Thomas Gransow
 

Athen und die Halbinsel Attika

4. 2. Akropolis: Propyläen



 
 

(Abb. 1: J. Camp: The Athenian Agora. (1986). 
In: Hans Rupprecht Goette, Jürgen Ham-merstaedt: Das antike Athen. München: Beck 2004. s.40.)
 
 

Text 1

Propyläen

Ta propýlaia - einfacher to própylon, ta própyla - das ist die griechische Bezeichnung für jede Art von Torgebäude, speziell für die Propyläen der Athener Akropolis. Dem Wortsinne nach bedeutet es: das vor dem Tor Gebaute. Pyle ist das Tor des Hauses, des Hofes, des Heiligtums, aber auch in der Stadtmauer wie die Hiera Pyle, das Heilige Tor am Eridanos in Athen, es liegt neben dem Dipylon, dem Doppeltor im Kerameikos. Die Propyläen der Akropolis sind baugeschichtlich gesehen ein Höhepunkt, und dieser ist Endpunkt und Wendepunkt zugleich. Die griechische Architektur hatte von den Anfängen bis hierher einen weiten Weg zurückgelegt - und dennoch sind die Hauptbestandteile eines jeden Propylons immer die gleichen geblieben: zwei Parallelmauern, an ihren Enden Mauerstirnen in Form von Anten, dazwischen an beiden Seiten zwei Säulen; das Tor, der Durchgang liegt in der Trennwand in der Mitte.

Wer in der Burg von Tiryns zum Megaron des Königs strebt, geht zunächst durch ein reines Festungstor mit einer mächtigen Bastion, kommt dann zu einem zweiten Tor, das in Art und Maß dem Löwentor von Mykene gleicht, nun aber lässt er alles Fortifikatorische hinter sich und gelangt in den Wohnbezirk, er kommt zum König, denn jetzt durchschreitet er ein reguläres Propylon, nach wenigen Schritten noch ein zweites mit zwei Säulen zwischen Anten - es öffnet den Zugang zum Hof vor dem Megaron. Der Eingang zum Palast liegt schräg versetzt, nicht in der Achse des Propylons selbst diese belanglos scheinende Anordnung bleibt bewahrt bis in die klassische Zeit: Auch hier liegen die Hauptbauten, Parthenon und Erechtheion, nicht in der Mittelachse der Propyläen. Axialität ist ein Kennzeichen der hellenistischen Epoche (Kos, Dodona) und besonders der römischen Kunst (wie in Baalbek): Sie schließt, mit Symmetrie und Steigerung ver-bunden, den Gesamtkomplex zu einer architektonischen Raumeinheit zusammen (Kaiserforum Rom).

Die einfachste Form, die von Troja und Tiryns, kehrt immer wieder: so in Sunion oder in Samothrake, wo die Antenfront zu einer sechsteiligen Säulenfront erweitert wird. Auch die beiden Propyla am Römischen Markt in Athen behalten diese Form bei. Reguläre Propyla, die den Zugang zu einer Agora monumental gestalten, sind in griechischer Zeit selten, in römischer häufig (Korinth, Milet).

Kaum ein Heiligtum besitzt Propyläen wie das der Athena auf der Akropolis. In Olympia und Delphi sind die Zugänge von recht geringer Monumentalität. Spuren in den Akropolis-Propyläen haben erwiesen, dass an der gleichen Stelle in mykenischer Zeit ein Festungstor lag mit einer mächtigen Bastion wie in Tiryns. Peisistratos baute die Akropolis zu einem Heiligtum der Athena aus: Das Tor, noch als Burgtor verwendbar, erhielt einen würdigeren Charakter.

Aber erst Mnesikles schuf 437 bis 432 den festlichen monumentalen Bau, dessen Reste wir heute bewundern: Die Propyläen liegen jetzt deutlich in der Hauptachse der Akropolis, sie bilden deren Kopf und breiten sich über den ganzen Westabhang des Felsens aus. Dadurch wird die architektonische Funktion gesteigert: Das Tor ist nicht mehr nur Verschluss, sondern ein monumentaler Empfangsbau. Der Aufweg endet vor der breiten Tempelfront der Westhalle, die kleinere, also untergeordnete Flügelbauten, flankieren. Die neue Raumordnung ist deutlich: Der Gesamtkomplex bildet einen Hof, der die Ankommenden monumental umfängt. Im Nordflügel war eine Gemäldesammlung aufgestellt, die Pinakothek. Der Südflügel hingegen ist verkümmert - Rücksicht auf den hier liegenden Sonderbezirk der Athena Nike verhinderte den vollen Ausbau.

Trotz aller aufwendigen Bereicherung innen und außen haben auch die Propyläen des Mnesikles die urtümlichen Grundbestandteile bewahrt: die langen Parallelmauern, die Säulenfront nach beiden Seiten und die Trennwand mit fünf Türen, davon die mittlere ohne Stufen, für den Durchgang der Opfertiere. Dieser Anlagekern wurde, ohne die Flügel, in den Großen Propyläen von Eleusis zur Zeit des Antonius Pius kopiert. Die Kopie wiederholt auch die kühne Neuerung des Mnesikles: die Einführung ionischer Säulen im Inneren der tiefen Westhalle - der äußere Aspekt ist durch die rein dorische Ordnung geprägt.

Die Verwendung der ionischen Ordnung innerhalb eines dorischen Baues zeigt an, dass die Ordnungen aufgehört haben, Ausdruck eines Stammesbewusstseins zu sein: Sie sind jetzt Elemente der künstlerischen Gestaltung. Die Wesenszüge der ionischen Ordnung dieses Baues sind die der attisch?ionischen, die in der Folgezeit die kleinasiatische mehr und mehr verdrängt.

Durch die Mischung von untergeordneten Flügelbauten zu Seiten des übergeordneten Kernbaues entsteht der erste Gruppenbau des Altertums. Und diese neue Raumordnung wird von nun an mustergültig und oft nachgeahmt. Die Lage des Tores zum Burgfelsen insgesamt macht deutlich, dass diese Propyläen als Richtigungsbau erdacht waren. Propyläen sind das Tor zum Heiligen Bezirk: Sie rufen, empfangen, geleiten sie sind in der Mittlerrolle ein Stück Heiligtum selbst. Und wenn wie in Korinth große Propyläen den Eingang zur Agora bilden, so verleihen sie der profanen Stätte einen fast sakralen Charakter. Leopold von Klenze hat danach gehandelt, als er 1846 die Propyläen zum Kö-nigsplatz in München zu bauen begann; man muss freilich auf seine ersten Entwürfe zurückgehen, um die geistige Verwandtschaft des Baues in München mit dem in Athen recht zu sehen.

Goethe gab 1798 bis 1800 eine „periodische Schrift“ heraus, die er „Propyläen“ nannte. Im ersten Heft findet er, gleichsam zur Begründung oder - wie er sagt - zur „Entschuldigung des symbolischen Titels“, die treffendste Formulierung für den alten und neuen Begriff Propyläen: „Stufe, Tor, Eingang, Vorhalle, Raum, zwischen dem Inneren und Äußeren zwischen dem Heiligen und Gemeinen...“ 
(Willy Zachletzschmann: Propyläen. In: Merian 26. Jg. (1978; veränd. Neuaufl. 1981) Heft 8, S. 78.)
 


 
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