Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika
 

3. Der Gründungsmythos



 

Abb. 1: Geburt der Athen. Fuß eines Salbengefäßes (Exaleiptron) um 570 v. Chr. Louvre, Paris.
(Beiderseits von Zeus befinden sich zwei Geburtsgöttinnen, die Eileithyien,
rechts davon Poseidon, links Hepheistos und je eine weitere Göttin.)
 
 

Text 1

Die Göttin

Es gab eine unter den großen Gattinnen des Zeus, von der wir vielleicht überhaupt keine Kenntnis gehabt hätten, wenn sie nicht in die Geschichte von der großen Tochter des Zeus, der Pallas Athene, gehörte. Metis, „der kluge Rat“, könnte auch Beiname der Göttin Athene sein, von der es heißt, sie sei an Mut und klugem Rat dem Zeus gleich. Es wurde aber erzählt, Zeus habe zur ersten Gattin Metis gewählt, die unter allen Göttern und Menschen die Meistwissende war. Sie war eine Tochter des Okeanos und der Tethys und stand Zeus schon damals bei, als alle seine Geschwister von Kronos verschlungen waren. Sie reichte das Mittel, das den schrecklichen Vater einschläferte, und zwang ihn dadurch, die verschlungenen Götter wieder von sich zu geben. Metis verstand auch, was sonst von der Göttin Nemesis erzählt wird, sich in viele Gestalten zu verwandeln, als Zeus sie nehmen wollte. Weiteres wird davon nicht erzählt, nur [...] daß Zeus die Metis zu seiner ersten Frau machte. Als aber Metis die Athene gebären sollte, so wird da weiter erzählt, täuschte Zeus listigerweise mit schmeichelnder Rede die Göttin und versenkte sie in seinen eigenen Bauch. [...] Er befürchtete nämlich, Metis würde etwas gebären, das stärker sein würde als der Blitz. Darum verschlang sie der Sohn des Kronos unversehens. Sie aber wurde im gleichen Augenblick mit Pallas Athene schwanger. Der Vater der Götter und Menschen gebar neben einem Gipfel am Ufer des Flusses Triton selbst die Tochter (daher der Beiname Tritogeneia), während Metis im Inneren des Zeus verborgen saß, die Mutter der Athene, die Bewirkerin aller gerechten Dinge, die Meistwissende unter Göttern und Menschen.

In dieser Erzählung selbst wird nicht gesagt, daß die Geburt aus dem Kopf des Zeus erfolgte. Es wird vielmehr ein „Gipfel“ in unserer Sprache gleichbedeutend mit „Haupt“ - eingeführt, um die seltsame Art der Geburt zu verschleiern. Es gab indessen Erzählungen darüber, daß Hephaistos [...] der Geburtshelfer war, der mit einem Doppelbeil oder einem Hammer Zeus auf den Scheitel schlug. Hervor sprang Pallas Athene, mit weitschallendem Schlachtruf, daß der Himmel davon erschauerte und die Mutter Erde. In Kriegswaffen von schimmerndem Golde wurde sie aus dem heiligen Kopf des Vaters geboren. Es erschraken und staunten vor ihrem Anblick all die Unsterblichen, als sie hinsprang vor den aigishaltenden Zeus aus seinem unsterblichen Haupt, den spitzen Wurfspeer schwingend. Gewaltig erbebte der große Olympos unter der Wucht der Eulenäugigen. Tief dröhnte rings die Erde, und tobend schwoll das Meer im Aufruhr der purpurnen Wogen. Über die Ufer stürzte die Salzflut, und lange ließ Hyperions herrlicher Sohn die schnellen Sonnenrosse stillstehen, bis endlich die Jungfrau Pallas Athene die göttliche Waffe von den unsterblichen Schultern nahm. Und es freute sich Zeus, der Gott des klugen Rates. [...]

Nachdem Athene am Fluß Triton aus dem Kopf des Vaters her- vorgesprungen war, übernahm der Flußgott ihre Erziehung. Triton hatte selbst eine Tochter namens Pallas. Athene und Pallas übten sich im Kampfspiel. Pallas war im Begriff, Athene mit dem Speer zu treffen. Zeus erschrak. Er hielt sein furchterregendes Ziegenfell, die Aigis, vor seine Tochter. Pallas wendete die Augen ab und wurde von Athene tödlich ge-troffen. Die Göttin trauerte ihr nach und schuf ein Abbild von ihr, das Palladion. Dieser Statue hängte sie die Aigis um und stellte das Palladion neben dem Bild des Zeus auf. [...]

In unserer Mythologie war Pallas Athene die Vaterstochter: eine kriegerische Jungfrau, bei deren Geburt der Vater eine größere Rolle gespielt hat als die Mutter. In unserer Religion nahm sie, wenigstens seit Homer, neben Vater Zeus die zweite Stelle ein. [...] In allen Geschichten, die man von Athene erzählte, galt sie als Parthenos, „Jungfrau“. [...] Es gibt eine seltsame Hochzeits-
geschichte von ihr. [...] Es wurde erzählt, Hephaistos habe als Preis für die Geburtshilfe, die er mit seinem Hammer leistete, Athene zur Braut gefordert. Er erhielt sie auch und führte sie schon in die Brautkammer. Als er sich aber neben sie hinlegte, verschwand die Göttin. So fiel sein Samen auf die Erde. Die Göttin Gaia - auch Chthon genannt - gebar davon den Erichthonios, das göttliche Kind der Akropolis von Athen, und überreichte den Neugeborenen der Pallas Athene. Nach einer anderen Version fand ein Streit, eris, zwischen Hephaistos und Athene statt, und darum heißt das Kind Eri-chthonios. Nach einer dritten Form der Erzählung war es eine Verfolgung, in der der Gott die Göttin schließlich einholte, doch konnte er ihre Jungfräulichkeit nicht nehmen. Athene wehrte ihn ab. [...]

Wie alle unsere großen Gottheiten, hatte auch Athene zahlreiche Beinamen, die zum Teil Eigenschaften der Göttin ausdrückten, zum Teil auch ganze Geschichten zusammenfaßten. Man begann sie sogar Pronoia, die „Vorsehung“, zu nennen. Aber das geschah wohl, als die Beinamen, die hier aufgezählt werden sollen, schon längst in Geltung waren. [...] Hieß Athene Aglauros, so bedeutete das eine dunkle, tragische, der Persephone ähnliche Seite der Göttin. Hieß sie hingegen Pandrosos, wie eine andere Kekropstochter, so war es ihr heller, mit der Olive verbundener Aspekt. Eine heilige Olive stand auf der Akropolis von Athen im Tempelbezirk der Pandrosos. [...] Der Beiname Tritogeneia bedeutete ursprünglich nicht, daß sie bei einem bestimmten Fluß oder See auf die Welt gekommen, sondern daß sie aus dem Wasser selbst geboren war, da der Name Triton wohl überhaupt mit „Wasser“ zusammenhängt. [...] Als Ergane, die Göttin des Handwerks, [...] liebte und beschützte sie am meisten die Kunst der Schmiede und Erzgießer und die Frauenarbeiten: das Spinnen und Weben, die Bearbeitung der Wolle. Sie trug auch den Beinamen Hygieia und war in dieser Eigenschaft mit einem Sohn des Apollon, dem Asklepios, verbunden. Von allen unseren Göttinnen war sie am häufigsten die Schutzgöttin einer Stadt mit Beinamen Polias [...].

(Karel Kerényi: Die Mythologie der Griechen. Bd. I: Die Götter- und Menschheitsgeschichten. München: dtv 1966. S. 95 - 103.)
 
 

Text 2

Der Stadtgründungsmythos

Wollten die Athener nach ihrem Gründerheros benannt werden, so hießen sie die Kekropidai: Nachkommen oder vielmehr Verwandte des Kekrops. Denn obwohl sie diesen Namen trugen, hielten sie dafür, daß sie nicht von einem männlichen Urwesen herkamen, sondern unmittelbar von der zarten, rötlichen Erde Attikas, die in Urzeiten anstatt wilder Tiere den Menschen gebar. Kekrops, der ursprünglichen Form seines Namens entsprechend, [...] war halb Schlange, halb Mensch: Schlange als Erdentsprossener, doch auch der menschlichen Gestalt teilhaftig und daher diphyes, „von zweierlei Natur“. Erdentsprossen und Zögling der jungfräulichen Göttin, der Vaterstochter Pallas Athene, sein und in ihrem Geiste schaffen: dieses Bild des Ur-Atheners war zuerst in Kekrops da. Er habe, so hieß es, gleichsam die zweifache Abstammung des Menschen entdeckt: die Abstammung nicht nur von der Mutter, sondern auch von einem Vater. Er stiftete die Ehe zwischen einem einzigen Mann und einer einzigen Frau, eine Institution, die unter dem Schutz der Göttin Athene stehen sollte. Das sei seine Gründertat gewesen, eines Ur-Vaters würdig, der nicht der persönliche Ahne der Athener war, dem sie aber dennoch ihre väterliche Abstammung verdankten. [...]

Man hat seine Herrschaft wie die eines menschlichen Königs ausgemalt. Als eigentliche Gründertat galt den Athenern gemeinhin die synoikisis, deren Gedächtnis am Fest der Synoikia gefeiert wurde: die Sammlung der im Küstenland Attika zerstreut wohnenden Menschen zu einem großen Gemeinwesen. [...] Seit Kekrops soll [...] ein laos, ein Volk, anstatt einer Menge dagewesen sein, da er einen jeden, als er die erste große Versammlung veranstaltete, einen Stein, laas, mitbringen und in die Mitte werfen ließ. So zählte er jene Urbewohner von Attika, und sie waren zwanzigtausend. Mit seinem Namen verband man auch die Sitte der Bestattung in der Erde, wodurch man die Toten gleichsam dem großen Mutterschoß überließ. [...]

Solche Gesetze wurden Kekrops, dem Ur-König, zugeschrieben. Wiewohl er kein Mensch war, sondern ein halb menschliches, halb göttliches Wesen und für alle Zeiten der schützende Heros und Herr der Athener, soll mit ihm das menschenwürdige Leben in Attika begonnen haben. Wer den Nachdruck darauf legte, daß Kekrops der Ehestifter war, mußte auch davon erzählen, daß Männer und Frauen vor ihm ohne Ordnung sich vermischten. Die Überlieferung von einer anderen Stellung der Frau, als jene spätere der aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossenen Athenerinnen im Lauf der Geschichte, erhielt sich noch lange. So noch in der spätesten Form der Erzählung von der Besitznahme des Landes durch Pallas Athene. Nach dieser Fassung der berühmten Geschichte entsproß der Ölbaum aus der Erde erst unter der Herrschaft des Kekrops. Gleichzeitig entsprang auch eine Quelle. Der König soll darauf das Orakel in Delphi befragt und die Antwort erhalten haben, der Ölbaum bedeute die Göttin Athene, das Wasser den Gott Poseidon; die Bürger sollten entscheiden, nach welchem der beiden ihre Stadt benannt werde. Damals aber hatten auch die Frauen noch Stimmrecht, und sie waren mit einer Stimme in der Mehrheit. So siegte Athene, und die Stadt hieß nach ihr Athenai. Poseidon geriet - so kennt man ihn aus manchen Geschichten - in Zorn und überflutete die Küsten. Um ihn zu versöhnen, mußten die Frauen auf ihre früheren Rechte verzichten, und auch die Kinder wurden seitdem nicht mehr mit dem Mutternamen, sondern mit dem des Vaters näher bezeichnet.

Die ursprüngliche Erzählung vom größten Ereignis, das unter dem Königtum des Kekrops geschah, lautete anders. Die Athener, und nicht nur sie unter den Griechen, waren sich dessen bewußt, daß ihre Götter nicht alle seit jeher und nicht alle gleicherweise über jede griechische Landschaft herrschten. [...] Pallas Athene und Poseidon, so lautete die alte Erzählung, stritten um die attische Erde miteinander. Die Göttin ließ im Wettstreit auf dem Felsen, der ihren Tempel tragen sollte, den ersten Ölbaum entsprießen. Der Gott schlug ebenda mit seinem Dreizack in den steinigen Boden, und Salzwasser entquoll gleichfalls da oben auf dem Felsen. [...] [D]amals, in der Urzeit, mußte Kekrops, der König des Landes - nach dieser Erzählung wohl das einzige Wesen auf der Erde -, entscheiden, wer gesiegt hat. Er fand, daß es salziges Wasser überall gäbe, wo man nur vom Festland aus hinblicke, der Ölbaum aber sei einzig dort, in Attika, eben entsprossen, und teilte das Land und die Stadt als Siegespreis Athene zu. 

Es gab aber Athener, die glaubten, ein so großes Ereignis wie die Besitznahme ihrer Heimat durch Athene wäre nicht genügend verherrlicht, wenn nur ein irdisches Wesen, wie Kekrops, da die Entscheidung getroffen hätte, und sie ließen ihn an Stelle des Richters nur Zeuge sein. [...] In dieser Form der Erzählung waren die zwölf großen Götter die Schiedsrichter. Eigentlich konnten es freilich nur zehn von ihnen gewesen sein, da doch auch Athene und Poseidon in ihre Reihe gehörten. Die Erzähler waren sich auch darin nicht einig, ob der Wettstreit in der Gegenwart der Götter begann oder ob sie erst zur Entscheidung erschienen. Nur in diesem Fall brauchten sie den Zeugen, der ihnen als einziges Wesen auf Erden bezeugen konnte, daß Pallas die erste war, die den Ölbaum erschaffen hat. Den Streit aber scheint Poseidon begonnen zu haben: auch hier war er der Späterkommende. Die Stimmen der Götter fielen für die beiden gleich aus: Zeus entschied mit der seinigen für die Tochter. Kekrops war dann der erste, der ihn den „Höchsten“, Hypatos, nannte, der den ersten Altar errichtete und die erste Statue der Pallas aufstellte.

(Karel Kerényi: Die Mythologie der Griechen. Bd. II: Die Heroen-Geschichten. München: dtv 1966. S. 169 - 171.)
 

Text 3

Die Bedeutsamkeit des Stadtgründungsmythos

[...] [B]ei griechischen Mythen [handelt es sich] um „traditionelle Erzählungen mit besonderer ‚Bedeutsamkeit’“ ? so eine treffende Formulierung von Walter Burkert. [...]

Von den drei Bestandteilen [dieser] Definition von Mythos verlangt das Stichwort „Erzählung“ am wenigsten eine Erläuterung. Es meint, ganz im Sinne der Verwendung des Begriffs für eine Gattung der Literatur, daß Mythen zum einen aus einer Sequenz einzelner Ereignisse oder Episoden bestehen und daß es sich zum anderen bei den Trägern der Handlung um bestimmte, unverwechselbare Personen handelt. Es ist nicht, wie in vielen Märchen, ein anonymer Vertreter eines Standes, ein König, ein Schuster, ein Waisenkind, von dem die Geschichten erzählen. Statt dessen handeln die Mythen von individuellen, namentlich benannten Gestalten, und mit diesen sind wiederum ganz bestimmte Taten und Vorgänge verbunden. [...]

Einige Erläuterungen verlangt auch der zweite Bestandteil der einleitend zitierten Definition von Mythos. „Traditionell“ hat eine doppelte Bedeutung. Ein solcher Sagenstoff hat zum einen keinen individuellen Autor, sondern ist anonymer Besitz einer kulturellen Gemeinschaft, und er wird in dieser Gemeinschaft über einen längeren Zeitraum überliefert und lebendig gehalten. Mit den Namen Homer und Hesiod sind in klassischer Zeit zwar bestimmte charakteristische Ausgestaltungen mythischer Erzählungen verbunden worden. Es gibt jedoch keine bedeutenden Sagenstoffe, die insgesamt als Neuschöpfung eines namentlich bekannten Autors gegolten hätten und als Werk dieses Erfinders von einer Generation an die andere weitergegeben worden wären. Einen Autor zu haben, bedeutet für den Status und damit die Wirkung einer Mythenschöpfung aber auch keinen Vorzug, im Gegenteil. Was offenkundig rnenschengemacht und von Individuen erfunden ist, setzt sich der Kritik aus, subjektiv und damit ohne Anspruch auf generelle Gültigkeit zu sein. Der autorlose Mythos dagegen, der hingestellt wird als etwas, das einfach da ist, besitzt den Charakter von etwas Überpersönlichem und Autoritativem, dessen Wahrheit nicht ohne weiteres anzuzweifeln ist.

Zahlreiche griechische Mythen sind nachweislich nicht schon in einer zeitlich unbestimmbaren „grauen Vorzeit“, sondern erst in fortgeschrittener historischer Zeit entstanden, um dann in die bereits bestehende Sagenüberlieferung integriert - und damit „traditionell“ - zu werden. Zu diesen Erzählungen gehört sehr wahrscheinlich die vom Streit der Götter Athena und Poseidon um das attische Land. Die zwei Gottheiten, so der Mythos, hätten beide einen Anspruch darauf erhoben, die Rolle einer Schutzinstanz für Athen und sein Urnland Attika zu übernehmen. Um eine Entscheidung herbeizuführen, seien sie in einen Wettstreit eingetreten, wer seine Leistungsfähigkeit am überzeugendsten unter Beweis stellen könne. Aufgrund der lückenhaften Überlieferung lassen sich nicht mehr alle Details der Erzählung rekonstruieren. In jedem Fall haben die beiden Götter anschauliche Nachweise ihrer Macht vorgelegt. Athena ließ auf dem felsigen Burgberg der Stadt, der Akropolis, einen Ölbaum sprießen, Poseidon an demselben hochgelegenen Ort einen Salzsee entstehen. Die beiden Taten sollen nicht nur staunen machen, sondern wollen auch an generelle Potenzen der Götter erinnern. Athena galt als Kulturbringerin, die hier mit dem Ölbaum eine der wichtigsten Nutzpflanzen und damit eine wichtige Ernährungsgrundlage zur Verfügung gestellt hat; Poseidons Wunderwerk spielt auf seinen Status als Beherrscher der Elemente, hier speziell des Meeres, an.

Die ältesten Zeugnisse für die Existenz dieser Erzählung sind ein knapper Passus in den Historien des Herodot sowie die Skulpturengruppe im Westgiebel des Tempels der Athena Parthenos auf der Athener Akropolis, des sogenannten Parthenon. Bei Herodot heißt es nur kurz, bei einem der Tempel auf der Akropolis gebe es „einen Ölbaum und einen Brunnen mit Meerwasser. Die athenische Sage erzählt, daß Poseidon und Athena bei ihrem Streite um das attische Land sich auf diese Dinge berufen hätten.“ Die Giebelgruppe wurde in den Jahren um 440 v. Chr. entworfen und ausgeführt, Herodots Geschichts-werk ist ebenfalls etwa in dieser Zeit entstanden. Die Annahme, daß der Mythos damals tatsächlich noch sehr neu war, resultiert jedoch nicht allein aus dem Fehlen älterer Belege. Auf der Akropolis wurden zahllose Weihgeschenke gefunden, die von privaten Stiftern dort aufgestellt wurden. Die Votive für Athena reichen zeitlich weit in die ältere archaische Epoche zurück, die für Poseidon jedoch nicht; keines ist früher als etwa 480 v. Chr. anzusetzen. Überhaupt scheint Poseidon erst im Anschluß an die Seeschlacht von Salamis im Jahr 480 in größerem Umfang kultische Ehren in Athen erhalten zu haben. Nachdem die griechische Flotte unter maßgeblicher Beteiligung der Athener einen ebenso überraschenden wie überwältigenden Sieg über die Perser errungen hatte, fand die Dankbarkeit gegenüber dem Meeresgott ihren Ausdruck in der Schaffung neuer Kulte. Poseidon stieg im religiösen Leben der Stadt zu einer Schutzgottheit auf und stellte sich damit neben die von alters her in dieser Rolle anerkannte Athena. Um aber diese neue Stellung des Gottes im Bewußtsein der Bevölkerung zu verankern, bedurfte es eingängiger Bilder und Mythen. So verfiel man offenbar darauf, die Geschichte vom Wettstreit zwischen den beiden Gottheiten zu erfinden, die sich gegenseitig überbieten, um den Menschen zu Diensten zu sein.

Zweifellos ist dieser Mythos zunächst in sprachlicher Form präsentiert worden, etwa in Form eines bei religiösen Festen vorgetragenen Hymnus. Um die neu geschaffene Göttererzählung glaubwürdig und gewissermaßen authentisch erscheinen zu lassen, setzte man aber auch mit einigem Aufwand visuelle Mittel ein. In vergleichsweise konventioneller Form diente diesem Ziel die Giebelgruppe. Eine 1674 entstandene Zeichnung zeigt den noch leidlich guten Zustand vor einer bald danach erfolgten starken Beschädigung des Gebäudes und seiner Skulpturen. Die Giebelmitte wird von den beiden Kontrahenten eingenommen: Athena und Poseidon scheinen wie nach einem ersten kraftvollen Zusammentreffen voreinander zurückzuprallen. Die ? großenteils nicht sicher bestimmbaren ? Figuren zu ihren Seiten sind vermutlich als Beobachter und als Richter der Auseinandersetzung anzusehen. Zur quasi?dokumentarischen Verbildlichung des mythischen Geschehens im Giebelfeld kam die Ausgestaltung des Ortes selbst, an dem Poseidon auf der Akropolis seine Tat vollbracht haben soll. In einem in derselben Zeit neu errichteten Tempel, dem sogenannten Erechtheion, sparte man im Fußboden eine Stelle aus, wo der Dreizack des Poseidon die Erde gespalten und den Salzquell habe hervortreten lassen. Und um der Imagination des mythischen Geschehens durch die Besucher fi?eie Entfaltung zu ermöglichen, ließ man exakt über der Stelle, wo der Dreizack in den Boden gefahren sei, auch in der Decke des Gebäudes eine Lücke. Alles wirkt, als ginge es um die respektvolle Bewahrung einer altehrwürdigen Göttererscheinung - und ist doch sehr wahrscheinlich nur ein Kunstgriff, um einem neuen Mythos den Anschein einer traditionellen Erzählung zu geben.

Griechische Mythen besitzen, so der [dritte] Teil der einleitend zitierten Definition, über ihre Funktion als unterhaltende Erzählung hinaus „besondere Bedeutsamkeit“. Die eben behandelte Sage vom Streit zwischen Athena und Poseidon hat [...] am konkreten Beispiel vor Augen geführt, wie man sich die Vermittlung von „Bedeutungen“ vorzustellen hat. [...] [Es] ging darum, einem neuen Kult Glaubwürdigkeit und Autorität zu verschaffen [...]. Grundsätzlich, das ist der entscheidende Punkt, sind die griechischen Mythen produziert worden, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen, etwas, das weit über das Bedürfnis nach Unterhaltung und Ablenkung hinausgeht oder das, genauer, jenseits davon liegt. Sie tragen dazu bei, komplexe Sachverhalte besser verständlich zu machen, als es in einer direkten, unvermittelten Darlegung möglich wäre. Ein Mythos ist deshalb, um noch einmal Walter Burkert zu zitieren, stets eine „Anwendung“ oder eine angewandte Erzählung („tale applied“), und dies im vollen aktiven Sinne des Wortes. Der Sinngehalt eines Mythos wird nicht einfach passiv mittransportiert, sondern er stellt umgekehrt den wesentlichen Impuls dar, aus dem heraus die einzelnen Stoffe mit ihren vielfältigen Charakteren und den Einzelheiten der Handlung entwickelt werden. [...]
Es gibt wohl keinen Aspekt des menschlichen Lebens, der nicht in irgendeiner Weise von dem einen oder anderen Mythos und seinem Sinngehalt berührt würde. Die Sagenerzählungen betreffen sämtliche Erfahrungs? und Erlebensbereiche, in denen dem Individuum oder einer sozialen Gemeinschaft Konflikte entstehen können, seien sie psychologischer, religiöser oder ethischer Natur. Phänomene, die sich einer bündigen rationalen Durchdringung widersetzen, werden gewissermaßen in Geschichten übersetzt, deren Akteure stellvertretend bestimmte Grundsituationen durchleben. Man hat, um diese Funktion der Sagenerzählungen als Mittel der Welterklärung zu charakterisieren, mit Recht vom „mythischen Denken“ gesprochen. Auch wenn sie in ihrer Gesamtheit kein systematisch aufgebautes Gebilde darstellen, steht doch außer Frage, daß die griechischen Mythen Ausdruck einer intensiven gedanklichen Auseinandersetzung mit der Umwelt in all ihren Ausfächerungen sind. Anstatt abstrakte Grundsätze zu entwickeln, wie es das logisch?deduktive Denken tut, verlegt das mythischen Denken die Auseinandersetzung mit seinen Gegenständen ganz in die Anschauung erzählter Geschichten.

Jeder Autor, der versucht, diese Qualität des griechischen Mythos in Worte zu fassen, wird zu anderen Formulierungen und punktuell unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen gelangen. Der schon zitierte Walter Burkert etwa hat davon gesprochen, Mythos beschreibe „bedeutsame, überindividuelle, kollektiv wichtige Wirklichkeit“, er sei häufig „die erste und älteste Verbalisierung einer komplexen Wirklichkeitserfahrung“. Und weiter: Die Mythen sind „Vorgaben, die sich anbieten, die Welt geistig zu bewältigen“. Das Unberechenbare und Unverständliche von Naturerscheinungen etwa wird im Bild des Poseidon gefaßt, der auf felsiger Höhe eine Salzquelle sprudeln läßt; die Erzählung von Athena, die den Menschen den Ölbaum und seine Früchte zur Verfügung stellt, liefert eine „Erklärung“ dazu, wie die Erde ausreichende Nahrungsgrundlagen für viele Tausende von Menschen bereit hält. Fritz Graf formulierte, um die Eigenart des griechischen Mythos in einer knappen Formel zu erfassen, dieser vertrete einen „Anspruch ... auf Verbindlichkeit: er will Gültiges aussagen über die Entstehung der Welt, der Gesellschaft und ihrer Institutionen, über die Götter und ihr Verhältnis zu den Menschen, kurz über alles, was die menschliche Existenz bestimmt“.

(Klaus Junker: Griechische Mythenbilder. Eine Einführung in ihre Interpretation. Stuttgart, Weimar: Metzler 2005. S. 28 - 37.)
 



Text 4

Die mythischen Könige von Athen

Kekrops, schlangenfüßiger, dem Erdboden entsprungener Mensch, der zweite mythische KönigAttikas. Er heiratete Aglauros, die Tochter des Aktaios (des ersten Königs), und erbte von seinem Schwiegervater das Königreich Akte, wie Attika damals hieß; Kekrops benannte es in Kekropien um. Er soll den Körper eines Menschen und die Füße einer Schlange gehabt haben. Aglauros gebar ihm den Sohn Erysichthon, der seinen Vater nicht überlebte, und drei Töchter Pandrosos, Aglauros und Herse. Als Athene und Poseidon um den Besitz Attikas stritten, sprach Kekrops das Land Athene zu, weil sie auf der Akropolis einen Ölbaum wachsen ließ, während Poseidon lediglich eine Quelle salzigen Wassers zustande brachte. Kekrops soll auch den Gerichtshof auf dem Areopag in Athen gegründet haben, und zwar für eine Verhandlung gegen Ares, der des Totschlags an Halirrhothios angeklagt war und freigesprochen wurde. Kekrops machte auch ein Ende mit den Menschenopfern in seinem Reich und erkannte als erster die Oberhoheit des Zeus über die anderen Götter an: er opferte ihm Kuchen (pelanoi) anstelle von Tier- oder Menschenfleisch. Sein Nachfolger war Kranaos.

Kranaos, der dritte, sagenhafte König Athens; wie sein Vorgänger Kekrops, entsprang auch er dem Erdboden. Seine Gattin Pedias stammte aus Sparta und gebar ihm zwei Töchter, Atthis und Kranae. Als Atthis starb, benannte Kranaos sein Königreich Attika nach ihr. Nach athenischer Überlieferung ereignete sich unter seiner Herrschaft die große Flut, bei der Deukalion, der griechische Noah, nach Attika floh. Deukalions Sohn Amphiktyos heiratete Kranae und vertrieb später Kranaos von seinem Thron.

Erichthonios, früher attischer Heros und fünfter König von Athen; soll von Hephaistos gezeugt worden sein. Als dieser von Athene gebeten wurde, ihr eine Rüstung zu schmieden, umarmte er sie und wollte sie besitzen, doch stieß ihn die kriegerische Jungfrau beiseite, und sein Samen floß zu Boden. Daraus erwuchs ein Kind, das Gaia (die Erde) der Athene zur Obhut übergab - vielleicht, weil Athene nie so nahe daran gewesen war, ein eigenes Kind zu haben. Athene vertraute den Säugling in einem verschlossenen Kästchen den drei Töchtern des Kekrops mit der Anweisung an, nicht hin-einzusehen. Zwei der Mädchen aber, Pandrosos und Herse, waren ungehorsam; aber was sie sahen, war so entsetzlich, daß sie sich von der Akropolis stürzten. Sie sollen eine Schlange erblickt haben, oder ein Geschöpf, das halb Kind, halb Schlange war, oder ein von Schlangen umwundenes Baby. Jedenfalls war es Erichthonios, den Athene nun wieder aufnahm und in ihren Tempel auf der Akropolis brachte. [...] Zum Manne geworden, verjagte Erichthonios Amphiktyon, den vierten König von Athen, der sich Kranaos' Thron von Athen angeeignet hatte. Als König von Athen förderte er den Athenekult, stellte das Athenebildnis aus Olivenholz in der Akropolis auf und stiftete ihr Hauptfest, die Großen Panathenäen. [...] Nach seinem Tode wurde er in Athen in Gestalt einer Schlange verehrt und so auch von dem Bildhauer Phidias auf dem Parthenon dargestellt: hinter dem Schild der berühmten Athenestatue. Sein Sohn Pan-dion folgte ihm als König von Athen.

Pandion, Sohn des Erichthonios und der Naiade Praxithea; der sechste der sagenhaften KönigeAthens. Er heiratete seine Tante, Praxitheas Schwester Zeuxippe. Seine Söhne waren Erechtheus und Butes, seine Töchter Prokne und Philomele. Unter seiner Regentschaft soll es zu einem Krieg gegen das von König Labdakos beherrschte Theben gekommen sein. Pandion verbündete sich mit dem thrakischen König Tereus und gab ihm Prokne zur Frau. Während Pandions Herrschaft besuchten Dionysos und Demeter Attika, und dort wurde ihr Kult gestiftet. Dem Pandion folgte Erechtheus, den spätere Darstellungen als seinen Sohn bezeichnen, der aber in früheren Überlieferungen als autochthon (erdentsprungen) erscheint.

Erechtheus, sagenhafter (siebter) König Athens; in der klassischen Literatur oft mit seinem Großvater Erichthonios verwechselt (ursprünglich mögen beide identisch gewesen sein). Gewöhnlich wird er als Sohn des Königs Pandion von Athen und der Zeuxippe bezeichnet, doch läßt Homer erkennen, daß er ohne menschliche Eltern direkt dem Erdboden entsprang: Athene zog ihn auf und setzte ihn in ihr Heiligtum, wo er ein Halbgott wurde und auch Opfer empfing. Die spätere und geläufigere Überlieferung macht aus ihm kein göttliches Wesen, sondern einen sterblichen Herrscher. Er heiratete Praxithea, gewöhnlich als Naiade (Wassernymphe) bezeichnet, die ihm die Söhne Kekrops, Pandoros, Metion [...] gebar. Ihre Töchter waren Prokris (die den Kephalos heiratete), Oreithyia (die den Boreas heiratete), Chthonia und Kreusa. Während Erechtheus' Regentschaft über Athen brach ein Krieg mit dem benachbarten Eleusis aus, dessen Bevölkerung sich an den thrakischen König Eumolpos wandte [...]. Die Athener wurden hart bedrängt. Erechtheus erforschte in Delphi, wie er der Bedrohung begegnen könnte, und erfuhr, daß sie nur durch die Opferung einer seiner Töchter abzuwenden sei. Chthonia wurde von ihren Eltern zum Opfer bestimmt und starb; vielleicht nach ei-genem Entschluß (man erzählte auch, ihre Schwestern hätten sich aus Sympathie ebenfalls getötet, doch widerspricht dies anderen Überlieferungen). Im weiteren Verlauf gewann nun Erechtheus den Krieg, und Eleusis fiel an Athen, durfte aber weiterhin die Mysterien der Demeter begehen. Während der Feindseligkeiten wurde entweder Eumolpos selber oder sein Sohn von Erechtheus getötet, doch rächte sich Eumolpos' Vater Poseidon an ihm, indem er ihn mit seinem Dreizack erstach. Xuthos, ein thessalischer Verbündeter des Erechtheus, hat dann vielleicht eine gewisse Zeit Athen regiert (und soll Kreusa geheiratet haben). Als er jedoch aufgefordert wurde, unter den Söhnen des Erechtheus den neuen König von Athen zu bestimmen, wählte er Kekrops und wurde von der übrigen Familie aus Athen verjagt.

Kekrops, achter König Athens, Sohn des Erechtheus und der Praxithea. Er war der älteste Sohn, wurde aber nicht von seinem Vater zum König auserwählt, sondern erst nach seines Vaters Tod von seinem thessalischen Verbündeten Xuthos dazu gemacht. Kekrops heiratete Metiadusa und hatte einen Sohn Pandion, der ihm nachfolgte.

Pandion, Sohn des Kekrops und der Metiadusa; Urenkel des ersten Pandion. Nachdem er seinem Vater als neunter König von Athen nachgefolgt war, verdrängten ihn die Söhne seines Onkels Metion. Er suchte Zuflucht in Megara und heiratete König Pylas' Tochter Pylia. Als Pylas seinen Onkel Bias erschlug, wurde er aus Megara verbannt, und Pandion wurde König. Sein Sohn Aigeus vertrieb schließlich mit Hilfe seiner Brüder Pallas und Lykos Metion aus Athen. Ein weiterer Sohn, Nisos, erbte den Thron von Megara.

Aigeus, ältester (oder angenommener) Sohn von Pandion und Pylia. Pandion war athenischer König gewesen und heiratete die Tochter des Königs Pylas von Megara, dem er in der Herrschaft folgte. Pandion hatte noch drei weitere Söhne: Nisos, Pallas und Lykos. Es ging jedoch das Gerücht, daß er einen Sohn des Königs Skyrios von Skyros adoptiert und als sein eigenes Kind ausgegeben habe. Nach Pandions Tod machte man Nisos zum König von Megara; die anderen drei Söhne fielen in Attika ein und vertrieben die dort herrschenden Söhne des Metion. Nach dem Sieg beanspruchte und gewann Aigeus die Alleinherrschaft über Athen, obwohl er versprochen hatte, das Gebiet gerecht mit seinen Brüdern zu teilen. Aigeus heiratete zweimal, blieb aber kinderlos. Er befragte deshalb das delphische Orakel, das zweideutig antwortete: er solle seinen Weinschlauch erst öffnen, wenn er wie-der in Athen sei. Aigeus entschloß sich, seinen Freund Pittheus, den König von Troizen, zu bitten, ihm das Orakel zu deuten. Auf dem Wege von Delphi nach Troizen kam Aigeus auch über Korinth, wo ihn Medea um Asyl in Athen bat. Dafür verpflichtete sie sich, ihm mit ihren magischen Künsten zu den ersehnten Kindern zu verhelfen. Pittheus erfuhr, daß das Orakel auch die Geburt eines großen Helden vorausgesagt hatte; so machte er Aigeus trunken und legte ihn zu seiner Tochter Aithra. Als Aigeus gewahr wurde, daß Aithra empfangen hatte, verbarg er ein Schwert und ein Paar San-dalen unter einem mächtigen Felsen. Aithra erklärte er, sobald ihr Sohn diesen Felsen heben könne, solle er mit den Erkennungszeichen, dem Schwert und den Sandalen, nach Athen kommen, wo er ihn als Sohn anerkennen werde. Der Knabe, der dann geboren wurde, erhielt den Namen Theseus. [...] Als Aigeus nach Athen zurückgekehrt war, heiratete er Medea, die ihm den Sohn Medos gebar, der die Ursache von Medeas späterem Haß gegen Theseus war. Als Theseus nach Athen kam, nachdem er sich durch seine Taten im Isthmos einen Namen gemacht hatte, wurde er von Medea erkannt, gab sich aber seinem Vater nicht zu erkennen. Medea überredete Aigeus, den Jüngling gegen den marathonischen Stier auszusenden, der den Minossohn Androgeos getötet hatte. Als Theseus den Stier aber lebendig einfing, beschloß Medea, Theseus zu töten. Sie redete Aigeus ein, Theseus wolle sich mit den fünfzig Söhnen des Pallas gegen seine Herrschaft erheben, und reichte ihm in Gegenwart seines Vaters einen Becher vergifteten Weins. Zufällig bemerkte jedoch Aigeus, daß Theseus jenes in Troizen zurück gelassene Schwert trug (oder er sah Theseus mit dem Schwert Fleisch zerteilen) und stieß den Becher zu Boden. Dann erkannte er Theseus als seinen Sohn an, und Medea floh mit Medos zurück nach Kolchis. Theseus half dann Aigeus, die Familien des Pallas und Lykos zu vertreiben, die nach seinem Thron trachteten. Nach Theseus' Fahrt gegen Kreta, um den Minotaurus zu töten, starb Aigeus. Das Opfer von sieben Jünglingen und sieben Jungfrauen, das dem Untier jedes Jahr (oder nach einer anderen Version alle neun Jahre) gebracht werden mußte, war Athen von Minos, dem mächtigen Könige Kretas, auferlegt worden und zwar aus Zorn über den Tod seines Sohnes Androgeos, der durch den marathonischen Stier starb (oder auf der Reise nach Theben, wo er den Begräbnisspielen für Laios beiwohnen wollte). Minos überfiel Megara und Athen; Megara fiel, und Athen wurde von einer Pest heimgesucht. Aigeus folgte dem Rat aus Delphi und akzeptierte Minos' Bedingungen. Als Theseus heimkehrte, vergaß er, das schwarze Segel der Trauer gegen ein weißes auszutauschen, wie er es seinem Vater versprochen hatte, falls er überleben sollte; und so stürzte sich Aigeus in die Tiefe, entweder von einem Felsen in das Ägäische Meer (das nach ihm heißt), oder von der athenischen Akropolis. Hier, am vermutlichen Ort seines Todes, errichtete man ihm einen Altar der Heldenverehrung. Sein Sohn Theseus wurde der elfte der mythischen Könige von Athen.

(Zusammengestellt und ergänzt nach: Michael Grant und John Hazel: Lexikon der antiken Mythen und Gestalten. München: dtv 1980.)
 
 

Text 5

Der Staatsgründungsmythos

Harmodios und Aristogeiton haben im Jahr 514 v. Chr. in Athen den Tyrannen Hipparch ermordet. Von der Antike bis in die Neuzeit hat man mit ihren Namen Tyrannensturz, Befreiung, Freundschaft und Rechts-gleichheit der Bürger verbunden. [...]

In den Jahren nach dem Sturz der Tyrannis schuf der Bildhauer Antenor eine Statuengruppe der Tyrannenmörder Nachdem dieses Standbild aber vom Perserkönig Xerxes während der Perserkriege aus Athen geraubt worden war, entstand bald nach 479 eine zweite Gruppe durch Kritios und Nesiotes. Die Statuen der Tyrannenmörder wurden auf der Agora aufgestellt und blieben dort für lange Zeit die einzige Darstellung von Menschen inmitten einer Vielzahl von Götterbildnissen. [...] Am Grab von Harmodios und Aristogeiton spendete alljährlich einer der höchsten Beamten Athens ein Totenopfer. Das tat er außerdem für die Athener, die ihr Leben im Kampf für die Stadt verloren hatten. So standen die Tyrannenmörder im Staatskult auf einer Stufe mit den Gefallenen von Marathon und Salamis. Und weil man glaubte, daß durch Harmodios und Aristogeiton die Freiheit und Demokratie Athens begründet worden sei, hat man ihre Nachkommen mit Privilegien geehrt. Sie durften auf Staatskosten speisen, sie waren von Leistungen für den Staat befreit und genossen das Vorrecht der Proedria, d. h. das Recht, im Theater in einer der ersten Reihen zu sitzen. [...]

War aber das von Harmodios und Aristogeiton ausgeführte Attentat tatsächlich ein so bedeutsames Ereignis in der Geschichte Athens, wie es die Statuenaufstellung, der Staatskult und die Privilegierung der Nachkommenschaft vermuten lassen? Trifft historisch überhaupt zu, was im Trinklied berichtet wird? Daß Harmodios und Aristogeiton durch ihr Attentat nicht nur "einen Tyrannen mit Namen Hipparch" ermordet, sondern dadurch auch die Athener zu Bürgern gleichen Rechtes gemacht hätten? Schon die antiken Historiker Herodot und Thukydides haben gegen diese Überlieferung Einspruch erhoben. [...] Somit gab es im Athen des 5. Jahrhunderts zwei unterschiedliche Überlieferungen zu Harmodios und Aristogeiton. Die legendäre Überlieferung machte aus den Tyrannenmördern die Befreier der Stadt. Daneben hielten Herodot und Thukydides eine andere Überlieferung fest. Ihr zufolge hatten die Attentäter aus persönlichen Gründen gehandelt und den Sturz der Tyrannis nicht bewirkt. [...]

Nachdem Peisistratos im Jahr 528 in hohem Alter eines natürlichen Todes gestorben war, ging die Herrschaft auf seine Söhne über. Es gibt keine Anzeichen dafür, daß in diesem Moment die Tyrannis der Peisistratiden gefährdet gewesen wäre. Von nun an hielt Hippias als der Ältere die Herrschaft in seinen Händen, an der aber auch Hipparch beteiligt war. [...] Zu einer Gefährdung ihrer Herrschaft kam es erst, als Hipparch, der „lebenslustige und zu Liebschaften geneigte“ jüngere Tyrann, Harmodios kennenlernte, einen Aristokraten aus der Familie der Gephyräer. Um ihn, den Thukydides mit den Worten charakterisiert, er sei von einer „strahlenden Jugend“ gewesen, bemühte sich Hipparch nach Kräften. Seine Anträge aber blieben erfolglos, weil Harmodios seinem Liebhaber Aristogeiton die Treue hielt. Thukydides meint, daß schon der Versuch des Hipparch, Harmodios für sich zu gewinnen, zum Sturz der Tyrannis hätte führen können. Denn Harmodios habe Aristogeiton von den Anträgen des Hipparch berichtet, und Aristogeiton, in wildem Liebesschmerz und in Angst, daß Hipparch mit der Gewalt seiner Macht den Geliebten zwänge, macht sofort Pläne, um, bei seiner bescheidenen Stellung, die Tyrannis zu stürzen. Bislang aber hatte Hipparch seine Macht noch nicht mißbraucht. Mit seinem Werben um Harmodios nahm er an einem der aristokratischen Wettkämpfe teil, und Harmodios hatte offensichtlich keine Schwierigkeiten, die Anträge des Tyrannen auszuschlagen. Dann allerdings machte Hipparch einen für ihn verhängnisvollen Schritt. Da er es nicht ertragen konnte, abgewiesen worden zu sein, sann er auf Rache. So wie er zurückgewiesen worden war, so wollte Hipparch nun Harmodios eine Kränkung zufügen. Dabei wollte er jedoch seine Herrschaft und die seines Bruders nicht durch einen Machtmißbrauch gefährden. „Wie er ja“, so heißt es bei Thukydides, „überhaupt in seiner Herrschaft die Menge nicht bedrückte und Ärgernis vermied; weit mehr als andere Tyrannen pflegten Hippias und Hipparch Rechttun und Vernunft.“ Hipparch wartete für seine Rache auf eine günstige Gelegenheit und fand sie anläßlich der Vorbereitung des Panathenäen-Festzugs. Als eine der jungen Frauen, die als Trägerinnen der Opfergaben an der Prozession teilnehmen sollten, wählten die Tyrannen die Schwester des Harmodios aus. Als diese aber erschien, um die ehrenvolle Aufgabe auszuführen, wurde sie mit der Bemerkung, weder sei sie jemals ausgewählt worden noch sei sie dieses Amtes würdig, von den Tyrannen wieder fortgeschickt. Nun fühlte sich Harmodios verletzt. Die Beleidigung seiner Schwester wollte er nicht hinnehmen. Als sich die Tyrannen damit beschäftigten, den Festzug zu ordnen, führte er gemeinsam mit Aristogeiton einen Anschlag aus. Die Attentäter stürzten sich auf Hipparch und erstachen ihn. Sofort wurde Harmodios von den Leibwächtern des Hipparch erschlagen, während Aristogeiton zunächst fliehen konnte. Später wurde er gefaßt und hingerichtet. [...]

Nun ist in der Forschung immer wieder diskutiert worden, was für eine Würde, die der Schwester angeblich gefehlt haben soll, gemeint gewesen sein könnte. [...] Brian Lavelle hat nun vor kurzem eine neue Deutung vorgeschlagen. Er verweist auf den großen gesellschaftlichen Stellenwert, den in der archaischen und klassischen Epoche Griechenlands die Tugend und Keuschheit der unverheirateten jungen Frau hatte. Und dies nicht etwa nur für ihre eigenen Heiratssaussichten, sondern auch für die Ehre und Stel-lung ihrer Familie. Lavelle zeigt außerdem, daß sich die Begriffe, die für das "Würdigsein" von Frauen gebraucht wurden, also z.B. das [o. g.] „Unwürdigsein“ in der Beleidigung des Hipparch, auf den Bereich des Sexuellen beziehen. [...] [B]esonnen, enthaltsam, keusch zu sein, das war für die Frauen des antiken Griechenlands das wichtigste Gebot. Die jungen Frauen wurden im Haus gehalten und beaufsichtigt, weil man vermutete, aufgrund eines schwachen Willens seien sie der Gefahr ausgesetzt, von ihrem sexuellen Trieb beherrscht zu werden. Aus diesem Grund wurden sie so früh wie möglich verheiratet. Ihre Heiratsaussichten hingen aber ganz entscheidend davon ab, daß ihr Ruf unbeschadet blieb. Schon der bloße Verdacht bedrohte die Ehre der jungen Frau und ihrer Familie.

Hipparch hatte es durch seine Beleidigung erreicht, Harmodios auf äußerste zu kränken. Ahnte er aber nicht, wie gefährlich eine solche Beleidigung für ihren Urheber werden konnte? Harmodios blieb doch, wenn er die Ehre seiner Schwester und seiner Familie wiederherstellen wollte, nur die Möglichkeit, den Beleidiger zu töten. Wenn man die Schuld nicht auf Seiten des jungen Frau finden konnte, dann mußte derjenige bestraft werden, der die Beleidigung ausgesprochen und die Familie der Beleidigten in der Öffentlichkeit bloßgestellt hatte, auch, wenn es sich um den Tyrannen handelte. [...]

Durch das Attentat auf Hipparch wurde die Tyrannis nicht gestürzt, aber die Herrschaft des Hippias war doch erschüttert. [...] Die Tyrannis wurde nach 514 härter. Überliefert wird, daß Hippias eine große Anzahl von Athenern habe umbringen lassen. Offensichtlich fand in Folge des Attentats die bisherige Verständigungspolitik zwischen den Peisistratiden und den in Athen gebliebenen Aristokraten ein Ende. Auch die Alkmeoniden unter jenem Kleisthenes, der 524 das Archontat bekleidet hatte, haben Athen möglicherweise erst jetzt, nach 514, verlassen.

Die aus Athen Geflohenen versuchten von nun an, die Tyrannis gewaltsam zu stürzen. Zunächst aber zeigte sich Hippias in der Lage, seine Herrschaft zu verteidigen. Er fügte den Alkmeoniden und ihren Verbündeten eine verheerende militärische Niederlage zu [...]. Erst als im Jahr 510 Sparta auf Seiten der Verbannten in den Kampf um Athen eintrat, wendete sich das Blatt. Zwar konnte Hippias einen ersten Angriff der Spartaner abwehren. Ein zweiter Versuch Spartas führte dann aber zum militärischen Erfolg. Hippias zog sich auf die Akropolis zurück. Hier hätte er vielleicht nur zu warten brauchen, bis die Spartaner wieder abgezogen wären. Denn auf eine Belagerung wollten diese sich nicht einlassen. „Die Peisistratiden“, so bemerkt Herodot, „wären von den Spartanern auf keinen Fall zum Abzug gezwungen worden.“ Als die Spartaner aber durch Zufall die Kinder der Peisistratiden in ihre Hände bekamen, begann Hippias zu verhandeln. Nachdem ihm der freie Abzug unter Mitnahme seines Eigentums zugestanden worden war, verließ er die Stadt. Nach über fünfzig Jahren war die Tyrannis in Athen beendet.

Der Sturz der Tyrannis führte aber sogleich zu einem Neubeginn der Stasis, die Athen so oft schon erlebt hatte. Es gab noch immer kein friedliches Verfahren, um die politische Macht unter den Aristokraten oder der ganzen Bürgerschaft Athens zu verteilen. Für die Alkmeoniden war das Eingreifen Spartas zunächst eine große Hilfe gegen die Peisistratiden gewesen. Nach dem Ende der Tyrannis aber zerbrach diese Koalition. Denn Sparta verfolgte nun sein Ziel, in Athen eine Oligarchie einzusetzten, indem es den athenischen Aristokraten Isagoras, den Gegenspieler des Kleisthenes, unterstützte. Auch Kleisthenes wird nicht sogleich eine demokratische Politik im Sinn gehabt haben. Auch für ihn wird es anfangs nur um die Frage gegangen sein, wie er Einfluß und Macht in der Stadt gewinnen konnte. Aber er muß bald erkannt haben, daß eine große Mehrheit der Athener nicht mehr bereit war, eine Tyrannis oder eine Oligarchie, die Herrschaft eines Einzelnen oder einer kleinen Gruppe, zu akzeptieren. Schon am Sturz der Tyrannis waren die Einwohner der Stadt beteiligt gewesen. Gemeinsam mit den Spartanern hatten sie Hippias auf der Akropolis belagert.

Es war im Verlauf der neu ausgebrochenen Stasis, wie aus der Athenaion Politeia hervorgeht, eine Reaktion des Kleisthenes auf eine für ihn ungünstige politische Entwicklung, als er das Volk auf seine Seite brachte und die politische Gewalt der Masse übertrug. Möglich war eine solche Maßnahme des Kleisthenes aber nur, weil die Athener die Angelegenheiten in ihrer Stadt nicht mehr einigen wenigen überlassen wollten, weil sie also die Politik als ihre eigene Sache entdeckt hatten.

Nach der Tyrannis konnte Kleisthenes zu einem persönlichen Machtgewinn nur noch durch Vorschläge kommen, die darauf abzielten, den absoluten Machtgewinn eines Einzelnen zu verhindern. So zeigt sich in der Beteiligung vieler Einwohner Athens am Machtkampf, daß sich nunmehr, nach den Jahrzehnten der Tyrannis, die Bürger für ihre Stadt verantwortlich fühlten, wie es ein Jahrhundert zuvor Solon gewünscht hatte. Aus der Erfahrung von Staatlichkeit unter der Tyrannis und gegen die erneuerte Stasis wurde es die Sache aller, Regeln der Machtverteilung festzulegen und so eine Verfassung zu entwickeln, die später als Demokratie bezeichnet wurde. [...]

Obgleich Hippias nach dem Attentat, dem sein Bruder Hipparch zum Opfer gefallen war, an der Macht blieb und erst vier Jahre nach dem Anschlag aus Athen vertrieben werden konnte, galten schon während der Perserkriege Harmodios und Aristogeiton als die Befreier Athens. Ihnen wurden die ersten Standbilder überhaupt errichtet, die in Athen an die Taten von Menschen und nicht von Göttern erinnerten. Sie erhielten gemeinsam mit den Gefallenen der Perserkriege ein alljährliches Totenopfer.
Obwohl Herodot und Thukydides betonen, daß Harmodios und Aristogeiton Athen nicht befreit, sondern aus privaten Gründen einen der Tyrannen ermordet hatten, hat keiner der späteren attischen Redner Kritik an der Legende geübt. Vielmehr bezeichnete etwa Demosthenes die Tyrannenmörder als die größten Wohltäter Athens. Es war verboten, Sklaven mit ihren Namen zu benennen, so wie es auch untersagt war, irgendwelche spöttischen Äußerungen über Harmodios und Aristogeiton zu machen.

Aus der Tat der Tyrannenmörder wurde die Gründungslegende des athenischen Staates. Zu dieser Legendenbildung kam es, weil sich die Athener nach 510 nicht daran erinnern wollten, daß die Vertreibung der Peisistratiden weniger ihr eigenes Verdienst als das der Spartaner gewesen war. Und Sparta selbst muß durch seinen Versuch, in Athen eine Oligarchie zu installieren bzw. später Hippias zurückzuführen, zu diesem Erinnerungsverlust beigetragen haben. Zur Selbstvergewisserung gegen die Bedrohungen von außen hat man in Athen das Loblied von Harmodios und Aristogeiton, von ihrem Attentat auf den Tyrannen und ihrer angeblichen Befreiung der Stadt gesungen.

Ein Ausdruck dieser Staatslegende war auch das Standbild der Tyrannenmörder, vom dem sich nicht nur die Aristokraten, sondern auch alle übrigen Athener in ihrer Eigenschaft als Bürger angesprochen fühlen konnten. Denn dieses Standbild konnte seine Betrachter [...] je nach ihren eigenen Voraussetzungen sowohl an die aristokratische Ethik als auch an die bürgerlichen Tugenden erinnern, an die Disziplin, die sich im Kampf der Hoplitenphalanx bewähren mußte, oder an die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz.

Aufschlußreich ist der Aufstellungsort der Statuen. Als Verkörperung des neuen athenischen Selbstbewußtseins standen die Statuen des Harmodios und Aristogeiton auf der Agora, auf dem Platz, der unter den Peisistratiden zum Mittelpunkt des Staates Athen geworden war. Die Agora war der Schauplatz des Attentats auf Hipparch gewesen und wurde im 5. Jahrhundert zu dem Ort, an dem die Athener zusammenkamen, um jeder neuen Tyrannis vorzubeugen. Wahrscheinlich in der unmittelbaren Nähe der Statuengruppe wurde das Scherbengericht, der Ostrakismos, durchgeführt. Wer immer von den Athenern in Verdacht geriet, eine Tyrannis errichten zu wollen, mußte für zehn Jahre die Stadt verlassen, wenn 6000 oder mehr Stimmen gegen ihn zusammenkamen. Gerade für ein solches auf den Erhalt der Demokratie ausgerichtetes Verfahren konnte es kein geeigneteres »Bildprogramm« geben als die Statuen der Tyrannenmörder.

Wie bedeutsam den Athenern diese Statuengruppe war, läßt sich daran ablesen, daß in ihrem Umfeld keine anderen Statuen aufgestellt werden durften. Dieses Verbot wurde nur zweimal außer Kraft gesetzt. [...] [Beim zweiten Mal] erwiesen die Athener diese Ehre Cassius und Brutus. Auch sie sollten Statuen im Umfeld der Tyrannenmördergruppe erhalten. Nach dem Tod Cäsars versuchten die Athener, sich auf die richtige Seite zu stellen. Um Cassius und Brutus auszuzeichnen, haben sie die Heroen ihrer Geschichte ins Spiel gebracht - Harmodios und Aristogeiton, die Athen von der Tyrannis befreit haben sollten. Ein Fragment der Inschrift von der Basis der Brutus-Statue ist 1936 gefunden worden und belegt, daß die Zeit zwischen der Ankunft des Brutus in Griechenland im August 44 v. Chr. und den Niederlagen der Cäsarmörder bei Philippi im Oktober und November 42 v. Chr. ausgereicht hat, den Beschluß auch auszuführen.

Später erst konnte man wissen, daß Cassius und Brutus mit ihrem Attentat letztlich erfolglos bleiben sollten, daß sie zwar Cäsar ermorden, aber die Monarchie in Rom nicht verhindern konnten. Bis zum Anschlag auf Cäsar waren Harmodios und Aristogeiton, wie Cicero schreibt, auch in Rom "in aller Munde" . Dann aber wurde die Tat von Cassius und Brutus zu dem Attentat der Antike, auf das man in Zukunft Bezug nahm, um das Problem von Tyrannenherrschaft und Tyrannenmord zu diskutieren. In diesem Zusammenhang wurden dann Harmodios und Aristogeiton nur noch selten erwähnt. [...]
Daß Cassius und Brutus in der Dichtung wie in der politischen Literatur weit häufiger begegnen als Harmodios und Aristogeiton, liegt in der größeren historischen Bedeutung ihres Opfers begründet und in der Erfolglosigkeit ihrer Tat. Weil trotz ihres Attentats in Rom an die Stelle der Republik die Monarchie trat, wurden ihnen ein zwiespältiger Nachruhm zuteil. Denn sie hatten mit Cäsar den Begründer der Monarchie umgebracht, im Rückblick also eine göttergegebene oder, nachdem das Römische Kaisertum christlich geworden war, gottgegebene Herrschaft in Frage gestellt. [...]
Harmodios und Aristogeiton dagegen waren letztlich zweifach erfolgreich gewesen. Zwar hatten sie die Tyrannis in Athen nicht gestürzt. Trotzdem schrieb man ihnen diese Tat zu und machte sie zu den Gründungsheroen der attischen Demokratie. Und auch ihr eigentliches Ziel, für das sie bereit waren, ihr Leben einzusetzen, das Ziel, sich an Hipparch zu rächen, hatten sie erreicht.

(Heinrich Schlange-Schöningen: Harmodios und Aristogeiton, die Tyrannenmörder von 514 v. Chr. In: Alexander Demandt (Hrsg.): Das Attentat in der Geschichte. Erftstadt: Area 2003. S. 15 - 38.)


 
 Harmodios und Aristogeiton
Abb.2: Die Tyrannenmörder. Römische Marmorkopien
aus der Villa Adriana. 2. Jahrhundert n. Chr.  Archäologisches Nationalmuseum, Neapel

 
 
Zurück zu:  Athen: Inhaltsverzeichnis