Arbeitstechniken


Informationsbeschaffung
 

Texte lesen


Es ist ein Unterschied, ob man morgens beim Frühstück die Zeitung überfliegt, ob man einen literari- schen Text mit angespannter Aufmerksamkeit liest oder ob man einen Vertragstext prüft, den man anschließend unterschreiben soll. Aus Untersuchungen zum Leseverhalten können einige Unterschei- dungen abgeleitet werden: 

 

 
 
Zu beachten bleibt, daß der kompetente Leser sein Leseverhalten, der gegebenen Situation entspre- chend, dauernd wandelt: Er liest - beispielsweise - informatorisch die Rechnung des Handwerkers, kognitiv die neue Fachliteratur, literarisch die Neuerscheinung eines Autors und in den Ferien evasorisch einen Kriminalroman. Das Leseverhalten ist nicht automatisch mit dem Lesegegenstand verknüpft: Karl Mays "Winnetou" kann man evasorisch, aber auch literarisch, sogar kognitiv lesen; Schillers Roman "Der Geisterseher" ist keineswegs dem Literaten vorbehalten, er kann auch rein stofflich "ohne Ansprüche" aufgenommen werden. [...]

Sachinformation:

1. Informatorisch: Abgeleitet von dem lateinischen Verb informare = 1. formen, gestalten, bilden; 2. bilden, unterrichten; 3. darstellen, schildern, bedeutet informieren, Nachricht, Auskunft geben, in Kenntnis setzen; belehren. Der Informator ist der Unterrichtende, der Mitteilende. Informatorisch bedeutet "der vorläufigen Unterrichtung dienend, einen allgemeinen Überblick verschaffend". (Der Große Duden. Bd. 5: Fremdwörterbuch. Mannheim: Dudenverlag 1966, S. 305.) Daß diese Unterrichtung als vorläufig und allgemein charakterisiert wird, deutet darauf hin, daß sie ihre Fortsetzung im kognitiven Lesen erfährt. [...]

2. Evasorisch: Im Hintergrund ist das lateinische Verb evadere = 1. herausgehen, herauskommen, 2. entkommen, entschlüpfen, entrinnen auszumachen. Auf dieses Wort geht das Lehnwort Evasion (Gegensatz: Invasion) zurück, das Entweichung, Flucht bedeutet. Evasorisch wird als veraltet für "ausweichend, Ausflüchte suchend" angegeben. Anreize zum evasorischen Lesen bieten sogenannte Groschenromane, aber auch Kriminal- und Abenteuerromane.

3. Kognitiv: Das lateinische Verb cognoscere = 1. erkennen, kennenlernen; 2. wahrnehmen, bemerken, einsehen, erfahren, vernehmen; 3. auskundschaften, prüfen, lesen ist bestimmend für die neulateinische Bildung des Adjektivs kognitiv = die Erkenntnis betreffend. Im Gegensatz zum informatorischen Lesen führt das kognitive Lesen direkt in die Bereiche der Wissenschaft und Philosophie, wo es um Erkenntnisse im eigentlichen Sinn des Wortes geht.

4. Literarisch: Von dem lateinischen Wort littera = der Buchstabe sind abgeleitet litteratura = das Alphabet, litterator = der Sprachgelehrte, litterarius = zum Lesen und Schreiben gehörig. Der Begriff der Literatur hat sich im Laufe der Zeit gewandelt und wird augenblicklich sowohl in einem sehr weiten als auch in einem engen Sinn gebraucht. [Hier] wird vorgeschlagen, den Begriff "literarisches Lesen" auf jene Texte zu beziehen, die durch "Literarität" ausgezeichnet sind. Eindeutig literarische Texte sind solche, die sich durch eine besondere Gestaltung auszeichnen und die zu Deutung und Auseinandersetzung auffordern.

(Rüdiger Wagner, Theodor Pelster (Hrsg.): Colleg Deutsch 1. Arbeitstechniken - Sprachgebrauch - Literatur. München: bsv 1992. Arbeitsbuch S. 39 und Lehrerhandbuch S. 31f.)

 
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