Hellenen, gelenkt. Die ersten griechischen Humanisten auf den Lehrstühlen der oberitalienischen Stadtuniversitäten lehrten nach gutem byzantinischen Vorbild die Werte altgriechischer Philosophie und Dichtung. Den gesellschaftlichen, staats- und kirchenpolitischen Hintergrund des byzantinischen Reichs dem Westen zu vermitteln, waren sie weder imstande, noch war dies ratsam und erwünscht: Auf diesen Gebieten hatten Staat, Stadt und Kirche des Westens eigene dezidierte Vorstellungen. So wurde das klassische Erbe in den Westen getragen, ohne dass dieses an der tagespolitischen Realität gemessen wurde, wie es in Byzanz immer geschehen war.

Byzanz blieb aus dem Betrachtungsfeld des Westens nicht nur ausgeschlossen, sondern wurde bald sogar als unedler Spross edler Ahnen in Misskredit gebracht. Die politische Frontstellung des Westens gegen den Osten erlaubt keine Annäherung. In der Verteufelung der Jetztzeit von Byzanz zugunsten einer früheren Epoche des griechischen Geistes lag zudem die Möglichkeit, an der klassischen Kultur zu partizipieren, ohne die politischen Konsequenzen im eigenen Land berücksichtigen zu müssen.

Die Fortentwicklung dieser Einengung auf die klassische Zeit ging in die Romantik ein als Philhellenismus des beginnenden 19. Jahrhunderts, wo jetzt aber eine Umsetzung dieser Ideen zur Tat anstand. Gerade diese politische Umsetzung in die konkrete Befreiung Griechenlands war aus den geschilderten Gründen weder vorhergesehen noch möglich. Für die vergeistigte und verselbständigte Idee des Philhellenismus war es im Grunde von sekundärer Bedeutung, ob und unter welcher Staatsform die Hellenen Griechenlands ihr politisches Dasein fristeten. […]

Unüberbrückbar war die Diskrepanz zwischen verselbständigter Idee des Philhellenismus in Deutschland und der von und in Griechenland erwarteten konkreten Hilfe von Seiten dieser mit Scheu und von der griechisch?orthodoxen Kirche mit Misstrauen beäugten Bewegung. Mit Betrachtungen über die edle Einfalt und stille Größe unbekannter Urahnen war dem griechischen Staat nicht zu helfen. Sowohl positive als auch negative Eigenschaften der Griechen wurden an der klassischen Antike gemessen. Wir müssen uns dabei bewusst machen, dass es kaum einen Philhellenen gegeben hat, der nicht auf der Schule Altgriechisch gelernt hatte und mit der mitteleuropäischen humanistischen Einschätzung der griechischen klassischen Antike vertraut war. […]

Der Sprung zur Respektierung des heutigen Griechen, was auch mit der Anerkennung von politischen Forderungen verbunden gewesen wäre, wurde von den Philhellenen nie gewagt. Sie interpretierten die Tugenden des heutigen Griechen mit den Methoden der humanistischen Bildung, die Laster buchten sie auf die Seite der historischen Verderbnis seit der klassischen Zeit.

Vergegenwärtigen wir uns im Gegenzug die tatsächliche Lage im damaligen Griechen-land. 800.000 Griechen, die sich Römer nannten, erhoben sich aus vierhundertjähriger Fremdherrschaft. Ohne Nahrung, ohne Erziehung. Das Gefühl der Freiheit, das Gefühl für die Stunde der Befreiung war das einzige, was real vorhanden war. Alles andere war Schmutz, Ungeziefer, das Land ausgesaugt vom griechischen Steuereinnehmer. […] Um es etwas sarkastisch zu formulieren: Ein Glück für die deutsche Geisteskultur, dass weder Hölderlin, Goethe oder Schiller den Fuß auf griechischen Boden gesetzt haben. Jenes Arkadien war besser in den deutschen Studierstuben und der Cottaschen Verlagsbuchhandlung in Stuttgart aufgehoben. [...]

Griechenland gehörte für den Mitteleuropäer zum Balkan. Balkan war aber schon früh zum Schimpfwort geworden. Man war nun wohl bereit, die Griechen ihrer Herkunft und ihrer Topographie wegen mit einem Sonderstatus zu belegen und sie aus dem sonst slawischen Balkan herauszuheben. Eine solche Möglichkeit der Distanzierung von den übrigen Balkanvölkern musste in Griechenland höchst erwünscht sein. [...]

Stand man zur Zeit der Staatsgründung 1829 in Griechenland der fremden Begeisterung für die Werte des Altgriechischen - manifestiert im Philhellenismus - zunächst hilflos gegenüber, so war doch das eigentliche Ziel des Befreiungskampfes, die Befrei-ung der griechischen Stadt - es war die Stadt schlechthin, nämlich die Polis Konstantinopel - nicht aus dem Auge zu verlieren. Das musste wohl hinter dem Rücken dieser Philhellenen oder sogar gegen sie geschehen, denn diese sahen in der künstlichen Wiederbelebung eines damals vorwiegend von Albanern bewohnten Landstrichs, den sie Attika nannten, und mit der Verlegung der Hauptstadt Nafplion nach Athen und dem Einzug des bayerischen Prinzen Otto von Wittelsbach in diese Stadt ihre politische Mission als erfolgreich beendet.

Als man ab 1911 mit Eleftherios Venizélos in Griechenland zum ersten Mal einen Staats-mann gefunden zu haben glaubte, der sich von den Interessen der Großmächte zu befreien imstande war, zweifelte in Griechenland kaum jemand daran, dass jetzt auch der Marsch auf Konstantinopel begänne und damit die „Megáli Idea“ - die Große Idee - verwirklicht werden könne. Es blieb ein Traum.
Nach der russischen Oktoberrevolution und der befürchteten Annäherung zwischen der Sowjetunion und Kemal Atatürk lagen die im Friedensvertrag von Sèvres 1920 Venizélos gegebenen Zusicherungen nicht mehr im Interesse der westlichen Großmächte. Am 9. September 1922 kam das Griechentum der kleinasiatischen Westküste in den Flammen Smyrnas um oder ertrank im Meer vor der Küste. Die englischen und französischen Schiffe, die im Hafen vor Anker lagen, nahmen die Flüchtlinge nicht auf. Anführer der Geschlagenen war König Konstantin, der Schwager Kaiser Wilhelms. Die Katastrophe, die mit dem Verlust ureigensten, uralten griechischen Kulturraums - Smyrna war noch zu Beginn dieses Jahrhunderts eine der griechischsten aller Städte - einherging, war zugleich die Katastrophe und das endgültige Aus des Philhellenismus. Angetreten, den geistigen Vätern unserer Kultur beim Wiederaufbau eines freien Staatswesens behilflich zu sein, endete auch er in der totalen Verkehrung seiner selbst. […]

Es lag mir nicht daran, auf dem Umweg der griechischen Sicht des deutschen Philhel-lenismus diesen zu Grabe zu tragen. Diese Idee hat in Deutschland Kunstschöpfungen hervorgebracht, die wir heute ebenso klassisch nennen wie ihre Vorbilder der antiken Klassik. Diese Kunstschöpfungen konnten der politischen Idee der Befreiung von den Türken nicht helfen. Zu gründlich war in unserem Lande die Unkenntnis über Land und Leute des damaligen Griechenlands, zu idealisiert war das Griechenlandbild dieser Hellaspilger. Von Byzanz, von der Großen Idee der Griechen, von dem Kult der christlich- orthodoxen Religion hatten jene Zeiten keine Ahnung. Und um zu lernen, zu erfahren, zu beobachten und die Vorurteile der ersten Stunde abzubauen, blieb weder die Zeit noch nach dem Schock der Enttäuschung die Lust. Selbst heute trifft man auf Menschen, die so tun, als ob die heutigen Griechen der edlen Landstriche, die sie bewohnen, nicht mehr würdig seien. Dies sind Urteile von Barbaren, die einem Traumbild nachjagen, das es zu keiner Zeit der vieltausendjährigen ungebrochenen griechischen Geistesgeschichte gegeben hat. Griechenland ist uns heute näher gekommen denn je. Dies verlangt auf vielen Gebieten ein vielleicht nicht schmerzfreies Umdenken und einen neuen Philhellenismus, der die historisch gewachsenen Wünsche und Leidenschaften mit berücksichtigt. Wir täten gut daran, die Weisheit des alten Griechenlands auch im neu-en zu sehen, ohne Überheblichkeit, ohne Besserwisserei, ohne das Feilschen und Aufrechnen in Euros. Das Wissen um die Andersartigkeit des anderen kann und sollte zur stärkenden Kraft in einem vereinigten Europa werden.
(Hans Eideneier: Hellenen – Philhellenen – ein historisches Missverständnis? In: Barbara Hoffmann (Hrsg.): Griechenland. Ein Express Reisehandbuch. Rieden: Mundo 1990. S. 39 – 46.)
 
 

4. Thema: Archäologie und Geschichte
Attische Polis und makedonische Königsherrschaft -
Geschichte als Argument?

War in der allgemeinen Begeisterung der Griechen für die – erfolglose – Bewerbung Athens für die Olympischen Spiele von 1996 die geschichtliche Anknüpfung an das klassische Zeitalter noch deutlich zu spüren, erfolgte mit dem Zerfall des Vielvölkerstaats Jugoslawien und der Gründung eines souveränen Staates Mazedonien ein Rückgriff auf die „Megáli Idea”, einen Traum, der nie ausgeträumt wurde: „[...] [I]n Macedonia beats the heart of our nation and its role is vital for the progress and security of the Greeks”, schreibt Nicolaos K. Martis in seinem dem „Macedonian President of the Hellenic Republic Constantine Karamanlis” gewidmeten Buch „The Falsification of the Macedonian History”. Lambert Schneider und Christoph Höcker erläutern diesen Zusammenhang:

Die Ausgrabung antiker Stätten, ihre Restaurierung und die Präsentation der Funde in Museen gehören in Griechenland seit der Staatsgründung zu den Aufgaben von nationaler Bedeutung. Archäologie ist hier nicht eine unter vielen Wissenschaften, sondern übernimmt wichtige öffentliche Funktionen: zum einen natürlich die Förderung des Tourismus, zum andern aber die „geschichtliche“ Absicherung und Ausformulierung des Selbstverständnisses griechischer Kultur und Politik.

Bereits 1837 - früher als die meisten Mittelmeerländer - hat Griechenland die Erforschung und Sammlung seiner Altertümer in die eigene Hand genommen: Archäologie wurde als Lehrfach an der Athener Universität eingerichtet, so dass nun auch Archäologen im eigenen Land ausgebildet werden konnten; und noch im gleichen Jahr wurde - zunächst zur Erforschung von Inschriften, dann aber auch zur Durchführung aller möglichen archäologischen Projekte - eine Archäologische Gesellschaft, die Archaiologiki Hetairia ins Leben gerufen. Einige Jahrzehnte später folgte mit dem Bau des Athener Nationalmuseums eine institutionell abgesicherte und räumlich groß dimensionierte Stätte der Sammlung, Erforschung und Präsentation von Inschriften, Tongefäßen, Stein- und Bronzeskulpturen. Auch lokale Antikendienste wurden eingerichtet, so dass bald das gesamte Land archäologisch verwaltet und vom griechischen Staat kontrolliert werden konnte. Damit waren - von Ausnahmen abgesehen - die Zeiten vorbei, in denen ausländische Privatsammler und Institutionen noch ungehindert Kunstschätze aus Griechenland abtransportieren und den eigenen Sammlungen einverleiben konnten.

Zahlreiche Nationen haben weitgehend selbständig Ausgrabungsprojekte auf dem griechischen Festland durchgeführt, so z. B. die Deutschen im Kerameikos und die Amerikaner auf der Agora von Athen, die Franzosen in Delphi. Diese Projekte aber sind durch Staatsverträge so geregelt, dass alle Funde - von Dubletten etwa bei Terrakotten abgesehen - im Land bleiben. Auch heute sind, meist in Zusammenarbeit mit griechischen Kollegen, viele ausländische Wissenschaftler in Griechenland tätig, unterstützt durch die jeweiligen nationalen Institute in Athen: z. B. die 1846 gegründete Französische Schule oder die 1874 gegründete Dependance des Deutschen Archäologischen Instituts. Neue große Ausgrabungsprojekte aber vergibt Griechenland nicht mehr an ausländische Institutionen, sondern behält sich die Oberaufsicht und damit die entscheidenden Gestaltungsmöglichkeiten vor.

Galt das Interesse lange Zeit vornehmlich der Klassik des 5. Jahrhundert v. Chr., so hat sich seit den 70er Jahren der Blick immer stärker nach Norden verschoben. Während der archäologische Süden selbst klassisch zu werden begann, verhieß die Entdeckung der makedonischen Königssitze und Grabanlagen neue Sensationen - nicht nur in der Fachwelt. Denn auch hier war und ist Archäologie nicht zweckfreie Wissenschaft, sondern stützt und prägt heutige Interessenlagen. Nun ist man nicht mehr nur ein „Nachfahre des Perikles“, sondern auch ein „Erbe Philipps und Alexanders“. Nichts macht diesen Paradigmen?Wechsel griechischen Selbstverständnisses deutlicher als die neue 100-Drachmen-Münze. Sie wird von einem Porträt Alexanders geziert, das gegenüber dem Perikles-Bild der alten, mittlerweile ausgemusterten 20-Drachmen-Münze nicht nur durch das Nominal, sondern auch ideologisch höher rangiert. Dass damit Ansprüche wachgerufen und formuliert werden, die zu Spannungen mit Nachbarn jenseits der Nordgrenze Griechenlands führen, kann nicht verwundern. Sogar Symbole aus längst vergangener Zeit - so z. B. der „makedonische“ Stern von Vergina - können heute Gegenstände außenpolitischer Irritationen werden.

Sei es nun die Anknüpfung an die Athener Klassik oder an die makedonische Königszeit, in jedem Fall wird vorgegeben, eine ferne und abgeschlossene geschichtliche Epoche in moderne Kontinuität zu überführen und politisch zu aktualisieren. Der jenseits aller parteilichen Standpunkte und Inhalte liegende Trugschluss besteht darin, dass überhaupt „Geschichte“ als „objektives“ Argument für gegenwärtige und zukünftige Interessenlagen taugen soll, während sie doch eher umgekehrt eine von heutigen Wünschen bestimmte Modellierung des Vergangenen ist.
(Lambert Schneider, Christoph Höcker: Griechisches Festland. 3., aktualisierte Aufl. Köln: Dumont 2003. S. 58 - 60.)
 
 

5. Thema: Geschichte und Philosophie
Universalismus oder Eurozentrismus –
Ist Demokratie eine Selbstverständlichkeit?

„Es ist ein ehrwürdiges Vorurteil, das wir endlich überwinden sollten“, so heißt es in der Einleitung zum „Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler, „daß die Antike uns innerlich nahesteht, weil wir vermeintlich ihre Schüler und Nachkommen, weil wir tatsächlich ihre Anbeter gewesen sind. Die ganze religionsphilosophische, kunsthistorische, sozialkritische Arbeit des 19. Jahrhunderts war nötig, nicht um uns endlich die Dramen des Aischylos, die Lehre Platos, Apollo und Dionysos, den athenischen Staat, den Cäsarismus verstehen zu lehren - davon sind wir weit entfernt -, sondern um uns endlich fühlen zu lassen, wie unermeßlich fremd und fern uns das alles innerlich ist, fremder vielleicht als die mexikanischen Götter und die indische Architektur.“
Walter Schweidler erläutert den Zusammenhang:

Beim Erscheinen von Spenglers Buch im Jahre 1918 waren solche Sätze für den gebildeten deutschen Bürger eine gewaltige Provokation. Humanismus und Aufklärung, Klassik und Romantik hatten sich auf die Antike als Vorbild und Urbild des Menschseins berufen, und der Umgang mit der altgriechisehen und lateinischen Sprache und Literatur trug in gewissen Bezirken der gebildeten Gesellschaft Züge eines Religionsersatzes.

Man sah sich geistig und sozial verbunden in der Anerkennung der Autorität klassischer Texte, die keinem institutionellen Druck, sondern der universalen geistigen Macht der in ihnen ausgedrückten Ideen entsprang. Das „finstere Mittelalter erschien als Abirrung von dem Weg „vom Mythos zum Logos“ (Wilhelm Nestle), wie er in der Antike richtungsweisend für die ganze Menschheit beschritten und in der Neuzeit wieder aufgenommen worden war. Das gesamte Schema: Antike, Mittelalter, Neuzeit ist ja selbst Ausdruck dieses Geschichtsbildes.

Heute hingegen könnten Spenglers Sätze schon beinahe als adäquate Formulierung des kulturellen Selbstbewußtseins in westlichen Gesellschaften gelten. Kaum jemand würde die Beherrschung der klassischen Sprachen und den Umgang mit der in ihnen verfaßten Literatur noch als obligatorische Voraussetzungen dafür betrachten, daß man einen Menschen gebildet nennen kann. Das hat so gut wie nichts damit zu tun, daß die fraglose Verehrung „der Alten” etwa durch kritische Hinterfragung ihres Anspruchs entzau-bert worden wäre, sondern viel eher damit, daß sie einer ebenso fraglosen Beschwörung von Zukunft und „Zukunftsfähigkeit” weichen mußte.

Das Bewußtsein für den Eigenwert und die Pluralität der Kulturen auf der Welt und die Erschütterung des universalen Anspruchs der europäisch geprägten Denkweisen sind zum Bestandteil unseres eigenen Selbstverständnisses geworden. Allerdings verdanken auch sie sich gewiß weniger der Tatsache, daß unser Bildungshorizont sich erweitert hätte, als vielmehr ökonomischen und politischen Faktoren: Wir finden uns plötzlich nicht mehr als die Angehörigen jener Nationen vor, welche die Maßstäbe des Wachs-tums und des Wohlstandes auf der Welt allein setzen können, sondern wir müssen »mithalten« und sehen uns der lange nicht mehr gekannten Notwendigkeit gegenüber, uns an den Modernisierungsdruck anzupassen, der von fremden Völkern ausgeht, die sich im Zuge ihres Erfolges auf ihre eigenen geistigen Wurzeln besinnen.

Die alte universalistische Idee, daß es einen gemeinsamen Weg der Menschheit gebe, auf dem die Errungenschaften der Antike eine Schlüsselrolle gespielt hätten, gilt nun als „eurozentristisch”. Schon die Rede von »der« Antike ist ja problematisch. Welche Antike und wessen Antike? muß offenbar gefragt werden.

Von den „alten Meistern der Antike“ ist etwa auch im „Taote-king“ des Lao-tse die Rede. In annähernd der gleichen Zeit, in der die geistigen Leistungen „unserer” Antike ihren Höhepunkt erreichten, sah er sich im Kontext der chinesischen Kultur schon von einer zurückliegenden und richtungsweisenden Tradition getragen. Ist der Rückverweis auf eine normativ bedeutsame „Antike” nicht einfach ein Denkschema, das Menschen ganz verschiedener Kulturen, Nationen und Gesellschaften gewissermaßen als Ausgleich und notwendiges Pendant zu den jeweiligen Forderungen der „Moderne„ und der „Modernisierung„ nötig haben, um ihre Erfahrungswelt ordnen und strukturieren zu können?

Ausgehend von einer solchen kritischen Betrachtungsweise, ist nun allerdings auch ein unbefangenerer Blick auf die griechisch?römische Antike möglich. Wir können ihre Leistungen und ihre Bedeutung desto klarer ermessen, je weniger wir mit ihnen unsere eigene und womöglich die kulturelle ldentität der ganzen Menschheit identifizieren müssen. Ein solcher unverkrampfter Blick auf eben diese Antike aber zeigt, wie sehr wir ihr gerade das Bestreben verdanken, kritisch und selbstkritisch auch gegenüber unserer kulturellen Herkunft zu sein.

Warum sollen und wollen wir eigentlich kritisch gegen uns selbst sein? Warum bemühen wir uns, den Eigenwert fremder Kulturen, Nationen und Gesellschaften zu respektieren? Warum wehren wir uns gegen „Kulturimperialismus” und „Eurozentrismus”? Wenn man die selbstkritische, skeptische Wendung gegen die fraglose Weitergabe traditioneller Maßstäbe nicht einfach als Mitläufer übernehmen will, sondern wenn man noch gegenüber der eigenen Selbstkritik kritisch zu sein versucht, dann schält sich ein Kern unseres kulturellen und geschichtlichen Selbstbewußtseins heraus. Der verweist durchaus auf die Maßstäbe jener griechisch?römischen Antike zurück, zu deren tiefster Eigen-art es gehört, daß sie durch selbstkritisches Fragen nicht bedroht, sondern aus ihm geboren und von ihm genährt ist. Die Distanzierung und Skepsis gegenüber unserer Geschichte und unserem kulturellen Hintergrund stellt in Wahrheit eine fundamentale Denkform dar, in der die kulturellen, vor allem aber die politischen Maßstäbe jener An-tike in uns und durch uns auf dem ganzen Erdball weiterhin wirksam sind.
(Walter Schweidler: Vernunft stand an der Wiege der Demokratie. In: Wolf Schön (Hrsg.): Die schöne Mutter der Kultur. Unsere Grundlagen in der antiken Welt. Darm-stadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1996. S. 11 – 21.)
 
 

Weitere Themen in Vorbereitung:

6. Thema: Architektur und Politik
Das Bauprogramm des Perikles – Gibt es eine demokratische Kunst?

7. Thema: Kulturpolitik
Die „Elgin Marbles” - Wem gehört der Parthenonfries?

8. Thema: Archäologie
Heinrich Schliemann in Mykene - Goldgräber oder Archäologe? 
 


 
 
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